re:publica, Tag 3 und wie waren eigentlich die Sessions?

12875 Eindrücke von der re:publica 2012

Ich habe noch nie so wenige Sessions gesehen wie diese re:publica. Das lag natürlich weder an einem mangelnden Angebot noch an fehlender Qualität. Im Gegenteil, denn die Sessions, die ich mir angeschaut habe, waren wirklich absolute spitze. Sowohl vom Inhalt als auch in der Art und Weise, wie sie präsentiert wurden. Dass ich so wenige Sessions gesehen habe, ist vielmehr dem Umstand geschuldet, dass ich diesmal wirklich mit Menschen geredet habe und zwar nicht nur mit den drei, die ich ohnehin schon kannte, sondern mit vielen, vielen neuen. Ich bin unglaublich schlecht im Small-Talk und meistens überfordert mich schon folgende Konversation: „Ah, Hallo Nuf! Und?“, weil ich auf das „Und?“ schon nichts mehr zu sagen habe oder so viel, dass ich so lange nachdenke, dass es deswegen eine peinliche Pause gibt. Nach intensivem Nachdenken, wie ich diese Situation verbessern könnte, bin ich selbst rumgelaufen und habe es mit „Hallo <Name>, und?“ versucht. Das hat hervorragend geklappt, denn die meisten sind offensichtlich deutlich besser in Sachen Real Life Kommunikation als ich.

Ich danke jedenfalls allen für die schönen Gespräche, die wir hatten und all die Ideen, die sich dadurch in meinem Kopf angesammelt haben. Sowohl das persönliche Gespräch als auch das reine zuschauen und -hören, haben mich sehr beeindruckt.

Zum Beispiel bin ich wirklich voller Bewunderung für Raul Krauthausen, dessen Humor, Sichtweise und Ideenreichtum wirklich einzigartig ist. Ich kannte bereits die Wheelmap und habe das Projekt Brokenlifts.org neu kennen gelernt und ich hoffe, dass er viele Unterstützer für diese Projekte findet. Menschen, die Orte makieren und melden, Menschen, die bereit sind ihre Arbeitskraft reinzustecken und Menschen, die bereit sind zu spenden. Denn das Besondere an diesen Projekten ist ja, dass sie uns alle angehen und nicht nur Menschen im Rollstuhl. Wirklich beispiellos ist seine Herangehensweise an viele Probleme und so hat mir ähnlich wie Felix Schwenzel die Idee gefallen, dass es nicht Nicht-Behinderte und Behinderte gibt, sondern dass es Behinderte und Noch-Nicht-Behinderte gibt. Denn diese Sichtweise lässt sich in viele andere Bereiche übertragen und hilft so manchen Groll beiseite zu schieben und Probleme konstruktiv zu lösen.

Felix Schwenzel, von der Moderatorin, der Humanist des Internets genannt, hat diese Sichtweise direkt in die Real Life vs. Virtualitäts Debatte übertragen und forderte auf, dass wir Internet People (ich glaube, das ist der aktuelle Jargon) mehr Verständnis für die Noch-Nicht-Internet People haben sollten. Recht hat er, denn Fronten schaffen nie Verständnis und es werden zum Befeuern dieser Fronten wichtige Energien verschwendet, die an anderen Stellen viel besser eingesetzt werden könnten.

Zum Beispiel bei der Frage, wie man den Neuerungen des Internets gerecht werden könnte in Sachen Kopien und Urheberrecht. Hier hat der Vortrag von Dirk von Gehlen mein Halbwissen sehr gut zusammengeführt und auch gezeigt, wo die neuen Herausforderungen liegen.

Sascha Lobos Internet-Bratwurst-Vortrag konnte ich leider nicht sehen, allerdings wurde ich von einem Kamera-Team u.a. zu ihm befragt und hatte so die Möglichkeit mein Groupietum maximal peinlich in eine Kamera zu sprechen. Offensichtlich war das Team aber auf der verzweifelten Suche nach irgendeinem Lobo-Gegner und konnte selbst nach zehn Befragungen nicht fündig werden. (Liebe Minderheit Sascha Lobo Hater, melde Dich doch einfach beim BR, man sucht Dich und möchte Dich ernst nehmen!)

Sein Vortrag letztes Jahr – vor allem seine Beschimpfung in punkto „Was ist denn los mit Euch? Warum werdet ihr eigentlich nie vom Fernsehen/Radio zum Internet befragt, ihr seid doch alle Auskenner … habt ihr Euch darüber schon mal Gedanken gemacht? Warum rufen die immer nur MICH an?“ haben mich – in Kombination mit meinen Beobachtungen zu Julia Probst – sehr insipiert.

Julia Probst, die ich auch kennen lernen durfte, hat nämlich genau das letztes Jahr ganz grandios gemacht. Sie hat sich für ein Thema eingesetzt und hat gar nicht erst gewartet, dass Menschen auf sie zukommen sondern ist einfach vorgestürmt und hat das Thema Gehörlosigkeit (aus meiner persönlichen Internetperspektive) richtig stark positioniert.

Von Julia inspiriert, habe ich dieses Jahr auch die Erfahrung machen dürfen, dass man bei freundlicher Anfrage zu bestimmten Themen in der Regel auf offene Ohren stößt und dass ein solcher Prozess erstmal angestoßen, eine Eigendynamik entwickelt und man im Nachgang plötzlich auch Anfragen erhält*. Konkret war das bei mir das Thema BOBs. So durfte ich freundlicherweise einen Gastbeitrag auf netzpolitik.org schreiben, wurde vom Jetzt-Magazin interviewt, hab bei Trackback und im WDR was dazu erzählt.

Gewonnen als Best Blog German hat übrigens Jules Blog mit 42 Prozent. Nominiert waren außerdem für den deutschen Sprachraum:

Gestern Nacht im Taxi
Fünf Bücher
Anders Anziehen
Not Quite Like Beethoven
Fuckermorthers
Vegan Sein
Bestatterweblog
Zwischen Tradition und Moderne
Bildblog
Das unbekannte Königreich

Ein Blick in diese Blogs lohnt sich unbedingt!

Zu den Gewinnern der Hauptkategorien (und auch zu den Nominierungen, die nicht gewonnen haben, die aber einen nachhaltigen EIndruck bei mir hinterlassen haben), möchte ich an anderer Stelle gesondert etwas schreiben.

Eine wichtige Session habe ich anscheinend verpasst: Die mit dem Regierungssprecher Steffen Seibert. Ich habe den Twitterstream dazu verfolgt und hätte meiner Verwunderung nicht besser Ausdruck verleihen können als grindcrank (der auch nicht da war):

[blackbirdpie url=“https://twitter.com/#!/grindcrank/status/198412632477282306″]

Also – wer erklärts mir?

Ganz groß fand ich auch Kixka Nebraskas Vortrag „About me – die digitale Fassade„, den Journelle wunderbar zusammenfasst:

„Kixka Nebraska war sehr aufgeregt, gleichwohl war der Vortrag so gut, dass die Bilder ihrer Präsentation, die sie klar und angenehm schnörkellos erklärte, fest bei mir verankert sind.

Mit nach Hause nehme ich auf jeden Fall, dass die Identität im Internet eben doch ganz oft mit der in der analogen Welt übereinstimmt. Dieses Gefasel von ‘die Leute denken sich im Internet doch was aus und sind nicht sie selbst’ habe ich immer für Blödsinn gehalten.

Dank Kixka habe ich nun auch argumentative Grundlagen, um diesen Blödsinn vor Noch-Nicht-Onlinern zu wiederlegen.“

Übrigens sind sowohl Kixka als auch Felix Schwenzel leuchtende Beispiele dafür, dass Perfektion nicht gleichzusetzen ist mit Qualität, sondern dass es v.a. Authentizität ist, die die Menschen erreicht und Vorträge so besonders macht (nun – kombiniert mit Kompetenz im eigenen Gebiet natürlich).

Außerdem gesehen:

Udo Vetter und „Spielregeln für das Netz

Kathrin Passig und „Standardsituationen der Technologiebegeisterung

Und last but not least natürlich die vier Damen HappySchnitzel, Kaltmamsel, ruhepuls und Carolin Buchheim und ihr grandios inszeniertes Poetry Spam.

Einzig wirklich öde Veranstaltung war Falk Lüke und Stephan Noller angekündigtes „Let’s streit. Wer darf mich tracken?„.

In Andenken an Sascha Pallenbergs Aussage, es gäbe in Deutschland keine relevanten Blogs, die von Frauen geschrieben würden und dem Gestöhne im Publikum „Oh Mann, die Emanzen wieder“ (weil eine Frau nachfragte, wieso er in seiner Aufzählung denn keine Frauen genannt hätte), spiele ich mit dem Gedanken nächstes Jahr mal ein Bashing-Panel mit anderen Frauen anzubieten, bei dem wir uns die gängigen Definitionsansätze zum Thema Relevanz und Reichweite von Blogs um die Ohren hauen und uns dabei parallel die Nägel und Haare schön machen lassen.

Ah, fast vergessen: Wie Felix Schwenzel bin ich Philip Banse Fan geworden:

„von mir aus kann philip banse jeden tag 2 stunden programm auf der republica machen, seine blogger-gespräche sind extraordinär. er sucht sich die richtigen und interessanten leute raus und stellt unprätentiös genau die fragen die man auch stellen würde, wenn sie einem einfallen würden. letztes jahr war sein gespräch mit julia probst ein totales highlight, dieses jahr das mit raul krauthausen. raul krauthausen stahl allen die show, so wie julia probst das letztes jahr schaffte und philip banse sorgt für die bühne. (raul krauthausens neue kategoriesierung von menschen in behinderte und noch nicht behinderte: unbezahlbar, seine menschenfreundlichkeit, pragmatische weltsicht und sein humor: herzwärmend.)“

Amen (und herzlichen Glückwunsch, wenn Du wirklich bis hier unten gelesen hast).

*Lieber Interessent, ich kenne mich übrigens auch mit allem aus und man kann mich hervorragend als Quotenfrau buchen.

re:publica, Tag 2

Der 2. re:publica Tag war v.a. kommunikativ.

Der 2. Tag der re:publica begann für mich und Journelle mit einem gepflegten Abhängen in der V.I.P. Lounge, weil wir um 11 Uhr unser Speednetworking „veranstalteten“. Die Idee dazu hatten wir aus mehreren Gründen: Erstens haben wir einen Weg gesucht, um wirklich mal ganz neue Leute kennen zu lernen und so auch mal seinen Internet-Horizont zu erweitern. Denn ich stelle immer wieder fest, dass ich im Grunde seit Jahren, die selben Blogs lese und die immer gleichen Seiten besuche. Sehr selten kommt mal eines neu dazu, wie z.B. Floyd CelluloydFakeblog. Deswegen war ich interessiert an neuen Leuten und deren Internetlesewelt.

Zum anderen wollten wir gerne eine Möglichkeit schaffen, uns und andere gezielt mit anderen Frauen zu vernetzen. Ich habe irgendwo eine Studie gelesen, die sagt, dass über 60% der Blogs von Frauen geschrieben werden, dass Frauen aber deutlich weniger sichtbar sind, weil sie sich untereinander weniger vernetzen und auch nicht so stark bauchpinseln pushen wie die männliche Blogosphäre. Nichtzuletzt wollten wir insgesamt einen entspannten und eher ungezwungenen Weg finden, in das Thema Frauen + Internet einzusteigen.

Foto von Journelle auf Instagram

Deswegen haben wir uns auch nicht angemessen aufgeregt was die Organisation der Open Sessions auf der re:publica angeht. Die Organisation war nämlich nicht vorhanden. Größte Hürde, um Leute für unser Speednetworking zu akquirieren war tatsächlich, dass man das Speednetworking auf der Website nicht im Zeitplan finden konnte. Warum es nicht möglich war, alle Open Spaces, die bereits vorher angemeldet waren, in den Zeitplan zu übernehmen – wir erhielten keine Antwort und hatten auch nicht das Gefühl, dass es irgendeine Form von Bemühen gab, unser Anliegen zu bearbeiten. Wir hätten ja genug Follower etc. um uns selbst unsere Leute zusammen zu suchen. Äh ja.

Genauso unglücklich war ich am Anfang darüber, dass uns im Vorfeld keinerlei Angaben darüber gemacht werden konnten, wie der Open Space nun aussehen würde und wo er eigentlich sei. Das wiederum würden wir während der re:publica schon sehen.

So kamen gestern insgesamt 14 Leute, die uns zum größten Teil das Feedback gaben, dass sie zufällig auf uns aufmerksam geworden seien – was für eine offizielle re:publica-Veranstaltung natürlich nicht so schön ist. Es wäre wünschenswert wenn transparent gewesen wäre WO und WANN man zu uns stoßen kann.

Hinzu kam, dass wir uns unseren Platz tatsächlich ein bißchen erdiskutieren mussten, weil sich jemand parallel eine Spontanveranstaltung erdacht hatte und sein virtuelles Handtuch bereits zu Reservierungszwecken auf die freien Plätze geworfen hatte.

Wie dem auch sei. Ich hatte den Eindruck, dass das Speednetworking gut angekommen ist und dass auch 14 Leute völlig gereicht haben. Ich war selbst eingesprungen, weil eine der Teilnehmerinnen früher gehen musste und hatte 4 Runden mitgemacht und danach schon ein Gefühl, eine Wüste in meinem Mund zu haben. (Nächstes Mal also mit viel Wasser am Tisch!) 19 Begegnungen hätte auch mein Gehirn nicht verarbeiten können, deswegen war der kleiner als geplante Rahmen durchaus gut. Mir hat es jedenfalls viel Spaß gemacht und ich konnte mich endlich mal gepflegt mit einer anderen Frau über DS9 unterhalten!

Den Rest des Tages habe ich unterschiedliche Panels besucht und mich v.a. – im Gegensatz zu den Vorjahren – mit Menschen unterhalten. Der Tag wurde am Ende mit der wirklichen großartigen Poetry Spam Lesung gekrönt. Wunderbar!

re:publica, Tag 1

re:publica, 1. Tag

Ok, 26 min bevor ich los muss.

Super:

Der Ort: Ich finde den neuen Ort ganz grandios. Keine Beklemmungsgefühle mehr und dafür umso mehr Möglichkeiten mit Menschen in Kontakt zu treten. Die Möglichkeit Stühle rumzuschleppen, verleiht der Veranstaltung eine gewisse Dynamik. Insgesamt Festivalstimmung.

Die Sessions: Unfassbar. Zum Glück laufen jetzt so viele Sachen parallel, dass man sich absolut sicher sein kann, irgendwas Gutes zu verpassen. Diese Gewissheit verleiht mir eine gewisse Entspanntheit.

Die Leute: Interessanterweise fast keine Pseudonyme mehr. Ein Leben im Internet scheint salonfähig geworden zu sein. Macht das Identifizieren der Menschen ein bisschen schwieriger als die Jahre davor, hält aber nicht vom Kennen lernen ab. Für mich ja auch mein erstes Jahr mit Klarnamen. Mir fiel es dieses Jahr alles in allem erstaunlich leicht zu Menschen tatsächlich mal „Hallo“ zu sagen und ein Paar Worte zu wechseln. Leider grundsätzlich zu wenige – Worte und Menschen – aber hey, das war Tag 1.

 

Kritik:

Open Space: Warum sind die Open Spaces nicht im Zeitplan? Nicht nur für mich nicht schön sondern, wie ich gestern hörte, auch für andere.

WLAN: OK, für mich und wahrscheinlich 3644 andere, die ebenfalls bei einem deutschen Mobilfunkanbieter sind, total egal. Wir haben unser Internet dabei. Für die Teilnehmer aus dem Ausland und auch die, die während der re:publica zu arbeiten haben untragbar. Das muss doch technisch lösbar sein?

Yeah! Noch 5 min übrig!

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Weiterlesen zu ersten Eindrücken von anderen: Kai Biermann, Zeit Online: Ein Klassentreffen ist es noch immer.

Wunderbares Zitat: „Das belegte indirekt Wirtschaftsstaatssekretär Christoph von Knobelsdorff, der die Eröffnungsrede hielt. Kurz nachdem er begonnen hatte, gab es auf Twitter die ersten verwunderten Kommentare, ob der Mensch da oben auf der Bühne tatsächlich eine Krawatte trage.

Bald langweilte sich der Saal ganz offensichtlich und als der Redner das Buzzword „Silicon Valley“ im Zusammenhang mit Berlin verwendete, rief jemand laut „Bingo!“. Das Gelächter war laut und erlösend. Inhaltsleere Werbevorträge sind eben nicht Teil der re:publica. Der bedauernswerte Staatssekretär stach im Vergleich zu den üblichen Talks, Sessions und Keynotes heraus, wie eine Holztaube in einem Schwarm Kakadus.

Speednetworking

Es ist möglich zu unserem Speednetworking am kommenden Donnerstag bereits im Vorfeld einen virtuellen Zettel auszufüllen. #rp12 #speednetworking

Verehrte Damen und Herren der digitalen Welt,

meine bezaubernde Mitveranstalterin Journelle hat bereits im Vorfeld ein Formular erstellt, das Ihr ausfüllen könnt, sofern wir Euch kommenden Donnerstag zu unserer illustren Veranstaltung Speednetworking im Open Space (woimmerdasauchseinmag) zur re:publica willkommen heißen können.


Ihr erhaltet darüber hinaus einen Aufkleber von uns, auf dem Ihr drei Stichpunkte zu Euch selbst vermerken könnt. Diese Stichpunkte sind als zusätzlicher Gesprächseinstieg gedacht. Wahrt also die Balance zwischen konkret und kryptisch bei der Wahl Eurer Begriffe.

Ich möchte darauf hinweisen, dass das Ausfüllen des Zettels nicht automatisch als Teilnahmebestätigung zu werten ist. Sollten sich mehr als 20 Personen für unser Speednetworking melden, gilt das Prinzip: „Gut Ding hat keine Moral.

Wollt Ihr den Kontakt noch schneller herstellen und habt ein iPhone, einen iPod touch oder ein iPad, ladet Euch die App „Bump“ herunter und füllt Euer Visitenkärtchen aus. Ein bloßes Aneinanderstoßen der Gerätschaften tauscht die Kontaktdaten aus. Natürlich kann man auch eigens für die re:publica einen Kontakt im Adressbuch erstellen und diesen schnöde per Mail austauschen.

Wir sehen Euch hoffentlich am Donnerstag um 11 Uhr im Open Space der re:publica 2012!

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Fragebogen als PDF, Fragebogen zum Ausfüllen

rp12, die Frauen und meine unausgegorene Haltung zum Thema Feminismus

Meine Berührungsängste zu Frauenthemen und wieso Journelle und ich „trotzdem“ was zu diesem Thema auf der re:publica machen.

Ähnlich wie beim Festival des nacherzählten Films, habe ich mir nach jedem republica-Besuch vorgenommen das nächste Mal unbedingt mitzumachen (und es dann doch nie getan). Parallel dazu schien das Thema „Wir armen Frauen in der digitalen Welt“ in mir zu wachsen.

Wobei ich es nach wie vor nicht geschafft habe, das Thema Frauen für mich zu einem Ergebnis zu bringen, das ich als abgeschlossen und durchdacht bezeichnen würde. Ich selbst habe mich nie benachteiligt gefühlt. Weder im Internet noch außerhalb des Internets. Wenn ich mich im Leben überhaupt wegen einer Sache persönlich benachteiligt gefühlt habe, dann vielleicht nach Abschluss meines Studiums, weil mir da beim Bewerben immer wieder ein mitleidiges „Oh, Sie sind Geisteswissenschaftlerin, tja…“ begegnete.

Andererseits hauen mich die ganzen Hater-Kommentare in feministisch (angehauchten) Blogs immer wieder um und natürlich gibt es in meinem persönlichen Umfeld immer wieder diese Geschichten, das Frauen mit dem Entschluss ein Kind zu bekommen eigentlich ihre Karriere beenden, weil sie hinterher nur noch Briefmarken kleben dürfen oder ganz aus ihrem Job rausgemobbt werden (z.B. weil keine Teilzeitbeschäftigungen angeboten werden). Es ist also nicht so, dass ich das Gefühl habe, dass Feminismus kein Thema mehr wäre. Doch genau da tritt dann das Paradoxon ein, dass ich mich von manchen Feministinnen, ihrem Auftreten, ihren Thesen oder ihren öffentlichen Auftritten stark abgeschreckt fühle und auf gar keinen Fall in eine Schublade mit ihnen gesteckt werden möchte. Dann aber wieder befürchte, in vielen Sachen nicht kritisch genug zu sein und auch einer Gleichberechtigungsillusion zu erliegen. Was mir spätestens dann auffällt, wenn unser fußballbegeistertes Mädchen nicht in einem Fußballverein aufgenommen wird, weil sie ein Mädchen ist – obwohl sich der Verein explizit an Kinder und nicht an Jungs richtet.

Unbeantwortet blieb meine Mail, die ich jetzt doch noch mal hier veröffentliche, weil mich die Sache, nachdem sie mir wieder eingefallen ist, doch unendlich aufregt:

Lieber FC Berlin,

ich schreibe Ihnen, weil ich verärgert bin. In unserer Kita hing wochenlang ein Plakat ihres Vereins, das „sportbegeisterte Kinder und deren Eltern“ einlud eine Probestunde in ihrem Fußballverein zu machen.
Nachdem wir unsere Tochter in die Liste eingetragen hatten, stand ein Vermerk neben ihrem Namen, der lautete: Sorry, keine Mädchen.
Nachdem ich nun auch Ihre Website angeschaut habe, auf der Sie auch ständig von „Kindern“ und nicht etwa von „Jungen“ sprechen, muss ich mich schon fragen: Sind Mädchen keine Kinder?
Gerade im Jahr der Fußball-WM der Frauen ärgert es mich sehr, wenn Mädchen ausgegrenzt werden. Ich kann es verstehen, wenn im Schulalter die Gruppen nach Jungs und Mädchen aufgeteilt werden – aber warum das im Kindergartenalter so sein soll? Um Kraft oder Motorik kann es in dem Alter noch nicht gehen. Auch ist es überhaupt nicht nötig eine Trainerin zu haben. Für mich sind die angeführten Argumente „nicht genug Mädchen für eine eigene Gruppe“ und „keine weibliche Trainerin“ keine Gründe. In anderen Vereinen werden die Kinder bis Eintritt ins Schulalter auch gemeinsam trainiert.
Jedenfalls finde ich, Sie sollten Ihre Texte ändern und deutlich vermerken: Nur Jungs
Fußball macht JUNGS fröhlich, gesund und erfolgreich. JUNGS, die einen Mannschaftssport betreiben, lernen, sich in eine Gruppe einzufügen, aber auch, sich durchzusetzen. […] etc.

So ist es wenigstens für alle transparent, dass Mädchen in ihrem Verein nicht gewünscht sind. Denn als nichts anderes kann ich die Verweigerung ansehen, dass unsere Tochter nicht mitmachen durfte. Für Sie nochmal zum Nachlesen: „Mädchen dürfen beim Fußball bis einschließlich D-Jugend, mit Sondergenehmigung bis einschließlich C-Jugend, in Jungenmannschaften mitspielen.

Hups. Jetzt bin ich vom Thema abgekommen. Jedenfalls bin ich trotz meiner jährlichen Begeisterung für die republica ein großer Drückeberger, menschenscheu und publikumsängstlich, weswegen ich schlussendlich nie etwas gemacht habe, außer einmal spontan und unvorbereitet in das Panel „Warum Babykotze genauso relevant wie das iPhone ist“ zu hüpfen.

Mir wurde dann klar, dass ich nie irgendwas machen würde, wenn ich es alleine planen würde und um mich selbst zu zwingen, suchte ich nach einer Frau, mit der ich ein fröhliches Frauenthema angehen könnte. Und da schickte mir der Himmel das Internet Journelle. Vor Jahren hatte ich sie flüchtig auf einer Lesung kennen gelernt. Es war November und alle froren und kamen in fellgepolsterten Winterstiefeln, nur Journelle saß in silberglänzenden, OFFENEN, hochhackigen Schuhen da und lächelte entspannt. Das hat ihr bei mir eine Menge Respekt eingebracht. Ich weiß gar nicht mehr genau wie, aber wir hatten immer öfter Kontakt und besuchten uns eines Tages sogar mit Kind und Kegel und jetzt weiß ich, dass es noch viele hundert weitere Gründe gibt, Journelle toll zu finden. Allen voran ihren robusten und unerschrockenen Humor.

Jedenfalls ergab sich, dass wir dieses Jahr zusammen etwas zur re:prublica machen, das ich hiermit dringend bewerben möchte: Speednetworking

Wir stellen uns die Veranstaltung so vor, wie man das aus Filmen beim Speeddating kennt. Je zehn Frauen (und ggf. Männer) sitzen sich gegenüber. Nach einem bestimmten Schema stellt man sich seinem Gegenüber vor und rutscht dann nach drei Minuten weiter. Wir sammeln alle Daten und machen daraus Followerlisten, Google+Circle und Blogrolls und hoffen, dass daraus nachhaltig neue Verbindungen entstehen.

Leider konnte uns unsere zuständige re:publica-Ansprechpartnerin noch keine Vorstellung zu den Räumlichkeiten oder zum konkreten Ort geben. Es soll im Open Space stattfinden – was auch immer das sein mag. Ich denke, wir entdecken es am ersten re:publica Tag. Rechnet also mit Hintergrundgeräuschen, schlechter Akustik und ggf. auch nicht vermeidbaren Durchgangsverkehr – aber freut euch im Gegenzug auf interessante Gesprächspartnerinnen, neue Vernetzungsmöglichkeiten und v.a. Spaß.

Ach und es hat nicht jemand zufällig eine ca. einen Kubikmeter große unglaublich laute Uhr, auf die man oben alle drei Minuten einschlagen kann, um die nächste Runde einzuläuten, die er uns zur Verfügung stellen möchte?

 

re:publica, Tag 3.0

Da wir für Kind 3.0 erst ab August einen Kindergartenplatz haben, hat sich mein Mann während der re:publica frei genommen. Am ersten Tag haben die Kinder noch nach mir gefragt, am dritten zerrte Kind 3.0 das Kissen aus dem ehelichen Bett, schleppte es zu meinem Mann, der am Computer saß und zeigte das Babyzeichen für Milch. Da sieht man wieder wie flexibel Kinder sind.
Ich muss gestehen, dass ich den letzten freien Vormittag tatsächlich ausschließlich für mich genutzt und total verrückte Sachen gemacht habe. Z.B. habe ich eine Zeitung gelesen und mir 254 verschiedene Brillengestelle auf die Nase gesetzt.

Aus logistischen Gründen war es mir nur möglich drei weitere Programmpunkte mitzuverfolgen. Zum einen den Vortrag von ixDie Zukunft des Internet, der Welt und des ganzen Rests“, der aufgrund seiner bescheidenen Art ein bisschen so was wie ein inverser Sascha Lobo* ist. Aus dem Vortrag habe ich im wesentlichen mitgenommen, was Herbert Grönemeyer schon vor Jahren besungen hat: Bleibt alles anders.

Danach hörte ich der angenehm lauschigen Gesprächsrunde „10 Jahre Blogs in Deutschland“ zu.

Beide Panels haben mich in Erinnerungen schwelgen lassen, als ich Mitte der 80er von meinem Vater einen C16 geschenkt bekam und mir aufregende Spiele in BASIC programmierte. Ich musste auch an die Unizeiten denken, in denen ich mich in Turbo Pascal versuchte und total stolz auf meine erste Emailadresse nuf.wrze.blob234@rz-uniba.de war und es noch nicht mal festgelegte Zitierungsregeln für Quellen aus dem Internet für wissenschaftliche Arbeiten gab und für mich der Metager so was wie die Entdeckung eines bislang übersehenden Planeten in unserem Sonnensystem war. Was war das schön, damals, vor 20 Jahren.

Einen krönenden Abschluss bot der Beitrag von Johnny Haeusler „Was hat das Internet je für uns getan?“, der im ersten Nerdchor weil wir gemeinsam „Bohemian Rhapsody“ sangen. Gefühlsmäßig war ich kurz davor in Tränen der Dankbarkeit auszubrechen. Es ist doch einfach so schön, dass es das Internet gibt und dass sich im Internet alle so lieb haben (*knuddelknuddel*!).

Da ich am Vortrag zuhause meinen Ratgeber „Small-talk – nie wieder sprachlos“ noch mal intensiv durchgeblättert hatte, gelang es mir zudem neun Mal „Hallo“ zu sagen und insgesamt 28 zusammenhängende Sätze mit mehr oder weniger fremden Menschen zu sprechen. Am Abend war ich im hippen Mitte (und das ganz ohne Haarknoten) mit einer kleinen Gruppe Menschen essen. Die Tischplatzsitzuation erinnerte stark an Speeddating, aber da es keine Klingel gab, konnte ich mich etwas länger mit der sehr bezaubernden Maike unterhalten.
Zurück in der Kalkscheune fühlte ich in mir eine gewisse Tanzbereitschaft, die durch den DJ jedoch bis in die letzte Nervenzelle abgetötet wurde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auf einer Ü40 Party in Pasewalk schlimmere Musik aufgelegt werden könnte. Die Steigerung der Musikauswahl würde dann einfach Festival der Volksmusik oder Karnevalssitzung heißen.
Ich trottete also nach Hause.

Fazit: So wie 2009 eine sehr gelungene Veranstaltung, die begrüßenswerter Weise nächstes Jahr an einem anderen – mehr Platz bietenden Ort – stattfinden wird und der ich sehr gerne ein weiteres Mal beiwohnen möchte.

*Durch sinnloses Herumstehen im Hof der Kalkscheune wurde ich unverhinderbar Ohrenzeuge einiger Sascha Lobo Lästereien. Den Kritikern kann ich eine einfache Regel empfehlen: Wenn man Personen total doof findet, einfach Orte aufsuchen, an denen sich diese Personen niemals aufhalten: In Berlin dürften das in diesem Fall ca. 6.500 Haltestellen der BVG sein.

re:publica, Tag 2.0

Der zweite Tag re:publica hat gebracht, was ich mir persönlich von der re:publica verspreche: Inspiration und Spaß. Herausragend im Programm waren für mich der Vortrag von Prof. Gunter Dueck und das Panel „BloggerInnen im Gespräch„, was nicht zuletzt an der charismatischen Julia Probst lag.

Das Blog von Herrn Dueck wurde mir von ehemaligen Studienkollegen bereits ans Herz gelegt, die Bücher werde ich mir sicherlich auch zu Gemüte führen. Herr Dueck hat mich sehr an meinen ehemaligen Professor Dietrich Dörner (unbedingt lesen: Bauplan für eine Seele) erinnert, der gleichsam provokant wie auch geistreich lehrt, schreibt und Vorträge hält.
Für mich ist es eine große Freude so genialen Menschen zuzuhören und ihre Ideen und Ansichten kennen zu lernen. Sie sind für mich im wörtlichen Sinne verrückt aber genau dieses neben der Norm stehen bringt die Lösungen, welche der Gesellschaft heute fehlen. Schon Einstein soll gesagt haben: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“
Für mich sind die im Vortrag angesprochenen Themen von großer gesellschaftlicher Tragweite und wirken gleichzeitig direkt auf mein persönliches Leben. Spätestens mit Schuleintritt von Kind 1.0 (und dem gleichzeitigen Erkennen wie sehr die Schule als Institution bereits in den ersten Jahren versagt, weil sie in überholten Denkstrukturen und Menschenbildern verhaftet ist) wurde uns als Eltern der notwendige Wandel von der Wissensgesellschaft zur „Exzellenzgesellschaft“  gewahr.
Schon als 5 jähriges Kind stellte Kind 1.0 fest: „Wie könnt ihr das alles wissen ohne Internet?“.

Zweites Highlight des Tages war das Panel „BloggerInnen im Gespräch“ . Sehr angenehm moderiert von Philip Banse. Mich hat v.a. das Gespräch mit Julia Probst beeindruckt. Nicht zuletzt weil in unserem Leben die Gebärdensprache – wenn auch nur in Form von Babyzeichen – eine große Rolle spielt. Wenn ich mit meinem Baby gebärde, erlebe ich oft mitleidige Blicke (Ach Herrje! Ist das Kind etwa gehörlos?) und bin mit irrationalen Ängsten konfrontiert (Das Kind lernt doch so nicht sprechen!?). Das Gegenteil ist übrigens der Fall. Beide Kinder mit denen wir gebärdet haben, haben viel früher angefangen zu sprechen und es ist unfassbar welche zusätzlichen Kommunikationsmöglichkeiten sich durch Gebärden eröffnen. Zudem habe ich übrigens den Eindruck dass sich das frühe Gebärden sehr positiv auf das Erinnerungsvermögen und auf die Entwicklung des Selbst auswirken…
Jedenfalls war es sehr interessant kurzzeitig in die Welt der Gehörlosen Einblick zu gewinnen und dafür sensibilisiert zu werden an welche Grenzen Gehörlose im Alltag unnötigerweise stoßen (müssen).

Allein diese beiden Programmpunkte haben den Besuch der re:publica lohnenswert gemacht (alle anderen Programmpunkte, kehre ich aus Platzgründen galant unter den Teppich).

re:publica, Tag 1.0

Als bekennende Sozialphobikerin durfte ich mich den ganzen Tag an diplixens Jackettzipfel hängen (außer in den vier Pipipausen, die er netterweise kurz gehalten hat). Ich habe deswegen seiner bereits niedergeschriebenen Zusammenfassung des Tages kaum etwas hinzuzufügen.

Außer vielleicht, dass ich es schade fand, aus Platzgründen nicht mal in die Nähe des Türrahmens des Panels „Shitstorm? You can do it!“ gekommen zu sein und dass ich als Diplom-Psychologin die inszenierte Persönlichkeit von Sascha Lobo natürlich nach diesem großartigen Vortrag über die Trollforschung wieder ein bißchen mehr verehre.

(Ach und übrigens, wenn ich das im Vortrag über Medienkompetenz richtig verstanden habe, bekommt man sein Netzpferdchen erst auf die Unterhose getackert, wenn man beliebige Passagen aus Muschileaks zitieren kann ohne dabei frauenfeindliche Witze im Hinterkopf zu haben.

Im selben Vortag gab es übrigens eine Folie zu sehen, die zeigte, wie ein Kind mit einer Axt spielte (2. Reihe, 3. Bild von rechts). Dies sollte ein Symbol der Gegenseite dafür sein, dass man das Internet für Kinder lieber filtere oder am besten gar nicht erst zugänglich mache – schließlich lasse man die armen Kleinen auch nicht mit Äxten hantieren. Mich hat diese Folie nachhaltig verwundert – denn ich bin große Verfechterin davon dass man Kinder durchaus mit Äxten spielen lässt. Das meine ich ausnahmsweise sogar ernst. In unserem Haushalt sind keine Kindersicherungen und ähnlicher Unsinn zu finden. Das spart Unmengen an Geld und ermöglicht den Kindern einen kompetenten Umgang mit Messer, Schere, Licht. Es ist also keine Frage ob sondern wie man die Kinder (altersgemäß) heranführt.

Ein weiterer Grund warum ich mich auf das Erscheinen des Buchs „50 Dangerous Things (You Should Let Your Children Do)“ freue.