[Anzeige] Let’s talk – ein Computerspiel (durch)spielen

„Let’s talk“ S04E03 zusammen mit SCHAU HIN! 

Im Zentrum meiner Serie „Let’s talk“ stehen die Chancen, die digitale Medien mit sich bringen. Nachdem ich in der ersten Runde v.a. allgemein über Nutzung und Plattformen gesprochen habe, wurde es in der Folgerunde konkreter und Eltern berichteten mir von ihrem Familienalltag mit digitalen Medien. Im Anschluss kamen Jugendliche selbst zu Wort. In der 4. Staffel soll es um konkrete Erfahrungen gehen, die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern sammeln können. Das gemeinsame Erleben sorgt für einen konkreten Anlass Erfahrungen zu sammeln und zu den einzelnen Themen ins Gespräch zu kommen.

Computerspiele spielen
Spielt doch mal mit euren Kindern ein Ballerspiel! Zum Beispiel „Lovers in a Dangerous Spacetime“

Prolog

„Interesse zeigen“

Computerspiele sind für viele Eltern nach wie vor bestenfalls sinnlose Zeitfresser. Schlimmstenfalls werden sie unter Teufelszeug subsumiert [1]. Damit tut sich eine Schlucht zwischen den Generationen auf, denn laut bitkom-Studie spielen 89 Prozent der 10- bis 18-Jährigen gerne  Computer- und Videospiele in ihrer Freizeit, was oft zu Dauerdiskussionen führt.

Abgesehen von einem völlig undifferenzierten „Nichts in Bezug auf Regeln klappt“, sehe ich in manchen Haushalten einige Themen als zentral für die ständigen Spannungen.

Zu allererst scheitert es an dem Tipp „Interesse zeigen“. Es wird immer wieder empfohlen, dass man für die Hobbys der Kinder Interesse zeigen soll. Auch ich finde das wichtig, beobachte aber, dass das Interesse entweder gar nicht da ist oder eben viel zu spät kommt. Wenn die Kinder 13 und älter sind, muss man sich nicht plötzlich interessiert hinter das Kind am Computer setzen und fragen: „Was machst du da eigentlich und was fasziniert dich dabei?“ bzw. kann man natürlich machen, man muss sich dann aber nicht wundern, wenn das Kind nicht begeistert berichtet, denn meistens geht eine lange Phase des elterlichen Desinteresse voraus aus dem die Kinder bereits gelernt haben. Wenn Kinder fünf – vielleicht sechs Jahre alt sind, sind die in Vergleich zur späteren Pubertät noch sehr redselig und mitteilungsbedürftig – so sehr, dass die Nacherzählungen von Filmen, Videoclips und Erlebnissen rund um Computerspiele manchmal länger dauern als die Aktivität selbst (hört z.B. mal Folge 4 des Briefcasts von Journelle & Stoewhase: Was mit Medien & Kids). Ich habe in den letzten Jahren so viele Elternabende erlebt und Gespräche mit Kindern geführt, dass ich in der Zwischenzeit zu der Ansicht gekommen bin, dass viele Eltern in Sachen Medien/Computerspiele einfach viel zu spät aufwachen und aktiv werden – was schlußendlich dazu führt, dass „Interesse zeigen“ tatsächlich ein Tipp ist, der zum Scheitern verurteilt ist. Auch spüren die Kinder, wenn das Interesse nicht echt ist und ständig abwertend kommentiert wird.

„Ist das Spiel was für mein Kind?“

Das nächste große Problem für einige Eltern ergibt sich bei der Frage: Was ist das für ein Computerspiel (das mein Kind da spielen möchte) und wie beurteile ich, ob es angemessen für den Entwicklungsstandes meines Kindes ist.

Als einfachste Orientierung mag hier die Altersempfehlung der USK dienen. Allerdings ist das keine universell geltende, objektive Richtlinie. Ähnlich wie bei den Empfehlungen für Filme, sollten sich Eltern zu allererst Gedanken darüber machen, wie das Kind entwickelt ist. Wie es z.B. Fiktion und Realität auseinander halten kann, wie sensibel es auf bestimmte Inhalte reagiert und wie gut es sich schon selbst regulieren kann und ob das Spiel Mechanismen aufweist, die es z.B. schwer machen in der vereinbarten Medienzeit Speicherpunkte zu erreichen.

Deswegen ist es viel wichtiger, sich Spiele auch mal selbst anzuschauen und verschiedene Meinungen dazu zu lesen. Eine wichtige Seite hierzu ist meiner Auffassung nach der Spieleratgeber NRW. Allerdings sollte das nicht die einzige Quelle sein. Unterschiedliche (!) Let’s Plays auf YouTube runden das Bild sehr gut ab.

Am besten ist es jedoch, wenn man auch in Sachen Spiele ein bisschen up-to-date bleibt, indem man sich z.B. Spielerezensionen von Neuerscheinungen im Radio anhört. Eine Investition von rund 5 Minuten übrigens (z.B bei Deutschlandfunk Kultur Kompressor die Games-Rubrik „Vorgespielt“). Es gibt auch andere interessante Formate, mit Hilfe derer man sich als Nichtspieler Computerspielen nähern kann, wie z.B. dem Quartett der Spielekultur, das angelehnt an das bekannte TV-Format des „Literarischen Quartetts“ die kulturellen Aspekte herausragender Computerspiele beleuchtet.

Eigentlich versuche ich bei Erziehungsthemen ohne Appelle auszukommen. Hier fällt es mir aber wirklich schwer, denn ich stelle immer wieder fest, dass Eltern in den ersten Lebensjahren unfassbar viel Zeit mit Recherchen verbringen: Welche Windeln sind die richtigen? Welcher Brei ist der beste? Welche Matschhose die robusteste? Welche Bettdecke die schadstoffärmste?  Es wird recherchiert, Testberichte werden gelesen, man geht in den Austausch mit anderen Eltern, womöglich liest man sogar ganze Bücher zu bestimmten Themen. Irgendwann reißt das dann aber ab und wenn es um Computerspiele geht, reicht ein reißerischer Artikel in irgendeiner Tageszeitung und das (ablehnende) Urteil ist gebildet (oder nicht mal das – siehe den folgenden Abschnitt zu Vorurteilen).

Vorurteile abbauen

Für sehr viele Erziehungsthemen gilt: Persönlicher Geschmack ist kein pädagogischer Maßstab. Ich kann wirklich empfehlen differenziert zu hinterfragen, warum man etwas gut oder schlecht findet (vgl. „Killerspiele„). Sehr oft wird sich zeigen, dass „dumme“ und „total sinnlose“ Computerspiele einfach nur dumm und sinnlos in den Augen der Erwachsenen sind. Letztendlich schaden sie Kindern aber nicht. Viele Spiele werden sehr oberflächlich betrachtet. Bestenfalls finden Erwachsene Spiele gut, in denen was gelernt wird und zwar im Sinne von reinen Lernspielen (Matheaufgaben, Sprachen lernen). Dass man eigentlich fast nicht Spielen kann ohne etwas zu lernen, wird gerne übersehen. Ganz am Ende kann man sich auch mal fragen: Warum dürfen Computerspiele als Freizeitbeschäftigung nicht auch einfach Spaß machen und gut ist?

In diesem Sinne: Spielt doch einfach mal gemeinsam mit euren Kindern ein Computerspiel (und zwar bevor sie Teenager sind).

Anleitung: Wie spiele ich ein Computerspiel mit meinem Kind?

  1. Sucht ein Computerspiel aus, das ihr spielen könnt.
  2. Besorgt euch ein Endgerät mit dem ihr das Spiel spielen könnt.
  3. Spielt und haltet euch dabei an eure Regeln was Medienzeiten angeht.

1) Sucht ein Computerspiel aus, das ihr spielen könnt.

Einfach

Nicht viele Spiele kann man völlig ohne Vorerfahrung spielen. Je nach Konsole ist die Bedienung schnell so komplex, dass es als unerfahrene/r Spieler/in keinen Spaß macht. Ich empfehle deswegen Spiele, die wirklich einfach in der Bedienung sind.

Sucht außerdem ein Spiel raus, in dem euer Kind noch nicht viel Erfahrung hat bzw. schon Meister ist. An sich sind Spiele wie z.B. Mario Kart zwar einfach, hat jemand jedoch schon viel Vorerfahrung im Gegensatz zu euch, hat man wirklich kaum Chancen auch mal zu gewinnen. Nie gewinnen bzw. ständig Längen hinterher zu sein, hält den Spielspaß in Grenzen.

Mehr-Spieler-Modus

Ein Spiel gemeinsam zu spielen kann heißen, dass man es abwechselnd spielt und sich dabei zuschaut oder dass man wirklich ein Spiel spielt, das mehrere Spieler erlaubt. Meine Empfehlung wäre letzteres, da man hier gut erleben kann, wie toll es ist gemeinsam etwas zu erreichen.

Meine Empfehlungen, die diese Kriterien erfüllen

2) Besorgt euch ein Endgerät mit dem ihr das Spiel spielen könnt.

Wißt ihr noch? Damals Videotheken? Die gibt es tatsächlich immer noch vereinzelt und man kann da auch Spielekonsolen ausleihen. Habt ihr keine Videothek mehr oder hat diese keine Konsolen im Angebot, dann schaut bei Onlineanbietern wie Grover. Dort gibt es z.B. für unter 20 Euro im Monat die Switch.

Um Konsolen oder Spiele auszuprobieren kann man auch in die Bibliothek gehen. Unsere Stadtteilbibliothek hat ein kleines Sortiment, das man vor Ort nutzen kann.

Ansonsten fragt in eurem Bekanntenkreis rum. Viele Haushalte haben eine oder mehrere Spielekonsolen, auf die vielleicht mal eine oder zwei Wochen verzichtet werden kann.

Viele Spiele kann man außerdem auch einfach auf dem Computer spielen. Keep Talking and Nobody Explodes (s.o.) spielt man z.B. so, dass ein Spieler am Rechner sitzt und die Bombe entschärft, während der andere Spieler in einem ausgedruckten Manual die richtige Entschärfungsmethode raussucht.

Eine wii bekommt man gebraucht für unter 60 Euro mit Spielen und Zubehör. (Das mag auf den ersten Blick viel erscheinen, aber persönlich empfehle ich ohnehin, dass man eine Spielekonsole zu Hause hat, weil man auf Spielkonsolen werbefreie Spiele spielen kann. Ich gebe lieber Geld für ein Endgerät aus als mich ständig über Apps mit Werbung und Zukäufen ärgern zu müssen. Auch hier gilt wieder: 15jährige wird man mit einer wii hinter keinem Ofen vorlocken. 6jährige, die Videospiele spielen wollen, durchaus. Die sind sogar für GameBoys zu begeistern – Tetris zu zweit per Linkkabel hat schon etwas sehr verbindendes!).

Was man dazu braucht, wie teuer es wird, wie viel Zeit man investieren muss und für welche Altersstufe es geeignet ist…

kommt auf das Spiel an. Womit wir wieder beim Prolog sind. Schaut euch einfach ein paar Spiele an und besprecht mit eurem Kind auf was ihr beide Lust habt. Geschmäcker sind unterschiedlich. Meine Kinder haben z.B. gerne mit dem Bonus-Papa „The Witness“ gespielt. Mir waren die Rätsel schnell zu schwer und ich hab den Spaß verloren. Tricky Towers hingegen kann ich zehn Stunden am Stück spielen.

Über den Rechercheteil inklusive Zeitinvest kommt man nicht drumherum. Dann aber hat man tolle, lustige, gemeinsame Stunden. Man versteht vielleicht einfacher, warum Computerspiele Spaß machen, warum es auch OK ist, dass man mal frustriert ist und wie cool es ist, wenn man dann doch endlich weiter kommt. Man kann alle Gefühlsfacetten gemeinsam mit den Kindern durchmachen und sich unterhalten und vielleicht hilft das am Ende die Kinder wirklich besser zu verstehen.

Lest z.B. den Bericht zu Lovers in a Dangerous Spacetime von Marcus Richter, dessen Kurzzusammenfassung lautet:

„Es gibt keinen Besten, man feuert sich gegenseitig und es gibt kaum Anlaß gegeneinander anzutreten – man spielt, gewinnt und verliert miteinander.

Bei vielen Koop-Spielen tritt dann das Problem auf, dass entweder die Schwächsten total überfordert sind oder die Könner sich total langweilen. Aber die Lovers bringen auch hier alle zusammen, weil sich die unterschiedlichen Jobs sehr gut ergänzen. Jemand schießt wie wild um sich, aber trifft kaum? Kein Problem, die Steuerung fliegt einen geschickten Ausweichkurs. Der Steuermann oder die Steuerfrau schlingern wie ein trunkener Seebär durch die Gegend? Kein Problem, der Schutzschild ist immer so ausgerichtet, das Aufpraller abgefangen werden.

Man kann halt nicht alleine gewinnen und darin steckt eine wichtige Lektion, die spielerisch vermittelt wird.“

3) Spielt und haltet euch dabei an eure Regeln was Medienzeiten angeht

Die meisten, die ich kenne, haben relativ strenge Regeln was den Medienkonsum ihrer Kinder angeht. Wenn ihr jetzt spielt, haltet euch gemeinsam mit euren Kindern an eure eigenen Regeln. Spielen nur am Wochenende? Dann eben nur am Wochenende! Macht das Spiel total Spaß und ihr habt am Montag Lust und überraschenderweise auch Zeit? Fehlanzeige. Noch 5 mal schlafen und ihr könnt weiterspielen.

Dreißig Minuten am Tag und dann ist Schluß? Ihr habt schon auf dem Weg vom Büro nach Hause Candy Crush gespielt? Sorry. Dann ist heute nicht der Tag an dem ihr mit euren Kindern spielen könnt.

Gerade losgelegt und verstanden wie die Steuerung funktioniert oder die Erleuchtung gehabt, wie das Rätsel zu lösen ist? Hat aber 30 Minuten gedauert? Rechner aus ohne Diskussion. Vielleicht am besten per Zeitschaltuhr, die die Stromversorgung abrupt unterbricht. Spielstand nicht gespeichert deswegen? Macht nix. Morgen macht ihr in euren 30 Minuten alles neu.

Klingt fies? Ist es nicht. Es sind eure Regeln. Beim gemeinsamen Spielen geht es darum in die Situation des Kindes zu schlüpfen und sich in alle Facetten des Computerspielens einzufühlen und darüber zu sprechen, wie man das gesamte Setting erlebt. Wie fühlt es sich an, wenn man im Flow ist und aufhören muss? Wie fühlt es sich an, wenn man eigentlich das Prinzip eines Spiels verstanden hat, aber nicht weiterkommt, weil die Steuerung unpräzise ist? Oder man nicht weiterkommt, weil man die Steuerung noch nicht so gut beherrscht, weil einem einfach in Ermangelung von Zeit die Übung fehlt?

Mit Kindern gemeinsam Computerspiele spielen kann viele erleuchtende Momente mit sich bringen. Vielleicht lösen sich dann einige Konfliktfelder in Wohlgefallen auf.

Weiterführende Links auf SCHAU HIN! zu den oben genannten Fragestellungen:

 

Schau Dir auch die anderen Projekte aus der 4. Staffel der Let’s Talk Serie an

1) Videos per QR-Code in Fotoalben einbinden
2) Stop Motion Filme erstellen und hochladen

 

[1] vgl. „Jungs und Computerspiele: Wenn Mütter von Vorschlaghämmern träumen

45 Gedanken zu „[Anzeige] Let’s talk – ein Computerspiel (durch)spielen“

  1. Super Artikel!

    Ich war selbst immer begeisterter Spieler, und die Akzeptanz und Beteiligung meiner Eltern (Der Vater in der IT tätig und selbst gerne beim spielen dabei, die Mutter schaute gerne zu und fand die meisten Spiele auch interessant, hat manche auch mitgespielt) hat mir sicher geholfen damals.
    Ich hatte nie wirklich das Gefühl dass meine Eltern Computerspiele scheiße finden. Zwischendurch mal hatte ich ein paar Zeitbeschränkungen, aber meine Eltern haben schnell gemerkt dass es relativ sinnlos ist, da zu streng zu sein.

    Heute habe ich selbst Kinder, und lasse sie auch mir beim spielen zusehen (bei den meisten Spielen zumindest. Bei sehr gewalttätigen Spielen nicht so gerne, die Kinder sind noch recht klein.) und erkläre alles mögliche dazu. Was ich da mache, was in dem Spiel wichtig ist, usw. Ich hoffe dass sie später wenn sie selbst spielen das auch mit mir zusammen tun werden.

    Gruß
    Aginor

  2. Super Beitrag. Ganz besonders der 3. Punkt, sich an die eigenen Regeln zu halten, ist klasse. Da versteht man dann auch, warum das Kind schlecht drauf ist, wenn man auf die 30 Minuten- Frist pocht. ;)

  3. Sooo guter Beitrag, vielen Dank dafür! (Von einem Vater, der seinem 5-Jährigen anfangs Super Mario 3D World gezeigt hat und jetzt nur noch für die schwierigen Levels an den Controller darf. Erfahrung aus der anderen Richtung zum Thema.)

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