#rp13, Tag 3

Das Programm am Mittwoch sah schon so aus, als ob es inhaltlich noch mal interessant werden würde und tatsächlich eines der Highlights des Tages, schaute ich mir schon direkt am Morgen an: „re:Fefe: Erkenntnisse der empirischen Trollforschung“ mit Linus Neumann und Michael Kreil.

Danach habe ich mir exklusiv vor allen anderen re:publica Besuchern Felix Schwenzels Vortrag angehört. Allerdings war es zunächst unmöglich zu Felix zu gelangen. Felix saß als Speaker nämlich im VIP-Bereich und da durfte man ohne Sonderbändchen rein. Der Türsteher nahm seine Sache SEHR ernst und war auch nicht zu überreden als Felix vor die Tür trat, um zu bestätigen, dass er warte. Überhaupt war das Sicherheitspersonal auf der re:publica SEHR streng. Manchmal auch ein bißchen absurd. Am Nachmittag saß ich vor Stage 7 auf der Terrasse und als ich die sanitären Anlagen benutzen wollte, hieß es dort, nein, in das Gebäude könne man oben nicht mehr rein. Man solle doch bitte nach unten gehen und dort die Toiletten benutzen. Prinzipiell hätte ich damit kein Problem gehabt, wenn nicht dort ein weiterer Mensch gestanden hätte, der allen danach den Zugang zur Terrasse verweigerte. Man hatte also die Wahl zwischen einpullern und die Gesprächspartner auf der Terrasse stehenlassen.

Jedenfalls nachdem ich mir mit Felix ein bisschen Xavier Naidoo angehört hatte, schaute ich mir den Vortrag gleich nochmal an. Kann man gut machen:

Die Zusammenfassung spare ich mir, weil Kai Biermann das so grandios gemacht hat, dass dem nichts hinzuzufügen ist: „Felix Schwenzel, mit Witzelsucht die Welt verbessern„. Ich war ja erst ein bisschen traurig für Felix, der sehr gerne beleidigt wird Kontroversen sehr gut aushalten kann, weil über Twitter ausschließlich lobhudelnde Tweets kamen, aber wenn man in die Kommentare bei Zeit Online schaut, gibt es anscheinend immer noch ausreichend Neider. Gefühlt war jeder dritte Kommentar so unsachlich, dass er entfernt wurde.

(Ebenso lesenswert übrigens die Zusammenfassungen der Vorträge von Sascha Lobo und Gunther Dueck)

Nach Felix Vortrag wechselte ich in Stage 4, um mir von FREDERIC VALIN und JAN-UWE FITZ anzuhören „Wie das Internet literarisches Schreiben verändert„.

Weiter ging es mit CORY DOCTOROW und „It’s not a fax machine connect to a waffle iron„. Leider ein bißchen langweilig weil mich der Vortrag an das erinnerte, was ich vor 2 (?) Jahren gehört hatte als Cory Doctorow bereits auf der re:publica war.

Ich musste dabei an das Kleiner Drei Interview mit Anne Roth denken, das der Frage nachging, warum es so schwer ist, 50% Frauen auf die Bühne zu bekommen:

„[…] Es ist schwer, diese Frage zu beantworten, ohne entweder banal zu werden oder einen Stapel Statistiken unter dem Arm. Aber es scheint doch so zu sein, dass Frauen eher nur dann auf einer Bühne reden wollen, wenn sie wirklich etwas zu sagen haben, also etwas Neues, etwas Interessantes, und das fertig und rund und durchdacht. Männer haben tendenziell weniger Schwierigkeiten damit, ewig das Gleiche zu erzählen oder von den Ideen anderer zu leben. Mir ist dabei die hier Frauen zugeschriebene Verhaltensweise sympathischer und das hat nichts mit mangelndem Selbstbewusstsein zu […]“

Ich kann das in meiner persönlichen Wahrnehmung bestätigen. Es gibt ausreichend Leute wie Tim Pritlove, die für sich genommen absolut großartige Dinge tun, deren Vorträge sich auf Konferenzen jedoch durchaus inhaltlich ähneln. Der Clou an der Sache ist: Es gibt ausreichend Interessenten. Persönlich z.B. wollte ich dieses Jahr das Speed-Networking des letzten Jahres nicht wiederholen*, weil ich eben nicht jedes Jahr das selbe machen wollte – allerdings wurde ich so oft darauf angesprochen, warum Journelle und ich das dieses Jahr nicht erneut anbieten, dass ich/wir es nächstes Jahr vielleicht doch wieder einreichen.

Der re:pubica Tag endete bei mir mit ANNE WIZOREK und der Frage „Ihr wollt also wissen, was #aufschrei gebracht hat?„. Der Vortrag war sehr großartig, was auch an Annes Person hängt, die für mich eine sehr angenehme, neue Art von Feministin repräsentiert, die für mich persönlich sehr hohes Identifikationspotential hat, weil sie ruhig, kompetent und besonnen und jederzeit wertschätzend mit ihrem Publikum und Fragenden umgeht.

Als sie die Trollseite von #aufschrei beleuchtete und sie einige der Tweets zeigte, die sie persönlich angriffen, war der ganze Saal still und las betroffen die Hasstiraden. Als sie Ausschnitte einiger Hate-Mails zeigte, kamen mir die Tränen. Aus vielen Gründen. Weil es mich unendlich traurig macht und schockiert, dass es Menschen gibt, die so viel Hass in sich tragen. Weil sie sowas ertragen muss (und ich spreche hier nicht nur von Beleidigung sondern von grauenhaften, brutalen und detaillierten Bedrohungen). Weil ich verstanden habe, dass so viele Frauen so lange nichts gesagt haben, weil sie sich genau vor solchen Angriffen fürchten.

Ich bin Anne für #aufschrei sehr dankbar. Ich bin all den Frauen dankbar, die unter #aufschrei ihre Erfahrungen geteilt haben. Ich bin wirklich, wirklich dankbar, weil mir #aufschrei so viel Denkstoff gegeben hat.

Ich bin dankbar weil ich verstanden habe, das uns Frauen v.a. eines für die Zukunft helfen wird: Solidarität


Ich kenne einige Männer, die durchaus gewillt sind, #aufschrei und das was dahinter steckt, zu verstehen. Vielleicht gerade weil ihnen Sexismus fern liegt, verstehen sie die Not einiger Frauen nicht. Ich empfehle denen, nicht nur den Vortrag anzuschauen sondern auch mal Twitter nach dem #aufschrei-Tag zu filtern und sich in die Kommentare unter feministische Beiträgen aller Art durchzulesen und sich dann noch vor Augen zu führen: Was sie da an Anfeindungen lesen, ist das, was man zu lesen bekommt, nachdem die Kommentare moderiert wurden.

 

 

*Die Wiederholung war nicht der einzige Grund. Letztes Jahr hatte mir v.a. auch nicht gefallen, dass wir nicht in den Zeitplan aufgenommen wurden und dass unsere Ansprechpartnerin seitens der Veranstalter nur so – sagen wir – mittelmäßig freundlich und offen behandelt hatte.

#rp13, Tag 2, Menschen

Begonnen hat mein Tag mit TERESA BÜCKERs „Der Montag liebt dich„. Ein gut ausgearbeiterer, informativer Vortrag, so wie ich ihn aus der Uni kenne. Teresa schilderte wie stark Arbeits- und Privatleben heutzutage miteinander verwoben sind und  warum es deswegen wichtig ist, die Bedingungen so zu gestalten, dass beide Bereiche miteinander vereinbar sind.

Irgendwann fiel mir auf, dass einige Vortragende das Publikum ausschließlich mit „ihr“ adressierten. So auch Teresa „Ihr müsst dies und jenes“, „damit sich das verändert, müsst ihr xy“. Sascha Lobo hatte sich am Vortag wenigstens noch ein bißchen über die Trennung von Publikum und seiner Person („in der Zwischenzeit meine ich mit ihr tatsächlich manchmal auch mich„) lustig gemacht. Teresa ließ es bei dem ihr, was mir vor allem nachträglich seltsam aufstößt. Wer ist sie, wenn nicht wir? Steht sie da auf der Bühne und weiß Dinge besser als wir im Publikum? Gibt sie die Richtung und wir (überspitzt) Fußvolk führen aus? Ich bin mir sicher, dass sie es so nicht gemeint hat. Aber es klopfte so an mein Hirn an. Ich glaube, sie hat sonst ihre Sprache SEHR bewußt ausgewählt, denn z.B. sprach sie nie im generalisierten Maskulinum sondern (wie nennt sich das Gegenteil?) generalisierten Femininum von „Kolleginnen, Chefinnen, Freundinnen, Partnerinnen“ und das wiederrum hat mir gut gefallen – v.a. auch, weil ich das schon versucht habe, aber sich die außschließlich weibliche Formulierung noch holprig und sperrig in meinem Mund anfühlt. Ihr kam das sehr locker und selbstverständlich von den Lippen und das hat mir – wie gesagt – sehr gut gefallen.

Danach sprach JUTTA ALLMENDINGER über „Zeit – Geld – Familie„. Jutta Allmendinger ist u.a. Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

Ich habe als Diplom-Psychologin oft erhebliche Kommunikationsprobleme wenn ich mich mit Soziologen unterhalte, was sicherlich am unterschiedlichen Blickwinkel liegt (außen nach innen, innen nach außen und v.a. auf die Beziehungen und Relationen zwischen den Individuen) und konnte gestern erfreut feststellen, dass ich Frau Allmendinger sehr gut verstand. Allerdings referierte sie nicht so sehr den theoretischen Unterbau sondern schilderte Forschungsergebnisse einer von ihr angelegten Langzeitstudie, in der Frauen wie Männer zu ihren Einstellungen und Wünschen befragt wurden und diese dann jeweils aus ihrer Perspektive und dann aus der Perspektive des anderen Geschlechts beantworteten. Mir gefiel, dass sie sich gerade zu den neusten Auswertungen sehr offen zeigte und aufforderte, ihr zu mailen, wenn jemand eine bessere Idee hätte als alle Ergebnisse mit sozialer Erwünschtheit zu begründen.

Offensichtlich war sie vorher bei einem Termin mit Google-Leuten, die sie warnten, niemand im Publikum würde sie anschauen, weil alle beinahe beleidigend desinteressiert in ihre Handys starren würden. Seltsam, dass sie sowas als Warnung von vermeintlichen Internetexperten gesagt bekommt – ohne dass diese erwähnen, dass das z.B. auch heißen kann, dass alle wie wild über den tollen Vortrag twittern oder parallel Dinge recherchieren und bookmarken, die sie angesprochen hat. Bizarr, dass selbst bei Google die Internetangstmacher sitzen.

Die nächsten Sessions, die ich mir ausgesucht hatte, konnten mich leider nicht bis zum Schluss begeistern. Auch das viertelstündige Philosophy-Slam der Haeuslers konnte mich nur so mittelmäßig begeistern. Was weniger an der Sache an sich lag, als an meiner Erwartung ein bißchen was anderer Eltern aus persönlicher Sicht zum Thema Kinder und Internet zu hören. So weiß ich jetzt, dass sie ähnliche Kritikpunkte am Bildungssystem und dem allgemeinen Umgang unserer Gesellschaft mit Kindern haben wie ich. In persönlichen Gesprächen mit anderen re:publica-Besuchern habe ich aber gemerkt, dass das Thema „Wie gehe ich konkret damit um, wenn meine Kinder ins internetfähige Alter kommen?“ brennt. Wir werden alt und unsere Kinder offensichtlich groß.

Alle weiteren Panels waren eher so gähn. Aber auch da: im Laufe der Jahre habe ich unglaublich hohe Erwartungen aufgebaut und so waren die Vorträge wirklich in Ordnung, aber es fehlte ein bißchen der Wow-Effekt.

Ausnahme war am frühen Abend der Vortrag von CASPAR CLEMENS MIERAU zum Thema „Weder süß, noch salzig: Wie mir die Piratenpartei meine Freizeit nahm„. Caspar hat einfach sehr sympathisch, frei und offen über das Popcornpiraten-Blog berichtet. U.a. wie er dazu gekommen ist, wie er dabei vorgeht, was ihm dabei wiederfährt und welche Reichweite es hat. Er lockerte den Vortrag mit ein Paar skurrilen Beispielen auf und ich hätte am Ende gedacht „yo das war ganz ok“, wenn er nicht selbst den Bogen ganz grandios geschlossen hätte. Gerade als ich in Gedanken formte „schön, jetzt weiß ich das alles, aber …“ endete er mit „im Grunde habe ich euch jetzt eine Anleitung zur Verfügung gestellt damit andere Blogs über die Skurilitäten anderer Parteien machen können.“ Und tatsächlich der Gedanke gefällt mir. Jede Partei sollte ein eigenes Popcorn-Blog bekommen.

Mein Abend endete mit „Ohne Jauch gehts auch„. Persönlich gehts ohne Jauch ohnehin auch – aber wie ich feststellen musste – gehts auch Ohne Jauch gehts auch auch. Die Talkrunde hat mich zwar inhaltlich nicht aufgeregt, aber ähnlich gelangweilt, weil der angekündigte interaktive Publikumsbeteiligungsteil per Hashtag auch nach 20 Minuten noch nicht begonnen hatte. Außerdem gefallen mir Vereingemeinerungen nicht. Das Ganze wurde mit einem Rant zum Thema Arbeit gestartet in dem ich mich absolut nicht wiederfinden konnte. Auch mit der Forderung, wir müssten alle unsere eigenen Chefs werden, kann ich nichts anfangen. Nicht jede/r ist dazu geeignet. Nicht jede/r ist unzufrieden mit ihrem/seinen Job. Nicht jede/r hat Arbeitsbedingungen zu erleiden. Ich gehöre zu den Glücklichen, die mit Arbeitgeber und Arbeitsbedingungen im Besonderen zufrieden sind und wie ich an anderer Stelle bereits schrieb, ich sehe keinen Grund, dass Arbeit ständig „Spaß“ machen muss. Auch deckt es sich nicht mit meiner Erfahrungswelt dass selbständig sein automatisch bedeutet in besseren Verhältnissen zu arbeiten und gleichzeitig Job und Privatleben besser miteinander vereinigen zu können oder gar mehr Freizeit zu haben. So hat mich die geschätzte Sue an diesem Punkt leider völlig verloren und ich konnte auf den Zug wohl nicht mehr auspringen, weswegen ich irgendwann auf den Hof wechselte.

Was mir an diesem zweiten re:publica Tag jedoch wirklich gefiel waren die Bekanntschaften, die ich machen konnte. Meine Scheu Menschen anzusprechen, hat sich langsam gelegt und so konnte ich mein Vorurteil bestätigen, dass Menschen im Internet in der Regel mindestens so sympathisch sind wie in echt. Allen voran die bezaubernde Jademond, deren Blog ich schon lange lese und wirklich sehr schätze, einfach weil ich immer wieder Anregungen finde, die ich in meiner homogenen Welt nicht finden kann.

Dank Journelle, die mir am Vortag vorgemacht hat, wie man fröhlich Menschen anspricht, habe ich auch Michaela angesprochen, um ihr zu sagen, dass ich durch #609060 auf sie aufmerksam geworden bin und dann sowohl in ihrem Blog gelesen habe, als auch die Interviews angeschaut habe (u.a. mit Farah). Ihre Schilderungen haben mir ebenfalls eine Tür zu einer Welt aufgemacht, die keine Schnittmenge zu meinem Alltag darstellt und waren sowohl berührend als auch (teilweise) erschütternd. Michaela ist eine Frau mit transidenter Vergangenheit und berichtet z.B. davon wie sie im Arbeitsleben als Frau anders als als Mann behandelt wird – und zwar nicht weil sie sich entschlossen hat, als Frau zu leben sondern weil sie jetzt Frau ist und Frauen ganz offensichtlich anders als Männer behandelt werden (absurderweise selbst dann, wenn es sich um ein und den selben Menschen handelt). Nicht nur wegen solcher Beobachtungen lohnt es sich jedenfalls ihr Blog zu lesen.

Besonders lange habe ich Beetlebum beim Malen angestarrt, bevor ich mich getraut habe, hin zu gehen und „Hallo“ zu sagen. Mein Mann und ich lieben sein Blog und seinen Humor sehr und so hätte ich mich eigentlich kreischend vor Begeisterung auf dem Boden wälzen müssen, als ich ihn zwischen zwei Sessions im Saal sitzen und malen sah, aber da das nicht meinem Naturell entspricht, tat ich meiner Begeisterung nur verbal kund.

Geht euch doch selbstverwirklichen, ich geh arbeiten

Es gibt so Sachen, die bringen mich in fünf Sekunden auf 180. Das Video gehört dazu. Mit hübschen Bildern untermalt fordert die Stimme von Alan Watts dazu auf, im Leben das zu tun, was man machen möchte und seine Zeit nicht mit dem zu verschwenden, auf das man keine Lust hat und dass man vor allem nie etwas tut nur um Geld zu verdienen.

„What would you like to do if money were no object?“

Yo, dann würde ich Bücher schreiben und mein drölfzehntes Buch wäre ein Kinderbuch und das würde ich gerne illustrieren. Ich male nämlich total gerne und gut und naja das mit dem Schreiben, das wird jetzt keine Überraschung gewesen sein.

Als kleines Mädchen wollte ich Schauspielerin werden und nach dem Abi eigentlich Bio-Chemie studieren.

Wenn ich jetzt noch mal 20 wäre, dann würde ich auf jeden Fall Informatik studieren wollen.

Einen Dachgarten hätte ich auch gerne.

Und fünf Kinder.

Ist aber alles anders gekommen und wenn es nach dem Lust-Prinzip geht, dann kann ich sagen, ich mache im Schnitt eine Stunde am Tag Dinge, auf die ich wirklich Lust habe.

Die anderen 23 Stunden mache ich Dinge, die ich machen muss. Größter völlig unnützer Zeitfresser ist das Schlafen. Gefolgt von Arbeiten. Entweder direkt bezahlt durch einen Arbeitgeber oder aber unbezahlte Familienarbeit. Zehn Maschinen Wäsche wasche ich im Schnitt pro Woche. Die hänge ich dann auf und falte sie, um sie in den Schrank zu legen. Ich gehe mindestens zwei Mal in der Woche einkaufen und bereite mindestens zwei Mal am Tag ein Essen zu. Zwischendrin räume ich in der Woche vier Mal die Spülmaschine ein und aus. Ich putze die Wohnung, sauge und mindestens fünf Mal pro Woche wische ich noch einen Kinderpo ab. Davor stehe ich im Schnitt unendlich lange fünfzehn Minuten neben dem Kind, dass behauptet nicht kacken zu können, wenn ich nicht die Hand halte, was ich WIRKLICH nicht möchte, aber dann meistens tue weil ich sonst nämlich länger als zwanzig Minuten im Bad verbringe, wo doch irgendein scheiß Formular darauf wartet verstanden und aufgefüllt zu werden, damit ich einen Kindergarten oder Hortplatz bekomme, um arbeiten gehen zu können. Alles ätzend.

Dabei ist mir durchaus bewusst, wie gut es mir dabei geht. Wir sind gesund, haben eine schöne Wohnung, unsere Arbeitsbedingungen sind hervorragend, ich habe tolle Kollegen etc. etc. Ich brauche nur zehn Minuten irgendein Nachrichtenmagazin zu schauen oder einige Minuten Themenradio hören und schon weiß ich, ich gehöre zu den 10% (?) äußerst privilegierten Menschen dieser Erde.

Und dann sehe ich so ein Video und jemand sagt drei Mal „You will spend your life completely wasting your time. You will be doing things you don’t like in order to go on living to do things you don’t like…“ und das macht mich aggressiv. Es liegt mir fern alle Träumer, Idealisten und Romantiker zu beschimpfen, aber mir gehen solche Aussagen wirklich auf die Nerven.

Wahrscheinlich weil mir alles, das schwarz-weiß gemalt wird, auf die Nerven geht. Denn was bei dem Video übersehen wird, ist dass die meisten sich gar keine Vorstellung machen, was es wirklich bedeutet einer Passion nachzugehen. Denn selbst wenn man das täte, befände man sich nicht 24 Stunden im Flow-Zustand. Außerdem wünschen sich Kinder und Jugendliche natürlich alle das zu werden, was sie sich in ihrer Phantasie ausmalen können. Da möchte ein Mädchen vielleicht Tierärztin werden, weil es Tiere liebt. Ganz bestimmt will es aber nicht Tierärtzin werden, weil es in den Gedärmen von Kühen rumwühlen oder z.B. schwer kranke Tiere einschläfern möchte. Das Leben ist sehr hässlich wenn man es nüchtern anschaut.

Aber für mich geht es nicht darum. Es geht weder darum, das zu tun, was man unbedingt tun möchte und es geht auch nicht darum, die Dinge realistisch zu sehen. Es geht darum die Ausnahmen zu sehen.

Am Stück betrachtet ist mein Leben unendlich langweilig. Ich stehe um 6 Uhr auf, ich gehe in die Arbeit, ich komme nach Hause, kümmere mich um Kinder- und Familienzeug und gegen 20 Uhr bin ich so erschöpft, dass ich nicht selten mit den Kindern einschlafe. Jeden Tag. Nur dass ich am Wochenende nicht arbeiten gehe, sondern die Hausarbeiten nachhole, die unter der Woche liegen geblieben sind.

Wenn ich den Auflösungsgrad der Betrachtung erhöhe, finde ich es wundervoll. Da schlüpft morgens mindestens ein kleines Wesen in mein Bett, das mich liebt, obwohl ich es mindestens zehn mal am Tag anmeckere … auf dem Weg in die Arbeit kann ich Musik hören. So laut wie ich möchte und auch genau das was ich möchte. Am Nachmittag kann ich auf Parkbänken in der Sonne sitzen. Es gibt natürlich noch viel, viel mehr gute Momente in meinem Tag – aber mir reichen allein diese drei um meinen Tag nicht als „totally wasted“ anzusehen. Im Gegensatz zum Rat des Videos möchte ich nicht lieber ein kurzes Leben führen, in dem ich aber mache, was mir gefällt als ein langes Leben „spended in a miserable way“.

Wahrscheinlich macht mich das Video in wenigen Sekunden so unendlich aggressiv weil es mein durchschnittliches Leben abwertet. Weil es mir aufzwingt immer glücklich sein zu müssen, immer erfüllt, immer inspiriert.

Ich habe das Gefühl, das eine solche Erwartung Menschen unglücklich macht. Ich kenne das z.B. von den Beziehungserwartungen einiger FreundInnen. Die erwarten, dass die Liebe ihres Lebens eines Tages in ihr Leben tritt, dass dieses Gefühl sie wegträgt wie so oft in schmalzigen Hollywoodfilmen dargestellt. Ein Teil von ihnen hat so einen Mann oder so eine Frau tatsächlich getroffen, die große romantische Liebe und dann sind sie sogar zuzsammengekommen und einige Zeit zusammengeblieben. Doch dann sind irgendwann die Hormone weg, der Alltag ist da und dann ist die Beziehung am Ende. Aber nicht weil die beiden nicht zusammenpassen, weil sie keine gemeinsame Zukunft haben oder weil es keine Grundlage für die Liebe gibt, sondern einfach weil die Liebe und der Beziehungsverlauf nicht ihren Idealvorstellungen entspricht. Weil es Krisen gibt, weil man sich streitet, weil man nicht alles am anderen liebt, vielleicht einfach weil der andere morgens im Bett müffelt oder weil er die Gabel falsch in die Hand nimmt oder die Zahnpastatube falsch ausdrückt – und dann ist es aus mit der Liebe.

Das finde ich sehr bedauerlich und in meiner Wahrnehmung kommt das von diesen verschrobenen romantischen oder idealisierenden Beziehungs- und Liebesvorstellungen.

Äh ja und deswegen MACHEN MicH diEse VIdeOS AGGressiV!!!

(Gar nicht so lange her, dass ich bereits darüber schrieb)

 

Raise the level of excitement even higher!!11!

dunkel
Symbolbild Restaurant Innenraum

Die Unsicht-Bar heißt so, weil man für andere unsichtbar wird. Taub wird man allerdings nicht. Das scheint den Kellnern in der Unsicht-Bar nicht ganz klar zu sein. Wir saßen an einem Tisch, der an einer Hauptverkehrsstraße zwischen Gastraum und Küche stand. Da rasten die Kellnerinnen und Kellner mit ihren Servierwagen vorbei. Ich wurde insgesamt fünf Mal angestoßen. Links hinter mir waren Getränkekisten, die lautstark umsortiert wurden. (Wie praktisch, dass man in einem stockfinsteren Raum keine gesonderten Abstellräume benötigt). Rechts hinter mir war ein leerer Tisch an dem einige Kellner saßen und sich angeregt unterhielten. Ab und an riefen sie den anderen vorbei eilenden Kellnerinnen und Kellnern lustige Sachen zu. Einer der Kellner servierte rappend. Einer schnalzte ununterbrochen. Insgesamt war es ziemlich laut. Ich schätze, rund 50 Leute teilten den Raum in der Dunkelheit mit uns.*

Ich hatte meinen Mann zum Hochzeitstag diesen Besuch in der Dunkel-Bar geschenkt. Er ist ein großer Romantiker. Er mag sowas. Ich hasse sowas. Ich hasse unkontrollierbare Situationen und ich bin der komplizierteste Esser der Welt. Nicht mal meine Eltern können sich merken was ich esse und was nicht. Darüberhinaus habe ich einige ausgewachsene Essensphobien. Ich kann auch nach vielen Jahren des aktiven Obstberührens reinen Gewissens sagen: ich würde nach wie vor eher eine Vogelspinne als eine Mandarine essen.

Außerdem hasse ich Anfassen. Fremde anfassen finde ich besonders gräßlich.

Was ich aber am allermeisten hasse, ist in der Öffentlichkeit aufs Klo gehen. Ich hasse das schon sehend in normalen Restuarants. Ich habe immer diese Wahnvorstellung, dass ich die Toilette nicht finde und mich dann alle komsich anschauen. Wie peinlich!

Im Dunkelrestaurant kann man nicht alleine Pipi machen gehen. Man muss dann nach dem Kellner rufen und der führt einen zur Toilette. „Hallo? Hallo? Herr Kellner! Ich muss mal pullllääärn!!!“ W I E   S C H R E C K L I C H!

Ideale Voraussetzungen um mal ein Dunkelrestaurant zu besuchen. Aber was solls. Für die Liebe tut man so einiges und bestimmt würde mein Mann wie ein Ferengi alles für mich vorkauen und nur den Essensbrei wieder auf meinen Teller würgen, von dem er sicher wüßte, dass er mir schmeckt. Auch er ist bereit so allerhand für die Liebe zu tun.

Meine Vorstellung von Dunkelrestaurant war so: Wir kommen dahin, halten uns an den Händen und speisen in der Dunkelheit. Dabei schärfen sich unsere Sinne. Wir entdecken, wie schön unsere Stimmen sind, wir streicheln unsere Hände und schmecken Dinge, die wir vorher noch nie geschmeckt haben. Nebenher lernen wir was über das Blindsein. Ein winziges bißchen vielleicht. Jemand erläutert uns wie man ißt, welche Tricks es gibt. Wir erleben welche Herausforderungen zu bewältigen sind.

Begrüßt wurden wir von Misanthropen. Allerdings kann man den Damen am Checkin nicht vorwerfen, sie hätten nicht gelächelt. Im Gegenteil, das Lächeln war grimassenhaft ins Gesicht gemeißelt. Sie beteten wie Automaten mit aufgesetzter Freundlichkeit immer wieder auf ganz besonders lieblose Weise die immer gleichen Sätze runter: Sie bekommen eine Speisekarte. Stopp. Sie suchen sich was aus. Stopp. Sie bestellen ihr Menü und das erste Getränk bei mir. Stopp. Dann holt sie ihr Kellner ab. Stopp.

Foto
Raise the level of excitement even higher!!11!

So wie beschrieben, passierte alles. Wir warteten 25 Minuten ohne Getränk in unverrutschbaren Riesensesseln auf unseren Kellner. Der stellte sich namentlich vor und eilte Richtung Dunkel. An der Lichtschleuse angekommen, wurde uns erklärt, es gehe jetzt in einer Polonaise zum Tisch. Wir traten mit der Hand an der Schulter des Kellners ins Dunkel und wurden umspült von einer Woge Lärm und stickiger Luft.
Die Einweisung am Tisch lautete: Eingießen selbst. Finger ins Glas, dann merkt man wie voll es ist. Gabel, Messer, Löffel links und rechts. Dessertlöffel oben. Hier ihre Vorspeise.

(Achtung! Spolier! Auf der Menükarte heißt das „Eine Kostprobe aztekischer Männlichkeit gebettet auf ein vielfarbig geschmücktes Grün“)

Die Vorspeise war bei mir ein ungewürzter Endiviensalat mit Rote Beete. Glücklicherweise hatte mein Mann sich für ein anderes Menü entschieden. Er schenkte mir einen Balsamicopilz und zwei Hobel Käse.

Der Hauptgang war okay. Die Nachspeise jo – süß, nä.

Nach ca. zwei Minuten gab ich alle Versuche auf gesittet mit Messer und Gabel zu essen. Selbst wenn ich mal ein Stückchen Essen traf, fiel es mir so oft von der Gabel, dass ich absehbar nicht satt werden würde. Da es glücklicherweise dunkel war, benutzte ich meine Hände. Nach zwei Stunden hatte ich meine Hände in Rote Beete, Fleisch, unterschiedliche Gemüse und Ahornsirup getaucht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht die einzige war, die das kultivierte Essen aufgab. Feuchte Tücher oder ähnliche Hilfsmittel gab es auch auf Anfrage nicht. So blieb mir nichts anderes, als meine Finger exzentrisch abzulecken und mir Papierserviette an die fettverschmierten Finger zu rubbeln. Eine andere Methode hatten meine Vorgänger, hauptsächlich Rechtshänder, entdeckt: Essensreste unter der Armlehne des Stuhls abreiben. Auch ein sehr sinnliches Erlebnis.

Nach zwei Stunden waren wir fertig und ließen uns vom Kellner wieder ans Licht bringen. Von dort wird man an die Kasse geschleust. Zahlen schien das Wichtigste zu sein. Bezahlt haben wir deutlich über 100 Euro. Menschen, die mich kennen werden wissen, ich habe noch nie in meinem ganzen Leben so viel Geld für Essen ausgegeben. Erst wenn man seine Kreditkarte brav durch den Leseschlitz gezogen hat, darf man hinter einer Säule schauen, was man eigentlich gegessen hat.

Bei dem Menü, das ich bestellt hatte,  wurden Satespieße angepriesen. Die hatte ich definitiv nicht bekommen. Anstattdessen hatte man mir die Vorspeise des vegetarischen Menüs serviert. Ich informierte das Servicepersonals darüber – schließlich gab es einen deutlichen preislichen Unterschied zwischen den beiden Menüs. Statt „Das tut mir leid, das leite ich weiter“  bekam ich ein „Sind sie sich sicher?“ Das fand ich ziemlich frech. Ich mag ja wenig sensibel sein aber Rote Beete kann ich auch blind von Satespießen unterscheiden.

Gelungener Witz, den ich hiermit würdige.
Gelungener Witz, den ich hiermit würdige.

Zusammenfassend kann man sagen: ich war noch nie teurer, mittelmäßger und herzloser Essen. Das Konzept der Dunkel-Bar ist ganz und gar nicht Menschen zu erfreuen und als treue Kunden zu binden. Was die Dunkel-Bar gerne möchte ist: in einem glatten, reduzierten Prozess eine maximale Masse an nie wieder kehrenden Menschen durch die Restaurantmaschinerie zu schleusen. Und wenn man es so sieht, dann kann man sagen: Bravo! Ziel zu 100% erreicht.

 

 

 

* „Das Restaurant hat eine Fläche von 250qm mit 65 Tischen (!), wo zeitgleich ca. 170 Gäste platz haben

Andere Stimmen: „Das Essen ist auch nach unserer Meinung nur Kantinnenqualität.“ und „Störend fand ich von Anfang an die lauten Walkie-Talkie Anweisungen an die Kellner, gesessen haben wir auf simplen Stapelstühlen. Insgesamt eine eher unruhige Kantinen-Atmosphäre.“ und „Ankunft im überfüllten Vorraum und Check-In (nicht Begrüßung) nach Warten in einer Schlange. […]  wurden wir dann […] in den den Gastraum geführt, der uns mit einem akustischen Eindruck zwischen Bahnhofshalle und Okoberfestbierzelt empfing und der über die gut zwei Stunde anhielt, die wir für das Essen brauchten. Wände und Tische machten einen etwas klebrigen Eindruck, das Bier war warm, das Essen – nun ja – ok.“

Vielleicht lädt uns die Konkurrenz, das Nocti Vagus, mal zum Vergleich ein. Die scheinen zumindest im aktiven Dialog zu ihren Kunden zu stehen und an Feedback interessiert zu sein.

Die Überschrift des Blogartikels ist ein Zitat aus der englischen Speisekarte (siehe  gelbes Bild in der Mitte des Artikels)

Buon Natale!

Ich wünsche allen frohe Weihnachten und danke euch für das schöne Blogjahr.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kommentatorinnen und Kommentatoren, liebe Verlinkerinnen und Verlinker, liebe empörte Besucherinnen und Besucher,

ich wünsche Euch allen frohe Weihnachten und einen nachsichtigen Blick auf die Welt.

Ich möchte Euch an dieser Stelle für all das danken, das ihr mir einfach so geschenkt habt. Die vielen Tipps und auch die vielen Kommentare, die Blogeinträge noch lustiger gemacht haben oder mich dazu gebracht haben Dinge nochmal zu überdenken oder sie in einem anderen Licht zu sehen oder Aspekten meine Aufmerksamkeit zu schenken, die ich bislang übersehen habe oder die mir völlig unbekannt waren. Ich danke Euch!

Mein lückenloser Lebenslauf

Christoph Koch schreibt über Lücken im Lebenslauf – Zeiten in denen man einfach mal gar nichts gemacht hat und warum das eigentlich gar nicht so schlimm ist und führt den Werdegang von Steve Jobs und Andreas Altmann als Beispiel ins Feld.

Ein anderes Beispiel, warum man sich für Gammelmonate – ja vielleicht sogar Gammeljahre – wirklich nicht zu schämen braucht, ist Andreas Altmann. Der Bestsellerautor von »Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend« fing erst mit dem Schreiben an, als er 38 war.

Der Artikel ist gut geschrieben und natürlich stimmt es, dass man sich wegen einiger Monate, die man mal nicht arbeitet, nicht verrückt machen soll. Jedoch gefallen mir zwei Aspekte daran nicht:

Erstens: Die allerwenigsten von uns werden jemals ähnliches vollbringen wie Steve Jobs oder Andreas Altmann. Das sind die Ausnahmen unter den Ausnahmen. Den Glauben zu sähen, dass wir alle Chancen auf ähnliche Biographien haben, fühlt sich irgendwie falsch an. Wir sind nicht Steve Jobs. Wir sind durchschnittiche Menschen mit durchschnittlichen Begabungen, die durchschnittlich viel Glück oder Pech haben. Die meisten von uns werden einfach irgendeinen Job machen, der Geld bringt (Manchen wird nicht mal das vergönnt sein). Wenn man Glück hat, macht man ihn gerne. Aber selbst die Jobs, die man gerne macht, machen nicht ununterbrochen Spaß. Ich mag es irgendwie nicht Kindern und Jugendlichen diesen „Ihr könnt ALLES werden“-Floh ins Ohr zu setzen. Wir werden nicht alle reich und berühmt.

Das ist sehr spaßbremsig, ich weiß. Ich werde meinen Kindern ganz bestimmt nicht sagen: „DU kannst kein Künstler/Sänger/Autor/… werden.“ Können Sie gerne werden. Warum nicht. Aber ich werde ihnen nicht sagen, dass sie bestimmt den Durchbruch schaffen werden. Ich werde ihnen eher sowas sagen wie: „Klar kannst Du Musiker werden, warum nicht? Aber sei Dir klar darüber, dass das finanziell kein Spaß wird. Du wirst wahrscheinlich von der Hand in den Mund leben und manchmal vielleicht sogar gar kein Geld haben. Vermutlich wirst du dich zehn Jahre anstrengen, bevor überhaupt irgendwas passiert.“

Ich werde sie unterstützen und bestärken, aber mir geht dieses illusorische Vergleichen auf die Nerven.

Ein ganz anderer Aspekt an dem „Mach doch mal ne Auszeit – einfach so“ ist das Finanzielle. Ich habe mein Studium so schnell wie möglich beendet und dann angefangen zu arbeiten, weil ich Geld brauchte. Ich habe von 800 Mark im Monat gelebt. Mehr konnte ich neben dem Studium nicht verdienen. Ich habe Jobs gemacht für die ich pro Stunde 7,40 DM verdient habe. Ich habe jede Baumarktinventur mitgemacht, die zusätzlich am Wochenende aufzugabeln war. In den Semesterferien habe ich durchgearbeitet. Die gräßlichsten Jobs. Nach Abschluss meines Studiums habe ich Nachtschicht gearbeitet, weil das mehr Geld gab und dann habe ich unterbezahlte Praktika gemacht, bei denen ich 60 Stunden gearbeitet habe und hätte mein damaliger Freund mich nicht finanziell unterstützt – ich hätte nicht davon leben können. Ich finde es sehr luxuriös mal eine Auszeit zu nehmen und ich habe es (damals) nie geschafft vorher etwas dafür beiseite zu legen. Schulden wollte ich nicht machen. Also habe ich gearbeitet um einerseits Geld zu verdienen und mir andererseits eine Perspektive zu schaffen später mal (finanziell) sorglos leben zu können und im Idealfall das Geld zu haben, meinen Kindern den ein oder anderen Nebenjob zu ersparen.

Jetzt habe ich einen soliden Job. Ich habe nicht jeden Tag Spaß – aber es gibt sehr viele Aspekte, die mir an meinem Arbeitsleben gefallen. Manchmal denke ich, es wäre schön einen Beruf zu haben, in dem ich mehr schreiben könnte – aber dann lese ich Artikel wie den von Kathrin Passig und das macht mich demütig. Wenn jemand, der so klug und begabt ist, so zu kämpfen* hat, was wäre dann bitte mein Schicksal?

Ich bin vom Thema abgekommen: Ich glaube auch, dass die ein oder andere Lücke im Lebenslauf nicht schlimm ist – aber dies immer damit zu verknüpfen, dass man sich das auch mal leisten soll oder dass Lücken fast schon ein Indikator sind, dass einem eine großartige Zukunft erwartet – nun – das ist Quatsch.

Ich hatte dieses Jahr eine ernüchternde Einsicht: Wenn ich in dem Beruf arbeiten würde, in dem ich meine gerne arbeiten zu wollen, würde ich so gut wie nichts verdienen und das würde mir nicht gefallen. Das war schockierend. Bekommt man doch von allen Seiten dieses Selbstverwirklichungdingens eingehämmert. Anscheinend geht es anderen ähnlich. Anke Gröner schrieb vor einigen Monaten „Anfang des Jahres begann ich, mich in Jobbörsen umzusehen, die irgendwas mit der Oper zu tun haben, aber mir wurde relativ schnell klar, dass ich a) doch zu gerne Geld verdiene, als in diesem Bereich zu arbeiten und b) ich Oper lieber weiter als Zuschauerin wahrnehmen möchte anstatt hinter den Kulissen im Marketing oder in der PR.

(Davon abgesehen bin ich viel zu ängstlich mein Leben auf den Kopf zu stellen – weswegen ich Anke Gröner, die jetzt wieder studiert, sehr bewundere.)

 

Nachtrag: * „Kämpfen“ im Sinne von einen Vollzeitjob haben und trotzdem nicht so viel verdienen, dass man völlig sorglos davon leben und im besten Fall auch noch ausreichend Altersvorsorge betreiben kann – v.a. als Selbständige/r nicht. Ich habe das „ganz normales deutsches Durchschnittseinkommen“ im Text sehr wohl gelesen und finde es eben erschütternd, dass von so einem Gehalt zum Teil ganze Familien ernährt werden müssen.

Kathrin Passig sieht das anders:

[blackbirdpie url=“https://twitter.com/kathrinpassig/status/264668526097346560″]

Ich bin ein Lesefreund

Das Internet ist voller Lesesüchtigen. Trotzdem verlose ich im Rahmen des Welttag des Buches einige Exemplare „Die Vermessung der Welt“.

Heute, am 23. April, ist Welttag des Buches. In diesem Rahmen konnte man sich bewerben Lesefreund zu werden und eines seiner eigenen Lieblingsbücher in 30facher Ausgabe zum Weiterverschenken gewinnen. Verschenkt werden sollen sie an „gerade die, die wenig, selten oder gar nicht lesen“.

Weil ich zu meiner großen Freude gewonnen habe, nehme ich an, das damit unter anderem Menschen im Internet gemeint sind. Diese digitalen Banausen, die Print nicht mehr würdigen und Teil der berüchtigten Alles-für-Lau-Kultur sind, wie aktuell geführte Debatten zum Urheberrecht nahe legen. Jetzt ist das Internet in meiner Wahrnehmung aber voll von Lesefreunden. Eigentlich ist das Internet ein einziges Sammelsurium an Lesesüchtigen. Menschen, die nicht nur Abends oder auf dem Weg zur Arbeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln lesen sondern wann immer es geht. Morgens beim Aufstehen, beim Frühstück, auf dem Weg in die Arbeit, in der Mittagspause, nach der Arbeit, am Abend, am Wochenende, bei Familienfesten und notfalls auch am Klo.

Deswegen ist das Internet ein ganz schlechter Ort Menschen zu finden, die wenig oder fast gar nicht lesen. Ich habe also lieber im echten Leben nach diesen Menschen gesucht, die Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann immer noch nicht gelesen haben, obwohl es schon 2005 herausgekommen ist und millionenfach verkauft zu den wichtigsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur gehört.

Die Vermessung der Welt habe ich die ersten zwei Tage nach der Geburt von Kind 3.0 gelesen. Kind 3.0 auf der einen Seite des Stillkissens, das Buch auf der anderen. Ich las es quasi auf Ex – auch in der Hoffnung dass Kind 3.0 so zu einem schrägen, allwissenden Mathematikprofessor wird, weil es quasi die Grundlagen dazu mit der Milch aufsaugt (und wenn das nicht, dann wenigstens zu einem Bestsellerautor).

Ich mochte v.a. die Charakterzeichnung der Hauptfiguren und irgendwann ist mir aufgegangen, dass Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt wohl die ersten portraitierenswerten Nerds waren, wie sie in den erfolgreichen und modernen Nerd-Serien wie The IT Crowd oder The Bing Bang Theory dargestellt werden. (Mit dem kleinen Unterschied, dass es statt des klassischen Stupid Girls unter den Antagonisten einfach gar keine Frau gab, wenn ich mich recht erinnere).

Mir gefiel unter anderem das Tempo der Erzählung. Es folgt der Art wie man Achtzehnhundertirgendwas reiste. Unglaublich langsam und zum Teil sehr anstrengend. Genau das aber gibt dem Leser die Gelegenheit die Hauptcharaktere kennzulernen und in deren Wahrnehmungs- und Denkmuster einzutauchen. Ich habe im Anschluss an das Buch angefangen über Gauß zu lesen, weil mich interessiert hat, wie viel Fiktion dem Buchcharakter angedichtet wurde. Sehr sympathisch erschien mir seine ihm oft unterstellte Arroganz, wenn er nach Erfindung bestimmter Apparaturen behauptete, er habe das schon Jahre zuvor erfunden, jedoch wegen Irrelevanz nicht veröffentlicht. Tatsächlich geben seine Tagebücher Hinweise darauf, dass Gauß damit nicht angab, sondern er vieles wirklich schon erfunden hatte, bevor ein anderer es erfand bzw. öffentlich präsentierte.

Wie dem auch sei, ich liebe dieses Buch sehr, allem voran weil es zum größten Teil in indirekter Rede geschrieben ist und mir so wirklich ermöglicht hat Teil der Geschichte und nicht nur Danabenstehende zu sein.

Natürlich möchte ich dem Internet, an dem mir viel liegt, ebenfalls einige Exemplare zukommen lassen. Deswegen verschenke ich die letzten zehn Bücher hier. Wer Interesse hat, in den Kommentaren melden. Damit ich Kontakt wegen der Postadresse aufnehmen kann, bitte Emailadresse hinterlassen. Ich schicke das Buch per Buchsendung oder (da hätte ich Euch besonders lieb), drücke es Euch auf der re:publica (zu der ja das komplette Internet geht) in die Hand. Sollte es mehr Interessenten als Bücher geben, wähle ich per Los aus. Es werden alle Interessenten bis einschließlich Freitag, den 27.4.2012 um 24h für die Verlosung berücksichtigt. Bestechungen aller Art werden gerne angehört und auf Attraktivität geprüft.

Die Gewinner heißen:

Andy, Ole, Timo, regenrot, Tula Scribachina, Marcel, Jane, Phiala, Claudia und Sarion. Ich schicke Euch eine Mail. Fröhliches Lesen!

Wo sind die Neologismen wenn man sie braucht?

Beim Internetings fehlen mir die Worte.

Neulich, als ich über Internetsucht erzählen sollte, habe ich mir fast einen Knoten in die Zunge gemacht, weil ich keine adäquaten Worte hatte. Die Sprache hat sich bei mir zumindest den Gegebenheiten noch nicht angepasst. Die meisten Formulierungen rund ums Internet klingen furchtbar, weil sie einfach nicht mehr den Kern der Sache treffen.

Ich gehe jetzt ins Internet. Zeit im Internet verbringen. Ich gehe jetzt online. Leute, die viel Zeit im Internet verbringen. Leute, die das Internet verwenden. Leute, die das Internet benutzen. Die Netzgemeinde? Die digitale Gesellschaft? Die Digital Natives?

Fast alle sprachliche Formulierungen teilen die Vorstellung, dass es eine „reale Welt“ und eine „Internetwelt“ gibt, dass es „echte“ Menschen/soziale Beziehungen gibt und „virtuelle“ Menschen/soziale Beziehungen und sie werten dabei. Das Echte ist nämlich gut und das Virtuelle irgendwie zweitrangig.

Pjotr Czerski hat das  zugrunde liegende Denkproblem vor längerem mit „Wir, die Netz-Kinder“ wesentlich blumiger und treffender dargestellt. Allerdings ist es jetzt an der Zeit neue Worte zu finden für dieses Internetdings. Nur welche?