Kleinwalsorgen

Es gibt viele Frauen, die Kleidergröße 34 tragen und sich trotzdem fett finden.
Dysmorphophobie nennt man das. Ich weiß nicht, ob das umgekehrt auch existiert, also man ist keine Gerte, denkt das aber und greift munter zur 36 obwohl man eigentlich weiß, dass man nicht reinpasst.
An so was leide ich zur Zeit. Ich schaue die 40 an und denke, ah wah! da passte ja zweimal rein und greife zur 36. In der Umkleidekabine bekomme ich das Teil entweder nicht über die Hüfte oder aber ich stecke obenrum fest, so dass ich fieberhaft überlege, was nun zu tun ist. Nach einer Angestellten rufen? Hoffen, dass man das Baby so ranhängen kann, dass es mir durch geschicktes Herumwirbeln das Kleidungsstück vom Leib reißt? Blind in der Handtasche wühlen und den Partner anrufen: Hallo Schatz, ich bin bei [Beliebiger Bekleidungsladen], hol’ mich hier raus! ?
So wäre das vermutlich noch lange weitergegangen, wäre eine Verkäuferin nicht endlich mal ehrlich gewesen. Da trage ich munter ein schönes Kleidchen Größe 36 zur Kabine, als sie aus ihrem Beobachtungseck wie eine Spinne auf ihr Opfer springt, mir das Teil aus der Hand reißt und für alle anderen Kaufinteressierten deutlich hörbar verkündet: Da passen sie doch gar nicht rein, sorry, das nehme ich gleich mal wieder mit und mich mit weit geöffnetem Mund in der Mitte des Raumes stehen lässt.
Noch bäumt sich mein Inneres auf und denkt, das hol’ ich mir wieder, der werd‘ ich zeigen, wie ich da nicht reinpasse! als just in jedem Moment eine atemberaubend schöne 20jährige, Echtkleidungsgröße 34/36 in einem noch lungenentleerenderen Kleid an mir vorbei zum Spiegel gleitet.
Schau, krächzt eine Schicksalsparze Schau, so siehst Du nicht aus! NICHT NICHT NICHT!
Alles klar. Alles klar meine Lieben! Alles klar!!! kreische ich, ziehe von dannen und lese selbstwertdienliche Literatur: Bodo der Wal

Bodo war ein großer Wal, war nicht gerade schlank und schmal.
Alle anderen waren klein, Bodo war sehr oft allein.
Und die anderen Tiere lachten bloß: »Zum Spielen bist Du viel zu groß!«
Nur der Goldfisch blieb noch da »Zum Spielen bist Du wunderbar!«
»Bin ich denn nicht viel zu dick?« »Dicke Wale find ich schick!«
Und sie lachten und sie schwammen, spielten dicke Wale fangen
Die drei anderen guckten zu. Und bereuten es im Nu.
»Woll’n wir wieder Freunde sein? Ist doch egal, ob groß, ob klein …?«
»Klar,« sagt Bodo »Komm’ doch her! Freunde sein ist gar nicht schwer!«

Bodo und ich

Langweile, ein ausgelebter Traum

Ich erinnere mich, dass ich mich vor Vollendung meines 28. Lebensjahres des öfteren gelangweilt habe. Das fällt mir vor allem ein, wenn unser Kind 1.0 sich aus den Spielzeugbergen gräbt und ein langes, leidendes Gesicht macht und seine Lippen lautlos das Wort LANGEWEILE! formen.
Seit wir Kinder haben, habe ich mich nicht mehr gelangweilt. Hätte ich gewusst, wie sehr ich es vermissen werde, dann hätte ich mich bei meinem letzten Mal nicht einfach achtlos gelangweilt. Nein, ich hätte es ausgekostet. Ich hätte mich auf dem Boden hin und her gewälzt, wäre vielleicht bäuchlings auf die Straße gerobbt und hätte Passanten wie ein Verdurstender in der Wüste den Arm entgegen gestreckt und dabei: Langweilig, langweiiiiiliiiig! gekrächzt.
Jetzt, wenn ich zum Beispiel das Baby auf dem Rücken trage, mit der einen Hand staubsauge, mit der anderen Hand Babynahrung dünste und pürriere, während ich mit den Füßen Wollsöckchen stricke und dabei telefoniere, denke ich oft noch an diese schönen Zeiten.
Es wäre so schön: einmal alleine langweilen.
Wenn ich dann das Baby versuche in den Laufstall zu stellen, weil ich zum Beispiel eine giftige Pflanze umtopfe und es schreit und weint, als hätte ich es an einer Autobahnraststelle ausgesetzt, dann wünschte ich, wir könnten Plätze tauschen.
Ich hebe es dann raus, setze mich in den Laufstall, lege mich auf den Rücken, die Beine lasse ich rausbaumeln und starre an die Decke. Vielleicht lege ich mir auch ein Schnüffeltuch auf die Augen und dann schlummere ich langsam ein und träume, ich sei ein Kind mit vielen, vielen, vielen Spielsachen und ginge meinen beschäftigten Eltern auf die Nerven.

Der Tag an dem das Licht ausging

Spätestens mit Kind macht man sich die ein oder anderen Gedanken zum Thema Umwelt & Ökologie. Als ordentlicher Bürger trennt man den Müll, bezieht Ökostrom, kauft beim lokalen Bio-Bauern am Markt ein und hat ein sehr schlechtes Gewissen, wenn das Baby ausschließlich Süßkartoffelbrei zu sich nimmt, denn Süßkartoffeln haben Ökoeffizienzklasse D, da sie nur in Timbuktu kultiviert werden und dann mit dem Flugzeug vor unsere Haustür gebracht werden.
Außerdem trägt das Baby ausschließlich selbstgestrickte Säcke aus der Wolle des Schafs, das wir am Balkon halten. Die CO2-Atemluft des Schafs fangen wir selbstverständlich auf und binden sie mit Hilfe verschiedener Bakterien um dann wieder Sauerstoff und Wasser abzuspalten. Das Wasser trinke ich, woraus Milch entsteht, die das Baby zu sich nimmt. Wenn das Baby kackt, sammeln wir die Exkremente und düngen damit die Wiese, die das Balkonschaf isst. (Mit dem Methan, welches das Schaf auspupst, beheizen wir unsere Wohnung.)
Bei diesem Umweltbewusstsein war natürlich klar, dass wir am 08.12.2007 bei der Aktion „Licht aus!“ mitgemacht haben.
Um unseren Kindern zu zeigen, dass aktive Teilnahme am Klimaschutz auch unglaublich viel Spaß machen kann, haben wir einen Ausflug gemacht. Wir wanderten, bepackt mit Schafsmilchkäse, zur Warschauer Brücke und blickten gegen Nordwesten, um zu sehen, wie Berlin erlischt.
Es war absolut phantastisch. War Sekunden zuvor noch der ganze Hochhausblock, der uns die Sicht auf das Rote Rathaus und den Fernsehturm versperrte, erleuchtet, so gingen um 20 Uhr während eines Wimpernschlags nahezu alle Lichter aus.
Auf der Brücke hatten sich kleine Grüppchen von Schaulustigen versammelt. Ein Raunen ging durch die Reihen. Berlin, stockdunkel.
So schnell konnten die Zapfen und Stäbchen in der Netzhaut gar nicht adaptieren! Erstaunensstille! Ein großartiger Moment! Unvergesslich! Einmalig! Grandios!
Doch dann schüttelte mich das Kind 1.0. „Ey, Stiefmutter, ist jetzt schon acht oder was?“ Verwirrt schaute ich auf die Uhr. 20.03 Uhr, alle Glühbirnen unverändert erleuchtet. Nichts passiert. Ich war einfach nur über dem Geländer der Brücke eingeschlafen.

Gaijin Bedfight

Alle drei Monate beschließt das Kind 2.0 gegen 3.00 Uhr nicht mehr zu schlafen. Es spuckt dann den Schnuller aus, um sich wenige Sekunden danach wie ein Staubsauger zu gebärden und den Matratzenboden abzusuchen. Wenn es den Schnuller nach drei Millisekunden nicht gefunden hat, weint es.
Hilft man bei der Suche, so lässt sich das Baby flink lange Fingernägel wachsen um dann jede mütterliche Körperstelle, die nicht stoffbedeckt ist, zu zerkratzen.
Es trommelt freudeerfüllt auf dem Bauch, zieht die Spieluhr auf und macht Kunststückchen.
Dabei macht es ein Gesicht wie ein dressierter Seehund und klatscht jaulend in die Hände.
Ab da geht der Houseshow-Wrestlingkampf los.
Entrance der Teilnehmer: Die schlaftrunkene Mutter (Sleepy big Mummy) steigt in den Ring und klatscht vorher die Hände des ebenfalls schlafbedürftigen Vaters ab, der im weiteren Verlauf jedoch keine aktive Rolle übernehmen wird. Ihr Gegenüber, der Heel Baby the Nappypooping Poo schenkt dem Publikum keinerlei Beachtung und steht locker, fast gleichgültig an die Gitterstäbe des Babybettchens gelehnt.
Die Mutter greift sofort an und versucht das Match mit einem Pinnfall zu beenden.
Das Baby, eingeölt von oben bis unten, entkommt dem Cover und windet sich wie ein Aal in Freiheit, erklimmt das über dem Bett befindliche Musikmobile und attackiert die überraschte Mutter mit einem High-Flyer.
In der Zwischenzeit geht bereits die Sonne auf. Die Augenringe der Mutter haben furchterregende Ausmaße angenommen. Die letzten Kräfte werden mobilisiert, die finale Aktion fällt, Sleepy big Mummy zwingt Nappy Poo erst mit Hilfe eines Neck Holds, dann mittels Hip Lock und schließlich durch den Flying Fall in die Knie.
Das Kind lässt sich hinlegen. Es schläft. Der Wecker klingelt.

Mama bringt Baby schlafen

Gorillaintelligent

Da Kinder erst so spät anfangen sich verbal zu äußern, haben wir uns entschlossen, unserem Nachwuchs Babyhandzeichen beizubringen. Schließlich ist es ziemlich mühsam aus dem natürlichen Verhaltensrepertoire eindeutig herauszulesen, was Baby gerne möchte.
Man kennt das ja. Kurz vor dem elterlichen Zubettgehen, hält man ein rosabackiges Baby im Arm, dem die Äuglein fast zufallen. Man wickelt noch mal, das Baby gurrt, man stillt ein letztes Mal und legt das Kindchen in die Wiege. Kaum hat der eigene Kopf das Kissen berührt, krakeelt es plötzlich aus dem Babybett.
Jetzt beginnt die Suche. Hunger? Kann eigentlich nicht. Windel voll? Beherzt schnüffelt man am Popo, kann nichts ausmachen, weckt zur Sicherheit den Partner, damit dieser ebenfalls schlaftrunken eine Briese Windelduft inhalieren kann. Nein, die Windeln ist es nicht. Zu kalt, zu warm? Ein Griff in den Nacken widerlegt auch diese These.
Schnuller rausgefallen? Ne, der sitzt bombenfest. Bauchweh? Man reibt prüfend ein wenig die Babyplauze, kein Wind entweicht.
Man starrt den Säugling an, der starrt zurück. Auf die höfliche Frage, was denn nun fehle zum Glück, antwortet dieser nur mit einem gleichgültigen „Örks“.
Wie praktisch wären hier die Babyhandzeichen!
Gesagt getan. Nach nur wenigen Monaten beherrscht das Baby die Grundzeichen und die eben geschilderte Situation stellt sich wie folgt dar.
Eltern: Hast Du noch Hunger? (Zeichen für Milch)
Baby: Zeichen für Milch.
Aha! Baby wird gestillt, schläft an der Brust selig lächelnd ein, wird in die Wiege gelegt.
Baby: Rähhhbääääh
Eltern: Ist die Windel voll? (Zeichen für Kacka)
Baby: Zeichen für Kacka, Kacka, Kacka
Eltern denken: Ohje viel Kacka.
Baby wird gewindelt. Man findet die sauberste Windel seit Öffnung der Windelpackung vor. Man wird skeptisch.
Baby in der Wiege: WäääähhHHHHHhhhh!
Eltern starren ratlos in die Wiege.
Baby: Zeichen für Milch, Zeichen für Kacka.
Eltern: Grrrrr.
Baby: Milch, Milch, Milch!
Eltern stellen sich schlafend.
Baby: Mama Kacka! (Wirft Gebärdenzeichen per Schatten des Nachtlichts an die Wand).
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