Wählt links – das macht gesund, reich und alle Babys werden immer durchschlafen

Bahnhof

Die systematisierte Drittgenerationskontingenz hat in jüngster Vergangenheit zu einer Erhöhung der Aktionsparalaxe geführt. Dabei ist nicht zu vergessen, dass die marxistischen Antidependenzen der allgemeinen Inkontertabilität zum Opfer gefallen sind.

Die ambivalente Aktionsebene torpediert an dieser Stelle die weltweit kompensierte Avisierung der induktiven Change-Management-Aktion der Hybridisierung.

Ich äh… so geht es mir manchmal wenn ich Texte lese. Ich versteh‘ einfach nix.

Frisch von der Uni hatte ich noch ein ganz beachtliches Arsenal an Fremdworten in meinem aktiven Wortschatz. Doch ach, das schnöde Alltagsleben, die duziduzi Kinder, vielleicht auch nur meine Altersverblödung… ich verstehe einfach immer weniger.

Die Welt ist zunehmend komplexer geworden. Wie soll ich das auch verstehen? Globalisierung, Bankensysteme, Immobilienmärkte, Gentrifizierung, Europa, der Nahostkonflikt, das US-Wahlsystem etc. etc. etc.

Alles viel zu komplex für mich um das wirklich zu verstehen. Ich bemühe mich. Lese „Zeitung“, lese Bücher, höre mir Vorträge, Paneldiskussionen und Podcasts an – doch am Ende… wie viel habe ich wirklich verstanden?

Hinzu kommt, was ich oben schreibe. Komplexe Zusammenhänge werden von klugen Menschen oft mit vielen Fremdworten, verschachtelten Sätzen, mit Exkursen und Studienergebnissen erklärt.

Mein internetkaputtes Gehirn, meine nervöse Aufmerksamkeitsspanne, mein Arbeitsspeicher, der mit Alltagsfragen gefüllt ist (wann muss ich die Kinder nochmal abholen? Hab ich das Fälligkeitsdatum ins Ticket geschrieben? Welchen Teil meiner Altersvorsorge kann ich nochmal steuerlich absetzen?) und mein dünnes Nervenkostüm zucken schon zusammen wenn ich auf einen Text stoße, der mit Longread gekennzeichnet ist. Ich bin schnell überfordert.

Ich glaube, es geht nicht nur mir so.

Ich verstehe die Welt nicht mehr

Warum erzähle ich das nochmal? Achja.

Ich bin auf der Suche nach Antworten. Spätestens nach dem Wahlsieg von Trump, der mich unvorbereitet in meiner zarten „zu 80% gewinnt Clinton“-Filterbubble erwischt hat, sorge ich mich ernsthaft.

Die AfD Wahlerfolge der jüngsten Vergangenheit, das Europa, das bröckelt, der Putsch in der Türkei… um mich herum bricht alles zusammen.

Und ich bleibe hilflos zurück. Wählen gehen. Ja, ja. Als würde das helfen. Ich gehe wählen seit ich 18 bin. Keinen fucking Volksentscheid habe ich ausgelassen. Immer Gebrauch von meiner Stimme gemacht. Und hat es geholfen?

Spoiler: Hat es nicht.

Und wird es für die nächste Bundestagswahl helfen?

Ich sach ma so: ich bin nicht zuversichtlich.

Ich weiß nicht, wie ich jetzt den gedanklichen Bogen bekomme, aber ich rätsle seit Monaten warum bestimmtes (rechtes) Gedankengut immer erfolgreicher wird.

Die Schlechtigkeit der Menschen alleine kanns nicht sein. Die Menschheit ist ja nicht plötzlich schlechter geworden. Aber irgendwie werden mehr Menschen mobilisiert sich erzkonservativen bis rechtem Gedankengut anzuschließen und während es immer mehr werden, „man“ nicht unsichtbar unter der 5% Hürde dahinkrepelt, kann „man“ sich auch gerne mal öffentlich bekennen, muss sich auf Pegida Demos nicht mehr schämen in laufende Kameras zu sprechen.

Aber warum ist das so?

Mich beschleicht das leise Gefühl, dass das Ganze etwas mit Komplexitätsreduktion zu tun hat.

Sag es einfach, dann kann man es verstehen

Die unverständliche, vielschichtige Welt macht vielen Menschen Angst. Es wird immer schwerer einen stabilen Erwartungshorizont zu bilden, sichere Vorhersagen über die Zukunft zu machen. Was genau erwartet uns?

Düster sieht die Zukunft aus. Ungewiss. Auf jeden Fall wirds nicht besser werden. Mehr Geld werden wir auch nicht haben.

Und wer oder was ist schuld?

Da will man nun nicht lange in irgendwelchen multikausalen Erklärungsmodellen rumgraben.

Es gibt doch einfache Antworten: Die Ausländer, die Frauen, die linksversifften Gutmenschen und die Veränderung an sich.

Daraus lassen sich schöne Parolen stricken. Ganz wunderbar einfache wenn-dann-Beziehungen. Scheinbar höchst logische Zusammenhänge.

Die kann man sich merken, die kann man verstehen, die kann man wiederholen.

Mit dem „Danke Merkel„-Mem kann man sich über solche vereinfachten Zusammenhänge lustig machen. Egal was ist, egal was stört, Frau Merkel ist schuld. Die Milch ist sauer? Danke, Merkel! Der Lidstrick verwischt. Na, vielen Dank, Frau Merkel. U-bahn verpasst. Danke, Merkel.

Ich glaube, das ist, was die Rechten „richtig“ machen. Komplizierte Zusammenhänge einfach erklären und dabei auch einen scheiß darauf geben, was die Statistik oder sonstige Analysen sagen.

Dir gehts schlecht? Die Flüchtlinge sind schuld.

Die Rente ist knapp? Die Ausländer im allgemeinen sind schuld.

Dein Job ist weg? Die Frauenquote ist schuld.

Kann man sich dann auf Schilder malen oder vor sich her schreien.

Die Linken hingegen: An den niedrigen Renten ist die Riester Rente und die Agenda 2010 schuld, die zwar mehr Menschen Arbeit verschaffte, allerdings in prekären Arbeitsverhältnissen. Es war absehbar, dass das Rentensystem erodieren würde.

(Ich hätte das jetzt noch komplizierter schreiben können, aber der Unterschied wird deutlich. Schreiben Sie sich mal ein Demo-Schild zu diesen Zusammenhängen…)

Sie erklären sich zu Tode.

Was ich sagen will: Ich sehe Rettung in der Veränderung der Sprache und zwar die der sogenannten Linken/Linksintellektuellen.

Keine Vorträge mehr, sondern klare Ideen

Es geht eben nicht darum in ellenlangen Doktorarbeiten mit Fakten aufzufahren, sondern darum die linken humanistischen Ideen einfach runterzubrechen.

Ich weiß auch nicht genau, wie das gehen soll. Ich selbst bin nicht in der Lage die entsprechenden Narrative himmelherrgott Parolen und Schlagworte zu erfinden – aber vielleicht gibt es andere. Andere, wortgewandte Menschen, die schaffen all das, was ich für erstrebenswert halte (Umweltschutz, Toleranz, Gleichberechtigung, Sozialsysteme, Europa, Menschenrechte) in kurze, knackige Botschaften zu packen und damit unsichere Wähler:innen oder Nichtwähler:innen zu erreichen.

Ach, mir gelingt es nicht alle Gedanken auf einen Punkt einzudampfen. Deswegen hole mich mir Hilfe:

Wenn es um den politischen Diskurs mit dem politischen Gegner geht, versuchen die braven Bürger […] zu überzeugen. Wir glauben, dass wir mit besseren Argumenten die wachsende Gruppe an Obskuranten in die Mitte der Gesellschaft zurückführen können. Wir hoffen auf unseren Humanismus und stehen sprachlos vor Trump’schen Methoden der “postfaktischen Welt”, in der egal ist, was stimmt und was nicht stimmt.

[…]

Während uns der politische Gegner mit Halbwahrheiten und Gerüchten manipuliert, widerkaubares Infofutter serviert und Wähler vom Wählen abhält, glauben wir immer noch, dass wir die Neue Rechte mit guten Argumenten überzeugen können.

Quelle: Liberale müssen Populismus lernen

Werden wir aber wohl nicht können. Und in der Kindererziehung ist es ganz einfach (um mal was als Mutti zu sagen): Wenn eine bestimmte Erziehungsmethode nicht wirkt, dann wirkt es leider auch nicht wenn man diese Erziehungsmethode hundert mal einsetzt. Was hilft, ist meistens mal was neues zu probieren. Was völlig anderes. Irgendwas, gegen das das Kind nicht schon eine Immunität ausgebildet hat.

Und vielleicht ist es an der Zeit, dass nicht mehr doziert wird und die komplexe Welt in multivariaten Varianzanalysen auseinander genommen wird, sondern es ist an der Zeit alles in schöne kleine, gut zu verdauende Häppchen zu schnippeln.

Nur dass wir linksversifften Gutmenschen im Genderwahn den Belag der Häppchen selbst bestimmen.

Nachtrag zum Thema unterschiedliche Meinungen

Persönlich kann ich es ziemlich gut aushalten, dass es unterschiedliche Meinungen gibt [1]. Ich mag das Medium Blog tatsächlich auch, um die eigene Meinung einmal zu ordnen und dann „zu Papier“ zu bringen.

Wenn es dann unpöblige, sachliche Antworten gibt, hilft mir das, meinen eigenen Standpunkt zu prüfen und Achtung! zu überdenken.

In manchen Fällen ändere ich sogar meine Meinung.

Öffentlich einsehbares Paradebeispiel: meine Haltung zu Kinderfotos im Netz. Erst war ich völlig dagegen – dann habe ich Caspar Clemens Mieraus Artikel gelesen, der gute und wichtige Argumente bringt, die mir bis dahin entgangen waren. Die Argumente haben eine Zeit in mir gearbeitet und während ich dann den Vortrag für die denkst ausgearbeitet habe, hat sich plups 11 Monate später meine Meinung geändert.

Ich empfinde das als positiv und v.a. als Weiterentwicklung. Ich mag den Diskurs. Denn – auch wenn ich es gerne wäre – ich bin nicht allwissend, habe nie alle Fakten und Perspektiven im Blick und meine Gefühle sind manchmal einfach da ohne dass ich überhaupt weiß worauf genau sie fußen.

Ich habe das Gefühl, dass Meinungsänderungen nicht sehr populär sind. So wie es auch keine Kultur gibt, die es zulässt, dass man Fehler macht und daraus lernt.

Offenbar ist es besser eine Haltung auf Biegen und Brechen zu haben, die für alle Zeiten zu vertreten und alle anderen Auffassungen nicht gelten zu lassen. Die Meinung zu ändern (sich vielleicht im Extremfall sogar zu entschuldigen, weil man tatsächlich etwas falsch gemacht hat), wird einem als Charakterschwäche ausgelegt, als Instabilität, als Verweichlichung.

Damit man die eigenen Haltungen überhaupt überdenken kann, braucht es aber den Diskurs.

Doch konstruktiver Diskurs – am Ende vielleicht mit einer Art Comic Relief, weil man den nötigen Abstand zu sich selbst und der eigenen Haltung gewinnt und es schafft, sich über sich selbst lustig zu machen – ist jedoch ebenfalls höchst unerwünscht.

Ich beobachte in Netzdiskussionen meiner Elternfilterbubble sehr oft diesen Verlauf: Ich hab Meinung A! Ich hab Meinung B! Dritte Person: Jetzt hört sofort auf zu streiten! Jede/r soll machen was er will. Leben und leben lassen!

Wenn ich aber genau nachlese, dann erkenne ich oft gar keinen Streit, gar kein gegenseitiges Angehen und gar kein Runtermachen der anderen Position sondern lediglich ein sofortiges Zurruherufen.

Ich würde mich wirklich gerne mal reiben können, ohne dass die ungefragten Schlichter/innen kommen und beiden Parteien den Mund verbieten.

Wie gesagt: Ich kann andere Meinungen gut aushalten (solange sie sachlich vorgetragen werden) und ich kann gut hinhören. Tatsächlich liebe ich Blogs auch nach mehr als einem Jahrzehnt, weil sie mir immer wieder ein Tor zu einer anderen Welt öffnen.

Wie soll denn sonst Weiterentwicklung stattfinden?

Ich finde es schade, wenn man sich hinstellt und sagt: Das ist eben meine Meinung und so ist das und mir ist egal, was du sagst, weil das ist ja nicht meine Meinung.

Einmal durchatmen und die Argumente der Gegenseite kurz an sich rankommen lassen, würde vielleicht schon helfen für mehr Verständnis oder mehr Rücksichtnahme und zwar ohne dass man sein eigenes Verhalten komplett ändert oder die eigene Meinung um 180 Grad dreht.

Zuhören auch wenn es unbequem ist, das würde vielleicht in bestimmten Situationen Lösungsansätze schaffen, die man so nie gesehen hätte. Eventuell entstehen am Ende manchmal sogar Kompromisse, mit denen beide Seiten (besser) leben können.

Das geht natürlich nur, wenn man überhaupt bereit ist, seine Position zu verändern (und sei es nur um drei Millimeter). Das ist natürlich Arbeit. Bequemer ist es zu sagen: ich mache das schon immer so, warum soll ich das jemals ändern? Ich mache also mein Ding für immer weiter und du eben deins.

 


[1] Mittelteil Normalverteilung, Ränder rechts und links ausgeschlossen

P.S. Die Bemerkung, das Patriarchat reibe sich die Hände, wenn sich Mütter an bestimmten Themen reiben, geht für mich in die selbe Richtung… Mütter dürfen also untereinander keine Reibung haben, weil sie sonst dem Patriarchat zuspielen? Also sollen sie lieber ruhig sein, sich gegenseitig ignorieren und Harmonie vorgaukeln?

P.P.S. Ich meine keine bestimmte Person. Der Artikel versucht nur meine Beobachtungen der letzten Tage und das damit verbundene Gefühl zusammenzufassen – und da haben ziemlich viele, unterschiedliche Menschen was gesagt.

#Bastelgate

Adventskalender
pixabay @condesign
Basteln als Politikum

Ich mache mich ja immer wieder darüber lustig, dass man als Eltern  zum Basteln genötigt wird. Es gibt unterjährig viele Anlässe. Mindestens zur Laternenzeit und Weihnachten kommt man kaum drumherum.

In meinem Blog habe ich (toitoitoi) eigentlich nie hitzige, unsachliche Diskussionen oder angreifende Kommentare. Es sei denn, ich schreibe über das Basteln.

Das ist höchst erstaunlich. Basteln ja/nein kann tatsächlich einfach aufgenommen werden in die Liste Familienbett ja/nein, impfen ja/nein, Stillen ja/nein.

Menschen, die basteln zu kritisieren, ist offenbar damit gleichzusetzen ihre generelle Art zu leben zu kritisieren.

Ich habe gestern einen Artikel (Rotwein, vielleicht) über den Zwang des Adventskalenderbasteln auf Twitter verlinkt und damit eine Diskussion zum Thema Adventskalender ausgelöst, die ich sehr interessant fand.

In der Elternblog-Szene gibt es anscheinend einen Authentizitätszwang

Mal abgesehen davon, dass ich es fast schon belustigend finde, wie wörtlich manche Texte genommen werden. Die Autorin schreibt z.B.

Das muss man alles nachts machen, wenn die Kinder schlafen. Darf dabei nicht rauchen, wegen der Kinder. Darf keine laute Musik dabei hören, weil die Kinder schlafen. Darf nicht kiffen, kein MDMA, kein Speed, kein Koks, kein Heroin nehmen. Rotwein vielleicht.

und

Oder würdet ihr von eurem Mann verlangen, er soll euch beim Weihnachtskalenderbasteln helfen? Ich glaube, ich könnte mit meinem Mann nicht mehr schlafen, wenn er mir beim Weihnachtskalenderbasteln geholfen hätte. Frauenkleider dürfte er tragen, oder Kuchen backen, oder Knöpfe annähen. Aber Beutelchen befüllen? Nein!

Darauf dann die Frage: „Warum sollte der Mann nicht basteln dürfen?“, „Warum sollte man keinen Sex haben wollen, mit Partnern, die basteln?“ „Wieso sollte man Drogen nehmen wollen, wenn man basteln muss?“

Herrje. Ich kenne diese Reaktionen aus meinen Amazon Buchkritiken. Meine Einsternbewertungen werfen mir beispielsweise vor:

„Es sind keine Erfahrungsberichte, sondern schlicht an den Haaren herbeigezogene Geschichten.“

„Überdrehte Mutter, da würde ich als Kind ausrasten, so wie diese es auch tun.“

„[…] sehr weithergeholt und übertrieben“

Ja, liebe Leserinnen und Leser, es tut mir ja leid, aber ich überspitze die Geschichten rund ums Elternsein, manchmal erfinde ich sie sogar komplett, weil es mir um ein bestimmtes Thema geht, das mir im Muttersein begegnet und ich verarbeite es, indem ich mich darüber lustig mache.

Ohne Frau Ruth zu kennen, würde ich jetzt auch behaupten, bestimmt hat sie nicht wirklich vor beim Basteln Heroin zu nehmen und womöglich würde sie weiterhin Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner haben, selbst wenn er energisch nach dem Bastelkleber greift.

Mal abgesehen davon, dass also manche alles sehr wörtlich nehmen, ist doch interessant, wie viele Emotionen der Artikel wecken kann.

Im Wesentlichen spannen die ein Spektrum zwischen „I feel you“ bis „JETZT LASST DOCH DIE ARMEN MENSCHEN BASTELN“ auf.

Tatsächlich hatte ich dann plötzlich auch eine Emotion. 2012 habe ich dazu schon geschrieben: „Ich glaube, 80% der anderen machen Dinge selbst, um Menschen wie mich in den Wahnsinn zu treiben.“

Und ja, das ist auch übertrieben und ja, ich würde 2016 nicht mehr schreiben, dass ich Menschen hasse, die basteln – aber es bleibt bei einer Sache:

Basteln kann nicht jede/r

Ich finde wirklich (auch wenn das eine Sache der Prioritäten ist) – man muss zum Basteln erstmal Zeit haben. Und so albern das klingen mag, es gibt Lebenssituationen – im Extrem wenn man alleine für einen Haushalt mit mehreren Kindern verantwortlich ist – die das Zwangsbasteln und Selbermachen zur Belastung werden lassen.

Um durch den Alltag zu kommen, habe ich also alle Aufgaben priorisiert und prüfe: was muss ich machen, was ist optional, was kann ich irgendwie ersetzen.

Und nein, manche Dinge im Eltern-Kind-Umfeld kann man nicht einfach ignorieren. Für mich gibt es oft eine Art Bastel/Back/Klöppelzwang

Wenn das ganze Umfeld Adventskalender bastelt und befüllt, dann viel Spaß bei der Aufgabe, den Kindern für 1,99 einen gekauften Kalender in die Hand zu drücken.

Mal abgesehen davon ist basteln oft teuer. Wenn man bereits Besitzerin eines Bastelarsenals ist, dann ist das einem vielleicht gar nicht so bewusst. Um beim Thema Adventskalender zu bleiben, bei drei Kindern und einer Befüllung pro selbstgefalteten Adventskalendertürchen von 1 Euro plus Bastelmaterialen (5 Euro) ist man bei 87 Euro.

Bitte verschont mich also mit der Aussage, das sei doch alles kein Problem.

Natürlich hat das was mit Konsum zu tun und natürlich kann sich das nicht jede/r leisten und zwar sowohl was den Zeitaspekt als auch den finanziellen Aspekt angeht.

Und das finde ich, darf man durchaus berücksichtigen.

Und ja es gibt schöne Alternativen, z.B.

Und wenn auch einiges aus meinem Text von 2012 anders formulieren würde, diese Aussage bleibt:

„Ich habs ja versucht. Aber ich schaffe das nicht. Ich schaffe nicht 30 Stunden zu arbeiten, den Haushalt, die Kinder zum Sport zu bringen, Laternen zu basteln, Plätzchen zu backen, dabei immer schick auszusehen, ICHWILLDASNICHT und ich will nicht, dass die anderen mir ständig zeigen, was sie alles selbst machen.“

Und deswegen fand ich den Text von Frau Ruth so toll.

Adventskalender basteln ist (wie alles andere) nicht Privatsache

Denn ja, den Druck mache ich mir zum Teil selbst, aber ab einem gewissen Grad gibt es auch kein Entrinnen. Ein Kind, das umgeben ist von Kindern, die jeden Tag ein gekauftes Spielzeug in einem selbstgebastelten Kalender finden, muss schon ganz schön bearbeitet werden, um sich nicht zu fragen: Warum alle andern und ich nicht?

Es geht in der Sache der Adventskalender also v.a. um den bereitgestellten Inhalt und Zitat: „Noch schlimmer wird es dadurch, in dem man bereit ist, dem Konsumwahn auch noch eine persönliche Note durch eine Aura des Handgemachten zu verleihen„.

So und jetzt gehe ich basteln. Es gibt nämlich keine Lösung für dieses Dilemma. Denn das was man tut, hat eben auch Auswirkungen auf andere. Ob man will oder nicht und ich finde, dessen darf man sich wenigstens bewusst sein. Ob man dann in diesem Wissen Rücksicht nehmen kann oder möchte, ist nochmal eine andere Frage.

Leider ist es eben sogar beim Adventskalender so, dass das was man selbst tut, nicht im luftleeren Raum steht.

Justin Bieber! Halbnackt!

Bieber
Eine Influencerin durfte in das Mikrofon sagen, warum sie Justin Bieber gut findet: „Weil er saugeil aussieht und so saugeil singt“ Ich schließe daraus, dass Justin Bieber ein Sänger ist.

Chameen Loca!
Fabian Siegismund!
MrTrashpack!
Katja!
Jonas!
Moritz!
Ana Lisa Kohler!
Nona Kanal!
Typisch Kassii!
Anne Wünsche!
Brenda Black!
Josephine Welsch!
Henning Mertens!
MayaRe!
Thien Nguyen!
Marvyn Macnificent!
Ambre Vallet!
Jack Strify!

Sie alle würden kommen! Alle! Um der Enthüllung der neuen (!) Justin Bieber Figur [1] beizuwohnen.

Ich bin völlig aus dem Häuschen! KATJA kommt!

Äh? Katja? Wer ist das? Und wer sind die anderen?

Ich frage Kind 1.0. Diese Jugend! Die kennt diese YouTuber doch! Ich verlese mit dramatischer Stimme die Liste der Influencer. Kind 1.0 zuckt mit den Schultern. Nie gehört. 400.000 Abonnenten. 180.000 Abonnenten. 700.000 und oh 25? (Interessanter Range)

„Doch, ich glaube zwei kenne ich!“

Dieses Kind! Dieses lesesüchtige Kind. Schaut kein Fernsehen und kennt die angesagten YouTuber nicht.

Ich erinnere mich genau, als es eines Tages mit blauen Auge an den Frühstückstisch trat. OMG! Was war passiert? Das arme Kind hatte nachts heimlich gelesen. Einen dicken 600 Seiten Schmöker. Das Kind lag am Rücken im Bett, das Buch über den Kopf haltend und dann haben es auf Seite 124 die Kräfte verlassen. Es konnte die Arme nicht weiter nach oben halten und dann ist ihm das Buch aus der Hand geglitten und aufs Auge gefallen.

Das hatte es nun vom heimlichen Lesen. Pfui!

Und sieben Jahre später die zweite Quittung: Es. kennt. kaum. YouTuber.

Was haben wir bloß falsch gemacht?

Dabei fand ich die Idee total super. Ich – endlich auf einem supercoolen Event eingeladen – könnte Kind 1.0 überreden einen gemeinsamen Abend mit mir zu verbringen.

Angie und ich - ein Feuerwerk der Herzlichkeit
Angie und ich – ein Feuerwerk der Herzlichkeit

Ok, ok. Ich gebe zu. Ich wollte auch endlich mal ins Madame Tussauds. Zuletzt war ich als Dreizehnjährige in London im Madame Tussauds. In der Präselfiezeit. Ich frage mich, was man da gemacht hat? Hat man sich tatsächlich die Figuren einfach angeschaut?

Ich fands damals jedenfalls toll.

Naja und streng genommen, war ich (zunächst) erstmal auch gar nicht eingeladen.

Und er tut so, als sei nichts.
Und er tut so, als sei nichts.

Tatsächlich war ich sehr betrübt, als ich hörte, dass alle Mama-Bloggerinnen eingeladen waren. Nur ich nicht.

Der Herzensbrecher [Justin Bieber] ist als erste Wachsfigur mit freiem Oberkörper zu sehen.
Die Fans können so sein Sixpack hautnah berühren, seine Tattoos genauestens anschauen und heißeste Selfies mit dem Sänger schießen.
Die Wachsfigur steht in einer Multimediainstallation, die unter Laserlichtstrahlen seine größten Hits spielt.

Zum Glück war sich meine Filterbubble schnell einig: Auf keinen Fall wollte sie bei diesem Event dabei sein. Niemals nicht.

Ich hingegen schon. Also erbat ich mir unterwürfigst Einlass und weil die anderen ja abgesagt hatten, gab es noch ein Plätzchen.

Und tatsächlich hatten wir großen Spaß.

Wobei ich sagen muss, diese Wachsfiguren sind schon spooky. Manche sehen total echt aus und stehen einfach hinter der nächsten Ecke und lächeln einen leer an.

Helmut Kohl zum Beispiel hat mich sehr erschreckt.

Es ist außerdem sehr schwer Wachsfiguren als Wachsfiguren zu behandeln. Als es beispielsweise um die Enthüllung der Justin Bieber Figur ging, stand ich in gebührlichen Abstand vor dem sitzenden Harry Styles (ein Sänger der Pop-Kapelle One Direction [2]). Allerdings wurde es dann sehr, sehr voll und ich sage euch: mit Promifotografen ist nicht zu spaßen. Die haben Ellebogen. So ein gutes Foto schießt sich offenbar nicht mit Geduld und Höflichkeit.

Jedenfalls irgendwann klebte ich mit meinem Hintern im Gesicht der Harry Styles Wachsfigur – wohlwissend, dass es sich um eine Wachsfigur handelt – doch uhhh das war unangenehm, schließlich drückt man nicht ungefragt sein Gesäß in anderer Menschen Antlitz.

Auch Wachsfiguren haben eine intime Distanzzone, in der ich nicht stehen möchte. Außerdem hab ich Harry die Sicht auf Justin versperrt. Auch nicht schön.

Keine Bieber

Tatsächlich habe ich da an Westworld denken müssen. Respekt all denen, die glauben zwischen Mensch und Host unterscheiden zu können. Ich könnte nicht auf Hosts schließen oder sie respektlos behandeln.

Als endlich Platz genug war, habe ich mich also neben Harry gesetzt und voller Bewunderung die Promifrauen beobachtet. So dünn! So zart! So groß! So viel Makeup. Irre viel Makeup. Tonnen davon. Genug Makeup für alle. Und Wimpern. Wimpern auf Wimpern. Doppelwimpern. Toll. Es war ja so voll, dass ich diese gedoppelten Wimpern von der Seite sehen konnte.

Es war ein aufregender Abend. Ich hab alle Anwesenden gegoogelt, viel über das Posieren gelernt und Kind 1.0 durfte noch im Auftrag der Promis Fotos derselbigen machen.

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Ganz am Ende bekamen alle, die nicht wir waren, Kopfhörer geschenkt. Da war Kind 1.0 doch ein wenig ungehalten, dass ich nur so eine unbekannte Bloggerin bin. Tja. Wär‘ es eben selbst bekannter YouTuber geworden! Aber nein! Es wollte ja immer lieber le-sen.


[1] Justin Bieber gab es tatsächlich schon. Als blutjungen 18jährigen konnte man ihn bewundern. Der neue ist 22. So wie der echte Justin Bieber. Das ist sehr verwirrend. Denn der alte Justin ist der junge Justin und der neue ist jetzt der aktuelle Alte.

[2] Nie gehört.

Aufstand der Würstchen

Würstchen, arme
@Alexas_Fotos Pixabay
Wer lauter schreit, bekommt nicht automatisch mehr Respekt

In meiner Schulzeit hatte ich eine Lehrerin, vor der hatten alle Respekt. Ein Blick von ihr genügte und jedes Gequatsche erstummte. Ich kann mich nicht erinnern, dass es mal größere Konflikte zwischen ihr und den prototypischen Störern gab oder dass sie mal ihr Gesicht verloren hätte.

Ihre Regeln des Zusammenseins waren klar und fair.

Ich hatte zur gleichen Zeit einen Französischlehrer, der gerne rumschrie.

War das Schreien nicht genug, schlug er die Tür des Lehrerpults energisch zu. Er hat auch mit kleineren Gegenständen wie Kreide nach uns geworfen und viele vor den anderen Schüler:innen bloßgestellt indem er sie zum Weinen brachte und dann noch ekelhafte Sachen kommentierte.

In den höheren Klassen wurde der Unterricht bei ihm immer lauter und der Widerstand in der Klasse größer und einzelne wurden immer wieder aus dem Unterricht rausgeworfen. Am Ende hat ihn niemand mehr respektiert oder Ernst genommen. Im Grunde war es unmöglich überhaupt noch Unterricht zu machen.

Echte Männer sind sehr männlich

Daran musste ich denken, als ich heute den Werbetext „Männer, erobert Eure Männlichkeit zurück!“ las.

Was mir dazu nämlich einfällt ist: Die armen Würstchen. Wirklich. Mein Lehrer und auch der Autor, der dieses Buch „Nie mehr Mister Nice Guy“ und den verlinkten Text geschrieben hat.

(Der letzte Text, den ich verlinkt habe, wurde offline genommen. In höchstem Optimismus auf weitere Löschungen zitiere ich nun die Highlights des Textes.)

Zunächst wird der „Nice Guy“ beschrieben: Ein Mann, der „zu nett, zu nachgiebig, zu wenig selbstbewusst“ ist (tldr, wen es interessiert: Natürlich wie immer, auch 77 Jahre nach dem Tod von Siegmund Freud, ist am Ende irgendwie die Mutter schuld.)

Diese „Nice Guys“ halten sich übrigens für bessere Männer, weil sie glauben,

dass sie weder wütend werden noch ungezügelte Ausbrüche haben,

dass sie nicht gewalttätig sind,

dass sie auf die Bedürfnisse von Frauen achten,

dass sie gute Liebhaber sind,

dass sie gute Väter sind.

Man muss sich das also vorstellen. Es gibt also offenbar eine Art Irrläufer-Mann (Nice Guy!), der

  • seine Gefühle reguliert,
  • nicht gewalttätig ist,
  • auf die Bedürfnisse von Frauen (OMG) achtet,
  • der beim Sex womöglich mehr kann, als ausschließlich seinen Penis zu seinem eigenen Spaß einzusetzen und
  • der an Gleichberechtigung interessiert ist UND
  • in diesem Kontext vielleicht sogar wert auf eine gute Vater-Kind-Beziehung legt und aktiv Carearbeit übernimmt.

Hart, oder?

Ich persönlich kenne gleich mehrere solcher Männer. Muss man sich mal vorstellen.

Offenbar wollten diese verwirrten Männer mit einem bestimmten Typ Mann nichts zu tun haben:

Solange Nice Guys mit anderen Männern nichts zu tun haben wollen oder glauben, dass sie anders als diese sind, entziehen sie sich selbst die vielen positiven Vorteile männlicher Kontakte und die Kraft, die in der Gemeinschaft mit Männern liegt.

Pfui!

Zur Männlichkeit gehören auch Stärke, Disziplin, Mut, Leidenschaft, Durchhaltevermögen und Integrität.

Maskuline Energie steht auch für die Fähigkeit zu Aggression, zerstörerischem Handeln und Brutalität. Diese Merkmale machen Nice Guys – und den meisten Frauen – Angst, weswegen Erstere sich zumeist bemühen, sie zu unterdrücken.

Nochmal PFUI!

Es kommt aber laut Text noch schlimmer:

Eine der sichtbarsten Folgen der Unterdrückung ihrer männlichen Energie ist, dass Nice Guys in ihren Familien nicht die Führungsrolle einnehmen. Aus Angst, ihre Partnerin oder ihren Partner zu verärgern oder wie ihre eigenen kontrollierenden, autoritären oder gewalttätigen Väter zu wirken, übernehmen sie häufig nicht die Führung, wenn es um die Erfüllung der Bedürfnisse ihrer Familie geht

Es muss ja einer die Führung haben! Etwas gemeinschaftlich zu tun, kooperieren und aushandeln? Das kommt natürlich auf keinen Fall in Frage.

Ich kann da wirklich, wirklich nur mitleidig mit den Schultern zucken.

Um Macht zu erhalten, wird gerne mal das Damals™ beschworen

Ich muss da an all die Clebers, Fleischhauers, Oettingers, Martensteins und Matusseks denken, die sich offenbar auf vielen Ebenen ihrer Privilegien und ihrer Macht beraubt sehen.

Es ist wahrscheinlich viel einfacher sich auf die Brust zu trommeln und in so einem Fall zu rufen: „ABER FRÜHER! FRÜHER HAT ES DAS NICHT GEGEBEN! FRÜHER HABEN NOCH ALLE GEHORCHT! DA HAT MICH NIEMAND IN FRAGE GESTELLT! NIEMAND HAT MICH KRITISIERT!!!“ als dass man reflektiert und sich fragt: „Oh, ich verliere an Macht, ich verliere Respekt, ich kann meine Vorstellungen nicht durchsetzen? Huch! Woran liegt das? Hat sich etwa die Welt geändert? Muss ich mich am Ende gar entwickeln. Oh. Das ist aber unbequem.“

Also lieber wieder in die Steinzeit zurück, in der angeblich die Männer noch so sein durften, wie es ihnen in die Gene geschrieben wurde.

Tatsächlich werte ich Bücher und Aufrufe dieser Art zunehmend als positive Zeichen unserer Zeit. Offenbar ist es immer unzeitgemäßer sich wie ein Gorilla zu verhalten und die, die es trotzdem tun, ecken immer mehr an.

Da ist es nur folgerichtig, dass man versucht sich Verbündete zu suchen, dass man versucht besonders laut und aggressiv zu sein, um den Anschein zu erwecken bedrohlich und machtvoll zu sein.

Ich würde da vielleicht am Ende auch einem Männlichkeitskult anheim fallen. Mir gegenderte Gurken reinziehen:

Abends mit meinen Kumpels geballte Action im CineMen Kino anschauen:

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Quelle: Cinestar.de

Nur noch Männersache-Schokolade essen und alle Kochtöpfe wegschmeißen, nur noch blutige Steaks essen, in meiner Garage bei meinem Sportauto leben und mich in meiner Freizeit männlichen Hobbys hingeben wie ähhhh durch den Schlamm robben.

Wird am Ende aber auch nicht helfen, befürchte ich.

Und wer sich nun aufregen möchte, dass ich „arme Würstchen“ sage. Würstchen ist einfach eine saloppe Äußerung, die ich gegenüber Penisträgern in keinster Weise respektlos meine.

Aber was weiß ich denn schon. Ich bin nur eine humorlose, leicht pummelige Feministin.

Die hinreichend gute Mutter

Natürlich wäre ich gerne eine gute Mutter. Eine perfekte Mutter. Warmherzig, verständnisvoll, kritisch, aber nicht überkritisch, verlässlich, aber nicht zu gluckig. Ich büke gerne am Wochenende, ich kochte jeden Abend gesundes, wohlschmeckendes Essen, könnte vielleicht sogar nähen, so dass ich unabhängig von der Rosahellblauindustrie den Kindern Kleidung schenken könnte. Ich wäre immer geduldig, nie laut, nie genervt, ein gutes Vorbild.
Nie würde ich vergessen ins Elternheft zu schauen, in den Ferien würde ich immer an die Brotdosen denken. Ich sähe auch nie zerknautscht aus, faltenfrei auch an der Hose, so dass ich jederzeit vorzeigbar wäre.
Peinliche Dinge sagte und täte ich nie, noch nie hätte ich gehört „Du bist die gemeinste Mama der Welt!“ noch nie „Ich mag dich nicht, du bist *******!!!“.

Doch – ach – ich bin all das nicht. Zumindest nicht immer.
Oft bin ich erschöpft, ungeduldig, manchmal vielleicht auch einfach faul. Ich schaffe es nicht meine Bedürfnisse immer hinten an zu stellen. Am Ende, ach, ach, bin ich ein Mensch.

Wie gerne habe ich deswegen das Interview mit Élisabeth Badinter in der Zeit Online gelesen.

Élisabeth Badinter sagt unter anderem:

Alle Mütter sind nur mittelmäßige Mütter. Weil sie Frauen, also Menschen sind.

Meine Therapeutin sagt mir das auch immer wieder: Mehr als eine hinreichend gute Mutter können sie nicht sein.

Am Anfang war ich empört. Das ist ja schön faul. Die perfekte Ausrede. Ich bin eben so. Was kann ich dafür?

So ist mein Anspruch an mich selbst nicht. In keinem Bereich. Nicht im Muttersein, nicht im Partnerin sein, nicht als Freundin, nicht im Arbeitskontext.

Mit der Zeit habe ich aber verstanden, dass diese Erkenntnis nicht ausschließt, dass man es nicht trotzdem versucht. Dass man nicht trotzdem jeden Tag versucht es besser zu machen.

An manchen Tagen gehe ich abends eben ins Bett und bin gescheitert. War ungeduldig, habe Dinge vergessen, war zu erschöpft, um aufmerksam zu sein, hab mich falsch verhalten.

Aber dann kommt eben ein neuer Tag und ich kann es wieder versuchen – nur eben nicht auf dem völlig überzogenen, nie zu erreichenden Ideal-Niveau – sondern mit der Erlaubnis zu scheitern und somit auch weichherzig für das Scheitern der anderen zu werden.

Den Perfektionismus in eine Ausstellungsvitrine zu stecken und ihn abzulegen, hat mich weich gemacht. Das tut unglaublich gut.

Der Perfektionismus davor hat mich nämlich streng und hart gemacht. Mit mir und auch mit den anderen, die es sich einfach gestatten zu scheitern, die mit 80% zufrieden sind. Die nicht abends todmüde noch durch die Wohnung kriechen und sie aufräumen. Die morgens nicht noch früher aufstehen, um alles geregelt zu bekommen.

Was fällt denen ein? Sie setzen sich mit einem Glas Wein in das unaufgeräumte Wohnzimmer und essen nach 18 Uhr Kohlenhydrate??!

Für manche ist es vielleicht nicht nachvollziehbar, aber für mich war es lange Zeit eine Qual nicht all dem nachzugehen, was ich dachte, was ich zu erfüllen hätte, von dem ich dachte, ich müsse es tun, weil „man“ es eben so macht.

Es ist ein ewiges Kämpfen gegen Windmühlen, mit zusammengebissenen Zähnen, den eigenen Schmerz, die eigene Erschöpfung, die eigenen Gefühle ignorieren.

Jetzt laufe ich dauerhaft auf 60 – manchmal auf 80%. Nie aber auf 100 und v.a. es tut mir nur noch selten weh, dass ich an den 100% so kläglich scheitere.

Am Ende kann ich jetzt nur hoffen, dass ich zwanzig Jahren nicht doch denke, ach hätte ich mich nur besser zusammengerissen, ach wäre ich disziplinierter gewesen.

Viel lieber wäre mir natürlich, dass ich mit meinen Kindern in meiner mittelgut aufgeräumten Wohnung säße, wir uns lachend unterhielten, während wir mittelgute Pizza, selbstbelegt, aber aus ausrollbarem Hefeteig äßen und uns alle einig wären, dass das schon OK so war.

Doch zurück zum Muttersein. Ich beobachte in meinem Umfeld interessiert die Mutter-Kind-Beziehungen der erwachsenen Freunde. Tatsächlich gibt es unter all meinen Freundinnen und Freunden genau drei Mütter, die für mich vorbildhaft sind was das Verhältnis zu ihren Kindern angeht. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie sind bedingungslos da für ihre Kinder wenn sie gebraucht werden und ansonsten – lassen sie ihren Kindern einfach alle Freiheiten.

Auch hierzu findet sich im Interview ein Satz zum Thema „Was macht eine gute Mutter aus?“

Die richtige Distanz. Eine gute Mutter ist eine, die es schafft, die richtige Distanz zu ihrem Kind zu halten. Und von denen gibt es sehr wenige. Ich würde sagen, sie sind so selten wie die Mozarts in der Musik.

Sie wird gefragt, ob sie denn selbst eine gute Mutter ist und sagt:

Nein, ich bin eine schlechte Mutter. Das sage ich immer, damit bin ich fein raus. Tatsächlich kann man das nie wissen. Häufig fällt man Entscheidungen, von denen man Jahre später denkt, das war totaler Blödsinn. Man weiß erst im Alter, ob man nicht alles falsch gemacht hat, nämlich dann, wenn die Kinder immer noch freiwillig zu Besuch kommen.

Jedenfalls, lest das Interview selbst. Es steht viel Gutes darin. Sie redet auch über die sich verändernden Väter, über die Väter, die bessere Väter (im Sinne von engerer Bindung zu den Kindern) werden, weil sie von ihren Partnerinnen getrennt sind, sie redet über Gleichberechtigung, über kulturell geprägte Rollenbilder und über die Rückrollbewegung zur „natürlichen Mutterschaft“.

Kann ich nicht alles unterschreiben, aber 80% und das ist für mich gut genug.

Wenn der Damm reißt, ist jede Frau froh, wenn die Füße wenigstens pedikürt sind

Gehört in jede Krankenhaustasche - ein paar Make-up-Pinselchen
Gehört in jede Krankenhaustasche – ein paar Make-up-Pinselchen

Magisch sei es ein Kind zu gebären. Mein Frausein erblühe endgültig! Ein Kind aus den Lenden zu pressen: wen könnte das nicht verzücken?

Und weil das alles so besonders ist und man ja auch Fotos macht, welche Frau denkt da nicht an pedikürte Füße, an eine Intimrasur und ein leichtes Make-up?

Hmmm?

Naaa?

Ob ich betrunken bin? Also weil ich das da oben schreibe?

Neee, ich habe auf den Seiten von dm Österreich gelesen.

Welche Mama hat sich beim Packen der Kliniktasche keine Gedanken über Kleidung, Aussehen, Kosmetikartikel gemacht?

und

Ein Friseurbesuch eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin, einmal Fußpflege, Maniküre samt Handmassage oder eine kleine Gesichtsbehandlung – das tut einfach gut. […]

Mit dem tollen Nebeneffekt, dass man danach auch noch besser aussieht.

Bitte lesen Sie unbedingt den verlinkten Artikel, ich habe es mehrere Male getan, weil ich es wirklich nicht fassen kann, weil ich wirklich nicht glauben WILL, dass es Frauen gibt, die sich selbst während einer Geburt Gedanken machen, ob sie schön genug sind und z.B. die Hebamme nicht mit dem Anblick unrasierter Beine beschämen.

Persönlich habe ich mir eher Gedanken gemacht, ob es mir unangenehm sein könnte, dass ich beim Pressen auf das Bett kacke.

Wohlfühlen sei das oberste Gebot, so der Artikel.

Ich kann einfach dieses Bild nicht los werden, wie eine Frau im Bad steht, alle 5 Minuten eine Wehe. Sie trägt mit schmerzverzerrtem Gesicht ein wenig Concealer auf, dann eine dünne Schicht Tagesmakeup, ein wenig Rouge (macht ja eine freshe Optik, nä?), ein Nude-Lippenstift, ein zaAAHAHHHH AHhhh ah ah ah rter Lidstrich…

Dann zwanzig Minuten später im Kreißsaal die ständige Sorge: Uhhh. Hoffentlich verwischt RROOOOAAAAARRR ahh ah ah jetzt nichts!

Ich stelle mir dann all die Schmerzen, den Schweiß, das Blut vor, die Angst, ob alles gut geht, alle gesund bleiben, ob man das übersteht und eine Frau, deren Gedanken sich auch noch darum drehen müssen, ob sie bitte, bitte auf dem Foto, wenn das Kind endlich rausgepresst ist, GUT aussieht.

Also OK. Ich hab in der letzten Weisheit behauptet, ich hab nicht so oft Gefühle – jetzt hab ich eins: HASS

Bardinnen und Hoppelhasen

img_9865Ein ungefähr 1,80 m großer, sehr kräftiger Mann in einem grellblauen engen Ganzkörperhasenanzug springt auf die Bühne.

Da wusste ich sofort: Hier bin ich richtig.

Es ist 20.30 Uhr und ich stehe im Huxley’s und weiß gar nicht was mich erwartet. Was ich weiß: Ich kann Konzerte nicht leiden. Die Anzahl der Konzerte, die mir wirklich gefallen haben, kann ich an einer Hand abzählen.

Meistens gibt es mir nichts eine:n Künstler:in live zu sehen. Das liegt daran, dass man entweder Unmengen Geld ausgibt um eine professionelle, aber seelenlose Unterhaltungsmaschinerie zu beobachten (Robbie Williams, Peter Gabriel…) oder aber ich erkenne die Lieder kaum wieder vor lauter Reminx und Soundteppich (Smashing Pumpkins, Seeed…). Alternativ ist alles nur grausam kakophon (Beasty Boys, Erasure…).

Konzerte und ich: nö

Aber ich will ja nicht immer so viel nein sagen und überkritisch sein. (Man kommt übrigens an sehr interessante Stellen im Leben, wenn man einfach mal freimütig „ja“ sagt – aber das ist ein ganz eigenes Thema).

Jedenfalls: Mein Freund fragte neulich: „Kennst du Amanda Palmer?“. Ich „Nö“. „Willst du mit zum Konzert?“ JETZT! JETZT HÄTTE ICH JA SAGEN MÜSSEN! Ich zögere aber … „Könnte wirklich was für dich sein…“ „Hmmm… na gut.“

Gestern also Amanda Palmer. Nie gehört.

megahasi
Foto Marcus Richter (nicht im Anzug sondern als Fotograf!)

Meine Skepsis, wie gesagt, war beim Anblick des Manbunnys sofort verpufft.

Als nächstes kommt eine Frau mit Ukulele und rosa Haaren auf die Bühne und singt ein Lied in dem sie beschreibt warum und wie sie eine professional time waster ist.

Dann tanzt nochmal der Hase, diesmal mit Paradeklöppeln*, die er durch die Luft wirbelt und dreht.

Dann kommt Amanda FUCKING (das wird geschrien wie in einer Boxarena) Palmer auf die Bühne, auf der sonst nur ein Flügel steht. Frau Palmer wirft eine Art Militärmantel von sich und tritt an den Flügel.

Selbiges bearbeitet sie dann den gesamten Abend über mit einer unglaublichen Kraft und Energie. Ich finde es toll wie ihr ganzer Körper in Aktion ist, ihr Gesicht eine Grimasse wird, man die Anstrengung und Mühe sieht.

Der Abend ist eine Mischung aus durchaus radiotauglichen Musikstücken und gesungenen Anekdoten. Vor allem letzte bereiten mir große Freude. Sie erzählt die Hintergrundgeschichten zu den Songs und dann singt sie. Ich fühle mich ganz nah an einem Gefühl meiner Kindheit. Ich erinnere mich, dass ich oft dasaß und mir vorgesungen habe, was ich mache oder was ich mag oder was den Tag über passiert war.

Amanda Palmer macht das in der Erwachsenenversion. Man begleitet sie durch einzelne Episoden ihres Lebens. Das ist so dicht und teilweise so intensiv, dass man vom Lachen ins Weinen kippt.

War auch ein bisschen klar, dass mich ausgerechnet das Lied „At least the baby didn’t die“ gepackt hat.

Amanda Palmer stellt ihre Show ad hoc zusammen. Sie fragt die Leute im Publikum, was sie singen soll und kritzelt sich die Liedwünsche auf den Unterarm.

Manche Lieder fängt sie an, vergisst den Text, nuschelt sich bis zum Refrain und hört dann auf. Das Publikum johlt und freut sich. Echtheit kann man einfach nur schätzen.

Interessant finde ich, dass Amanda Palmer immer wieder davon berichtet wie frei sie künstlerisch arbeiten kann seit es Patreon gibt. Es ist ihr offenbar gelungen sich von kontrollierenden Rekord-Labeln zu lösen und ganz ihr eigenes Ding zu machen.

Sie fragt auch das Publikum wer schon Unterstützer:in ist und bittet um weiteren Support. Zu meiner Überraschung melden sich gefühlt 3/4 aller Anwesenden. Ich staune. Wer in meinem Umfeld kennt denn bitte Patreon? Und wer ist dort aktiver Supporter? Irre!

Aber Amanda Palmer hat es drauf: Es gibt auch einen TED Talk zum Thema um Hilfe bitten und um die besondere Beziehung die sie als Künstlerin zu ihrem Publikum aufbaut.

Drei Stunden singt und spricht sie. Mir tut alles weh. Der Rücken, die Füße, ich bin durstig, es müffelt, es ist heiß. Aber ich würde es immer wieder tun.

Ich werde Amanda Palmer im Auge halten. Sie bloggt und twittert übrigens und wenn ich höre, dass auch sie über ihre Social Media Kanäle ekelige Hasswellen ertragen musste, dann will ich sie mit Liebe überschütten und mich wieder daran erinnern, wie wichtig es generell ist, sich gegenseitig zu supporten, zu sagen, dass man sich gut findet, gerne liest, was andere schreiben und schätzt, was andere tun. Liebe organisieren!

Einen schönen Einblick geben ihre Periscope-Mitschnitte zum Beispiel zum Thema Weltrettung durch Ukulele-Spiel:

Danke Amanda Palmer!

Und P.S. für den Freund: Yoah. Könnte was für mich sein diese Frau.

Und P.P.S. Kann irgendwer bitte Frau Palmer zu John Grant ins Berghain mitnehmen? Sie ist Fan und sie sollten Glacier im Duett singen:

 

*Wie lautet hier der offizielle Fachausdruck?