Haben wir es letztes Jahr kaum vor 12/13 Uhr zum Kongress geschafft, „mussten“ wir dieses Jahr jeden Tag spätestens um 10 Uhr da sein. Das war wirklich schwierig, was höchst erstaunlich ist, denn sonst sind wir jeden Tag um 7.30 Uhr einsatzbereit.
Tag 2 jedoch war Junghackertag und der startete eben um 10 Uhr. Wir hatten dann tatsächlich Glück früh da zu sein und konnten Kind 2.0 ohne längere Wartezeit abgeben. Die Schlange nach uns war ziemlich lang. Wir haben auch später ab und an Kinder getroffen, die erzählt haben, dass sie auf der Warteliste stehen und wahrscheinlich gar nicht am Workshop teilnehmen könnten. Ich hatte unser Kind 2.0 schon ein paar Tage vor dem Junghackertag angemeldet. Ich empfehle ohnehin mit Kindern das Kongressprogramm schon vorher zu studieren. Erstens – weil es Dinge gibt, zu denen man die Kinder voranmelden sollte (z.B. die Wristbands und den Junghackertag) und zweitens weil es schöne Workshops gibt, zu denen man Material mitbringen muss (z.B. die Druckwerkstatt und dafür brauchte man bedruckbare Kleidungsstücke).
Ergebnisse der Druckwerkstatt
Zweiter Tipp übrigens: Alles ausdrucken! Ab Tag 1 war das Wiki down. (Für das Programm genügt die App, aber vieles rund um das Thema Kinder war nicht mehr erreichbar, was dann ein wenig bedauerlich ist).
Aber zurück zum Junghackertag: Kind 2.0 hat sich entschlossen einen Pentabug zu bauen. Ein Pentabug ist ein Microcontroller-gesteuerter Vibrationsroboter. Er bewegt sich, leuchtet und (zu meiner großen Freude, siehe FURBYS) dudelt laut. Uns wurde der Pentabug als eines der anspruchsvolleren Projekte vorgestellt. Vermutlich weil man dafür löten muss. Kind 2.0 hatte noch nie gelötet, ist aber geduldig und klebepistolenerfahren und wir entschieden dann, dass das ausreicht. Tatsächlich stimmte das. Kind 2.0 hat sehr sauber gelötet und großen Spaß dabei.
Ich hatte schon einige Male versucht Kind 2.0 mit dem Thema Programmieren in Kontakt zu bringen, weil ich denke, Programmieren können wird in der Zukunft so hilfreich sein wie Englisch können.
Im Rahmen des Girls Days hatte ich mich etwas mit Scratch auseinandergesetzt. Scratch ist eine sehr einfache, visuelle Programmiersprache, bei der die einzelnen Befehle wie kleine Puzzleteilchen zusammengeschoben und ausgeführt werden können. Es gibt dafür eine große Menge Tutorials und wenn man das Grundprinzip verstanden hat, hat man in weniger als einer Stunde zum Beispiel ein eigenes Pong programmiert.
Die teilnehmenden Mädchen des Girls Day hatten mit Scratch sehr viel Spaß und ich hatte gehofft, dass das bei Kind 2.0 auch so sein könnte. Die Begeisterung hielt sich allerdings in Grenzen. Kind 2.0 ist eher „hands on“. Wenn elektrische Geräte in unserem Haushalt kaputt gehen, hat es Freude daran diese auseinander zu nehmen. Wann immer es was zum Schrauben gibt, Kind 2.0 ist dabei.
Vor einigen Wochen habe ich dann „programmierbare“ ferngesteuerte Steckdosen geschenkt bekommen, die mir Kind 2.0 konfiguriert hat. Da ist dann bei mir der Groschen gefallen. Kind 2.0 möchte tatsächlich Zusammenhänge „begreifen“ im Sinne von bestenfalls haptisch erfahren. Die fernsteuerbaren Steckdosen haben lediglich einige Nupsis, die man so einstellt, dass die Tasten auf der Fernbedienung den einzelnen Steckdosen zugeordnet werden können. Zuletzt verstellt man den Default-Code der Steckdose, damit die Nachbarn, die vielleicht auch fernsteuerbare Steckdosen haben, nicht aus Versehen fremde Geräte ansteuern können. Alles sehr einfach und genau deswegen kindergeeignet.
Ganz ähnlich funktionieren die Projekte, die die Kinder am Junghackertag zusammenbauen können.
Neben dem Pentabug konnte man übrigens noch ein Drawdio, ein Zombadge, eine Alarmanlage oder einen Rappelzappel bauen.
Ein weiterer, sehr schöner Effekt des Pentabugs war übrigens, dass andere Kinder und Erwachsene Kind 2.0 immer wieder angesprochen haben: Oh, was hast du denn da? Hast du das selbst gemacht? Wie macht man das? Wie funktioniert das?
Kind 2.0 hat viel Anerkennung für seine Arbeit bekommen und war sehr stolz. Wir werden jetzt auf jeden Fall mal schauen, was es im Rahmen von Jugend hackt so gibt (dafür könnte es allerdings noch etwas früh sein…) und prüfen, wie wir das nun begeisterungsentflammte Kind unterbekommen. Vielleicht ist es sogar möglich Chaos macht Schule an unsere Schule zu bekommen. Wer noch andere Tipps für uns hat, immer her damit!
Den Rest des Tages haben die Kinder einfach im Kidspace verbracht. Da hing für den nächsten Tag ein Zettel zum „Malroboter bauen“.
Auch das ein super Workshop. Kind 3.0 ist so begeistert, dass wir wohl bald drölfzig Malroboter haben werden (dabei wollte ich doch keine Haustiere!). In ca. zwei Stunden hat Kind 3.0 (während ich gemütlich in dem Vortrag von Kai Biermann und Martin Haase saß) einen kleinen Malroboter gebaut. Angetrieben wird er durch die Vibrationen eines Milchschäumers. Der Körper besteht aus einem Plastiksuppenteller und seine Standbeine sind Filzstifte. Dieses Grunddesign kann man dann schmücken und bekleben wie man möchte. Wenn man nun die Stiftkappen abzieht und den Roboter auf ein großes, weißes Papier stellt, kritzelt er fröhlich Kreise.
Nach unserem obligatorischen Mittagessen haben die Kinder sich noch T-Shirts bedruckt und Kind 3.0 hat fremden Menschen einen Vortrag zur Herstellung von Malrobotern und zukünftigen Modellen gegeben.
Bis fast um Mitternacht haben die Kinder am 3. Tag durchgehalten und protestierten erneut, dass wir nach 14 Stunden (!) schon nach Hause gehen wollten.
Alles in allem haben die Kinder dem Kongress die Note 1- gegeben. Minus, weil er nur 4 Tage dauert…
Ich kann wirklich allen Interessierten empfehlen die Kinder mitzunehmen. Ideal ist die Altersspanne 8-14 würde ich denken. Da können sie eigenständig unterwegs sein und an vielen Workshops teilnehmen. Darunter bietet der Kidspace genug Unterhaltung. Im Grunde ist das wie 4 Tage Smaland. Über 14 scheint es nicht so viel zu geben, bzw. die Projekte scheinen sich zu wiederholen, wenn man schon öfter am Kongress war. Rechner mitnehmen, spielen (eigene Spiele am Rechner, Minecraft, Pong, Tetris), chillen, auf Entdeckungstour gehen, Fotos machen – das geht auf jeden Fall auch für über 14jährige, denke ich.
Ansonsten: Wenn man Sorge um gesunde Ernährung hat, vielleicht was ordentliches zu Essen mitnehmen. Für Pommes, Crepes und Limo ist gesorgt.
Wenn es keine Nackten Nudeln gibt, essen wir auch gerne nur Pommes
tl;dr: Ich würde jederzeit wieder mit Kindern auf den Chaos Communication Congress.
Auf die Weihnachtspostkarte für meinen Vater habe ich geschrieben: „Wir fahren am 26. zum Chaos Communication Congress, Du kannst uns dann zuwinken, wenn du uns in der Tagesschau siehst.“ Als wir kurz telefonierten, klang mein Vater ganz erstaunt, weil ich dieses Jahr die Kinder mitnehmen wollte. Mir tat es letztes Jahr schon fast leid, die Kinder nicht mitgenommen zu haben.
Ich glaube, für meine Kinder sollte es ebenso so selbstverständlich sein Programmieren zu können, wie es selbstverständlich sein sollte, Englisch zu können. Die Kinder mit auf den 32c3 zu nehmen, erschien mir deswegen naheliegend. Weil sie dort eine Vorstellung davon bekommen können, was programmieren alles bedeuten kann und wie konkrete Ergebnisse aussehen (und dass es nicht unbedingt „langweilig“ sein muss). Für mich ist es so toll dorthin zu gehen, weil man eine Vorstellung von der Vielfalt und Kreativität bekommen kann.
Wir fuhren also schon am 26. nach Hamburg, um uns unsere Bändchen zu holen. Im Eingangsbereich war ein kleines Areal eingezäunt und darin gefangen einige Weihnachtsmannfiguren. Über dem Areal stand: Gated Santas (das Motto des diesjährigen Kongresses „Gated Communities“), free one (äh oder so ähnlich). Die Kinder waren ab da eigentlich kaum noch zu irgendwas zu bewegen. Die Santas mussten erstmal alle befreit werden. Anschließend mussten sie so zusammen gestellt werden, dass jeder Santa einen Freund hatte.
Wir hatten schon lange unsere Eintrittsbändchen, die Kinder hingegen wären gerne noch ein paar Stündchen dort geblieben. Letztendlich konnten sie nur überredet werden, sich einige Meter zu bewegen, indem wir das Bällebad im Kidspace anpriesen.
Das Bällebad wurde dann ausprobiert und in den höchsten Tönen gelobt. Ob das cooler sei als im Smaland, fragte ich erstaunt. Zumindest in meiner Kindheit gab es nämlich nichts tolleres als das IKEA Bällebad. „Ja! Viiiiel besser“, riefen die Kinder im Kanon. Es sei ordentlich tief, man könne tauchen, eine Kerze reinmachen, einen Anker und sogar eine ARSCHBO… außerdem würde es am Grund gut riechen. Das Smaland Bällebad stinke bestialisch. Kein Kind wolle dort tauchen.
Wir mussten dann auch nur vier bis fünf Mal sagen, dass wir jetzt gehen wollten und wirklich, wirklich morgen wiederkommen würden und die Kinder dann vier Tage lang hier bleiben dürften.
Am Tag 1 des Kongresses nahmen wir die Kinder mit in die Opening Session, die auf Englisch war. Ich stellte dabei erstaunt fest, dass sogar Kind 3.0 passiv einige Bröckchen Englisch verstand. Erstaunlich was man erreichen kann, wenn die Kinder im Alltag einfach viel Englisch hören. Die ersten 20 Minuten Begrüßung übersetzten wir. (Es wäre im Übrigen möglich gewesen ein DECT Telefon mitzunehmen und den Übersetzungsdienst zu nutzen, da ich aber keines mit Kopfhöreranschluss hatte, habe ich keins mitgenommen).
Den Rest der Rede spielten die Kinder dann am Tablet. Am Ende haben die beiden (wir haben nur Kind 2.0 und 3.0 mitgenommen) gut die 1,5 Stunden durchgehalten, was mich sehr zuversichtlich für die nächsten Tage stimmte, denn mehr als 3-4 Vorträge am Tag schaffe ich selbst meistens auch nicht.
Die nächsten Stunden haben sich die Kinder im Kidspace beschäftigt. Neben dem Bällebad gibt es dort einen kleinen Kletterbereich, die Santas von Tag 0 wackeln dort durch die Gegend, es wurden verschiedene Workshops angeboten, ein Augmented Reality Sandkasten war zu bewundern (und zu durchwühlen), mit der eigenen Stimme konnte Sound Pong gespielt werden, es fuhren immer mal wieder exotische Robotergefährte vorbei und es gab zwei Sitzkletterreitesel. Außerdem lässt es sich wunderbar in den Sofaecken und auf den Sitzkissenlandschaften rumtollen oder chillen (sehr wichtig für Kinder ab 11). Außerdem gibt es genug Tische, an denen die Kinder gut malen können und zu guter letzt gab es sogar USB-Armbänder für die Kinder mit denen die Kinder angeblich (wir haben noch keine weiteren Infos) Hörspiele sammeln und hören können.
Kind 3.0 wollte dann doch gerne, dass ich bei ihm bleibe, was aber völlig in Ordnung war, denn auch ich habs dort ganz bequem und kann immerhin per Stream die Vorträge mitverfolgen. Genau genommen ist es dort im Lounge Bereich eigentlich bequemer als in den Vortragssälen.
Nach sieben Stunden waren wir dann aber doch müde und sind in unser Feriendomizil zurück gekehrt. Tag 1 ist geschafft und wir bestellen uns jetzt eine Pizza. Alles in allem ein super Tag. Ich bin völlig platt (was sich in meinen Formulierungen bemerkbar macht, ächts) und die Kinder haben immer noch ziemlich viel Energie. Unfassbar. Morgen ist Junghackertag und wir planen pünktlich um 10 Uhr dort zu erscheinen. Erstaunlicherweise ist es zu Kongresszeiten immer sehr schwer vor 12 Uhr irgendwo zu sein. Wie schaffen wir das im Alltag? Auch heute haben wir es nur sehr knapp zu 11 Uhr geschafft.
„Es ist wirklich so toll, dass deine Frau euren Kleinen am Mittwoch Nachmittag abholt!“ sagt Peter begeistert zu seinem Freund Steve. Seiner Tanja ist das leider nicht möglich.
Sie ist Teamleiterin in einem großen Konzern. Auch wenn man da eigentlich auf Familienfreundlichkeit setzt, ab Teamleiterebene ist es einfach nicht mehr möglich schon am frühen Nachmittag nach Hause zu gehen. Tanja hat schließlich eine Vorbildfunktion, da sieht es einfach nicht gut aus, wenn sie schon um 16 Uhr verschwindet. Sie würde das wirklich gerne machen. Das ein oder andere Gespräch hatte sie mit ihrem Chef schon. Am Ende war aber klar: Es geht nicht.
Glücklicherweise waren sie so flexibel dass Peter zuhause bleibt. „Man hat die Kinder schließlich nicht um arbeiten zu gehen!“, sagt Peter. Trotzdem ist es natürlich toll, wenn auch die Mutter sich an der Kindererziehung beteiligt. Es ist ja außerdem nicht so, dass Tanja nichts tut. Wann immer es geht, kümmert sie sich um die Kinder. Abends, wenn sie um 20 Uhr müde und erschöpft von der Arbeit kommt, liest sie vor.
Peter denkt an Steves Frau. Die hat durchgesetzt einen Nachmittag mit den Kindern zu verbringen. Sie gehört zu den sogenannten „Neuen Müttern“. Ava, so heißt sie, sind die Kinder einfach eine Herzensangelegenheit. Sie geht einmal in der Woche mit ihnen auf den Spielplatz. Aber das ist bei weitem nicht alles. Sie wechselt sich mit Steve auch am Elternabend ab. Sie weiß, was die Kinder gerne essen und auch wenn ihr gesunde Ernährung wichtig ist, drückt sie mal ein Auge zu: Pommes mögen schließlich alle. Ava ist eine entspannte Mutter. Das hat sie Steve voraus. Steve ist oft unentspannt und streng. Hat ganz eigene Vorstellungen wie das mit den Kindern zu laufen hat. „Dabei finden es die Kinder eigentlich ganz schön, wenn man mal fünfe gerade sein lässt.“ sagt Ava schmunzelnd.
Es war für Steve und Ava nicht immer leicht.
Ava hat mit ihrem Chef viele Diskussionen führen müssen, aber am Ende war klar: Direkt nach der Geburt der Kinder bleibt sie zwei Monate zuhause. Beide waren sich schon vor der Geburt einig: für die Bindung zu den Kindern ist es elementar, dass beide Elternteile präsent sind.
Am Anfang war es anstrengend für Ava. Aber sie hat die Zähne zusammen gebissen und ist nachts auch aufgestanden, um den Nachwuchs zu füttern. Steve durfte dann weiterschlafen. Schließlich hat er den Frühdienst übernommen.
Schwierig wurde es erst nach Ablauf der 8wöchigen Elternzeit: Durch den wenigen Schlaf war Ava unkonzentriert auf der Arbeit. „Das kann ich mir nicht leisten,“ sagt sie. Man merkt ihr das Bedauern an. „Am Ende haben wir uns entschieden, dass die Kinder bei Steve schlafen und ich im Gästezimmer. Irgendwann wird das sicherlich anders, aber jetzt müssen wir das so regeln. Als Kompromiss schmiere ich morgens die Schulbrote. Das entlastet Steve wenigstens ein wenig.“
Wenigstens das mit dem Abholnachmittag konnte Ava durchsetzen. „Ich möchte das unbedingt, schließlich liebe ich meine Kinder!“ Unter der Hand erzählt uns Ava: Außerdem ist es nicht immer leicht Steve die Kinder abzunehmen. Sie würde viel mehr machen, wenn Steve sie machen lassen würde. Aber Steve lässt Ava ungern auf sein Territorium. „Alleine wie Ava die Kinder manchmal anzieht!“ Steve winkt lachend ab „Da passt kein Kleidungsstück zum anderen.“
Aber am Ende des Tages ist Steve froh eine Frau wie Ava zu haben. Das Familienmodell von Peter wäre ihm nichts. Doch das würde Steve seinem Freund Peter nicht sagen, der hat es sich schließlich ausgesucht und jeder Mensch muss für sich entscheiden, wie es am Besten klappt Familie und Job unter einen Hut zu bekommen.
Unser Kindergarten plant kleine Aktivitäten mit Flüchtlingskindern. Heute wollen wir mit einigen Plätzchen backen und ihnen ein bisschen Abwechslung zum Alltag bieten. Eine Erzieherin und ich haben die Aufgabe die Kinder abzuholen. Die Mutter, die das eigentlich machen sollte, weil sie wohl schon Kontakt zu einigen Familien hatte, ist leider verhindert.
Wir stehen in der zur Notunterkunft umfunktionierten Sporthalle. Einer der arabisch sprechenden Männer vom Sicherheitsdienst sammelt derweil Kinder für uns ein. In zwei, drei Sätzen beschreibt er Eltern unser Vorhaben. Die meisten nicken einfach. Manchmal wird nachgefragt wie alt die Kinder sein sollen. Wer Lust hat, ist willkommen, sagen wir. Den Gesten entnehme ich, dass die Kinder sich anziehen sollen. Die meisten von denen, die er anspricht, laufen in ihre Bettenburgen. Tatsächlich sehen die Hochbetten aus wie kleine Burgen. Die Familien haben sie zusammengerückt und nach außen durch Decken abgeschirmt. Sehr viel Privatsphäre gibt es in der Unterkunft nicht.
Nach und nach kommen Kinder unterschiedlichen Alters. Ein Mädchen gibt mir die Hand, ein anderes zieht an den Schnüren meiner Kapuze. Ich sage unbeholfen: „I am Patricia“ und deute auf mich und dann fragend auf die Kinder. Sie sagen mir ihre Namen. Manche kann ich gleich aussprechen, andere auch nach drei Versuchen nicht. Die Kinder lachen und sagen mir die schwierigen Namen immer wieder vor. Sie sind geduldig und nachsichtig.
Als die Gruppe fertig ist, gehen wir los in die Kita. Die Kinder laufen fröhlich hin und her und ich bewundere ihre Unbesorgtheit. Sie wissen nicht wo es hingeht und bestimmt auch nicht so genau was wir vorhaben. Ich zähle die Kinder am Weg ungefähr 20 Mal. Zum Glück sind zwei Mütter mitgekommen. Rechts und links habe ich zwei große Mädchen. Ich frage: „Do you speak English?“ „No“, antworten beide und dann können sie doch so gut Englisch, dass ich verstehe woher sie kommen, wie alt sie sind und ob sie Geschwister haben.
Im Kindergarten warten einige Erzieherinnen und eine andere Mutter aus der Kita mit ihrem Kind. Die Kinder stürmen in die Räume und beginnen ohne eine Millisekunde zu zögern damit den vorbereiteten Teig zu bearbeiten. Sie rollen und kneten, einige essen den Teig, andere drücken Löcher hinein, es ist ein emsiges hin- und her. Zwei Jungs nehmen sich Teigrollen und schwenken sie wie große Keulen. Sie lachen dabei laut. Die Kinder suchen sich Ausstechförmchen aus, legen sie auf den Tisch und füllen sie mit Teig. Es entstehen mehrere Duzend ca. 3 cm hohe Plätzchenburger. Wie wunderbar!
In weniger als 20 Minuten sind an die sechs Bleche voll. Ich werde immer wieder gerufen: „Hey Iam! Iam!“ Ich brauche ca. zehn Sekunden um zu verstehen, dass ich gemeint bin. Mir werden Plätzchenkunstwerke gezeigt. Ich soll sie nehmen und aufs Blech legen. Ohne Sprache werde ich gefragt, wo ist das Badezimmer zum Händewaschen, was sind das für Tiere und Gegenstände. Vielleicht kennen sie Elche und Glocken gar nicht? Ich sage die Worte, mache Geräusche, die Kinder lachen, eins hält meine Hand.
Es gibt Tee. Die Kinder riechen erst an der Kanne und dann geben mir die, die den Geruch wohl OK finden, Zeichen, dass ich eingießen darf. Die ersten Plätzchen sind fertig, ich will sie zum vorbereiteten Dekoriertisch bringen, aber die ersten drei Teller werden einfach leer gegessen. Die dicken Plätzchen sind alle was geworden. Außen goldgelb und innen schön weich. Wir futtern also Plätzchen als eines der Kinder die Streusel nimmt und auf die noch ungebackenen Plätzchen wirft. Andere Kinder greifen auch in die Deko und alles wird verteilt, während andere das alles schön festklopfen. Zuckerschrifttuben werden ausgedrückt und in den Teig geknetet, der jetzt rot und grün und blau ist. Die Kinder essen Rosinen und Nüsse und formen weitere Plätzchen aus der bunten Teigmasse.
Ich muss lachen und merke wieder wie toll Kinder sind, wie sie einem zeigen, dass es neben dem einen Weg im eigenen Kopf immer noch hundert andere gibt.
In der Zwischenzeit haben die jüngeren Kinder keine Lust mehr und erkunden die anderen Räume. Sie gehen spielen während die älteren weiter eifrig ausrollen, ausstechen und dekorieren. Sie sind so wie alle Kinder (wie sollen sie auch anders sein), denke ich. Alle Menschen sind gleich. Es klingt vielleicht kitschig, aber ich wünschte das könnten alle Menschen erkennen, wenn sie die Gelegenheit haben fremde Kinder zu beobachten.
Um vier müssen die Kinder zurück, heute Abend sind die Familien bei deutschen Familien zum Essen eingeladen. Überhaupt war ich überwältigt von dem Engagement der Menschen rund um die Flüchtlingsunterkunft. Viel zu lange habe ich die ekelhaften Facebook-Kommentare von menschenfeindlichen Arschlöchern für die allgemeine Realität gehalten. Hier sehe ich, dass es auch anders geht. Das macht mir ein sehr warmes Gefühl. Viele der Leute kenne ich direkt oder um zwei, drei Ecken. Ich freue mich zu dieser Gemeinschaft zu gehören.
Wie dem auch sei. Heute Abend bleiben mir die „Iam, Iam“-Rufe im Kopf und ich versuche mir etwas von der Unverwüstlichkeit der Kinder zu behalten, von der Freude und der Energie, dem Forscherdrang und der Offenheit. Nächstes Mal nehme ich meine eigenen Kinder mit. Ich glaube, sie können noch viel bessere Brücken bauen als wir Erwachsene.
Gerade ging wieder ein Artikel durch meine Timeline, den ich sehr gerne gelesen habe: Es ging um das Joberfüllungsparadigma, sprich um die Vorstellung ein Job müsse erfüllen. Der Artikel heisst: Warum man für seinen Job nicht brennen muss.
Er handelt von einem Herzchirurgen, der aus Passion LKW-Fahrer wird (Spoiler: und das am Ende wegen des Wettbewerbs in der Branche wieder aufgibt):
„Solche inspirierenden Geschichten richten Schaden an. Sie suggerieren, dass niemand sich im Arbeitsleben mit weniger als dem makellosen Glück zufrieden geben dürfte. Dass jeder etwas ändern muss, der seinen Job nicht mit bis an Besinnungslosigkeit grenzender Leidenschaft ausübt. Über Generationen hat dieser Leidenschaftszwang einen Schleier des Unglücklichseins gelegt. Millionen Menschen sitzen jeden Tag im Büro, stehen am Fließband oder kriechen für ihren Job auf dem Boden herum und fragen sich: „Was läuft falsch bei mir, wenn ich dabei keine Leidenschaft verspüre?“ Sie suchen, grübeln und trauern, weil in ihrem Leben offenbar „etwas nicht stimmt“.“
Ich habe gerade erst gestern gedacht, dieser ewige Glückszwang, er ist so ermüdend und dumm – und dass obwohl ich mich gerade glücklicher denn je fühle (jaja Leben und Widersprüche).
Wie kommt das?
Ich habe die letzten Jahre meinen Perfektionismusdrang – ja, ich weiß nicht genau wie man das sagt – aufgegeben. Ich weiß nicht mal, ob das ein bewußtes, gesteuertes Loslassen war. Vielleicht war es auch ein wenig Resignation. So wie wenn man ein Ungetüm an der Leine hat und über die Zeit merkt, dass man es ohnehin nicht bändigen kann. Ich glaube, es hat so stark gezogen und gezerrt, dass ich die Leine loslassen musste.
Jedenfalls: Es gibt kaum noch Perfektionismus in meinem Leben.
Die Wohnung sieht mal schön aus und mal chaotisch. Ich sehe mal schön aus und mal chaotisch. Die Kinder sehen mal schön aus und chaotisch. Meine Beziehungen sehen mal schön aus und mal chaotisch.
Ich habe keine abstrusen Ziele mehr. Mal geht es mir gut und wenn es mir mal nicht gut geht, dann ist das so. Der eine Einbruch reißt nicht alles andere ein. Er ist eine Ausnahme (die mehr oder weniger oft und mal länger und mal kürzer anhält).
Abends liege ich oft im Bett neben meinen Kindern und wir reden über den Tag und wir haben uns angewöhnt uns gegenseitig zu fragen: „Was war das schönste heute am Tag?“
Manchmal ist mein Impuls stark übellaunig zu sagen: Es war alles blöd. Zu früh aufgestanden, keine Zeit, nur Stress, langweilige Pflichterledigungen, der Paketbote hat mal wieder nicht geklingelt. (Bei den Kindern ist das genauso: Der Paul hat geschubst, die Clara hat nicht geteilt, die Lehrerin doofe Hausaufgaben aufgegeben, die Mama hat nie Zeit zum Spielen.)
Also bohren wir nach: War wirklich ALLES doof? WIRKLICH WIRKLICH?
Und dann kommen sie, die schönen Dinge: Heute morgen war es schon hell als wir in die Schule gelaufen sind. Es gab süßes Frühstück im Kindergarten. Der Kollege hat mir einen Kaffee mitgekocht. Ich habe Zeit gehabt eine Folge meiner Lieblingsserie zu schauen.
Und plötzlich kehrt sich dieses Glücksding langsam um. Die kleinen Momente werden sichtbar. Und damit muss ich keinen großen Zielen hinterherhecheln. An jedem beliebigen Morgen gibt es eine neue Chance auf einen guten Tag und die guten Momente und Tage fädele ich mir auf eine Kette.
(Was mir dann rückblickend sehr hilft, ist zusätzlich meine Vergesslichkeit. Ich merke mir die schönen Erlebnisse, dem Rest schenke ich weniger Beachtung.)
Mich tragen die kleinen Worte und Gesten durch den Alltag. Kind 3.0, das erst zappelnd und grölend nach sieben Aufforderungen 20 min lang die Zähne putzt und dann völlig unvermittelt seine Hand auf meine legt und sagt: „Isch mag disch, Mama.“
Kind 2.0, das mich nach einem langen, stressigen Arbeitstag zuhause mit: „Warum bist du heute so spät, Mama? Ich hab mich so dolle gelangweilt, ich hab die Wäsche vom Wäscheständer wegsortiert.“ begrüßt.
Mein Freund, der auch noch nach 24 Uhr zu mir kommt (und nicht in sein eigenes, sehr viel näheres Bett fällt), damit wir zusammen in einem Bett kuscheln können, wohlwissend, dass bei uns der Tag um 6 Uhr startet (was bei ihm nicht zwangsläufig so ist). Eine Freundin, die mir völlig unerwartet einen Nikolausgruß schickt. Ein fremdes Kind in der U-Bahn, das über mich lacht, weil ich ihm heimlich Grimassen schneide… der Alltag ist voll von Glück. Wirklich fast jeden Tag.
Ich musste nur lernen das zu sehen und ich hoffe, ich kann mir das erhalten.
Eigentlich bin ich ja ein ganz kluger Mensch. Eigentlich. Nur dass ich nicht so praktisch veranlagt bin. Dann liege ich manchmal nachts wach und denke vor mich hin und habe Eingebungen. Zum Beispiel neulich dachte ich über all die wunderbaren Rezensionen nach, die liebe Menschen in ihren Blogs zu meinem Buch veröffentlicht haben und wie sehr ich mich jedes Mal freue. Oft werden dann auch Bücher verlost und wenn ich dann sehe, dass es immer noch Interessentinnen und Interessenten gibt, freue ich mich noch mehr. Überhaupt bin ich überwältigt vom Feedback und konnte es kaum fassen, als ich hörte, dass bereits die dritte Auflage gedruckt wurde.
Gelegentlich bekomme ich Mails und man bittet mich um persönliche Widmungen und jede Mail verrät mir ein liebenswertes Detail aus dem Leben der schreibenden Person. Ich signiere Bücher für erwachsene Kinder, die selbst Eltern geworden sind, für Ehefrauen, Freundinnen, Väter in Elternzeit und für Kolleginnen.
Und da plötzlich – zing! – kam mir der Gedanke! Ich könnte doch auch mal ein Buch verlosen. Oder drei!
Ja und das tue ich jetzt auch! Zum Nikolaus!
Und so geht es:
Verlost wird 3x mein Buch „Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe“ und als Bonus erhält jede/r Gewinner/in das Buch Buch „Berlin oder so – Kleine Großstadtgeschichten“ dazu. Da sind neben meinen, auch ganz hervorragende Texte anderer Bloggerinnen und Blogger dabei. Wer möchte, erhält natürlich eine Widmung dazu.
Kommentiert bis zum 10.12., 24 Uhr warum ihr das Buch gerne hättet und teilt euren Kommentar mit „Ich hätte die #arschbombe gerne, weil…“ auf Twitter oder Facebook.
Ich versende nur innerhalb Deutschlands
Sollte sich die/der Gewinner/in nicht innerhalb einer Woche melden, verfällt der Gewinn.
P.S. Wer schon ein Buch hat – ich freue mich immer über Amazon Rezensionen. Selbst über die 1 Stern Rezensionen habe ich herzlich gelacht. Nur nicht zu viele böse Bewertungen, da wache ich am Ende nachts auf und mir fällt ein, dass es doch eine doofe Idee war, um Rezensionen zu bitten.
P.P.S. Wer das Buch noch nicht hat und nicht gewonnen hat: Man kann es auch bei mir bestellen – einfach per Mail dienuf(klingeling)gmail.com melden. Gleiches gilt für „Berlin oder so – Kleine Großstadtgeschichten“. Letzteres kostet 10 Euro, wobei ich die 10 Euro komplett an ein Flüchtlingsprojekt spenden werde.