Hätte, hätte, Fahrradkette (Batizado, die II)

Ach hätte es früher doch Capoeira gegeben…

Meine Eltern waren definitiv keine (Über)fördereltern. Für meine Freizeit gab es eine Bibliothek, einen Bach und das Feld. Fertig. Sport haben meine Eltern nie gemacht und ich auch nicht. Am Dorf gabs ja auch nichts. Vielleicht Tennis oder Fußball, sehr viel später noch Judo. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals gefragt wurde, ob ich auf eine dieser Sportarten Lust hätte. Schulsport fand ich ebenfalls doof und bei den Bundesjugendspielen habe ich nie eine Urkunde gewonnen. Ich habe Sport so oft es ging geschwänzt und in der Oberstufe hatte ich nur deswegen keine Null Punkte, weil wir auch in Sport Klausuren geschrieben haben.

Dass das ein Fehler war, ist mir erst im frühen Erwachsenenalter aufgegangen. Bei allen Gemeinschaftsaktivitäten war ich immer der Sportversager. Die, der der Ball auf den Kopf fliegt oder die, die ewig braucht, um was Neues zu lernen so wie Rollerbladen. Wenn ich gefallen bin, dann habe ich mir eigentlich meistens was gebrochen. Mein Rekord ist ein 13facher Beinbruch. Im Studium wäre Sport eine gute Möglichkeit gewesen neue Leute kennen zu lernen und im Job später sowieso (so bin ich ins Internet abgerutscht!!!). Von Fitness und körperlichen Ausgleich nicht zu sprechen.

Kurzum irgendwann hatte ich das Gefühl, dass man etwas verpasst wenn man gar keinen Sport macht. Entsprechend wichtig war es mir, dass meine Kinder irgendeinen Sport machen. Möglichst einen, der Spass macht und bei dem es nicht ausschließlich auf Leistung ankommt und bei dem man nicht zu motivationalen Zwecken von einem geistig limitierten Lehrer mit unterschiedlichen Schimpfwörtern tituliert wird.

Kind 1.0 fing irgendwann mit Capoeira an. Ich glaube, wir haben Capoeira das erste Mal am Karneval der Kulturen gesehen. Als ich bei der ersten Gürtelverleihung dabei war, war ich hellauf begeistert. Und mit hellauf meine ich den ekstatischen Zustand in den Angela Merkel verfällt, wenn sie aufsteht und die Hände wie ein kleines Hündchen in die Luft wirft. Mehr geht eigentlich kaum.

Mal abgesehen davon was man kann, wenn man das ein Paar Jahre macht, gefällt mir v.a. die Herzlichkeit mit der die einzelnen Capoeira-LehrerInnen und Mestre einem begegnen. Es scheint dabei ganz egal wie alt man ist und was man kann, es scheint nur entscheidend zu sein, dass man Spaß dabei hat. (Das gilt für Kinder wie für stocksteife und untrainierte Erwachsene gleichermaßen).

Zudem gefällt mir, dass dabei gesungen wird und dass man lernt Instrumente zu spielen. Mir gefällt, dass die Gürtel in Relation zum Alter, der Zeit, die man bereits trainiert und der Häufigkeit des Trainings verliehen werden. Bei den Gürtelverleihungen muss ich vor Rührung immer furchtbar weinen. Es ist so toll, wenn die kleinen Knirpse mit einem bewundernswerten Selbstbewusstsein mit Menschen „kämpfen“, die gut zwei Mal so groß und viermal so schnell wie sie selbst sind. Mich begeistert, dass Capoeira eine Art Körperkommunikation ist und dass selbst die Kleinsten körperlich verstehen, dass auf eine Aktion eine Reaktion folgt und dass man aufeinander achten muss.

Es gibt am Capoeira nur Sachen, die ich gut finde. Der hohe Frauenanteil, das Fehlen von Aggressivität (obwohl es auch ein Kampfsport ist), das Spielerische, die Energie, die die Lehrer mitbringen, der portugiesische Gesang, … alles toll, toll, toll. Deswegen freue ich mich so über den ersten Gürtel von Kind 2.0 und Kind 3.0 steht auch schon in den Startlöchern.

Leider geil – Autokino

Total nicht pc: Autokino.

Um Deichkind zu zitieren:

Es tut mir leid doch
ich muss leider gestehen
es gibt Dinge auf der Welt
die sind – leider geil.

Autos machen Dreck,
Umwelt geht kaputt,
doch ’ne fette neue Karre is‘
leider geil.

In diesem Licht sind leider auch Autokinos zu sehen. Objektiv betrachtet gibt es kaum etwas unsinnigeres. Fünfzig Autos, d.h. ca. hundert Personen nehmen so viel Platz weg wie Tausend ohne Gefährt brauchen würden. Es ist kalt, die Sicht ist in jedem Fall schlecht. Entweder weil man in der ersten Reihe steht und somit zu nah an der Leinwand ist oder aber weil man nicht in der ersten Reihe steht und ein anderes Auto vor einem die Sicht versperrt. Außerdem hat man natürlich vergessen die Windschutzscheibe zu putzen. Im Auto selbst ist es unbequem, egal wie weit man die Sitze nach hinten stellt. Über den Umweltaspekt möchte ich mich gar nicht auslassen. Natürlich ist Autokino alles andere als zeitgemäß. Man merkt das auch an den Automatismen in der Autoelektronik. Wir mussten z.B. alle zwanzig Minuten das Auto neu starten, weil es über einen Energiesparmodus verfügt, der die komplette Elektronik und somit auch Radio (über das der Ton kommt) abstellt. Nebendran das Auto hatte ein ähnliches Problem wegen der Tageslichtautomatik, die sich nicht ausstellen ließ. So starteten also zeitversetzt alle zwanzig Minuten die Autos ihre Motoren und brummelten kurz eine Weile vor sich hin.

Dennoch – als nostalgischer Mensch fand ich das Autokino natürlich toll. Ich erinnerte mich an meine frühe Kindheit als meine Eltern mit mir auf den Rücksitz Ende der 70er Jahre ins Autokino gefahren sind. Mir fielen wieder die runtergekurbelten Autoscheiben ein und die großen silbernen Lautsprecher, die man ins Auto hängte. Es war kalt und dunkel – aber es gab Popkorn und ich hatte eine Decke, in die ich mich einkuschelte. Ich habe keine Erinnerung an die Filme, die meine Eltern gesehen haben, aber mir gefiel es bei ihnen zu sein und die Geräuschkulisse wirkte beruhigend auf mich. Ich schlief relativ schnell ein und wachte meist erst wieder auf, wenn meine Eltern zuhause waren und mein Vater mich vom Auto in die Wohnung trug. Den Schlafanzug hatte ich schon im Autokino an.

Nach dieser Zeit war ich insgesamt zwei Mal im Autokino. Vor einigen Jahren mit schlafendem Baby in Usedom und gestern am Festplatzplatzgelände am Kurt-Schuhmacher-Damm – ausnahmsweise ohne Kinder. Mangels Beschilderung ist es ein bißchen schwierig dort hin zu finden. Wir wollten eigentlich vorher essen gehen, aber weil uns der freundliche Betreiber am Telefon sagte, alle reservierbaren Plätze seien bereits vergeben, fuhren wir etwas früher hin, um uns einen guten Platz zu sichern. Zu unserer Freude stellten wir fest, dass es dort ein kleines Speisenangebot gab. Wir setzten uns auf die Veranda in die Sonne, aßen Hamburger und Wedges und tranken zuckerhaltige Softgetränke. Dabei fiel uns beiden auf, dass das Personal v.a. für Berliner Verhältnisse ungeheuer freundlich war. Fast schon ein Schock. Wir waren übrigens die einzigen, die am Tisch aßen. Alle anderen ließen sich Essen und Getränke ins Auto bringen. Denn per SMS konnte man unter Angabe des Kennzeichens Bestellungen aufgeben.

Das Filmerlebnis war ungefähr gleichzusetzen mit unseren Fernseherfahrungen in den eigenen vier Wänden mit Röhrenfernseher. Wobei auf den Röhrenfernseher im Wohnzimmer natürlich keine Vögel gekackt haben. Lediglich der Sound war überragend. Man konnte so laut stellen, dass das Auto wackelte und der ganze Körper gleich mit, wenn man die Füße auf die Lautsprecher legte. Großartig ist auch, dass man im Auto laut sprechen, lachen, knistern und sein hell erleuchtetes Telefon benutzen kann. Nichtzuletzt kann man hervorragend einschlafen. Auch im zarten Alter von 36.

Nachtrag: Ich war natürlich falsch gekleidet. Die restlichen Frauen trugen 18 cm hohe Nutten Schaschlickspießabsätze und weiße Leggings. Offensichtlich gab es für je zwei Freundinnen irgendwo ein Sonderangebot Kaufe zwei Frisuren mit farbigen Strähnchen zum Preis von einer. Zum Klo (das übrigens geheizt und sehr sauber war) durfte man nur in männlicher Begleitung.

 

Lieblingstweets 05/12

Twitter im Mai. Tralala.

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Das Internet grüßt die Welt da draußen

Artikelempfehlungen für Neuleser.

Alle, die über den schönen Artikel von Astrid Herbold der Juniausgabe im „Das Magazin“ hier her gefunden haben, ein herzliches Willkommen. Ich freue mich über jeden neuen Leser und habe hier eine kleine Stichprobe von Blogartikeln zusammen gestellt, die ich für einigermaßen repräsentativ für dasnuf halte. Das erleichtert vielleicht den Zugang:

Levelboss Baby LeChuck
Schmutz, Gliedertiere und Schürfwunden
Als ich fast Brad Pitt geheiratet hätte
PEKIP from hell
Werde zum Schmink-Nörti
Wiederholung automatisch oder das eChild
Tatookid
Erklärungsnot
Mein erstes Kindergartenfest
Däumelinchen, looped
Wo reiben schwitzende Frauen ihre Becken aneinander?

Viel gelesen, man weiß nicht ganz genau warum:

Hmm, Ratlosigkeit
Noch mehr dämliche Wahlplakatsprüche
Internetabhängig. Ich so – aus Gründen
Dass ich erkenne, was das Internet im Innersten zusammen hält
Ich habe nichts gegen Kinder, nur bitte nicht hier
Die Hackfleischbesprechungen
Foursquare, wie konnte ich nur ohne Dich leben?

Der verwunschene Ort

Ein Ausflug in den Spreepark

Bei meinen Spaziergängen im Plänterwald sind mir die Dinosaurier hinter dem Zaun natürlich aufgefallen. Anfang 2004 standen sie in einer größeren Gruppe relativ eng beieinander. Sie schauten über eine verwilderte Wiese. Der Tyrannosaurus Rex kippte irgendwann um. Einer der Plesosaurier verlor im Laufe der Jahre seinen Kopf. Manchmal blickte ich auf das Riesenrad, das sich langsam im Wind drehte und stellte mir vor, wie es wohl aussehen würde, wenn die Glühbirnen leuchteten und das Rad zum Leben erweckt würde.

Ich hörte von Leuten, die unter dem Zaun durchkletterten um Fotos zu machen. Seltsamerweise habe ich mich aber nie gefragt, was das eigentlich war – dort hinter dem Zaun. Dann stolperte ich über den Film Achterbahn auf Arte und endlich wußte ich, um welchen Ort es sich handelte. Letztes Jahr im Rahmen des Luna-Parkprojekts des HAU schaute ich ihn mir das erste Mal an. Die Formulierung „magischer Ort“ klingt leider abgenutzt, aber tatsächlich kann ich den Spreepark nicht anders beschreiben. Ich liebe es, dort umherzulaufen und zu sehen wie die Natur sich den Ort zurückerobert.

Jeden, den der Spreepark ebenfalls interessiert, kann ich wärmstens empfehlen eine der zweistündigen Führungen mitzumachen. Der Führer Christoph ist eigentlich selbst eine Attraktion. Während er unermüdlich und sehr kurzweilig vom Schicksal des Spreeparks berichtete, fragte ich mich, welches Erlebnis ihn wohl so stark mit dem Park verbunden hat, dass er seine kompletten Wochenenden opfert, um Leute wie mich herumzuführen. Die Führung lässt einen vor den Behördenabsurditäten erschaudern, die eine Wiederbelebung des Freizeitparks anscheinend unmöglich machen.

Über zehn Jahre verwildert der Park nun und ich bin gespannt, ob es irgendwann ein funktionierendes Nutzungskonzept geben wird. Ich kann ihn jedenfalls als Ausflugsziel im Sommer sehr empfehlen. Es gibt dort das Café Mythos, das an den Wochenenden geöffnet hat. Man setzt sich mit den Kindern zum Sandkasten im Eingangsbereich, trinkt Kaffee, hört Musik und stellt sich vor wie die Vergangenheit und die Zukunft des Spreeparks aussehen.

 

 

Für die Ohren die Folge Spreepark beim Küchenradio. Vielen Dank an Simon für den Tipp.

Landleben

Für einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, ob es schön wäre ein Wochenendhaus zu haben. Dann stach mich eine Mücke.


Mindestens einmal im Jahr zieht es uns aufs Land. Der Kinder wegen. Die armen Stadtkinder sollen auch mal erfahren was Freiheit bedeutet, wie schön es ist, durch ein Roggenfeld zu rennen (möglichst schneller als der Bauer, den man damit verärgert).

Von seinen Geschwistern erfährt Kind 3.0 dass es eine zutrauliche Katze geben soll. Deswegen befüllt es gleich nach unserer Ankunft den Napf, der vor der Haustür steht mit Katzenfutter und legte sich auf die Katzenlauer. Regungslos verharrt es im Halbdunkel des Fliederbaumes und hofft, dass sich irgendwann die Katze der Nachbarin zeigen würde.

Als es dämmert, gibt unser Jüngstes auf und bohrt kleine Löcher in den Boden. In diese legt es die unangetasteten Katzentrockenfutterkroketten und gießt jede einzelne gewissenhaft. Ein Katzenfutterbaum möge dort wachsen, murmelt es, als es die bepflanzten Mulden mit Humus überschüttet.

In der Zwischenzeit betrachtet Kind 1.0 sehr lange ein Poster, das im Inneren des Wochenendhäuschens hängt und stellt fest: „Xsara Picasso ist aber nicht alt geworden. Wahrscheinlich waren die dicken Finger an seinem frühen Tod schuld.“

Am zweiten Tag erscheint an unserem Gartentor überraschenderweise ein Junge im Alter von Kind 1.0. Er ist außer sich vor Freude. Noch nie hat er ein anderes Kind im Dorf gesehen. Seit seiner Geburt fahren seine Eltern mit ihm Sommer wie Winter, Wochenende für Wochenende in das Brandenburger Hinterland. Früher hätte es noch Ziegen gegeben, auf denen er hatte reiten können, aber die seien jetzt tot. Der Zahnfehlstellungen wegen. Die Ziegenzahnspange hätte 6.000 Euro gekostet. Man habe die Ziegen dann lieber eingeschläfert. Ob er denn immer alleine sei? Im Grunde ja, berichtet der Junge. Es gäbe in den Nachbarsdörfern Kinder, er hätte sie alle mindestens einmal gesehen, aber die hießen alle Uwe, so wie ihre Väter und Onkel und irgendwie seien sie komisch. Der Junge führt uns zu seinem Hof. Dort leben drei Wollschweine. Ich schätze, dass sie fünfzig Jahre alt sind. Ihr Fell ist grau. Jedes einzelne wiegt 600 kg. Sie sind unfassbar riesig und ihre fußballgroßen Rüssel beschnüffeln gierig unser Kind 3.0, das ich nicht mehr unbeaufsichtigt lasse. Ich denke, wenn ich mich rumdrehe, fressen sie Kind 3.0 auf. In einem Haps. Ich habe Animal Farm von George Orwell gelesen, lasse ich sie wissen, mir macht ihr nichts vor.

Während ich sie betrachte, frage ich mich. Was macht man wenn eines dieser Halbtonner verendet? Wie viel Uwes braucht es, um ein einziges totes Schwein auf den Kompost zu zerren. Wie ist seine biologische Halbwertszeit? Oder muss man es zersägen? Aber was macht man mit den Einzelteilen?

Am Abend sitzen wir vor dem Haus und schauen den Hornissen zu. Einige Spinnen gesellen sich zu uns. Ich schlage im 10-Sekunden-Takt Mücken tot und denke: „Ach so ein Wochenendhaus *klatsch*, das wäre schon was *klatsch*. Unsere Kinder könnten auch auf Ziegen reiten *klatsch* und ich würde Gemüse anbauen *klatsch*. Zucchini zum Beispiel *klatschklatsch* und dann gäbe es jeden Tag Zucchinisuppe, gebratene Zucchini, gedünstete *klatsch* Zucchini, marinierte Zucchini *klatsch* und *klatsch* vielleicht auch Zucchiniauflauf. Hach! Das wäre *klatsch* echt schön.“

Für mich weiterhin unwählbar: Die Piraten

Ein persönliches Update zu den Piraten und warum ich sie nach wie vor für unwählbar halte.

Es gibt wenig Themen über die ich mich aufregen muss. Zu diesen Ausnahmen gehört das Thema „Piraten“. In der Zwischenzeit bin ich aber dermaßen genervt, dass ich alle für mich erkenntlichen Piraten aus meiner Twitter-Timeline rauswerfen musste und nervöses Augenzucken bekomme, wenn deren Tweets von anderen geretweetet werden. Es verwirrt mich zutiefst, dass bestimmte Menschen, die ich privat kenne und für wirklich klug halte, die Piraten gut finden und für wählbar halten.

Bevor ich diesen Artikel anfing zu schreiben, habe ich überlegt, ob es nötig ist mir nochmal das Wahlprogramm für NRW anzuschauen. Ich bin jedoch zu dem Entschluss gekommen, dass ich nicht muss, denn anscheinend kann man Piraten auch wählen oder toll finden ohne sich jemals mit dem Wahlprogramm (das sich zudem regional sehr stark unterscheidet [hups, ich hatte ja doch mal was dazu gelesen]) auseinandergesetzt zu haben. Demzufolge kann ich sie auch doof finden, ohne das genaue Wahlprogramm zu kennen.

Im Zusammenhang mit den Piraten begegnen mir in Gesprächen immer wieder die selben Argumente.

1. „Die sind so authentisch! Die sind so erfrischend anders als die anderen Politiker!“

OK, das stimmt. Für mich allerdings in öffentlichen Fernsehauftritten ebenfalls unerträglich – nur auf eine andere Art und Weise. Schalte ich beispielsweise in eine politische Diskussionsrunde, an der Piratenrepräsentanten/Innen teilnehmen, muss ich leider nach spätestens zehn Minuten wegschalten, weil ich es wirklich nicht aushalten kann. Aus meiner subjektiven Warte kann ich aufrichtig sagen: Ich habe noch nie einen fundierten Inhalt aus dem Mund eines öffentlich sprechenden Piratenvertreter gehört. Deren Hauptargument ist meist „Jo, die anderen haben doch dazu auch nix. Sagen se mir doch mal was die <beliebige Partei einsetzen> dazu hat, was Deutschland weiterhilft.“

Ich schätze Authentizität sehr. Allerdings hat sie keinen positiven Effekt wenn sie nicht mit inhaltlicher Kompetenz gepaart auftritt. Für mich hat dieses demonstrative wir-haben-da-noch-keine-Ahnung-machen-uns-aber-schlau (plus seit neusten natürlich-wissen-wir-dass-wir-nicht-endlos-damit kokettieren-können) kirre. Was soll das? Die sollen wieder kommen, wenn sie Ahnung haben oder wenigstens eine eindeutige Meinung.

Ebenfalls erfrischend anders sind die persönlichen Peinlichkeiten und Eklats, die ich in den Medien mitverfolgen kann. Die Skandale sind anders als das was man von „etablierten Politikern“ kennt, aber nicht weniger unsäglich. Beispiele, die mir ohne Recherche einfallen: Julia Schramm oder Susanne Graf. Klar sind die politikunerfahren, aber gesunder Menschenverstand und Umsicht sind prinzipiell jedem zu empfehlen – v.a. dann wenn sie/er als Repräsentant/in für etwas ernst genommen werden will.

 

2. „Die Piraten sind ein deutliches Signal, dass sich politisch etwas ändert in Deutschland.“

Signal für was? Dass es die vielgepriesene Politikverdrossenheit nicht mehr gibt oder dass Menschen politisch teilhaben wollen? In NRW gab es auch dieses Mal wieder 40,4% Nichtwähler und die Piraten werden nicht müde, den Kopf zu schütteln, wenn behauptet wird, dass sie v.a. die Nichtwähler motivieren (Auch wenn die Analysen etwas anderes sagen). Aber zur Frage zurück. Was ändert sich denn gerade? Ich denke schon, dass „das Internet“ als Masse zunehmend an Bedeutung gewinnt. Das ist vielleicht wirklich neu. Wenigstens kleine Erfolge sind im letzten Jahr zu verbuchen (man denke an Urheberrechtsfragen und Doktortitel) – aber mit den Piraten hat das nichts zu tun. Wird mehr und konstruktiver diskutiert? Gibt es bessere und überzeugendere Lösungsansätze? Ich habe davon noch nichts wahrgenommen.

 

3. „Die Piraten vertreten wichtige Themen, die keine andere Partei (so gut) vertritt.“

Klar sind Netzthemen wichtig. Zumindest mir persönlich. Ich war auch auf den Anti-ACTA-Demos – aber dazu haben mich nicht die Piraten bewogen. Auch keine andere Partei. Es handelt sich einfach um ein persönliches Interessensfeld („das Internet“), für das ich mich einsetzen möchte.

Alle Konzepte, die mir bekannt sind zum Thema politische Teilhabe oder wie kann ich das Internet nutzen, um mich stärker zu beteiligen, überzeugen mich nicht. Ich finde sie absolut realitätsfremd. Allein schon das Konzept Liquid Democracy bringt mich zum Lachen. Es würde auch zu weit führen, mich an dieser Stelle über die Nachteile von rein basisdemokratischen Konzepten auszulassen (z.B. Wahrung Rechte von gesellschaftlichen Minderheiten).

Wenn man sich vor Augen führt wie niedirg die Wahlbeteiligung seit Jahren ist, gibt es in der Bevölkerung offensichtlich keinen erhöhten Bedarf nach Beteiligung. Die Instrumente, die es gibt (wie z.B. der Volksentscheid), scheitern meistens an der geringen Bürgerbeteiligung. Für mich stellt sich die Frage: Warum sollte sich daran was durch andere Instrumente ändern?

 

4. „Die stehen erst am Anfang. Ist doch klar, dass die noch nicht zu allem etwas ausgearbeitet haben. Die Grünen haben auch mal so angefangen.“
(Argument formerly known as „Bist Du immer so streng zu Fünfjährigen?)

Das mag sein. Allerdings finde ich persönlich, dass man eine Partei so lange nicht wählen kann, bis sie im großen und ganzen vernünftige Ideen zu allen relevanten Themen zusammengetragen hat. Wie gesagt, alles, was ich bislang (und das bezieht sich v.a. auf das Berliner Wahlprogramm) gelesen habe, erscheint mir schlecht durchdacht und v.a. lückenhaft.

Als Erweiterungsargument wird meist 4.1 „Aber die anderen haben doch auch nichts besseres zu bieten“ in diesem Zusammenhang genannt. Himmelherrgott, das stimmt vielleicht auch, aber was macht dieser bedauerliche Umstand besser? Was? Weil ich die FDP doof finde, macht das die Piraten wählenswert? Das ist ein Kindergartenargument der folgenden Art: „Muss ich mir abends die Zähne putzen? Ich hab keine Lust darauf.“ „Ja! Du musst.“ „Ja aber Susi muss sich auch nicht die Zähne putzen!!!“

Und selbst da, wo die Piraten richtig hätten punkten können, passierte erstmal … gar nichts (Bsp.: Staatstrojaner).

Zusammenfassend kann ich sagen: Ich bin nach wie vor nicht überzeugt. Im Gegenteil.

Ich schreibe jetzt seit acht Jahren ins Internet und ich denke, ich werde es noch mindestens zehn weitere Jahre tun. Nichts täte ich lieber als in zehn Jahren mit den Worten „wie falsch meine Einschätzung 2012 war“ auf diesen Eintrag hier zu verlinken. Ich wünsche mir auch eine Veränderung der politischen Landschaft und ich würde auch sehr gerne vollen Herzens beim Wählen meine Kreuzchen neben eine Partei setzen, die ich wähle, weil ich mich gut repräsentiert fühle. Ehrlich.

Beziehungen und Issue-Tracker

Wenn man die richtigen Instrumente implementiert hat, dann ist das Stresslevel in einer Beziehung dauerhaft minimierbar.

Als große Anhängerin von Exceltabellen, hätte ich eigentlich schon viel früher darauf kommen können. Issue-Tracker-Systeme lassen sich natürlich hervorragend in modernen Beziehungen einsetzen. Viele Kommunikationen sind ja recht vage: Hol‘ bitte die Kinder ab z.B. und alles was nicht im Detail ausformuliert ist, birgt Konfliktpotential weil jedem Beteiligten ein gewisser Interpretationsfreiraum bleibt. Das erreichte Ergebnis entspricht dann nicht immer dem von dem ursprünglichen Auftraggeber gewünschten.

Ticket td543 Hol‘ bitte die Kinder ab beinhaltet im Grunde eine ganze Reihe unausgesprochener Teilschritte, die abzuarbeiten sind, bevor das Ticket geschlossen werden kann. Natürlich sind diese Unteraufgaben total logisch, aber mein Mann hat trotzdem Probleme sie alle ordnungsgemäß abzuarbeiten. Zu den Unteraufgaben gehören beispielsweise td543a Ausflugkasse zahlen, td543b Wochenkalender checken, td543c ToDos in den gemeinsamen Kalender übertragen, td543d Wechselsachenbeutel auf Vollständigkeit kontrollieren, td543e Kinder mit Sonnenschutz eincremen und td543f Toilettengang veranlassen.

Als Issue formuliert kann man die Angelegenheit ordentlich terminieren (HEUTE! bis spätestens 16 Uhr!) und priorisieren (Blocker). Ferner kann man Abhängigkeiten formulieren (Kinder zum Sport bringen kann nur erledigt werden, wenn Kinder abholen erledigt).

Jetzt, da ich das mal differenziert betrachte, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Was könnte es hilfreicheres geben als Issue-Tracker-Einsatz in Beziehungen?

Wurde ein Issue-Tracking-System erstmal erfolgreich implementiert, lassen sich die abgearbeiteten Issues im Rahmen des Qualitätmanagements problemlos statistisch auswerten. Noch besser: da für die einzelnen Issues Verantwortliche hinterlegt sind, können im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Audits Schuldige Optimierungspotentiale gehoben werden. Aufgrund einer validen Datenlage kann konstruktiv über langfristige Verbesserungen gesprochen werden. Streits werden überflüssig.

Man kann sogar gemeinsam Service Level Agreements vereinbaren. Mir ist im Laufe der Jahre klar geworden, dass es ohnehin übertrieben ist, immer Premium-Erfüllung zu erwarten. Da kann man sich schon mal auf Economy-Niveau zufrieden geben. Letztendlich zählt neben der Qualität im Familienalltag auch oft die rein quantitative Abarbeitung („Du hast doch schon wieder nur 265 der 1.936 Issues erledigt! Gemessen an unserer bezahlten Arbeitszeit ist das ein Missverhältnis, das an dieser Stelle angeprangert werden muss!!111!“).

Natürlich kann der Partner da im Gegenzug keine Premium-Incentives erwarten, aber mal ein Freibier am Abend oder einen freien Sportnachmittag, das sollte nach Auswertung der einzelnen Issues möglich sein. Man sollte Qualitätsmanagement ohnehin viel mehr als stetigen Prozess sehen, der Luft nach oben lässt.

—-

Dieser Blogpost ist @grindcrank gewidmet, der eigentlich die Idee hatte

Über die idealen Verquickungsmöglichkeiten von Wiki und Issue-Trackern berichte ich in einem weiteren Blogpost. Die ISO Zertifizierung von Familiensystemen ist auch nur noch einen Steinwurf entfernt. Seien Sie gespannt!