Esslingen: Die Stadt, in der die Erde still steht

Keine Hast in Esslingen. Ein Bericht ohne Pointe.

Mit den Kindern laufe ich den Berg runter zum Tante Emma Laden. Kind 2.0 hat sich einen Roller geliehen und versucht die Fahrtgeschwindigkeit durch Bremsen auf dem nackten Knie zu verringern. Eine Oma mit goldener Handtasche eilt heran und wird beim Anblick des geschüften Knies beinahe ohnmächtig. Pflaster hätte sie zuhause, die könne sie schnell holen. Vielen Dank, wir winken ab. Es ist nicht das erste blutige Knie diesen Sommer. Wir müssen die alte Dame noch sehr lange beruhigen und ihr gut zureden bis sie weiter geht. Als wir unseren Weg fortsetzen, kommt sie uns wieder entgegen. Einkaufen gehen hätte sie eigentlich wollen, aber es sei ja alles so aufregend, da käme man völlig durcheinander.

Eine Rentnerin im weißen Opel setzt den Blinker und wartet geduldig bis Kind 3.0 fröhlich winkend an ihr vorbei gezogen ist. Dann fährt sie so ruckartig an, dass das Auto einen Sprung macht und der Motor ausgeht. Ein in die Jahre gekommener Fahrradfahrer erschreckt furchtbar. Er macht einen Schlenker fährt in Kind 1.0, das gerade den dicht gesäten und akkurat gemähten Rasen der benachbarten Grundstücke bewundert. Sie entschuldigen sich gegenseitig im Kanon.

Im Laden angekommen, packe ich den Einkaufswagen voll Gemüse und Obst um an der Kasse zu merken, dass ich alles hätte wiegen müssen. Der Kassierer steht mit schlurfenden Schritten auf und geht meine Einkäufe nachwiegen. Die Hausfrauen hinter mir, die in aller Eile noch eine letzte Zutat für das Mittagessen erstehen wollen, scharren ungeduldig mit ihren knallbunten Gummicrocs. Ich zahle passend und nehme mir viel Zeit die einzelnen Münzen aus meinem Geldbeutel zu holen. Beim Verlassen des Geschäfts treffen wir die Dame, die uns mit Pflastern versorgen wollte. Sie hat es geschafft. Draußen rollt der weiße Opel langsam den Berg herunter.

Für mich weiterhin unwählbar: Die Piraten

Ein persönliches Update zu den Piraten und warum ich sie nach wie vor für unwählbar halte.

Es gibt wenig Themen über die ich mich aufregen muss. Zu diesen Ausnahmen gehört das Thema „Piraten“. In der Zwischenzeit bin ich aber dermaßen genervt, dass ich alle für mich erkenntlichen Piraten aus meiner Twitter-Timeline rauswerfen musste und nervöses Augenzucken bekomme, wenn deren Tweets von anderen geretweetet werden. Es verwirrt mich zutiefst, dass bestimmte Menschen, die ich privat kenne und für wirklich klug halte, die Piraten gut finden und für wählbar halten.

Bevor ich diesen Artikel anfing zu schreiben, habe ich überlegt, ob es nötig ist mir nochmal das Wahlprogramm für NRW anzuschauen. Ich bin jedoch zu dem Entschluss gekommen, dass ich nicht muss, denn anscheinend kann man Piraten auch wählen oder toll finden ohne sich jemals mit dem Wahlprogramm (das sich zudem regional sehr stark unterscheidet [hups, ich hatte ja doch mal was dazu gelesen]) auseinandergesetzt zu haben. Demzufolge kann ich sie auch doof finden, ohne das genaue Wahlprogramm zu kennen.

Im Zusammenhang mit den Piraten begegnen mir in Gesprächen immer wieder die selben Argumente.

1. „Die sind so authentisch! Die sind so erfrischend anders als die anderen Politiker!“

OK, das stimmt. Für mich allerdings in öffentlichen Fernsehauftritten ebenfalls unerträglich – nur auf eine andere Art und Weise. Schalte ich beispielsweise in eine politische Diskussionsrunde, an der Piratenrepräsentanten/Innen teilnehmen, muss ich leider nach spätestens zehn Minuten wegschalten, weil ich es wirklich nicht aushalten kann. Aus meiner subjektiven Warte kann ich aufrichtig sagen: Ich habe noch nie einen fundierten Inhalt aus dem Mund eines öffentlich sprechenden Piratenvertreter gehört. Deren Hauptargument ist meist „Jo, die anderen haben doch dazu auch nix. Sagen se mir doch mal was die <beliebige Partei einsetzen> dazu hat, was Deutschland weiterhilft.“

Ich schätze Authentizität sehr. Allerdings hat sie keinen positiven Effekt wenn sie nicht mit inhaltlicher Kompetenz gepaart auftritt. Für mich hat dieses demonstrative wir-haben-da-noch-keine-Ahnung-machen-uns-aber-schlau (plus seit neusten natürlich-wissen-wir-dass-wir-nicht-endlos-damit kokettieren-können) kirre. Was soll das? Die sollen wieder kommen, wenn sie Ahnung haben oder wenigstens eine eindeutige Meinung.

Ebenfalls erfrischend anders sind die persönlichen Peinlichkeiten und Eklats, die ich in den Medien mitverfolgen kann. Die Skandale sind anders als das was man von „etablierten Politikern“ kennt, aber nicht weniger unsäglich. Beispiele, die mir ohne Recherche einfallen: Julia Schramm oder Susanne Graf. Klar sind die politikunerfahren, aber gesunder Menschenverstand und Umsicht sind prinzipiell jedem zu empfehlen – v.a. dann wenn sie/er als Repräsentant/in für etwas ernst genommen werden will.

 

2. „Die Piraten sind ein deutliches Signal, dass sich politisch etwas ändert in Deutschland.“

Signal für was? Dass es die vielgepriesene Politikverdrossenheit nicht mehr gibt oder dass Menschen politisch teilhaben wollen? In NRW gab es auch dieses Mal wieder 40,4% Nichtwähler und die Piraten werden nicht müde, den Kopf zu schütteln, wenn behauptet wird, dass sie v.a. die Nichtwähler motivieren (Auch wenn die Analysen etwas anderes sagen). Aber zur Frage zurück. Was ändert sich denn gerade? Ich denke schon, dass „das Internet“ als Masse zunehmend an Bedeutung gewinnt. Das ist vielleicht wirklich neu. Wenigstens kleine Erfolge sind im letzten Jahr zu verbuchen (man denke an Urheberrechtsfragen und Doktortitel) – aber mit den Piraten hat das nichts zu tun. Wird mehr und konstruktiver diskutiert? Gibt es bessere und überzeugendere Lösungsansätze? Ich habe davon noch nichts wahrgenommen.

 

3. „Die Piraten vertreten wichtige Themen, die keine andere Partei (so gut) vertritt.“

Klar sind Netzthemen wichtig. Zumindest mir persönlich. Ich war auch auf den Anti-ACTA-Demos – aber dazu haben mich nicht die Piraten bewogen. Auch keine andere Partei. Es handelt sich einfach um ein persönliches Interessensfeld („das Internet“), für das ich mich einsetzen möchte.

Alle Konzepte, die mir bekannt sind zum Thema politische Teilhabe oder wie kann ich das Internet nutzen, um mich stärker zu beteiligen, überzeugen mich nicht. Ich finde sie absolut realitätsfremd. Allein schon das Konzept Liquid Democracy bringt mich zum Lachen. Es würde auch zu weit führen, mich an dieser Stelle über die Nachteile von rein basisdemokratischen Konzepten auszulassen (z.B. Wahrung Rechte von gesellschaftlichen Minderheiten).

Wenn man sich vor Augen führt wie niedirg die Wahlbeteiligung seit Jahren ist, gibt es in der Bevölkerung offensichtlich keinen erhöhten Bedarf nach Beteiligung. Die Instrumente, die es gibt (wie z.B. der Volksentscheid), scheitern meistens an der geringen Bürgerbeteiligung. Für mich stellt sich die Frage: Warum sollte sich daran was durch andere Instrumente ändern?

 

4. „Die stehen erst am Anfang. Ist doch klar, dass die noch nicht zu allem etwas ausgearbeitet haben. Die Grünen haben auch mal so angefangen.“
(Argument formerly known as „Bist Du immer so streng zu Fünfjährigen?)

Das mag sein. Allerdings finde ich persönlich, dass man eine Partei so lange nicht wählen kann, bis sie im großen und ganzen vernünftige Ideen zu allen relevanten Themen zusammengetragen hat. Wie gesagt, alles, was ich bislang (und das bezieht sich v.a. auf das Berliner Wahlprogramm) gelesen habe, erscheint mir schlecht durchdacht und v.a. lückenhaft.

Als Erweiterungsargument wird meist 4.1 „Aber die anderen haben doch auch nichts besseres zu bieten“ in diesem Zusammenhang genannt. Himmelherrgott, das stimmt vielleicht auch, aber was macht dieser bedauerliche Umstand besser? Was? Weil ich die FDP doof finde, macht das die Piraten wählenswert? Das ist ein Kindergartenargument der folgenden Art: „Muss ich mir abends die Zähne putzen? Ich hab keine Lust darauf.“ „Ja! Du musst.“ „Ja aber Susi muss sich auch nicht die Zähne putzen!!!“

Und selbst da, wo die Piraten richtig hätten punkten können, passierte erstmal … gar nichts (Bsp.: Staatstrojaner).

Zusammenfassend kann ich sagen: Ich bin nach wie vor nicht überzeugt. Im Gegenteil.

Ich schreibe jetzt seit acht Jahren ins Internet und ich denke, ich werde es noch mindestens zehn weitere Jahre tun. Nichts täte ich lieber als in zehn Jahren mit den Worten „wie falsch meine Einschätzung 2012 war“ auf diesen Eintrag hier zu verlinken. Ich wünsche mir auch eine Veränderung der politischen Landschaft und ich würde auch sehr gerne vollen Herzens beim Wählen meine Kreuzchen neben eine Partei setzen, die ich wähle, weil ich mich gut repräsentiert fühle. Ehrlich.

Erzähl‘ mir alles

Es ist nicht immer lustig PsychologIn zu sein.

„Mein Freund hat einen Pullover, den finde ich furchtbar. Ich habe es ihm aber nie gesagt.“ oder „Obwohl meine Oma eine sehr liebe Frau ist, habe ich ihr als Kind Geld gestohlen.“ oder „Ich habe eine Affäre mit dem Freund meiner Schwester, das macht mir ein wirklich schlechtes Gewissen!“. Das sind Sätze, die man gar nicht hören möchte. Sie sollten geheim bleiben. Die meisten Menschen haben solche dunklen Geheimnisse. Glücklicherweise sprechen sie nicht darüber. Jedenfalls so lange man nicht den Satz: „Ich studiere Psychologie…“ ausspricht.
Kaum ist dieser Satz verhallt, verwandeln sich Menschen in Abgründe und sie haben nichts dringlicheres zu tun als einem genau jene Geheimnisse zu erzählen. Das ist nicht immer angenehm.
Dieser Effekt hat meine frühe Adoleszenz beinahe versaut. Glücklicherweise bin ich irgendwann darauf gekommen auf Partys auf die Frage: „Was machst Du so?“ mit „Ich bin Fleischereifachverkäuferin“ zu antworten. Zwar machte mich das nicht zum begehrten Gesprächspartner, es sorgte jedoch zumindest dafür, dass die Menschen ihre Geheimnisse freundlicherweise für sich behielten.

Ich muss sagen, die Neigung wildfremden Menschen die intimsten Details seines Lebens zu erzählen, war mir bislang unbegreiflich und fremd.

Jedenfalls war es mir bis vor einigen Wochen ein totales Rätsel, was mit den Menschen passiert, die sonst so viel Energie darauf verwenden nach außen alles perfekt scheinen zu lassen, wenn sie erfahren, dass ich irgendwann mal Psychologie studiert habe und mir unabhängig davon ob sie mich seit Jahren kennen oder vor zehn Sekunden kennen gelernt haben, all ihre schmuddeligen Seelenabgründe offenbaren.

Doch neulich hatten wir Besuch von der Mutter eines Freundes von der ich wußte, dass sie Psychologin ist. Da saß sie nun an unserem Tisch, unterhielt sich mit uns und es war als wirbelte um sie herum eine Erzählmiralles-Aura. Sie saß da, lächelte und tat eigentlich nichts. Doch in mir stieg dieses Gefühl auf, ihr mein ganzes Leben, ja jedes Detail offenbaren zu wollen. Nein, nicht nur leise davon berichten, am liebsten hätte ich mich auf den Boden geschmissen und alles ausgeschrien. All die Gefühle und Gedanken, die man manchmal hat, die man aber nie sagt, weil das sozial nicht erwünscht ist. Am liebsten hätte ich mich an ihren Hals geschmissen und ihr Gesicht zu mir gedreht, um sicherzugehen, dass sie mir zuhört, wenn ich von den letzten 36 Jahren meines Lebens berichte. Sie hatte so eine gütige und verständnisvolle Ausstrahlung, ich hätte mich auch gerne auf ihren Schoß gesetzt und hätte mich umarmen lassen wollen. So wie die Bekloppten in den amerikanischen Filmen, wenn sie auf Psychologen treffen.
Dank meiner übermenschlichen Fähigkeit meine Gefühle robotermäßig im Griff zu haben, kaute ich stattdessen unauffällig meine Kartoffeln weiter und flötete mir innerlich ein Liedchen, UM MICH ENDLICH ZU BE R U H I G EN!

Sie sind unter uns

Trolle gibt es überall. Im Internet sind sie nur lauter.

Bislang bin ich völlig von ihnen verschont worden. Glücklicherweise, denn ich weiß nicht, ob ich mit ihnen umgehen könnte: den Trollen. Sie begegnen mir v.a. in den Kommentarspalten von Zeitungen, dort gehäuft bei den KollumnenschreiberInnen. Sascha Lobo hat auf der re:publica eindrücklich von ihnen berichtet, Harald Martenstein schrieb ebenfalls über sie und heute lese ich in der Twittertimeline diesen Tweet von Antje Schrupp.

https://twitter.com/#!/antjeschrupp/status/151981578845818880

Mir ist bekannt, dass es sie gibt, aber ich bin jedes Mal schockiert wenn ich lese, was sie schreiben.

Generell bin ich nicht so der Fluch- und Beschimpfungstyp. Ich glaube, schlimmer als mit „Arsch“ habe ich noch nie jemanden bezeichnet und das waren dann Autofahrer, die beinahe mich und meine Kinder überfahren haben. Mir das Seelenleben von Trollen vorzustellen, fällt mir unendlich schwer. Was geht in ihnen vor? Warum tun sie das? Warum fühlen sie sich so gereizt, dass sie in dieser unangemessenen Weise reagieren müssen? Ist es der Schutz der Anonymität und selbst wenn, inwiefern bereichert ihr Tun ihr Leben?

Wenn man nach Antworten googelt, so meinen die meisten, es ginge um Provokation. Doch alleine wenn man den Satz im Tweet liest, wo soll da die Provokation sein? Was soll provoziert werden? Ich bin über sowas nur entsetzt. Gelegentlich auch sprachlos wenn man z.B. den Vortrag von Jaclyn Friedman gehört hat und sich die Seite hatr.org anschaut.

Es gibt natürlich deutliche Abstufungen von Trollen. Angefangen beim bloßen Generve bis hin zu den Hasstiraden, die einem wirklich angst machen können. Dementsprechend ist „Ihre Motivation […] vielseitig: Langeweile, die Gier nach Aufmerksamkeit, die Lust am Unruhe stiften oder simple Rache.“

Bei den extremeren Formen spielt sicherlich der Wille Macht und Einfluss auszuüben eine Rolle. Diese Trolle hoffen vielleicht Einfluss auf andere (auch andere Leser) zu nehmen. Gleichgesinnte zu finden. Ihr persönliches Weltbild bestätigt zu bekommen. V.a. dann wenn es sozial nicht akzeptiert ist – nicht salonfähig ist. Vielleicht gibt ihnen diese Art der Äußerung das Gefühl die Exemplare einer Gemeinschaft aufzudecken, welche die eigene Meinung teilen und eigentlich sonst auch im Verborgenen leben. Ein Weltbild zu haben, das von anderen geteilt und affirmiert wird, das gibt Selbstbewußtsein und das scheint nicht allzu üppig vorhanden zu sein. Ich denke, wenn man sich seiner selbst bewußt ist, sich sicher fühlt und sich einer Gemeinschaft zugehörig fühlt, dann ist man auf solche Provokationen nicht angewiesen. Selbst wenn jemand etwas schreibt, was mich wirklich ärgert – eine sachliche Auseinandersetzung wäre möglich, wenn man auf tatsächliche Argumente zurück greifen könnte. Kann man aber nicht und deswegen bleibt nur der Weg der Beleidigung. Vielleicht genügt es den Trollen auch eine funktionierende, geschlossene Gruppe zu zerstören, in Lager zu spalten, einzelne auszuschließen?

Auch wenn man das alles halbwegs erklären kann, angst macht mir das Phänomen trotzdem. Ich stelle mir vor, dass die U-Bahnen und S-Bahnen, in denen ich täglich sitze voll von solchen Menschen sind, die so schlechte Gefühle haben und derartige Aggressionen mit sich rumschleppen. Denn ich befürchte, dass diese Menschen in der physischen Welt nicht wirklich seltener sind, sie offenbaren sich mangels Anonymität nur seltener.

Möglichkeiten, wie man mit Trollen umgehen kann: Managing „Trolling“ in a Feminist Forum

Kleiner Ausbruch am Rande

Doch noch einer zu den Piraten. Muss aber.

Als großer Freund der Diplomatie und unterdrückten Emotionen muss ich mir heute mal einen pathetischen Ausbruch leisten.
Was man am Wochenende durch den CCC über den Staatstrojaner (formerly known as „Bundestrojaner“) ans Tageslicht kam, hat mich entsetzt. Ich bin Wessi, aber ich kann mir lebhaft vorstellen, welche Gefühle in einem hoch steigen mögen, wenn man in der DDR groß geworden ist.
Was ich mir nun – und eben leider doch gerade von der Piratenpartei erwartet hätte blieb aus. Nun gut. Es war ja Wochenende und das ist dann außerhalb der Öffnungszeiten des Internet? Der Innenminister in Kabul, also erst Mal abwarten? Vielleicht doch kein Bundestrojaner sondern irgendwie anders? Ein Mißverständnis? Ein kleiner Ausrutscher?
Nein! Nein! Nein!
Was ich in der FAZ lese, verwundert mich. Markus Beckedahl kommentiert auf Google+: „Wenn man die Namen wegdenkt, kommt man nicht drauf, wer das Interview beantwortet hat.“
Ich stimme ihm zu und frage mich was soll das?
Als ihr nichts zu verlieren hattet, da wurde ordentlich Rabatz gemacht. Was alles geändert werden soll! Wie unterschätzt das Thema Internet sei! Welche Fehler die anderen Parteien begehen, weil sie untätig zuschauen!
Die zukünftigen Piratenwähler waren begeistert: Endlich sagt mal einer wie es ist! Authentisch sind sie! Verstellen sich nicht! Keine leeren Politikerphrasen und Worthülsengefechte. Keine Ahnung aber eine lustige App haben sie gebastelt. Süß.

Und jetzt?

Jetzt haben sie im Hinterkopf, dass sie laut Umfragen auf Bundesebene 8% erreichen könnten. Aber Leute, ihr vergesst wer Euch warum gewählt hat. (Und ich wars ja nicht…)

Was ist jetzt?
Es wurde nicht nur gegen ein popliges Gesetz verstoßen und noch schlimmer nicht irgendeine Firma oder eine Privatperson hat hier gegen etwas verstoßen. Lauer sagt „Es ist natürlich ein starkes Stück.“

Allerdings! Es wurden die Vorgaben des Bundesverfassungsgericht mißachtet. Nicht soooo schlimm? Urkundenfälschung wird übrigens u.a. so hart bestraft (z.B. im Vergleich zu Körperverletzung) weil sie den Staat gefährdet. Und nun? Das Ausmaß ist viel größer!

Die FAZ habe drastischeres weggekürzt? Soll ich ein Taschentuch reichen? Ja was? Habt ihr keine Blogs? Keine Websites? Könnt ihr nicht öffentlich Stellung beziehen? Wie schwierig ist das bitte? Ich sehe Euch schon in der nächsten Talkshow sitzen „Aber wir haben doch auch Leute, die twittern!!!“

Ich bin echt stinksauer.

Gedanken zur Nacht aus dem Reich der digitalen Säugetiere

Wer quantitativ in der Minderheit ist, sollte umso lauter zwitschern, lehrt die (Tier-)Soziologie

Männliche Raubtiere markieren ihr einmal erobertes Revier in den meisten Fällen durch eine Mischung von Urin und Pheromonen. Artgenossen können durch Beschnuppern der Duftmarken weitaus mehr erfahren als dass das Gebiet bereits besetzt ist. Neuere Forschungen zeigen, dass die Urinmarken differenzierte Angaben zu Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand und allgemeiner Paarungsbereitschaft enthalten.

Ich finde, im Internet kann man das Kommentieren als eine moderne Variante des Duftmarkensetzens ansehen. Und weil der Mensch auch nur ein Säugetier ist, machen das v.a. Männer gerne (zumal sie bestimmt um die Nebeneffekte was Pagerank etc. angeht, wissen, wenn man mit Backlink auf die eigene Seite kommentiert. Mit Technik kennen sie sich aus). Dabei ist das „normale“ Kommentieren noch verhältnismäßig aufwändig. Immerhin muss man sich irgendeinen halbwegs passenden Inhalt ausdenken, den man unter einen Beitrag setzt. Die Convenience-Duftmarke ist der Kommentarautomat. Man gibt hier nur die URL an und nuschelt quasi was in den Bart. Schnell und effektiv in die Ecke gepinkelt und weiter geht’s.

Für mein Empfinden kommentieren Frauen weniger und auch ganz anders. Passend dazu habe ich in einem etwas älteren Beitrag von Frau Ziefle gelesen: „Ich bin mir völlig bescheuert vorgekommen, bei den Kommentarfeldern meine url anzugeben. Warum? Weil ich mich schlichtweg nicht für so wichtig gehalten habe. Der “Wert” dieses Links (Traffic auf meine Seite) war mir zuerst nicht bewusst und dann eher peinlich. Nicht, weil ich meine Texte schlecht fände oder unwichtig. Aber weil mir nicht klar war, was das bedeutet und welche Schlüsse man ziehen kann, wenn überall meine url dabeisteht.

Ich glaube tatsächlich, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Auch gibt es natürlich die Menschen, die nicht nur kommentieren, um ihre Duftmarke abzusetzen.

Jedenfalls bin ich bei Trackback auf ein wunderschönes Wort gestoßen. Es lautet „rivvern“. Rivvern wurde wie folgt beschrieben: Man wartet bis ein Beitrag bei Rivva auftaucht und dann kommentiert man dort. D.h. man beobachtet die anderen Raubtiere und wenn eines mächtig wird, pullert man vorsichtig in die Ecke um zu prüfen, ob weitere Artgenossen mal ins eigene Rivvier äh Revier schauen, um dort zu beurteilen, ob eine weitere Bedrohung für das eigene Territorium lauert.

Durch die Behauptung von Territorien wird bei Raubtieren übrigens die Obergrenze der Bevölkerungsdichte festgelegt. Wenn man sich die gefühlte Blogosphäre anschaut, finde ich auch diese Parallele sehr passend. Für mich gibt es eine Art maximale Anzahl von gefragten Bloggern – die meisten regelrechte Graurücken – und es platzieren sich nur sehr selten Neue. Vor allem neue Frauen. Weil die nämlich wenig geben auf die akustische Reviermakierung das Gebrüll.

Jedenfalls wenn man (lautet das pc eigentlich manIn?) gehört werden möchte, dann muss manIn- weil im Netz quantitativ unterrepäsentiert (man liest oft von einer 80 : 20 Verteilung) eben umso lauter zwitschern.

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Allen, die über Google mit ekeligen Keywordkombinationen, die das Wort Urin enthalten, hier gelandet sind: Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!

Sonntazfrage: Sind die Piraten links?

Einer zu den Piraten geht noch. Mein Beitrag zu der Sonntazfrage „Sind die Piraten links?“

Falls es jemand noch nicht gemerkt hat. Ich habe das Genre gewechselt und bin jetzt Politbloggerin (Fragen zum Thema Lifestyle und aktuellen Trends beantwortet zukünftig Felix Schwenzel). Deswegen wurde ich von der TAZ gefragt, ob ich nicht Lust hätte einen Beitrag zu der Frage „Sind die Piraten links“ zu schreiben. Habe ich gerne gemacht. Allerdings fand ich meinen ursprünglichen Entwurf ein bisschen fetziger (wie Mama sagen würde).

Patricia Cammarata (36) bloggt seit über sieben Jahren auf dasnuf.de und ist beinahe doppelt so alt wie der die durchschnittliche Abgeordnete der Piratenpartei

Links ist, wo der Daumen rechts ist. Das wäre das ideale politische Motto für die Piratenpartei. In ihrer Krippenzeit distanzierten sie sich nicht ausreichend von politisch rechts gefärbten Ideen. Googeln hätte geholfen. Sowohl Popp als auch Baum. Letzterer hätte rausfinden können, dass man für Tausend Millionen eigentlich Milliarden sagt (und „63 Milliarden“ sind wahrlich leichter auszusprechen als „3.014.237„).

Glaubt man den Wahlplakaten, machen sich die Piraten klar zum ändern. Tradierte Staats- und Gesellschaftsformen auflösen wollen, das entspräche eher einer politisch links gerichteten Haltung.

Doch was sie genau ändern wollen und v.a. wie, bleibt bis heute zum größten Teil ein Geheimnis. Sie politisch einzuordnen, ist schwierig weil sie  kaum ein Wahlprogramm haben. Die wenigsten Themen sind differenziert ausgearbeitet. Da reicht es nicht aus, willig zu sein seine Defizite aufzuholen.

„Bist Du immer so streng mit Fünfjährigen?“, wurde ich neulich von Felix Schwenzel (wirres.net) gefragt. Tatsächlich vertrete ich die Haltung, dass Vorschüler schon wissen sollten, dass Politik eine ernste Sache ist.

Deswegen liebe Piraten: Kl4rm4ch3n zum Sch31t3rn

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Alle Beiträge zur Sonntaz-Frage gibt es offline am Kiosk – liken kann man die Sonntaz auf Facebook. Ob die Piraten links sind, haben die Piraten übrigens auch schon beantwortet. In der TAZ beziehen dazu Stellung: Oliver Höfinghoff (Piraten Berlin), Gesine Lötzsch (Die Linke), Helga Hansen (Mädchenmanschaft.net), Bert Blank (Leser aus Bamberg), Sebastian Nerz (Piraten) und Hans-Christian Ströbele (Bündnis90/Die Grünen). Ich gehe mir jetzt jedenfalls erstmal die Sonntaz kaufen.

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Ab morgen schreibe ich nur noch über Mascara, Stöckelschuhe und ggf. Kinderkotze -nicht dass da ein falscher Eindruck entsteht. Wer möchte, folgt mir trotzdem auf Twitter, Formspring, Google+ oder Facebook.