Meine Erziehungsnemesis

Ich erinnere mich an ein Entwicklungsgespräch im Kindergarten.

Erzieherin: „Hast du noch Fragen?“
Ich: „Ja, äh also, wie ist das bei euch mit dem Essen?“
Erzieherin: „Was meinst du?“
Ich: „Bleibt Kind 2.0 bei euch sitzen?“
*hysterisches Auflachen*

Dann erinnere ich mich an ein weiteres Entwicklungsgespräch im Kindergarten.

Erzieherin: „Hast du noch Fragen?“
Ich: „Ja, äh also, wie ist das bei euch mit dem Essen?“
Erzieherin: „Was meinst du?“
Ich: „Bleibt Kind 3.0 bei euch sitzen?“
*resigniertes Abwinken*

Diese beiden Dialoge fassen unsere gemeinsamen Mahlzeiten eigentlich ganz gut zusammen.

Egal ob Frühstück, Mittagessen oder Abendessen – es ist furchtbar. In meiner naiv romantischen Vorstellung dachte ich, gemeinsame Essen finden so statt: Wir setzen uns alle an den Tisch. Wir nehmen das Besteck in die Hand und essen. Während wir essen, erzählen wir uns vom Tag, wir lachen, gießen uns Saftschorle nach und am Ende lehnen wir uns zurück und plaudern noch ein bisschen mehr. Wir sind alle ganz entspannt.

Werbefernsehromantik, ja, ja. Ich bin wieder drauf reingefallen. Werbefernsehen hat mir eine unrealistische Vorstellung davon vermittelt, wie mein Leben mit Kindern sein könnte.

In Wirklichkeit sieht es so aus: Ich habe bis nachmittags gearbeitet, hole Kind 3.0 vom Kindergarten ab, wir gehen schnell einkaufen. Es ist 17.15 Uhr. Wir kommen zuhause an. Kind 2.0 ist schon da und mich überschwappt eine Welle heuteinderSchuldeunddieAnnahatdannnochaberdahatdannderTimblblblblblblbl schwaaahhhblablablabalbalbalblubblu.

Ich bin müde, total erschöpft, ich will eigentlich nur eines: meine Ruhe.

Ich packe die Einkäufe weg. Kind 3.0 hat jetzt auch was zu erzählen. Ohne Punkt und Komma. Es fällt mir schwer zuzuhören. Ich höre graues Rauschen wie Jen bei der IT Crowd wenn Moss etwas Technisches erklärt.

Ich fange an zu kochen. Die Kinder „spielen“ derweil im Kinderzimmer.

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Mit letzter Kraft schleppe ich mich an den Wohnzimmertisch und rufe „Essen ist fertig!“.

Die Kinder kommen. Kind 3.0 greift mit den Händen ins Essen.

Ich: „Kannst du bitte Besteck benutzen?“

Kind 3.0 verdreht die Augen. Kind 2.0: „Jetzt nimm das Messer, ey!“

Kind 3.0: „Du sollst nisch über misch bestimmen!“

Ich: „Richtig, aber bitte benutz doch das Besteck, Kind 3.0!“

Kind 3.0 wirft wütend die Hand voll Kartoffelpürree, die es gerade aufgenommen hat auf den Teller zurück. SCHLOZ. Soße spritzt auf den Tisch. Kind 3.0 steht auf und stempelt mit den vollgesabberten Händen folgende Gegenstände: Tisch, Stuhl, Türgriff Wohnzimmer, Türrahmen Wohnzimmer, Türgriff Küche, Türrahmen Küche, Ablage Küche, Spüle, unerklärlicherweise Wand, wieder Türgriff Küche, Türrahmen Küche, Türgriff Wohnzimmer, Türrahmen Wohnzimmer, Stuhl, Tisch.

Es „wischt“ die Soße auf.

In der Zwischenzeit hat Kind 2.0 das Essen aus dem Mund fallen lassen: „Ist ja ekelhaft. Ist das wieder so ein komisches vegetarisches Zeug?“

Ich: „Wollte ich mal ausprobieren.“

Kind 2.0: „Ich esse Jogurt!“

Kind 3.0: „Isch auch.“

Ich bin zu schwach Widerstand zu leisten. Jogurt wird geholt. Kind 3.0 ist derweil verloren gegangen.

Ich rufe: „Kind 3.0, bist du fertig mit dem Essen?“

Kind 3.0 aus der Ferne: „Neeee!“

Kind 2.0 fängt an zu singen.

Ich: „Nicht singen am Tisch!“

Kind 3.0 erscheint im Türrahmen und singt mit.

Ich nicke kurz ein. Als ich aufwache, hat Kind 3.0 die Füße auf dem Tisch abgelegt. Kind 2.0 übt Capoeira-Tritte. Eine Flasche Wasser segelt an mir vorbei.

Ich: „Bitte! Könnt ihr bitte leiser sein und normal essen?“

Ich atme durch. Ich zähle langsam im Geiste bis zehn. Ich reiße mich zusammen und frage in meiner lieblichsten Stimme: „Na, wie war es denn in der Schule?“

Kind 2.0: *murmelmurmel*

Kind 3.0: „Also im Kindergarten, da war der Robert und der Robert <insert 20 minütigen Monolog.>“

Kind 2.0: „ICH WILL AUCH MAL WAS SAGEN!“

Kind 3.0: „ABER ICH REDE!!!“

Kind 2.0: „ABER DU HÖRST JA NIE AUF.“

*Gerangel* *Stühle fallen um*

Die Kinder stehen auf.

Ich sitze alleine am Tisch. Einsam und alleine. Alles ist vollgeschmiert.

Ich: „Räumt ihr bitte ab?“

Kind 3.0: „DAS IST SKLAVEREI!“

Kind 2.0: „IMMER MUSS ICH ALLES ALLEINE MACHEN!!!1“

Tagein, tagaus, wochentags, wochenends. Immerzu. Immerzu.

Das gemeinsame Essen ist meine Erziehungsnemesis*. Völliges Versagen. Alles falsch gemacht. Täglich scheitere ich daran. Ich stehe auf, setze mich an meinen Rechner und schaue mir auf YouTube Clips glücklicher Familien beim Essen an.

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*Dafür schlafen meine Kinder immer um 20 Uhr. Immer. IMMER!

„Schmusen“

Ich verband mit dem Wort „Schmusen“ immer eine Gewisse Zärtlichkeit. Stimmt ja auch, wenn man das Wort nachschlägt, steht da „sich zärtlich berühren“. Auch die Synonyme lassen auf einen sanften Kontext schließen: kraulen; liebkosen; kuscheln; tätscheln; ei, ei machen (umgangssprachlich); streicheln; schmiegen; herzen.

2006 änderte sich meine Vorstellung von schmusen schlagartig. (Haha! Schlagartig passt so gut in diesem Zusammenhang!)

2006 lernte ich nämlich das damals fast dreijährige Kind 1.0 kennen. Schmusen wurde zu irgendwas mit Knien.

Wenn ein Kleinkind (im Grunde zieht sich das bis ins Grundschulalter) „schmusen“ möchte, zieht sich mein Körper instinktiv zusammen. Kinn an die Brust, Bauchmuskeln anspannen, der Körper bildet ein C. Arme schützend überkreuzen, am besten einrollen, Augen zur Sicherheit schließen, totstellen. Nach einigen Jahren mit Kindern, kann nicht mehr anders. Es ist ein Reflex geworden. Auch wenn meine Vorstellung nach wie vor unerschütterlich romantisch ist. Ich falle nämlich immer wieder auf den Schmusewunsch der Kinder rein.

Vielleicht bin ich nur ein bedauerlicher Einzelfall – aber bei meinen kleinen Kindern bedeutet schmusen in der Regel mit den Knien voraus auf einen springen. Das ist nicht unbedingt angenehm. 20 kg (+) beschleunigte Masse mit zwei spitzen Knien voraus. LKW-Fahrer, die sich mit dem Thema „Ladung angemessen sichern“ beschäftigen, werden die zu erwartenden Schmerzen sogar exakt ausrechnen können.

Ich hab leider in Physik nicht so gut aufgepasst, sonst könnte ich es nachrechnen, aber meine Recherchen ergaben: Ein 40kg schwerer Hund, der mit 50 km/h auf einen draufspringt, entwickelt eine kinetische Energie von 3,8 Tonnen. Kann man das einfach halbieren, wenn das Kind 20 kg wiegt? Und äh nur mit 10 km/h auf einen springt?

Im Grunde ist die physikalische Korrektheit an dieser Stelle auch völlig egal. Ob nun eine halbe Tonne oder eine ganze… es tut furchtbar weh. Je nach Größe des schmusebereiten Kindes und nach Geschlecht des Zubeschmusten sogar noch mehr. Ich habe in einem komplizierten Verfahren errechnet, dass das Maximum an Schmerz erreicht wird, wenn ein ca. 1,05 m großes Kind auf einen ca. 1,80 m großen, aufrecht stehenden Mann springt.

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Neben dem Besprungenwerden kennen Kleinkinder auch andere Schmusevarianten. Eine unter der ich immer wieder leide, ist die Beschmusung von unten mit dem beschleunigten Kinderkopf an das eigene Kinn.*

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Eher harmlos ist die Bekletterung im liegenden Stadium, in der das gesamte Kindesgewicht auf die Füße oder ebenfalls Knie konzentriert wird.

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Als schmusebereite Eltern durchläuft man verschiedene Phasen der Beschmusung. Unerfahrenen Eltern empfehle ich deswegen Phase I besonders intensiv zu genießen. Die Phase kommt nie wieder.

Phase 1: passives Schmusen I; Kindesalter unter 2 Jahre, Gewicht unter 20kg; das noch relativ unbewegliche Kind kann nach belieben geherzt werden.

Phase 2: aktives Schmusen I, Kindesalter über 2 Jahre, Gewicht über 20kg; die Eltern sind noch ahnungslos und empfangen die Kinder mit offenen Armen.

Phase 3: aktives Schmusen II, Kindesalter unter 7 Jahre, Gewicht unter 40kg; die Eltern haben eine Reihe sehr eindringlicher Schmuseerfahrungen gemacht und reagieren wie Gürteltiere in Gefahr, wenn das Kind schmusen möchte.

Phase 4: passives Schmusen II, Kindesalter über 7 Jahre, Gewicht über 40kg; das Kind möchte (zumindest öffentlich) nicht mehr geherzt werden (Tut den Eltern nur im Herzen weh, äußerlich keinerlei Schmerzen).

Übrigens gibt die etymologische Herkunft des Wortes werdenden Eltern eigentlich schon ausreichend Hinweise. Schmusen kommt tatsächlich von „Schmus“ – schmues – Gerüchte. Es ist nämlich nur gerüchteweise schön mit Kleinkindern zu schmusen. Das weiß man dann jedes Wochenende morgens im Bett, wenn die Kinder um 6.20 Uhr schmusen kommen. Je mehr, desto schmerzlicher.


 

*In billigen Liebesromanen soll frau angeblich in totaler Ekstase  Glocken läuten hören. Leider ist mir das noch nie widerfahren. Sehr wohl habe ich in diesem völlig unsexuellen Schmuseszenario schon öfter Sterne gesehen. Das nur am Rande.

Aufklärungsdings

Seit einigen Wochen mache ich mir Gedanken über das Thema Aufklärung bei Kindern. Ich dachte eigentlich, wir gehen in der Familie ganz offen mit allem um und die Kinder wüssten schon über alles Bescheid. In einem völlig anderen Kontext habe ich Kind 2.0 und 3.0 mal gefragt: Wisst ihr wie lange man schwanger ist?

Kind 3.0 selbstbewusst: „Na klar! Zwei Jahre!“

Kind 2.0, empört: „Entschuldigung? Elefanten sind zwei Jahre schwanger. Menschen nur vier Monate!“

Da wusste ich: Wir haben Redebedarf.

Auf Twitter hatte ich schon mal rumgefragt, ob mir jemand Hefte, Bücher, Filme, Comics empfehlen kann. Ich selbst hatte als Kind in den 80ern „Peter, Ida und Minimum.“ (Amazon Webelink). Ganz vorne gab es eine Doppelseite gezeichneter nackter Menschen, die man von vorne und hinten sah. Frauen und Männer, Kinder in groß, klein, dick, dünn. Das fand ich als Kind toll. Ich hab mir diese Seiten lange angeschaut und war fasziniert, dass es große Brüste gab und kleine, dicke Bäuche, flache Bäuche, runde Popos, faltige Popos – eben Vielfalt.

Der Rest des Comics war eher so naja. Die Mutter ist z.B. ständig entnervt, während der Vater abwinkt: So sind sie die Schwangeren.

Als Leserin von Krachbumm (tolle Seite, abonniert außerdem den Newsletter!), hatte ich zudem eine (späte) Erleuchtung. Aufklärung bezieht sich meistens nur auf den Fortpflanzungsakt. Mir ist wirklich noch nie ein Aufklärungsbuch in die Hand gekommen, in der es auch darum ging, dass Sex Spaß macht.

Das ist auch der Grund warum mich das Thema als Kind dann nicht interessiert hat. Ich wußte ja wie Babys entstehen und da Babys für die nächsten zwanzig (mindestens) Jahre keine Rolle spielen würden, war das Thema Sexualität für mich abgehakt.

Aus heutiger Perspektive erscheint mir das wirklich total seltsam. Warum läuft Aufklärung so ab? Warum tut man so, als ginge es bei Sex ausschließlich um Fortpflanzung? Auf meine persönliche Erfahrung zurückblickend ist das Verhältnis Fortpflanzung zu Spaß doch ein eher anderes.

Das mal so nebenbei. Ich finde ein ordentliches Aufklärungsbuch darf gerne auch von Wohlgefühlen und Spaß sprechen…

In der Grundschule von Kind 2.0 gibt es nun Sexualkunde und in diesem Zusammenhang wird der Film „Wo komme ich eigentlich her?“ geschaut. Der Film entstand 1985. Mein Kind wird also in der Schule mit einem Film aufgeklärt, der älter als 20 Jahre ist.

Eine Mutter, die den Film gesehen hat, berichtete ausserdem von anderen Szenen, die ich in Anbetracht der (z.B.) aktuellen Stilldebatte für wirklich fragwürdig halte.

Gegner des öffentlichen Stillens argumentieren ja viel über die Nacktheit und die „übergriffige“ Intimität der sie ausgesetzt sind, wenn Frauen ihre „Brüste auspacken“.

Ein sehr schöner Artikel zum demonstrativen Stillen übrigens bei unangespießt:

„Nun hat sie ihre Brust befreit, doch statt endlich das heulende Kind daran zu klemmen, hält sie es noch hoch, quatscht es voll und dreht es noch fünfmal hin und her, bevor sie endlich die anscheinend richtige Positon gefunden hat. Schließlich tritt Ruhe ein, aber nein! In die Stille hinein fängt diese Frau an zu erläutern: “Stillen ist ja das Beste! Bis zur Einschulung werde ich mein Kind mindestens stillen! Sehen Sie, wie prall meine Brüste  sind? Damit könnte ich eine Fußballmannschaft ernähren!”

Und das ist es genau! In der Regel sieht man weder nackte Brust noch ist der stillenden Frau daran gelegen auffällig und provokant zu stillen.

Im Film sieht das so aus:

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(Klick aufs Bild, springt zu der Stelle im Film, Tipp für die Nerven, Ton weglassen)

Eine Frau sitzt unangeschnallt auf der Rückbank eines Autos, packt beide Brüste aus und stillt so wie man das da sehen kann: beide Brüste ausgepackt. Danach packt sie auch erstmal nicht mehr ein.

WTF?

Das wird dann ggf. Kindern gezeigt, die zuhause noch nie gesehen haben, wie gestillt wird und die ohnehin im Kicher-Alter sind.

Das lässt mich wieder zu der Frage kommen: Habt ihr Tipps für gute Aufklärungsbücher, Comics, Filme? Wie macht ihr das zuhause?

Vorhanden sind „Wie sag ich’s meinem Kind?„, Make Love (Amazon Webelink) und Klär mich auf (Amazon Webelink).

 

Endlich mal Kulturpessimismus nach meinem Geschmack

Am Wochenende hatte ich kinderfrei und wenn ich eins liebe, dann tagsüber Serien zu schauen (was ja mit Kindern nicht geht). Unter der Woche nach 20 Uhr (meist ist es eher 21 Uhr ehe ich mit allem fertig bin) bin ich meistens so müde, dass ich doch irgendwann einschlafe – egal wie spannend die Serie ist, die ich gerade schaue.

Am Sonntag also endlose 14 Stunden Zeit Serien zu schauen. Problem war nur: Die aktuelle Folge The Good Wife hatte ich schon gesehen, ebenso alle Folgen Limitless, Better Call Saul gab es aktuell von der 2. Staffel nur eine Folge… ich weiß gar nicht wie ich dann drauf gekommen bin, aber ich bin auf Netflix (erneut, wie ich dann feststellen sollte) auf Black Mirror gestoßen. Eine kurze Frage in meine Timeline: Black Mirror – yay or ney? Ergab 28 Mal: unbedingt schauen mit diversen Warnhinweisen, dass die Serie wirklich ans Gemüt ginge.

Ach was, ans Gemüt geht mir kaum was, das Gemetzel in Game of Thrones nicht, auch das bei Breaking Bad nicht und überhaupt*.

Die Beschreibung der ersten Folge Black Mirror macht einem höchstens Angst, weil sie maximal doof und uninteressant formuliert ist: „Premierminister Michael Callow hat mit einem schockierendem Dilemma zu kämpfen, als Prinzessin Susannah, ein geliebtes Mitglied der Königsfamilie entführt wird.“

Warum das in das Genre Sci-Fi und Fantasy einsortiert ist, erschließt sich beim Lesen der Beschreibung nicht.

OK, klang also erstmal nicht so als ob ich das unbedingt sehen möchte. Wir starteten die Folge und da Netflix sich merkt, welche Serien und Filme man schon gesehen hat und wo man als letztes war, zeigte sich: Ich hatte die ersten 15 min der Folge „Der Wille des Volkes“ bereits gesehen und anscheinend vor Langeweile oder Unverständnis abgeschaltet.

Nun denn: meine Timeline – völlig einheitlich: Schau Dir die Serie an. Ich mache ja grundsätzlich was meine Timeline sagt…

Montag Abend hatte ich dann alle 3 Staffeln (2 Staffeln à 3 Filme und einen Zusatzfilm nach der 2. Staffel) fertig geschaut.

Zur ersten Episode schreibt Felix Schwenzel sehr treffend:

„ich gebe 5 sterne, weil mich diese folge sehr beeindruckt hat, trotz einiger, kleinerer inszenatorischer schwächen und gelegentlicher unerträglichkeit.“

Ich bin ja sonst nicht so mit Spoilern, aber tatsächlich möchte ich über den Inhalt der einzelnen Folgen nichts verraten. Was mich nicht daran hindern soll zu sagen: Diese Serie ist das Beste, was ich an Dystopien je gesehen habe.

In der Regel bin ich von Kulturpessimismus sehr genervt. Es wiederholt sich ja seit Jahrhunderten das Gejammer, dass eine neue Technologie die Jugend verroht, die Menschen dumm macht, die Zukunft schwarz, den Untergang der Kultur bedeutet. Sei es nun der Buchdruck, das Fernsehen, das Internet oder sonst irgendwas. Schnell sind die Kulturpessimisten auf der Matte und predigen das Ende des Abendlandes.

Black Mirror zeichnet eine Zukunft (eine nahe), die so nach meiner Auffassung durchaus eintreten könnte. Alles ist da: die Technik, das Internet, die ganzen Plattformen wie Twitter und Co., die Medien, die Gier nach Views und die Haltung „Die Menschen sind eben so, wir geben ihnen nur, was sie wollen.“ Meine Gegenwart – nur ein ganz klein wenig weiter gesponnen.

In jeder Folge wird ein ekeliges Phänomen unserer heutigen Zeit (z.B. die Castingshows, Werbeeinblendungen, sensationslustige Medien, Reality Shows…) beleuchtet und auf eine Weise auf die Spitze getrieben, die mir beim Zuschauen teilweise Bauchschmerzen gemacht hat (und zwar echte, nicht metaphorische).

Folge 3, Staffel 1 „Das transparente Ich“ fand ich wirklich sehr, sehr beunruhigend. „Böse neue Welt“ (2. Teil, 2. Staffel) hat mir Alpträume beschert. Bei „White Christmas“ war mir dann durchgehend schlecht. Gerne würde ich meine Hände auf meine Ohren legen, um so zu verhindern, dass mir mein Ich… aber lassen wir das. Ich will schließlich nicht spoilern. Diesmal wirklich nicht.

In mir bleibt das Gefühl, dass ich jede Folge mit meinen Freundinnen und Freunden nachbesprechen möchte. Am liebsten wäre mir eine kleine Selbsthilfegruppe, ein Stuhlkreis, in den ich kommen kann und sagen kann: „Hallo, mein Name ist Patricia Cammarata und ich möchte über die furchtbare Zukunft sprechen. Vorher möchte ich aber umarmt werden.**“

Also – setzt euch und erzählt mir von euren Gefühlen (fast hätte ich jetzt einen Smiley getippt UNTERGANG DER KULTUR!!!1!) zu Black Mirror.

 


 

*Ich mache halt immer die Augen zu, was oft bedeutet, dass ich so 40-50% der Folge nicht sehe.

**Ich mag ja keine Menschen, aber in dem Fall würde ich eine Ausnahme machen…

P.S. Ende September 2015 gab der US-Streamingdienst Netflix bekannt, dass er eine dritte Staffel von Black Mirror mit insgesamt 12 Episoden bestellt hat und produziert*

P.P.S. Für die Serie spricht übrigens auch die große Diversity und die in meiner Wahrnehmung sehr gleichberechtigten und sichtbaren Frauenrollen. Das nur am Rande.

Ein paar naive Fragen

Ich erinnere mich gut an den Geschichtsunterricht in der Schule und meine damals kindliche Bedrückung, mein Entsetzen und mein Unverständnis als wir über das 3. Reich sprachen. Wie hat das alles passieren können? Es gab doch einen Anfang? Warum haben nur so wenige etwas getan? Naiv hat sich bei mir eine Art Verteilung der Handelnden ergeben: Eine kleine Gruppe von Menschen, die sich aktiv gegen all die Geschehnisse gewehrt haben, ein breites Mittelfeld schweigender Menschen, die weggeschaut haben und eine vergleichsweise kleine Gruppe Menschen, die Macht hatten und diese Gräueltaten verübt oder veranlasst haben.

„Habt ihr von all dem nichts gewusst? Warum habt ihr nichts getan?“

Ich habe diese Frage nie aktiv jemanden gestellt. Da war sie immer. Ich wollte schließlich begreifen, wie all der Hass, diese völlige Entmenschlichung, diese Abkehr von allem Guten stattfinden konnte.

Im Kopf spule ich 20 Jahre nach vorne. Meine Kinder sind groß. Clausnitz, die Pegida-Demonstrationen, all die Angriffe auf Flüchtlingsheime sind Teil der Geschichte. Ich möchte mir im Detail nicht ausmalen, in welcher Welt wir 2036 leben. Aber ich will eine Antwort haben auf die Frage: „Habt ihr von all dem nichts gewusst? Warum habt ihr nichts getan?“

Denn ich habe es gewusst, ich habe es gesehen. Ich habe mir Videos mit Unbehagen angeschaut und schließlich mit Tränen in den Augen. Ich habe mich geschämt, ich war entsetzt und ich war fassungslos. Ich bin es noch.

In meinen Kopf geht nicht rein, was dort (z.B. in Clausnitz) passiert. Ganz im Detail. Was passiert da?

Ich lese „Mehr als 100 Protestierende stellten sich dem Bus in den Weg„. Ich google den Ort und die Einwohnerzahl. Clausnitz ist ein Ortsteil der Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle. Die letzte Angabe der Tabelle: 1990 gab es 1.151 Einwohner. Die Jahre davor schrumpft die Einwohnerzahl. Vielleicht sind es ein paar weniger, vielleicht ein paar mehr. Am Abend des 18. Februars kommt ein Bus mit 30 Asylsuchenden in der Ortschaft an. Irgendwie spricht sich das rum**. Übers Knie gebrochen zieht sich jeder 8. Einwohner des Ortsteils* an (manche nehmen sogar ihre Kinder mit) und versammeln sich am Ankunftsort. Was genau wollen sie? Warum ziehen sie ihre Jacken und Schuhe an dem Abend an?

Der Bus kommt an und die Asylsuchenden sollen in die vorgesehene Unterkunft. Die Protestierenden stellen sich dem Bus entgegen, umzingeln ihn. Wissen sie genau was sie da tun? Haben sie sich vorher schon Sprüche ausgedacht, die sie brüllen können? Einer? Drei? Fünf? Zehn schreien „Wir sind das Volk!“ Duzende stimmen mit ein.

Sie stehen also um diesen Bus herum, brüllen aus vollem Halse und blicken auf einen Bus voll mit verängstigten Menschen. Einige von ihnen fangen an zu weinen. Wenn ich das auf dem Video sehen kann, haben die Menschen die da waren, es erst recht gesehen. Sie schreien weiter. Da steht am Ende also ein hasserfüllt schreiender Vater und brüllt so laut er kann einigen weinenden Flüchtlingskindern, Frauen und Männern entgegen: „Wir sind das Volk“ und „Ausländer raus!“ und andere Ekelhaftigkeiten. Sieht er nicht, dass das Menschen sind? Kinder? Kinder verdammt nochmal. So wie seine?

Was ist da kaputt? Was zur Hölle ist kaputt bei diesen Menschen?

Ich sehe täglich Bilder von Flüchtenden und lese Artikel. Ich sehe Bilder der Städte aus denen sie fliehen, ich sehe Familien mit ihren Kindern, die Tausende von Kilometern zurück legen, die alles zurück lassen, die das eigene Leben und das ihrer Kinder riskieren, um von dort wegzukommen, wo sie aufgewachsen sind, wo sie gearbeitet haben, wo ihre Familie und Freunde gelebt haben. Unvorstellbar schlimm finde ich das. Ich kann mir nicht vorstellen wie schlecht es mir gehen müsste, wie viel Angst ich haben müsste, wie verzweifelt ich sein müsste, um so eine Entscheidung zu treffen.

Und dann sehe ich wieder das Video von Clausnitz an, sehe den wütenden Mob und frage mich: Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass sie mehr Angst als Mitgefühl haben?

 

In mir kommt nach der Hilflosigkeit und der Wut über diesen menschenverachtenden, rechten Mob in Clausnitz wirklich sowas wie Hass auf. Warum wird da nichts unternommen? Warum wird da nicht rechtlich gegen vorgegangen? Ich kenne die Rechtslage nicht, aber wird da nicht gegen etwas verstoßen? Kann man sich einfach irgendwohin stellen, Menschen zu Tode verängstigen und menschenverachtende, rechte Parolen rumschreien?

Und wenn ich dann all die Wut, die Hilflosigkeit und das Entsetzen im mir spüre, dann schwant mir: so wird es nicht weitergehen. Hass gegen Hass gegen Hass. Das bringt nichts. Es muss doch andere Wege geben. Aufklärung? Die Menschen in der Region haben offensichtlich Angst. Sie hatten sie vermutlich vorher schon und wurden angeheizt durch das was durch diverse Parteien (wie der AfD) vor Ort weiter angeschürt wird.

Es muss doch Konzepte geben. Kann nicht eine Task-Force Aufklärung gegründet werden, die vor Ort Gemeindemitglieder, Polizei und was weiß ich wen schult? Meine Güte ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht, aber irgendwas muss doch getan werden. Vor Ort und auch anderen Orten.

Und die Medien – die Zeitungen und das Fernsehen und ihre immer währende Hetze. Es ist ekelhaft. Ich habe neulich mal eine Stunde ferngesehen. Es ist unfassbar wie da „berichtet“ wird. Unerträglich. Nach 60 Minuten wusste ich wieder, warum ich keinen Fernseher habe.

 

Und am Ende, hätte ich gerne eine Antwort auf die Frage „Warum habt ihr nichts getan“. Ich weiß gerade nicht, was ich tun kann. Was ich tun muss. Wirklich muss. Ich will diese Entwicklungen nicht mehr dulden. Ich will nicht Teil einer fremdenfeindlichen Kultur sein. Ich will ein Mensch bleiben. Menschlich sein, Mitgefühl haben, Empathie. Ich will nicht zuschauen und alles geschehen lassen.

 


 

*Der Bürgermeister sagt, es habe viele „Demonstrationstouristen“ gegeben.

** Die Ankunft des Busses soll nur wenigen bekannt gewesen sein, einer davon sei der Leiter des Asylheims gewesen sein, der selbst Mitglied der AfD sein soll

Ich habe nichts gegen Kinder, nur nicht hier II

Hach ja, ich hab Aufregwochen. Bestimmt hormonell oder so und ja, ich sollte gar nicht erst anfangen fremde Replys zu lesen…

Eben begegnete mir folgender Tweet in meiner Timeline:

The Barn Roastery hat also wieder eine neue Einschränkung für Eltern gefunden. 2012 wurden Poller gegen Kinderwagen aufgestellt. Natürlich aus Gründen des Brandschutz. Jetzt die Botschaft: In meinem Laden wird nicht gestillt, weil es sich um ein gehobeneres Etablissement handelt.

In den Replys dann Argumente wie: Na und? Es gibt doch genug andere Läden in der Gegend. Geht man da eben nicht mehr hin, was solls?

Oder: Was ist denn gegen kinderfreie Einrichtungen zu sagen? Warum soll es die nicht geben?

Spontan fällt mir dazu mein Artikel zur Frage nach den Kleinkindabteilen der Deutschen Bahn ein.

Ich finde es einfach diskriminierend mit solchen Maßnahmen und Vorgaben Eltern und Kinder auszuschließen. Wo sind da die Grenzen? Wen darf man wie ausschließen?

Was zur Hölle kann denn daran stören, dass eine Mutter ihr Kind stillt? Wie oft kommt das vor? Wie kann ich mir diese Rösterei vorstellen? Alles voll mit Frauen, die an beiden Brüsten Säuglinge haben? Der Boden voll Muttermilchpfützen?

Ganz bestimmt nicht (nicht mal im Prenzlauer Berg). Um also 2 (?) stillende Mütter pro Woche (? Monat?) aus der Rösterei fernzuhalten ein Verbot aussprechen? Ist das wirklich nötig?

Bescheuert ist das! (So bescheuert im Übrigen, wie einem zahlenden Gast Vorgaben zu machen, wie er seinen Kaffee zu trinken hat, by the way).

Mich nervt diese Kinderfeindlichkeit (grundsätzlich) und ich sehe darin auch eine Entmündigung der Eltern. Was kann denn der wirkliche Grund sein? Kinder, die im Laden rumrennen, die Theke anfassen? Hinter die Theke greifen? Babys, die schreien (vielleicht weil sie hungrig sind, da würde ja helfen… doch ach ne, das ist dann ja verboten…)

Wie im oben, etwas älteren Artikel schon gesagt: Für mich ist das Zauberwort gegenseitige Rücksichtnahme. Wenn der Anblick stillender Mütter im Café den Chef (oder andere Gäste verstört), wieso nicht einen nicht so gut einsehbaren Stillplatz anbieten? Ein schöner großer Ohrensessel? Wenn Kleinkinder, die rumlaufen, stören: Wieso nicht ein paar Stifte und Ausmalbilder bereit legen? Und im Gegenzug davon ausgehen, dass Eltern sehr wohl Rücksicht nehmen können und ihre Kinder bitten, am Platz zu bleiben, nicht alles anzufassen etc.

Ich verstehe es nicht. Macht doch einen Online-Shop, wenn ihr von Menschen genervt seid. Weil Eltern (stillende Mütter inklusive) und Kinder sind Menschen und sie haben ein Recht in jeden x-beliebigen Laden gehen zu können, wie alle anderen auch.

Oder doch mal nen Laden aufmachen, in dem Männer mit Bärten unerwünscht sind?

12von12 im Februar

Heute völlig unspektakulärer 0815 Freitag (und eigentlich ist Freitag fast mein Lieblingswochentag).

Wir laufen in den Kindergarten. Früher sind wir oft faul eine Station Tram gefahren. Jetzt kostet Kind 3.0 – also laufen wir. Ich habe mir fest vorgenommen, sobald es etwas wärmer ist wieder mehr Fahrrad zu fahren. Kind 3.0 soll bis zum Sommer so sicher sein, dass wir kleinere Radtouren machen können. Irgendwie war ich da bislang nicht richtig „hinterher“…

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Am Weg finden wir ein neues Kunstwerk. Ziemlich groß sogar. Ich schätze 80 mal 80 cm? Die Pilze habe ich schon öfter gesehen, allerdings eher klein.

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Das Kind ist abgegeben. Das Abschiedsritual verlangt, dass außen an die Fenster der Kita Auftragsarbeiten erstellt werden. Heute ist Kind 3.0 tolerant drauf und macht keine detailreichen Vorgaben. Wir dürfen Monster ohne weitere Spezifikation malen.

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Weil die Kinder vom Vater abgeholt werden, kann ich freitags lange arbeiten. Das wiederum bedeutet, ich muss nicht früh ins Büro, was seinerseits bedeutet, ich kann bummeln und frühstücken gehen.

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Wenn ich im Büro ankomme, mache ich ziemlich exakt immer dasselbe: Licht an, Fenster auf, Rechner aufklappen. Sonst steht nur ein bisschen Lego am Tisch. Papierordner habe ich keine. Ich habe ein Notizbuch und sonst alles digital. Der Tisch ist immer komplett frei. Ich mag Ordnung :)

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Tatsächlich habe ich heute mal dran gedacht, mir mein Essen von Zuhause mitzunehmen. Oft friere ich Reste ein und freue mich dann über selbstgekochtes Essen. Sieht vielleicht nicht sooo toll aus, schmeckt aber super. Ich mag Kreuzkümmel und Zimt in der Bolognese.

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Als ich das Büro verlasse, ist es bereits dunkel. Ich fühle mich so als wenn es eine gute Idee wäre ohne Umwege ins Bett zu gehen.

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Leider muss ich noch den Wocheneinkauf machen. D.h. ich mache ihn lieber am Abend nach der Arbeit als mir das Wochenende mit den Kindern dadurch zu vermiesen. Es gibt Mairübchen! (Nicht im Bild)

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Das dauerte wieder alles viel länger als gedacht. Ich war insgesamt in drei Geschäften. Jetzt bin ich wirklich, wirklich hungrig. Ich schnippele mir eine Möhre, ein Stückchen Mairübchen, rolle eine Scheibe Schinken und nehme einen Rest Emmentaler. Muss. Essen. Sonst. UUAAARRRR!!!

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Ich habe nicht viele Möglichkeiten joggen zu gehen unter der Woche. Also überwinde ich mich und quetsche mich in die Jogginklamotten. Seit der Herzsache war ich sehr sporadisch laufen. Vielleicht schaffe ich es ja wieder regelmäßiger. Heute jogge ich das 1. Mal mit Brille. Sonst habe ich immer Kontaktlinsen genommen. Es geht erstaunlich gut. Genaugenommen ist es kein Untesrschied zu sonst. Die Strecke ist allerdings nur kurz.

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Ich hole die Kinder beim Vater ab und wir fahren mit der U-Bahn nach Hause.

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Zuhause dann das übliche: Schlafanzug anziehen, Zähne putzen, vorlesen. Die letzten Tage durfte ich immer Lustiges Taschenbuch vorlesen. Das gefällt mir viel besser als Coni oder die andren Dinge, die die Kinder so begeistern…

Im Urlaub ist mir auch schon aufgefallen, dass sich die Kinderinteressen und meine Interessen langsam annähern. Auch Gesellschaftsspiele werden komplexer und machen (mir) mehr Spaß. „Große“ Kinder haben, ist cool.

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Offensive Väter und ihre Vorbildfunktion

Für den Weisheitspodcast haben wir eine Themenliste. Seit Wochen steht darin „Warum soll man Männer nicht loben, wenn sie Windeln wechseln?“

Die Frage ist natürlich zu einfach gestellt. Richtig müsste sie lauten „Warum soll man Väter nicht loben, wenn sie ausnahmsweise mal Windeln bei ihrem eigenen Kind wechseln?“.

Daran musste ich denken, als ich gestern die Schlagzeile „Tochter krank – Vizekanzler nimmt sich frei“ las. Ein berufstätiger Mann nimmt sich frei, um sich um seine Tochter zu kümmern – Schlagzeile!

Im Artikel steht ausserdem das Zitat „Ich bin in den nächsten Tagen häufiger zu Hause, weil meine Frau den Spruch, dass ich immer ganz Wichtiges zu tun hätte, wenn’s zu Hause mal Probleme gibt, nur begrenzt erträgt„.

Er ist also nicht da, weil er sich für das gemeinsame Kind mitverantwortlich fühlt?

Weiter steht im Artikel „Es ist nicht das erste Mal, dass Gabriel offensiv mit seiner Vaterschaft umgeht – was seinem Image zumindest nicht schaden dürfte.“ Denn! Vor zwei Jahren (!) kündigte er an, dass er an einem (!) Nachmittag in der Woche frei nimmt, um seine Tochter vom Kindergarten abzuholen.

Ob jetzt Herr Gabriel selbst seine Leistung als Vater so in der Öffentlichkeit dargestellt haben möchte oder nicht, sei mal dahin gestellt. Interessant ist der Umstand alleine, dass es eine Schlagzeile wert ist, wenn ein Vater (in einer wichtigen beruflichen Position), sich um seine kranke Tochter kümmert.

Ich musste da an den Artikel von Jochen König (u.a. Autor von „Mama, Papa, Kind? Von Singles, Co-Eltern, und anderen Familien„)  zum Thema „Feministische Vaterschaft“ denken. Er schreibt darin zwei für mich sehr wichtige Dinge:

„Während Väter gefeiert werden, wenn sie nur den kleinen Finger rühren, wird von Müttern wie selbstverständlich erwartet, dass sie nach der Geburt eines Kindes ihre persönlichen Bedürfnisse zurückstellen und im Zweifelsfall auch komplett alleine für das Kind sorgen.“

und

„Bei genauerem Hinsehen und Nachfragen wird deutlich, dass die unsichtbaren Arbeiten dennoch fast immer ausschließlich an der Mutter hängen bleiben. In einer Auseinandersetzung um feministische Vaterschaft muss deshalb auch über „unsichtbare Arbeit“ gesprochen werden: Wer bleibt zuhause, wenn das Kind krank ist? Wer wird vom Kindergarten angerufen, wenn es dem Kind nicht gut geht? Wer hat im Blick, wann die nächste Impfung oder Vorsorgeuntersuchung bei der Kinderärztin ansteht und ob sich noch genügend passende Klamotten im Kinderkleiderschrank befinden? Wer geht mit dem Kind neue Schuhe (auch Hausschuhe für die Kita) kaufen? Wer besorgt das Geburtstagsgeschenk für den Kindergeburtstag? Und wer fordert immer wieder Gespräche darüber ein, wie das Ganze aufzuteilen ist?“

In meinem Maternal Gatekeeping Artikel schreibe ich auch über diese Aufgaben und über meine persönliche Erfahrung irgendwann von genau diesen Aufgaben und Verantwortlichkeiten erschlagen worden zu sein.

Um auf die Einstiegsfrage zurück zu kommen: Ich glaube diese Einstellung, dass ein Vater gelobt werden sollte, wenn er sich beteiligt, kommt genau von dieser Geisteshaltung, die mir immer wieder begegnet: Die Frau/Mutter wird in den meisten Fällen nämlich als Hauptverantwortliche in Sachen Elternarbeit gesehen. Gleichberechtigung und/oder Beteiligung bedeutet für viele Männer: die Frau erstellt To Do Listen und delegiert einzelne Aufgaben an den Mann. Der erledigt sie und weil er ja was für die Frau tut, ist ihm zu danken. Der Frau ist nicht zu danken, denn die übernimmt zwar die Verantwortung, die Planung und einen Hauptteil der Aufgaben, aber es ist eben ihre per Geburt zugeteilte Aufgabe Mutter und Familienmanagerin zu sein. Sie leistet ihr Soll.

An anderer Stelle schreibe ich dazu:

„Es gibt tatsächlich einen Unterschied zwischen der Vater- und der Mutterrolle: Der Vater kann entscheiden, ob er sich an der Elternarbeit beteiligen möchte oder nicht. Die Mutter hat diese Option nicht. Eine Mutter, die sich der Elternarbeit verweigert, ist eine Rabenmutter, ein schlechter Mensch. Ein Vater lediglich nicht modern eingestellt, kein „neuer Vater“.

Die Ausgangsbedingungen für die Bewertung ihrer Elternarbeit sind verschieden: Alles, was die Mutter tut, ist selbstverständlich. Sie hat schließlich einen Mutterinstinkt. Man geht davon aus, dass sie alles kann. Es liegt ihr in den Genen. Mutterschaft ist ein ganz natürliches Verhalten. Es wird erwartet. Lob gibt es nicht. Denn selbst wenn die Mutter allen Pflichten nachkommt, erreicht sie nur eines: Sie trifft die Erwartungen.
Beim Vater ist die gesellschaftliche Messlatte in Sachen Elternschaft eine ganz andere: Alles, was er tut, ist „on top“. Er tut es freiwillig. Ihm gilt Dank für seinen Einsatz.“

Ebenfalls passend dazu ein älterer Text von Antje Schrupp:

„Es geht dabei nicht nur um die anfallende Arbeit, sondern auch um die psychische Belastung, die es mit sich bringt, eine so große Verantwortung für die gesamte Existenz eines anderen Menschen zu tragen. Bei der Lektüre von „Fritzi und ich“ ist mir (ich bin ja keine Mutter) sehr klar geworden, dass es ein großer Unterschied ist, ob ich jemand anderen beim Kindererziehen unterstütze, selbst wenn ich das in erheblichem Ausmaß tue, oder ob ich die Person bin, an der letztlich alles hängt.“

Und deswegen bin ich am Ende immer wieder genervt, wenn es eine Schlagzeile wert ist, wenn ein Vater ausnahmsweise mal seine Elternaufgaben ernst nimmt oder wie oben beschrieben mal Windeln wechselt, mal auf den Spielplatz geht, mal sein Kind abholt, mal abends vorliest und denke, dass er dafür kein ausdrückliches Lob verdient.

Ganz anders ist es für mich, wenn man sich die Aufgaben wirklich gleichwertig aufteilt. Wenn man Verantwortung teilt, wenn man miteinander verhandelt was, wann, für wen gut ist. Wenn auch der Vater die „unsichtbaren Aufgaben“ übernimmt. Denn durch das Gleichgewicht entsteht gegenseitige Wertschätzung und Dankbarkeit. Für mich ist das mit dem Lob dann eine ganz andere Sache.

Am Ende halte ich den Vorbild-Effekt, den man unserem Vizekanzler unterstellen könnte auch für zu vernachlässigen und stimme nicht mit der folgenden Haltung überein.

Christine Finke schreibt in ihrem Blog „Mama arbeitet“ weiter:

„Wer will, dass kinderfreundliche und familienfreundliche Politik gemacht wird, muss auch oben ansetzen, bei den Vorbildern. Deswegen gefällt mir auch, wie Manuela Schwesig ihre zweite Elternzeit organisiert hat – nämlich mit ihrem Ehemann, der sich um das Baby kümmern wird. Wir brauchen dringend Vorbilder, Pioniere in der Politik, die solche Themen vorantreiben. Drum habe ich durchaus Respekt für Sigmar Gabriel, der für dieses Zuhausebleiben wahrscheinlich von etlichen Menschen belächelt werden wird oder dem (vielleicht durchaus zu Recht) taktische Motive dafür unterstellt werden. Er hätte ja auch einfach Zuhause bleiben können, ohne das über sein Büro mitteilen zu lassen, vermute ich mal.“

Ich glaube nicht, dass diese Art Berichterstattung in irgendeiner Form dazu beiträgt, dass

a) Väter sich mehr an der Elternarbeit beteiligen („Ahhh, wenn der Herr Gabriel das macht, dann könnte ich ja auch mal?“ Really???) oder

b) dadurch ein Argument bei ihrem Arbeitgeber bekommen, sich mehr an der Elternarbeit beteiligen zu können („Der Herr Gabriel kann sich aber auch frei nehmen!“ „Ah, ok, ja, dann überdenken wir hier im Betrieb nochmal unsere familienfeindliche Einstellung!“).*

Ich glaube nicht, dass das so passiert und diese Art Berichterstattung zeigt mir wie unendlich weit der Weg zur Gleichberechtigung noch ist.

 


 

*Im Übrigen: Es wird ja immer so getan, als wenn Arbeitgeber es ohne weiteres akzeptieren, dass Mütter ihren Elternaufgaben nachkommen, sich um kranke Kinder kümmern, in Elternzeit gehen und früher nach Hause gehen, um auf den Elternabend zu kommen und als ob das bei Vätern dann plötzlich ein ganz anderes Thema sei.

Das ist in meinen Augen auch Unsinn, v.a. dann wenn es um eine ähnliche Position in der Hierarchie geht! Ein Arbeitgeber ist entweder familienfreundlich, dann gestattet er das Müttern wie Vätern und schafft enspechende Strukturen oder aber er ist es nicht, dann gibt es Diskussionen, Hürden, Degradierungen, Mobbing (Aber das Thema wäre wieder ein ganz eigener Blogartikel…)


 

Nachtrag:

Ich mag ja Diskussion und setze mich gerne mit weiteren Aspekten auseinander. Deswegen aus den Kommentaren hochgezogen der Artikel „Lob der Superpapas„:

„Vielleicht sollte man das Ganze überhaupt weniger als Diskurs begreifen, sondern als eine Art Erziehung. Und da würden Mütter ja auch nicht erwarten, dass ihre Kinder von ganz allein und stillschweigend Dinge lernen und sich ändern. Bei Kindern gehen wir selbstverständlich so vor: Wenn das Kind das erste Mal allein den Löffel in den Mund steckt, die Hose anzieht, das Zimmer aufräumt, die Schulmappe packt – jedesmal wird es lauthals gelobt. Niemand sagt: “Ist ja wohl keine große Sache, selber essen, das macht doch jeder!” Oder “Wurde ja wohl mal Zeit, dass du dich selbst anziehst, das ist ja wohl eine Selbstverständlichkeit!”“