GBG – Goodie Bag Gier

Ich habe einen Bekannten, der sehr gerne auf Messen geht. Er besucht diese Messen nicht, weil ihn das Thema interessiert, sondern weil es dort Dinge kostenlos gibt. Er läuft von Stand zu Stand und sammelt. Meist Kugelschreiber und Gummibärchen, ab und an einen USB-Stick oder ein Putztuch für den Screen des Smartphones.
Mir war es immer ein Rätsel was er davon hat. Was hat man davon zuhause dreiunddrölfzig Kugelschreiber rumliegen zu haben? Oder verkauft man das auf ebay? Aber wer kauft Kulis und USB Sticks?

Was man ihm lassen kann, ist, dass er Mühe damit hatte. Er musste immerhin an jeden Stand einzeln gehen, dort meist irgendein Verkaufsgespräch über sich ergehen lassen und dann hat er höflich nach einem Mitgebsel gefragt und es eingesteckt.

Ich erinnere mich an mein erstes BloggerInnen-Event und meine erste Goodie Bag gut. Sie war bis oben mit tollen (auch wirklich hochwertigen) Babysachen gefüllt: Feuchttücher, Popo-Creme, Lavendel-Babybad, Wind und Wetter Creme…

Beim Gehen wurde man gefragt, ob man schon ein Goodie Bag bekommen hätte. „Ne“, hab ich geantwortet, mir war nämlich gar nicht klar, dass man überhaupt etwas bekommt. Warum auch? Geleistet hatte man ja in der Regel nichts – es sei denn Schnittchen essen würde unter Leistung verbucht.

Ein wenig erinnerten mich die Goodie Bags an die (neue) Tradition der Kindergeburtstags-Mitgebsel.

Früher™ (also als ich Kind war), da gab es diese Mitgebsel auch. Allerdings haben sich die die Kinder erspielt. Beim Topfschlagen, beim Sackhüpfen oder beim Stuhl-Tanz. Ein Bonbon hier, einen Lolli und ein Schokoriegel. Das wars.

Heute gibt es auf Geburtstagsfeiern einfach so Mitgebsel. Die Kinder gehen bowlen oder klettern (drunter geht’s ja schon kaum) und dann gibt es noch Geschenke im Wert von 5-10 Euro pro Kind.

Jedenfalls um auf das Goodie Bag zurück zu kommen. Da ich kein Baby mehr habe, habe ich den Inhalt im Anschluss einer Bekannten geschenkt, die gerade ein Baby bekommen hatte. Ich hab versucht klar zu machen, dass ich dafür nichts wollte, weil ich die Sachen ja selbst geschenkt bekommen hatte und sie gar nicht brauchte.
Eine Woche später stand die Bekannte mit Schokolade in der Tür um sich zu bedanken und ich war peinlich berührt, weil ich eigentlich gar nicht wollte, dass sie sich verpflichtet fühlt mir für etwas Danke sagen zu müssen.

Auf der nächsten Veranstaltung habe ich in das Goodie-Bag geschaut, festgestellt, da sind Dinge drin, die ich nicht benötige und dankend abgelehnt.

Umso seltsamer fand ich das Verhalten so manch anderer BloggerIn wenn es um die Goodie Bags ging. So wie Comicfiguren manchmal Dollar-Zeichen in den Augen haben, hatten manche BloggerInnen quasi Goodie Bag Spiegelungen in den Augen. Wenn es an die Verteilung der Goodie Bags ging, wurde gedrängelt oder mal ein bisschen Platz mit dem Ellbogen gemacht. Könnte ja sein, dass man leer ausgeht!!1!

Je nachdem was die Goodie Bags enthalten, greifen VeranstaltungsteilnehmerInnen auch gerne mal hinter die Tresen und packen vor der offiziellen Verteilung zu oder holen sich Dinge aus den Nachschubkartons.

Am Wochenende habe ich beobachten können, dass sich manche nicht eine sondern gerne zwei oder drei Goodie Bags mitnehmen oder aber den Inhalt von einer Goodie Bag schon mal in die eignen Tasche umräumen und sich dann eine weitere Tüte über die Schulter werfen.

Ich verfalle da in Fremdscham. Mir ist das echt peinlich. Ich glaube nämlich nicht, dass es da um Menschen geht, die darauf angewiesen sind eine Packung Stifte extra für die Kinder zu bekommen, weil sie sich nicht leisten können diese zu kaufen.

Am Ende verursachen diese Menschen, die Angst haben leer auszugehen paradoxerweise ja, dass andere, die sich nicht so verhalten, leer ausgehen.

Hachja, eigentlich wollte ich ja was lustiges dazu schreiben. Ist mir irgendwie nicht gelungen. Ich finde dieses Verhalten jedenfalls panne und weil ich selbst Bloggerin bin, möchte ich nicht mit solchen Personen in einen Topf geworfen werden.

P.S. Ich will jetzt wirklich nicht so tun, als ob es gar keine Goodie Bags gäbe, über deren Inhalt ich mich nicht auch freuen würde (oder schon gefreut habe!). Dennoch würde ich Goodie Bags lieber ganz abschaffen als Teil dieser Peinlichkeit zu sein.

In guten Absichten

Da sind sie wieder, die guten Absichten, die die Straße zur Hölle plastern.*

Heute wurden zwei Superväter mit je 5.000 € für ihr Engagement in der eigenen Familie ausgezeichnet. Es ist die 11. Preisverleigung dieser Art. Geehrt werden Väter, die durch Flexibilität und Partnerschaftlichkeit glänzen. Schirmherrin der Aktion ist Familienmisterin Schwesig.

Die Details sind eigentlich nicht wichtig. Es wurde nichts außergewöhnliches vollbracht. Es wurden lediglich zwei Männer geehrt, die das tun, was Millionen von Frauen schon seit hunderten von Jahren tun. Sie haben sich um ihre Kinder, ihre Familie gekümmert und ihrer Partnerin ermöglicht arbeiten zu gehen.

*slow clap*

Der Preis verfolgt drei Ziele:

1. Stärkung der Leistungs- und Wettbewerbskraft von Wirtschaft und Unternehmen

Der Spitzenvater des Jahres verständigt sich mit der Mutter und findet mit ihr gemeinsam eine Lösung, wie beide Beruf und Familie unter einen Hut bringen können. […] Unternehmen können mit Spitzenvätern sowohl strategisch als auch operativ sicherer planen.

2. Tendentielle Erhöhung des Anteils von Zweiversorgerehen

Dank der praktizierten Partnerschaft in Ehe und Familie kann jeder Elternteil wirtschaftliche Selbstständigkeit erlangen und zum Familienunterhalt beitragen. Mutter und Vater sind in der finanziellen Lage, die Altersvorsorge zu gestalten und der verbreiteten Altersarmut insbesondere bei vielen allein stehenden älteren Frauen, vorzubeugen […]

3. Ausdehnung des väterlichen Einflusses auf die Entwicklung des Kindes

Das Projekt […] strebt danach, die Wichtigkeit der Rolle des Vaters für die Entwicklung des Kleinst-, Klein- und Schulkindes ins öffentliche Bewusstsein zu rufen. Das Projekt bricht mit der traditionellen Vorstellung, dass für die ersten Monate und Lebensjahre allein die Mutter zuständig ist. […]

Gute, sehr sinnvolle Ziele, richtig?

Es geht also darum, so auch die Schirmherrin Bundesfamilienministerin Schwesig: „Vorbilder [zu ehren], die eine moderne Familienkultur leben, die sich immer mehr Paare wünschen. […] Es geht darum Familienarbeit partnerschaftlich zu teilen.“

Ihrem Grußwort ist zu entnehmen:

„Die Auszeichnung „Spitzenvater des Jahres“ zeigt jedes Jahr wieder, dass es sich lohnt, Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur als ein Thema für Frauen zu verstehen, sondern auch Männer zu ermutigen, sich mehr Zeit für die Familie zu nehmen. Familien gewinnen dadurch mehr Zeitsouveränität und Lebensqualität. Unternehmen wiederum können sich auf diese Weise als attraktive Arbeitgeber positionieren.“

Warum kann man sich nun trotzdem darüber aufregen (also außer weil man halt als Feministin sowieso immer was zu meckern hat und deswegen so laut und wütend ist)?

Der Preis ist ein Schlag ins Gesicht aller Frauen, die sich seit Jahren völlig preislos um Kinder und Familie kümmern (von den Alleinerziehenden gar nicht erst zu sprechen). Der Preis verhöhnt außerdem all die anderen Männer, die genau das  tun, was oben beschrieben wird und dafür keine 5.000 Euro bekommen.

Aber die Absichten dahinter sind doch gut!

Ja – nur die Umsetzung ist wirklich schlecht. Ein einfacher Weg gute Beispiele herauszustellen wäre z.B. Familien zu ehren und nicht nur die Männer.

-> Gedankensprung

Ich habe vor Kurzem einen Fragebogen zu Erziehern in Kindergärten zugeschickt bekommen.

Ob ich mir mehr männliche Erzieher wünsche?

Ja!

Wie man sie zu motivieren wären? Es folgt eine Multiple-Choice Liste, auf Platz 1: Mehr Geld.

Klar, mehr Geld wäre super. Dann würden Männer bestimmt auch so unattraktive und anstrengende Jobs übernehmen.

Innerlich verdrehe ich wieder die Augen.

Auch hier: Guter Vorsatz – mehr Männer in den Care-Bereich und wie: mit mehr Geld. Is klar, dass die Frauen vielleicht auch mehr Geld verdient hätten, dass es um eine allgemeine Aufwertung dieses Jobs gehen müsste etc. pp. dazu lese ich nichts.

-> Gedankenspung Ende

Schon seit der Gabriel Debatte um die offensive Väter treibt mich wirklich die Frage umher: Es muss doch einen Weg geben, der Männer motiviert ohne gleichzeitig die bereits geleistete Arbeit von Frauen zu entwerten?

(So sehr ich mir auch wirklich, wirklich wünschen würde, das Männer nicht erst motiviert werden müssten… aber gehen wir mal gutherzig davon aus, dass es ganz, ganz viele Männer/Väter gibt, die wirklich, wirklich wollen – aber nicht wissen wie und einfach nicht können…)

Deswegen würde ich gerne Ideen sammeln. Habt ihr welche?

 


 

*Auf Deutsch heisst das Sprichwort eigentlich „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“ – auf Englisch „The road to hell is paved with good intentions“.


 

Weitere Leseempfehlungen:

Superväter – ney!

Zitat aus dem Artikel:

„Und so wird der Preis zur Patriarchatsabwrackprämie: Bezahlen wir den Menschen doch Geld dafür, dass sie ein ohnehin völlig überholtes Familienmodell über Bord werfen. Eine Entschädigung für die armen Menschen, die sich an etwas Neues gewöhnen müssen. Das lässt sich nämlich auch spitzenmäßig vermarkten.“

Superväter? – yay!

Zitat aus dem Artikel:

„Seien wir ehrlich: Noch sind wir nicht so weit, dass siebeneinhalb Stunden Kinder- und Hausarbeit ein realistischer Durchschnittswert für den in Deutschland lebenden Mann sind.

Wenn wir so weit sind, können wir den Spitzenväter-Preis gerne abschaffen.“

Ein Interview mit einem der diesjährigen Preisträger:

SPIEGEL ONLINE: Herr Neumann, Sie dürfen sich jetzt offiziell „Spitzenvater“ nennen. Freuen Sie sich?

Neumann: Ja, aber ich tue mich etwas schwer damit, einen Preis für etwas Selbstverständliches entgegenzunehmen. Es gibt wahrscheinlich Väter, die diese Auszeichnung mehr verdient hätten.

Blogger des Jahres – es gibt einen neuen Titel zu gewinnen

Liebe Leserinnen und Leser,

bloggeram kommenden Montag, den 25.1.2016 ab 18.30 Uhr könnt ihr mir eine Freude machen. Im Rahmen des „Blogger des Jahres 2015“ wurde nämlich mein Buch in der Kategorie „Beste Büchern von Bloggern“ nominiert (Danke!).

Ich war ja immer sehr unsportlich und habe deswegen keine Pokale in meinem Schrank (nicht mal Sieger-Urkunden…) – das wäre also die Gelegenheit für Ausgleich zu sorgen (und mein Kindheitstrauma zu beseitigen) und zu meinem wunderbaren „Blogger des Jahres 2014“ noch einen Preis dazuzustellen.

Wobei, ich muss gestehen, die Bücher „Auerhaus“, „Willkommen im Meer“ und „Heute koch ich, morgen brat ich“ sind natürlich auch sehr wählenswert… deswegen egal wen ihr am Ende wählt – eure Stimme bereitet bestimmt Freude.

Abgesehen davon gibt es noch viele andere Kategorien und man kann z.B. Maximilian Buddenbohm (Bestes Tagebuch-Blog) oder Jojo Buddenbohm (Bester Newcomer) zu Gewinnern machen!

Wie funktioniert das Ganze?

Folgt Thomas Knüwer auf Twitter. Wenn die entsprechende Kategorie dran ist, wird er einen Link zum Abstimmen twittern. Es geht dann immer alles ganz, ganz schnell. Seid also bereit!

Mehr Details und alle Nominierten sind in Daniel Fienes Blog zu finden.

Wir differenzieren uns zu Tode

Neulich habe ich einen großartigen Text gelesen. Er war voller Wut, voller Energie und gespickt mit Verallgemeinerungen. Der Text hat sich gar keine Mühe gegeben, die andere Seite zu betrachten oder Gegenbeispiele zu finden. Er hat einfach Dampf abgelassen. Die Formulierungen waren rotzig und die Erklärungen einleuchtend einfach, gar monokausal!

Es war eine Wohltat ihn zu lesen. Nein – mehr – es war eine verdammte Wohltat ihn zu lesen.

Ich habe die glattgebügelten, ausgeglichenen und runden Artikel satt. Die ausgewogenen Worte und die dramaturgisch gut inszenierten Spannungsbogen mag ich nicht mehr lesen. In meiner Filterbubble ist alles voll davon und wenn es doch mal eine/r wagt eine klare, unbeschönigte Meinung preis zu geben, so sammeln sich darunter die mahnenden Kommentare: „Das musst du aber differenzieren! Da gibt es aber Ausnahmen! Du hast vergessen zu berücksichtigen dass…“

Und da denke ich mir: gar nichts muss ich! Gar nichts! Und ICH will auch nicht. Das ist nicht mein Job. Ich bin keine – ja ich weiß gar nicht an wen man diesen Anspruch haben soll – WissenschaftlerInnen? JournalistInnen? FernsehmoderatorInnen?

Ich möchte endlich wieder gepflegten Streit! Ich möchte Austausch! Ich möchte Bewegung! Steile Thesen! Wilde Spekulationen!

Dieses „das musst du aber differnziert sehen!!!1!“, das macht doch alle mundtot. Vor lauter Kontext, historischer Herleitungen, Einbettung in soziokulturelle Thesen und Berücksichtigung aller Sichtweisen, geht doch die Kraft verloren. Am Ende kommt doch nur ein unscharfes Wischiwaschi raus, was irgendwie für alle stimmt.

Ich mochte das schon an der Uni nicht. So viele Einzelfälle aufsummieren, bis am Ende irgendwas korreliert. Da geht doch alles verloren. Am Ende sind die Erkenntnisse so gähnend langweilig, dass man sich schulterzuckend umdreht und denkt: Nun, das hätte ich denen auch so sagen können… („Wenn man sich aufregt, steigt der Blutdruck!“)

Es ermüdet mich. Ich will das nicht lesen und nicht sehen. Ich will Provokation, eigene Ideen, ich will Leute, die ihre Meinung kund tun. Am besten drei davon, die unterschiedliche Meinungen haben und sich gegenseitig empört ins Wort fallen. Frauen und Männer, die sich in Diskussionen die (eigenen!) Haare raufen, empört aufspringen, vielleicht sogar ein bisschen zu laut sprechen oder vor Aufregung spucken.

Das wäre schön. Das wäre so schön. Man könnte sich aneinander reiben, neue Energie gewinnen, sogar einander Zuhören und am Ende vielleicht einen Schritt weiter kommen. Einen Schritt auf neues Terrain. Ins Unbekannte, die abgetretenen haben-wir-auch-wirklich-alle-Faktoren-berücksichtigt-Pfade verlassen. Ein wenig Mut haben, weg von den Verallgemeinerungen kommen, hinzu der eigenen Sichtweise, wohlwissend, dass es die allgemein gültigen Wahrheiten gar nicht gibt und uns dann versöhnlich die Hände reichen. Zuhören, empathisch sein und einander die Formfehler verzeihen.

Naja, oder auch mal einen Tisch zerhacken.

Bringt mich nach Schweden (oder besser doch nicht, ich bin zu schmuddelig und misanthrop)

Drei Mal war ich in Schweden und eigentlich würde ich gerne dort bleiben. Ich kann mir kein schöneres und entspannteres Land vorstellen.

Zum Glück gibt es Realisten, die meinen romantischen Gedanken vom ewigen Schwedensommer zerplatzen lassen, wenn sie sagen: „Ja, geh mal nach Stockholm im Winter, wenn es minus 20 Grad hat und es genau zwei Stunden Sonnenlicht am Tag gibt.“

Ich würde wirklich gerne wissen, woraus sich die schwedische Entspanntheit speist. Was man schon mal festhalten kann ist: Schweden hat eine sehr niedrige Bevölkerungsdichte. Nicht mal 10 Mio Schweden gibt es. Knapp 22 Einwohner pro Quadratkilometer macht das gesehen auf die Fläche.

Zum Vergleich Deutschland hat 227 Einwohner pro Quadratkilometer. 81 Mio Einwohner hat Deutschland, davon leben 3,7 Mio in Berlin.

Ich nehme an, daran hängt viel. Es scheint so etwas wie eine (womöglich deutsche) Sehnsucht nach Sauberkeit, Ordnung und Abgeschiedenheit zu geben, die natürlich umso einfacher zu erfüllen ist, je weniger Menschen es gibt.

In Schweden ist alles schön – egal wo ich hingekommen bin bislang. Egal, ob Hauptstadt oder Seenplatte, egal ob einzelnes Gehöft in der Einöde oder belebter Touristenstrand.

Ich komme an und in der Regel will ich in die Hände klatschen vor Verzückung. Wir waren vor einigen Jahren beispielsweise auf einem Hof, der sah ganz genauso aus wie aus einem Pettersson und Findus Buch. Die roten Häuschen, die weißen Fensterläden, die Scheune, ein Brunnen, eine selbstgebaute Rutsche über einen riesigen Baumstamm, überall Büsche mit Johannisbeeren, vorm Haus ein Grill, die Wiesen so saftig und grün wie sie in Deutschland nur sind, wenn man gerade frisch Rollrasen bestellt und ausgerollt hat und ein ausgebildeter Gärtner sich 18 Stunden am Tag drum kümmert und alles bewässert und regelmäßig vertikutiert. Wenn man abends in seinem Bett liegt, bei offenem Fenster, dann meint man die Mucklas beim Herumtollen hören zu können.

In den Städten ist es genauso. Alle Häuschen wunderhübsch, mit Blumen verziert, nirgendwo Tags oder Graffiti. Selbst in den trostloseren Wohngebieten irgendwie alles pittoresk.

Die Menschen lächeln, wirken immer entspannt und zufrieden. Die Kinder sind in der Regel total leise. Ich habe in aufgerechnet neun Wochen kein einziges Mal gehört, wie ein Erwachsener ein Kind angenervt zurecht gewiesen – geschweige denn angeschrieen hat.

Überhaupt diese Freundlichkeit. Sie ist dermaßen erschütternd. Busfahrer, die einen ohne Ticket mitfahren lassen, weil man vergessen hat seine ÖPNV Karte aufzuladen und ganz entspannt sagen: „Dann steigen sie eben da und da aus und laden sich dann dort die Karte auf.“

Omas, die aufstehen und den Platz wechseln, damit man neben dem Freund sitzen kann. Opas, die weiterrutschen, damit eine Mutter neben ihrem Kind sitzen kann. Alles wird erklärt (sowieso sprechen alle fließend Englisch), man wird quasi an die Hand genommen, Hauptsache man fühlt sich wohl. So viel Menschenfreundlichkeit: den 2. Kaffee, den man mitbestellen kann, für Menschen, die sich keinen Kaffee leisten können, das Wasser, das in allen Restaurants kostenlos zur Verfügung steht, überall Spielplätze und wenn man mit Kindern essen geht, bekommen die gleich was zu malen und das Essen immer zuerst.

Überhaupt: Überall Männer, die mit ihren Kindern unterwegs sind. So viele, dass in Schweden sicherlich dieses „Oh, toll! Sie sind ein Mann und kümmern sich trotzdem um die Kinder!!! Das ist bestimmt sehr anstrengend! Und dass das der Arbeitgeber mitmacht! Großartig!“ nicht so üblich ist, wie in Deutschland.

Wickelkommoden auf allen Toiletten.

Toiletten außerdem: Nicht getrennt nach Frauen und Männern in der Regel, was bedeutet, dass es das Phänomen freie Männertoiletten – Schlange mit 20 Frauen vor den Frauentoiletten gar nicht gibt.

In der Werbung: Gleichverteilt Frauen und Männer aller Altersklassen und Hautfarben. Große, kleine, dicke, dünne, junge, alte Menschen. Man sieht verdammt nochmal Falten auf Werbeplakaten und zwar nicht als löbliche Ausnahme!

Gleiches Bild in den einzelnen Berufsgruppen (die ich jetzt sehen konnte): Tram- und Busfahrerinnen sind keine Seltenheit, sogar in der Königsgarde Frauen! Polizistinnen!

Im einzigen Kicker, den wir gesehen haben: Fußballspielerinnen.

Klar gibt es auch H&M und andere Ketten, die nach Geschlechtern trennen, aber wie ich im Polarn & Pyret Laden vor den Schaufensterpuppen stehe, bin ich total verwirrt: Ist das jetzt Kleidung für Jungs oder Mädchen?

Dann schießt mir die peinliche Berührtheit heiß in den Körper. Ich bin so komplett verdorben von dieser Geschlechtertrennung, dass ich das zwar öffentlich anprangere – dann aber genau in dieses Denkmuster verfalle, wenn es nicht so ist (Villervalla übrigens genauso und auch viele noname-Marken in normalen Geschäften).

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Mir war es am 5. Tag in Stockholm irgendwann fast zu viel. Ich liebe Berlin, aber plötzlich war Berlin nur noch ein olfaktorischer Eindruck, nämlich der Geruch von Pisse in düsteren Brückendurchgängen an Verkehrsknotenpunkten. Nichts hat mich mehr an Berlin erinnert – nur noch der elende Gestank und meine eigene schlechte Laune.

Im Kopf hatte ich die Warschauer Straße, vollgestopft von Menschen, Menschen, die meistens morgens nach Alkohol und Zigaretten stinken, die sich über die Straße walzen, alles ist voll, der Boden mit Müll bedeckt, die Wiesen in den Parks ausgedörrt und niedergetreten.

Nur in Berlin hört man im Freibad eine Durchsage: „Im Schwimmbecken bitte nicht rauchen.“

Berlin ist ein Moloch aber man hat es da auch bequem. Vom Bett tritt man auf die Straße und keinen kümmert es, wie man aussieht. Die Haare zerzauselt, die Zähne ungeputzt, die ausgelatschtesten Hausschuhe, die durchlöcherte Schluffihose – so schleppt man sich zum Bäcker, holt sich seine Brötchen und schlufft wieder nach Hause.

In Stockholm hingegen hatte ich den Eindruck, man würde so vermutlich angesprochen werden und sofort in irgendeine Art freundliche Betreuung kommen.

Denn alle waren zu jederzeit sehr ordentlich und adrett angezogen. Die Frauen tragen, egal wie alt sie sind, in der Regel schöne Kleidchen, haben frisierte Haare, sind immer dezent und sehr akkurat geschminkt. Ich habe nicht einmal ungepflegte Füße in offenen Schuhen bemerkt.

Es ist vermutlich nicht richtig Berlin mit Stockholm zu vergleichen. Am Ende war ich aber wirklich froh nicht mehr hinsehen zu müssen, meinen Weg durch die Stadt zu kennen, nicht mehr die glitzernden Wasseroberflächen, die strahlenden Gebäude und all die kleinen Balustraden und bunt gestreiften Markisen.

Ich konnte es nicht mehr aushalten, hab mich selbst im Vergleich wie die sprechende Müllhalde (nur eben auf zwei Beinen) aus den Fraggles gefühlt.

Ich habe dann drüber nachgedacht, ob es vielleicht an der Großstadt liegt und mich gefragt, wie es am Land in Deutschland ist. gamla stanDa wo die Leute ihre freistehenden Einfamilienhäuser auf riesigen Grundstücken bauen. Aber nur weil da Platz ist, ist da auch nicht Schweden.

In Schweden gibt es so viel Wärme, Freundlichkeit und Offenheit. Oft haben die Grundstücke nicht mal von außen erkennbare Grenzen. Meiner Erfahrung nach werden Fremde herzlich aufgenommen und alles Neue willkommen geheißen. In Deutschland ist alles Neue ein Fremdkörper. Die neuen Nachbarn? Wo kommen die eigentlich her? Warum bauen die ihr Häuschen genau da wo doch die Aussicht so schön ist? Und überhaupt! Der Zaun! Der passt doch gar nicht in die Siedlung! Und oh je! Kinder haben die auch! Die machen bestimmt Krach. Wie ärgerlich. So schön wars hier ohne die anderen Menschen. Damals! Damals hätte es sowas nicht gegeben! Schnell einen Sicht- und Schallschutz bauen, eine hohe Mauer am besten!

Ich wohne nicht in Schweden, ich war nur einige Male zu Besuch. Vielleicht ist mein Eindruck auch gänzlich falsch. Keine Ahnung. Es ist mir jedenfalls ein Rätsel, wo all die Menschenliebe und Freundlichkeit der Schweden herkommt. Die Quelle würde ich wirklich gerne anzapfen.

Übrigens Nachtrag: Ich habe mir die Selbstmordrate und den OECD Better Life Index für die Schweden und für Deutschland angesehen. Die Unterschiede sind marginal. Ersteres ist in Schweden etwas höher, zweiteres ebenfalls. So scheint es zumindest, dass die Schweden subjektiv nicht deutlich besser leben als die Deutschen.

Über Erklärungen des Schwedensommerphänomens freue ich mich also.

Das Miniaturwunderland

Ne, der Artikel ist nicht gesponsert (schade, ich würde da gerne einziehen oder zumindest ein paar Tage verbringen, um all das zu sehen und zu erfahren, was man verpasst hat, weil man nur vier Stunden dort war), aber mein tldr zum Miniaturwunderland in Hamburg lautet: Geht da hin! Warum seid ihr da noch nicht gewesen? Husch!

Es ist großartig im Miniaturwunderland. G R O S S A R T I G!

Es ist ausdrücklich erwünscht dort Fotos zu machen. Es gibt Handyaufladestationen. Alle sind freundlich. Man kann sich Speicherkarten kaufen, wenn man die eigene Karte aus Versehen voll geknipst hat. Man kann alles sehen, auch wenn es proppenvoll ist und das gilt auch für Kinder in allen Größen.

Was wirklich bemerkenswert ist: es ist liebevoll gemacht und es geht den Betreibern nicht um Gewinnmaximierung – das merkt man in jedem Detail.

Z.B. kann man sehr gut dort eine Pause im hauseigenen Café machen ohne arm zu werden. Die Plätze sind so gestaltet, dass man sich von den Eindrücken und der drohenden Reizüberflutung etwas erholen kann. Ginge es um maximalen Umsatz, hätte man gut und gerne die doppelte Menge Sitzplätze in die Räume pferchen können. So hat man das Gefühl abgeschieden in kleinen Zugabteilen zu sitzen und darf mit (im Zweifel) angeschmodderten Händen das Buch zur Ausstellung lesen.

Es war toll! Man kann sich in acht Abschnitten auf 1.300 qm 13 km (!) verlegte Schienen anschauen. Der längste Zug ist über 14 Meter lang!
Die Zahlen sind einfach irre. Im Abschnitt der Schweiz z.B. wurden 4 Tonnen Gips und 15 Tonnen Stahl verbaut. Der Abschnitt Skandinavien hat eine 33.000 Liter fassende Nordsee, die Ebbe und Flut simuliert.

Ich könnte ja noch stundenlang diese Zahlen zitieren. Allein schon wie die Schifffahrt umgesetzt wurde! Es ist gar fantastisch. Und diese Detailliebe. Die Autos blinken beim Abbiegen. Die Flugzeuge heben ab. Es gibt Heißluftballons mit kleinen Flammen. Es gibt Männer, Frauen, Kinder, Aliens, Große, Kleine, Dicke, Dünne.

Kinder kann man im Grunde da abstellen. Die können auf die Ballustraden klettern (es gibt extra Stellflächen) oder über den Boden kriechen und sich dort die eingelassenen Zugstrecken in den Treppen und Wänden anschauen. Sie können unter die Wasseroberfläche schauen und unterirdische Tropfsteinhöhlen oder die geheime Area 51 bestaunen.
Es gibt zahlreiche Knöpfchen, die Dinge fahren oder leuchten lassen.
Es gibt sogar einen Wechsel zwischen Tag und Nachtbeleuchtung. Es gibt „Suchbildchen“ ach und überhaupt! Bringt mich zum Miniaturwunderland zurück.

Kühe

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Ich will hier nie wieder weg. #miniaturwunderland #hamburg #b Adern #miwula

Ein von @monoxyd gepostetes Video am

#planespotter #miwula

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Die Videos sind alle vom Monoxyd

Ach P.S. Wenn man keine Lust auf Warten hat, einfach online ein Zeitfenster reservieren, dann kommt man gleich rein.

P.P.S. Die Toiletten übrigens – ein Elterntraum! Wir mussten 7x hin, weils da so schön ist. Normalerweise hasse ich es gefühlte Stunden gelangweilt darauf zu warten, dass die Kinder fröhlich rufen „FEEEERTICH!“. Weil die Toiletten aber so hübsch mit kleinen Kästchen mit winzigen Figürchen dekoriert waren, hätte ich stundenlang dableiben können. SOOO schön!

YOLO

Ich halte mich in der Hoffnung nicht den Anschluss zu meinen Kindern zu verlieren, mit Ausdrücken der Jugendlichen stets auf dem Laufenden . Deswegen habe ich vorletzte Woche endlich mal in Erfahrung gebracht, was YOLO heisst. YOLO ist das Akronym für You Only Live Once.

Ich finde YOLO sollte eigentlich nicht der Jugend vorbehalten sein sondern sollte v.a. von uns in der Mitte des Lebens stehenden Menschen in den aktiven Sprachgebrauch aufgenommen werden. Ein die Mitmenschen und die Umwelt miteinbeziehendes YOLO als philosophische Grundlage des Seins. Als Mahnung. Als Erinnerung daran, dass es eben nur dieses eine Leben gibt und dass wir es deswegen nicht verschwenden sollten. Verschwenden mit Streit, mit Missgunst, mit negativen Gefühlen. Und was mir in letzter Zeit immer mehr klar geworden ist: mit Verzicht und mit dem Warten auf den richtigen Augenblick.

Ich habe die letzten Jahre oft darauf gewartet, dass der richtige Augenblick kommt. Der richtige Augenblick um eine sündhaft teure Flasche Wein zu öffnen und zu trinken. Ich habe gewartet und gewartet und irgendwann aufgegeben, weil der erhoffte Anlass nicht kam und mich an das grüne Ufer des Landwehrkanals gesetzt, den Wein geöffnet, in ein Glas geschüttet, davon getrunken und ihn dann in die Wiese gespuckt. Der Wein stand jahrelang rum und ich habe mir nie Gedanken über dessen Lagerung gemacht. Er war in der Zwischenzeit gekippt und zu Essig geworden.

Davon gibt es viele Beispiele. Irgendein teures Duschgel, das mir zum Geburtstag geschenkt wurde. Ich wollte es nicht an den Alltag verschwenden, hab es irgendwann im Schrank vergessen und dann als es mir beim Aufräumen wieder in die Hände fiel, war es schon halb vertrocknet oder ausgelaufen oder anders nicht benutzbar.

Und dann mein Geiz. Ein zweites Glas Wein im Restaurant? Der teurere der Weine? Noch ein Salat extra? Ich dachte mir oft: Macht es mich wirklich glücklicher zusätzlich den Betrag X auszugeben?

Vieles ist absurd teuer. Zum Beispiel ein Babysitter. Dazu noch die Ausgaben des eigentlichen Ausgehens. Wie lange man dafür arbeiten muss! Sollte man das Geld nicht lieber sparen? Für später? Für die Rente? Für Notsituationen?

Ich hab also gespart, war nicht verschwenderisch, habe mich an Konventionen gehalten und war maßvoll.

Und dann passiert etwas und das Leben wirbelt durcheinander. Alles was man implizit für die kommenden Jahre geplant hat, ist futsch.  Bei mir hat das zum anderen Extrem geführt. Ich kann gerade einfach nicht mehr vernünftig sein. Nicht früh ins Bett gehen, wenn ich früh aufstehen muss. Nicht noch ein Glas Wein trinken, wenn ich Lust darauf habe. Nicht das teurere Essen von der Speisekarte wählen, wenn ich doch Appetit darauf habe.

Ganz wundervoll dazu passt übrigens Journelles Text „Ode an die Gier„:

„Ich finde Unersättlichkeit, Wollust und Begierde sind tolle Motoren des Lebens. Wir wissen ja nicht was danach kommt, wahrscheinlich nichts. Dem möchte ich dann wenigstens satt entgegentreten.“

Und es geht nicht nur um den Genuss. Es geht auch darum sich mal was zu trauen. In sich rein zu hören, ob man das, was man sich verwehrt wirklich nicht will oder ob es andere Gründe gibt (Weil man das [in diesem Alter] nicht macht? Weil es unvernünftig ist? Weil es andere blöd finden? Weil es peinlich ist? Verschwenderisch? …).

Also: Fahrt Kart, singt in Karaoke Bars, hüpft albern zu wii-Spielen, betrinkt euch, singt unter der Dusche, bestellt noch ein Glas Wein, kauft euren Kindern einfach noch ein Eis, springt in den See, was auch immer. Und v.a. wenn es etwas zu sagen gibt, sagt es. Mehr als ein „nein“ kann man sich in der Regel nicht abholen. Wenn ihr Lust auf etwas habt und es schadet niemanden. Tut es.

YOLO!

(Ich gehe jetzt Burger mit Süßkartoffelpommes essen)

Urlaubsphantasien

Anfang der 2000er, als ich noch keine Kinder hatte, bin ich mit meinem Freund nach Kroatien gefahren. Drei Wochen lang. Wir haben jeder zehn Bücher eingepackt. Wir hatten uns auf zehn beschränkt, weil wir mit dem Rucksack unterwegs waren. Als wir ungefähr in der Hälfte des Urlaubs in Dubrovnik ankamen, waren alle Bücher gelesen und wir tauschten sie in einem Antiquariat gegen neue.
Daran musste ich denken, als ich heute ca. sieben Kubikmeter Krempel zusammenpackte, weil wir über das Wochenende an die Ostsee verreisen. Zu dritt. Kind 3.0, Kind 2.0 und ich.
Nachdem ich alles zusammengepackt hatte, stand ich vor dem Bücherregal und streckte meine Hand nach einem der ungelesenen Bücher aus, die sich dort stapeln. Eine ganze Reihe hat sich in der Zwischenzeit gefüllt.

Mich überkam eine unendliche Sehnsucht nach einem kinderlosen Urlaub. Einen Urlaub in dem nichts vorgeplant ist, in dem man nicht kochen muss, schon nachmittags Wein trinken kann, sich von Museum zu Museum schleppt, im Schatten so lange liest, bis die Augen schwer werden und man sie einfach schließen kann.
Abends lange wach bleiben ohne in dem Bewusstsein zu leben, dass man am nächsten Morgen um 6 Uhr einen Preis dafür zu zahlen hat.
Man könnte sein gesamtes Geld in kleinen Restaurants verprassen und essen auf was man Lust hat, man könnte sich womöglich unterhalten ohne dass jemand schreit „ICH MUSS KACKEN!“. Eine durchgängige Konversation führen. Ein unvorstellbarer Gedanke. Oder einfach nichts sagen und aufs Meer schauen.