Ich freue mich, dass es neben dem viel diskutierten, sehr lauten Manfred Spitzer nun zwei sanfte Stimmen gibt, die mit „Netzgemüse“ einen Gegenpol zum Thema Das-Internet-ist-der-Untergang-des-Abendlandes-und-wird-unsere-Kinder-alle-verderben gibt.
„Doch ein Zurück in eine Welt vor dem Internet […] gibt es nicht mehr. Es nützt daher wenig, sich gegen eine Welt mit Internet zu wehren, stattdessen sollten wir uns mit ihr beschäftigen, sie kennen(lernen), sie aktiv zum Besten formen und uns gemeinsam mit unseren Kindern: kümmern.“
Damit ist im Grunde eigentlich alles gesagt. Jedenfalls über das Internet und unsere Elternaufgaben.
Ich habe Netzgemüse sehr gerne gelesen. Ein bißchen hatte ich mich als Internetsüchtige Bloggerin und Mutter bereits mit dem Thema auseinander gesetzt und vieles, was beschrieben wird, ist ohnehin nicht neu für mich. Ich kenne und benutze Facebook, Twitter, YouTube und noch einige andere Plattformen seit einigen Jahren – auch erinnere ich mich lebhaft an Lebensphasen, in denen ich eher damit beschäftigt war, bei Monkey Island weiter zu kommen, als meine Französischvokabeln zu lernen. Mir ist auch durchaus der Reiz – das Suchtpotential – bewusst und dennoch habe ich durch das Buch noch einiges gelernt. Ich möchte das Buch aber auch all denjenigen wärmstens empfehlen, die sich im Gegensatz zu mir im Internet nicht zuhause fühlen – ja, die vielleicht sogar eher Berührungsängste mit dem Internet haben.
Für mich persönlich ist das Buch so wunderbar, weil es völlig unaufgeregt berichtet. Es ist hype- und hysteriefrei. Zudem hat es etwas, was ich sehr schätze: Es zeugt von einem durchweg respektvollen Miteinander zwischen Eltern und Kindern. Gut zu sehen an Kapitelüberschriften wie Vertraue deinem Kind so wie dir selbst (S. 247ff) und Tschüss, Kontrolle! Hallo, Gemeinsamkeit! (S. 260ff).
Ich habe z.B. sehr gerne Jesper Juuls Das kompetente Kind und Herbert Renz-Polsters Kinder verstehen gelesen. Beide haben gemeinsam, dass Kinder nicht als Tabula Rasa gesehen werden, die von den ach so erfahrenen und klugen, niemals irrenden Eltern geformt werden müssen. Diese Autoren gehen davon aus, dass Kinder gut und richtig sind und nicht erst zu irgendwas gemacht werden müssen. Die meisten Bücher dieser Art beschäftigen sich aber eher mit Kindern im Alter von 0 – 6. Bücher, die sich mit der Eltern-Kinder-Lebenswelt jenseits des Schuleintritts beschäftigen, sind rar. Das ist ein weiterer Grund warum ich Netzgemüse gerne gelesen habe.
Mir geht wirklich das Herz auf, wenn ich lesen kann, dass es andere Eltern gibt, die ihre Kinder ernst nehmen, die ihnen vertrauen, die sie begleiten und stärken. In vielen Gesprächen mit anderen Eltern bin ich erschüttert, wie wenig Kindern vertraut wird und ich finde es nach wie vor befremdlich, dass die Welt des Internets offenbar als parallel existierend neben der echten Welt gesehen wird. Auch das arbeitet Netzgemüse wunderbar heraus. Warum sollen im Internet andere Regeln gelten? Warum soll man dort anders kommunizieren, vertrauen, misstrauen, hinterfragen etc.
D.h. Netzgemüse bejubelt nicht das Internet sondern es führt LerserInnen zu den verschiedenen Haupthaltestationen des Internets und beleuchtet viele Aspekte – sowohl Chancen als auch Risiken und es gibt Beispiele, wie man mit eben diesen umgehen kann. Völlig undogmatisch.
Ich freue mich, dass es neben dem viel diskutierten, sehr lauten Manfred Spitzer nun zwei sanfte Stimmen gibt, die einen Gegenpol zum Thema Das-Internet-ist-der-Untergang-des-Abendlandes-und-wird-unsere-Kinder-alle-verderben gibt.
Bis Ende des Studiums habe ich mindestens ein Buch pro Woche gelesen. Pflichtliteratur des Studiums ausgeschlossen. Ich hatte keinen Fernseher und eigenes Internet hatte ich auch erst ab 2000. Ich habe mich hauptsächlich durch Bücher wie „Gödel, Escher, Bach“ oder „Der Baum der Erkenntnis“ aber auch äh Gassenschlager wie „Anleitung zum Unglücklichsein“ gewälzt. (Sehr zu empfehlen übrigens auch die beiden Bücher meines damaligen Profs „Bauplan für eine Seele“ und „Die Logik des Mißlingens„). Aufgeheitert habe ich mich mit Herbert Rosendorfer oder Robert Gernhardt. Science Fiction und Fantasy Bücher habe ich auch schon immer gerne gelesen. Nur Krimis, die haben mich nie interessiert.
Natürlich fand ich Männer, die noch mehr und wohlmöglich schwierigeres als ich gelesen haben, wahnsinnig toll. Ich war mal furchtbar verliebt in einen, weil er Luhmann verstand. Unsere Beziehung zerbrach aber aus verständlichen Gründen: Schließlich war er Soziologe und ich Psychologin und wie sollte sowas gut gehen?
Jedenfalls habe ich das Lesen immer geliebt. Leider hat es in den letzten Jahren immer weniger Platz in meinem Leben gefunden. Ein Phänomen, das andere wohl auch erlebt haben. Maximilian Buddenbohm schildert in Christoph Kochs „Mein Medienmenü“ einen Weg bei den Büchern zu bleiben:
Bei mir hat der Alltag die Bücher gefressen. Arbeiten und die Familie machen mich so müde, dass ich wirklich oft gegen 20.30 Uhr einschlafe oder ich schaue geistig anspruchslose Fernsehsendungen und schlafe trotzdem um neun ein. Zum Lesen komme ich nur am Weg in die Arbeit, während Zugfahrten oder im Urlaub. Und dann will ich unbedingt was Schönes lesen. Nichts regt mich mehr auf, als wenn ich ein Buch dabei habe, das mich langweilt. Vor zwei Jahren hatte ich beispielsweise „Der Schatten des Windes“ eingepackt und mich beim Lesen fast zu Tode gelangweilt. Der Urlaub war aber sonst ganz schön (und ich hatte zum Glück noch „Die Eleganz des Igels“ im Koffer).
Wahrscheinlich bin ich die letzte, die auf diesem Planeten darüber schreibt (dafür möchte ich mich entschuldigen, denn ich habe das Buch geschenkt bekommen), aber ich will es trotzdem tun. Die Beschreibung des Inhalts, klaue ich von der Autorinnenseite:
Das Buch hat mich unglaublich gefesselt. Wir waren zelten und es war nicht gerade unanstrengend und obwohl ich wußte, dass zumindest unser jüngstes Kind pünktlich mit Sonnenaufgang gegen 6 Uhr erwachen würde, konnte ich nicht aufhören zu lesen und hatte das Buch in drei Tagen durch. Die Geschichte fand ich sehr berührend – auch in dem Sinne, in dem ich immer wieder kleine Anker in mein eigenes Leben finden konnte. Ich bin Gastarbeiterkind in der zweiten Generation und manchmal fühle ich mich so ganz und gar nicht deutsch – aber eben auch nicht italienisch – wie sollte ich, denn ich bin in Deutschland aufgewachsen und spreche nicht mal fließend italienisch. Für mich ist es nach wie vor unfassbar, wie mutig die Großelterngeneration war, nach dem Krieg nach Deutschland zu kommen. Mit einem Koffer – ohne ihre Lieben – kein Wort deutsch sprechend. Sie haben sich trotz der ganzen Anfeindungen eine Existenz aufgebaut.
Was mich neben dem Inhalt so mitgenommen hat, war die Schreibweise. In der Schule habe ich mich gefragt, woran man gute von schlechter Literatur unterscheiden könnte. Die objektiven Kriterien dafür kenne ich immer noch nicht, aber als ich „Suna“ las, ging mir auf, was gemeint ist. Gute Literatur ist einfach so geschrieben, dass die Sprache einen mitnimmt, dass sie nicht ein Hindernis ist, während sich die Geschichte entfaltet, sondern dass sie etwas wie ein Floß im Lesefluss ist. Sie begleitet und fühlt sich natürlich an, sie formt Gedankenbilder und ist Begleiterin. Genau das gelingt Pia Ziefle.
Deswegen: selbst wenn ihr wenig Zeit habt – Suna wird Euch nicht enttäuschen. Ich hoffe, Pia schreibt noch viele Bücher. Danke für das erste schon mal!
Hochmotiviert das auch zu machen, habe ich mir sogar einen Pinboard-Account zugelegt und in den letzten neun Monaten auch schon 92 Links abgespeichert. Die Links zusätzlich zu kommentieren und so für andere einen Anreiz zu bieten, sie zu klicken – das habe ich nie geschafft. Meistens klappt nicht mal das Abspeichern der Links, die ich gelesen habe und gut finde, weil ich meinen RSS Reader hauptsächlich morgens in der U-Bahn lese und der in Ermangelung einer Internetverbindung keine Informationen in andere Systeme speichern möchte. Es ist bei mir also eher ein Trauerspiel.
Schade ist das trotzdem. Ich habe nämlich schon viele tolle Blogs und Seiten durch die Linklisten der anderen entdeckt und so gelegentlich einen Schritt aus meiner kleinen Welt der Blogs, die ich ohnehin seit Jahren gerne lese, getan.
Deswegen dachte ich, ich stelle mal in unregelmäßigen Abständen Seiten aus meinem Feed-Reader vor und vielleicht mag sich jemand anschließen – so wie damals in den Zweitausendern als wir uns noch Stöckchen zugeworfen haben.
Ach und falls ihr Seiten ohne RSS (es soll sie ja geben!) habt, dann ist für das regelmäßige Verfolgen vielleicht Page2RSS hilfreich.
Für meinen Geschmack besonders herausragend die Kategorie „14 Jahre ohne Kino„, in der die Filmhighlights von 2001 vorgestellt werden.
Kinderzimmerkunst
Auf Carolettas Kinderzimmerkunst-Blog bin ich gestoßen, weil sie bei der Nido „Blog der Woche“ war. Ich habe mir einige Seiten angeschaut und konnte nicht mehr aufhören. Unfassbar schöne Dinge gibt es zu entdecken. Das erste was ich mir dort angeschaut habe, war die Anleitung zum Bau eines 3 m großen Familienbetts. Fern ab des Kinderrosaprinzessinnenkitsches, den man sonst zu sehen bekommt.
Anders anziehen
Anders anziehen hatte ich schon für die BOBs 2012 nominiert, weil mich die sensiblen Beschreibungen und das Hinter-die-Fassade-schauen der Autorin Smilla immer wieder berühren. Ich liebe ihre Bilder und eben die Geschichten dazu. Ein großartiges (Mode-) Projekt.
Ach und einen instagram-Account habe ich auch noch zu empfehlen: Frau Julie. Ihre Bilder sind so wunderbar (wie nennt sich das Gegenteil von unbeschwert und fröhlich?)
Und ich muss sagen, ohne die klassische Medizin wäre ich seit 29 Jahren tot. Mit 8 hatte ich einen Blinddarmdurchbruch. Ich bin also alleine deswegen dankbar, dass es die Schulmedizin gibt.
In letzter Zeit habe ich jedoch die Erfahrung gemacht, dass Schulmedizin oder zumindest, die Ärzte, die mir so begegnen mit ihrer klassischen Ausbildung und v.a. mit ihrer Haltung an Grenzen stoßen. Ich vermute, das ist der Grund warum die Homöopathie so boomt. Sie spendet Hoffnung und das ist manchmal, wenn man krank ist, sehr wichtig.
Die Schulmediziner (der Kamm, der Kamm! Ich schere alle über einen Kamm – in den Kommentaren bitte darüber beschweren) haben meist eine Spezialisierung und auf diese Spezialisierung sind sie so fokussiert , dass sie den Blick für das Ganze völlig verlieren.
Einen Vorfall, der dies schön illustriert, schilderte ich bereits 2007:
Zunächst war ich für den Arzt ausschließlich ein Fuß. Fuß kaputt = röntgen. Als er erfahren hat, dass ich schwanger bin, war ich eine Schwangere. Fuß dick = Wasser in den Beinen. Dazwischen gab es nichts.
Eine viel unerfreulichere Erfahrung habe ich neulich gemacht. Da hatte ich nämlich eine rechtsseitige Gesichtslähmung. Sie begann mit Geschmacksstörungen, die ich zunächst gar nicht zuordnen konnte. Dann „schlief“ mir die Unterseite des Gesichts ein und schließlich erreichte die Lähmung mein Auge. Als mir am 3. Tag das Essen aus dem Gesicht fiel, entschied ich mich, die Notaufnahme (es war Wochenende) aufzusuchen. Zum Thema Gesichtslähmung fallen einem leider nur hässliche Dinge wie Schlaganfall oder Gehirnhautentzündung ein. Der freundliche Neurologe machte seine neurolgische Untersuchung und empfahl eine Lumbalpunktion, um entzündliche Gehirnkrankheiten auszuschließen. Man konnte nichts finden, gab mir Cortison und schickte mich zum Hausarzt.
Der hatte natürlich rein gar keine Ahnung. Wo sowas her kommt, hach das kann viele Gründe haben (zählt ein Paar gräßliche auf) und wie lange das dauert, wer weiß es, wer weiß das schon. Ich hatte natürlich gegoogelt. Von einer Ohrenentzündung vielleicht? Ich hatte zwei Wochen starken Druck auf den Ohren. Ah Ohrenentzündung ja, das könnte es sein. Ich ging zur HNO Ärztin. Der Gehörgang gerötet, jaja, aber sonst, man weiß es nicht, man weiß es nicht. In der Zwischenzeit war mein rechtes Auge, das nicht mehr eigenständig blinzeln konnte, so ausgetrocknet, dass ich 1,5 Stunden beim Augenarzt wartete, um zu erfahren, dass ich Augentropfen nehmen könnte.
Die Ohrenentzündung soll es nicht gewesen sein. Borreliose vielleicht? Ich ging wieder zum Hausarzt. Ah ja, das könnte man mal testen. Borreliose war es auch nicht. Meine chronische Nebenhöhlenentzündung, könnte die was damit zu tun haben? Der HNO Arzt sagt, man weiß es nicht, man weiß es nicht. Theoretisch könnte es sein. Aber unwahrscheinlich.
Ich nehme also zwei Wochen Cortison und irgendwann wird es besser. Zum MRT soll ich gehen, ein Tumor könnte es sein. Nachdem ich acht radiologische Praxen angerufen habe, bekomme ich sechs Wochen später einen Termin. So ein Tumor naja unwahrscheinlich, deswegen eilts ja nicht. Dass einen diese Option etwas beunruhigt – Pech.
Kurze Zeit später steht Kind 3.0 morgens auf – besser gesagt, will aufstehen, kann aber nicht. Den ganzen Tag schafft es keinen einzigen Schritt. Es krabbelt tapfer, doch es hat offensichtlich Schmerzen. Abends gehen wir zum Kinderarzt, der Gelenkschnupfen diagnostiziert. Wir weisen auf eine rote Stelle am Fuß und dass das Kind über Fußschmerzen berichtet, um uns anschließend anzuhören, wenn wir doch alles besser wüßten und unserem Kind das einreden, dann sei das auch kein Wunder, wenn das Kind sowas sagen würde. Zwei Tage später kann das Kind immer noch nicht laufen. Nachts weint es furchtbar und den Fuß hält es seltsam verbogen. Wir gehen in eine chirurgische Praxis. Man stellt eine Entzündung fest. Ein Insektenstich, der sich bakteriell infiziert hat. Wir bekommen ein Mittelchen und einen Verband. Weitere zwei Tage später kann das Kind immer noch nicht laufen, es weint und weint. Wir gehen wieder zum Arzt. Hm ja, gebrochen könnte der Fuß vielleicht sein. DAS SAGEN SIE NACH EINER WOCHE???!!! Man röntgt – doch – genaues weiß man nicht. Ich meine Hallo? Hokuspokus? Wo lebe ich denn? Wieso kann man das nicht sehen? Vorsichtshalber legt man einen Gips an. Das Kind blüht auf und kann zumindest wieder krabbeln. KLONK KONK KLONK. Eine Woche später wird der Gips entfernt und drei Tage später kann das Kind wieder laufen. Was hatte es? Das steht in den Sternen. Die Ärztin sagt: „Seien sie froh, dass es fort ist, hoffen sie, dass es nicht wieder kommt.“
Dafür waren wir bei drei Ärzten. Drei Mal hat meine Krankenkasse Geld überwiesen. Wir haben insgesamt 4,5 Stunden in Wartezimmern gewartet.
Oh Mann, ich verstehe sie, die Leute, die an Homoöpathie glauben. Wenn man sich sogar völlig von der Schulmedizin abwendet. Wenn man zum Heilpraktiker oder zu jemanden geht, der eine TCM Ausbildung hat, wird man wenigstens ernst genommen. Meiner Erfahrung nach wird zugehört. Man ist nicht nur ein Fuß oder eine Gesichtslähmung – man ist ein Mensch in irgendeinem Kontext und das versuchen diese Menschen zu berücksichtigen. Tatsächlich liegt darin vielleicht oft der Schlüssel. Es gibt viel weniger dieses Gefälle „Gott in Weiß“ und „der nichtswissende Patient“.
Ich habe das Gefühl, dass viele Ärzte ihren Beruf nach einigen Jahren gar nicht mehr ernst nehmen. Wahrscheinlich treten pro Fachrichting rund 30 verschiedene Krankheitsbilder zu 80% auf und die restlichen 20%, die haben einfach Pech. Da liest kein Arzt zwischen dem ersten und zweiten Besuch nochmal etwas nach. Bestenfalls machen das die engagierten Neulinge, weil sie noch bescheiden und demütig sind. Wenn man erstmal sein festes Klientel hat und zwanzig Jahre eine Praxis betreibt, kann man gut auf die anstrengenden 20% verzichten. Viele haben offensichtlich auch Probleme ihre Grenzen zu sehen und an weitere fachkundige Menschen zu überweisen (siehe der selbstherrliche Kinderarzt).
Vielleicht ist es an der Zeit die extremen Positionen zu verlassen und einen Mittelweg zu gehen. SO muss es ja auch nicht sein, nech?
Hermann Ebbinghaus (1850 – 1909), Professor der Psychologie, gilt als Entdecker der Vergessenskurve. In seinem – zumindest unter PsychologiestudentInnen bekannten – Experiment ließ er Studenten sinnlose Silben, d.h. beliebige Konsonant-Vokal-Konsonant-Kombinationen auswendig lernen, um so Aufschluss über das Fassungsvermögen des Kurzzeitgedächtnis zu erhalten.
Das war seinerzeit revolutionär. Denn die anderen Psychologen (Freud und seine Gefolgschaft) behaupteten einfach Dinge und wären nie auf die Idee gekommen, Thesen durch einen experimentellen Aufbau zu beweisen.
Ich denke, es ist kein Zufall, dass der einzige Sohn einer Diplom-Psychologin, den ich kenne, über hundert Jahre später eines Abends die Idee hatte, eine ganze Reihe sinnloser Silben auswendig zu lernen.
Nadje-nen ta-saro un ingan djoggin‘ yodja Koppí handjane yo-yur-ane pumkio i-nen yodja Bamí oomio shim-djang itü gauo djinen yodja Güron-ban john ihnen yodja
Nach nur 297 Wiederholungen konnte er diese Passage fehlerfrei reproduzieren. Die Silben hatte er aus einem koreanischen Lied transkribiert, das in den letzten Monaten unerwartet weltweit Bekanntheit erlangte. Es handelt sich um den K-Pop-Song „Gangnam Style“ eines südkoreanischen Millionärsohns mit dem Künstlernamen Psy (Der Name kann ebenfalls keine Koninzidenz sein!). Das Video, welches im Juli auf Youtube eingestellt wurde, ging bereits zwei Monate später als das Video mit den meisten Likes in der Geschichte des Videoportals in das Guinness-Buch der Rekorde ein. Der unfassbare Erfolg ist u.a. auf einen Tweet von Katy Perry zurückzuführen.
Jedenfalls schaffte das Video den Sprung so in die USA und verbreitete sich von dort aus weltweit. Es handelt von dem Stadtteil Gangnam in Seoul. Gangnam ist die wohlhabendste Gegend in ganz Südkorea. Wer etwas auf sich hält und es sich leisten kann – wohnt dort. Der Song ist eine Parodie auf die Lebensweise in diesem Millionärsbezirk bzw. er kritisiert die sich rasant weiterentwickelnde Marktwirtschaft in Südkorea und das Auseinanderdriften von Arm und Reich*.
Zurück zu meinem Psychologinnensohnfreund. Es ist nämlich so, dass er in einer Band „singt“. Um das „singt“ in Anführungszeichen zu erläutern, muss ich noch etwas ausholen. Ich bin völlig unmusikalisch. Eigentlich noch mehr – wenn es ein Pendant zu Dyskalkulie und Legasthenie im Musikbereich – also Dysmusikalie – gibt, dann leide ich darunter. Ich kann nicht singen, ich kann keine Melodien erkennen, habe keine Ahnung von Rhythmus und wenn mal einer den Text beim Singen vergisst – ich höre das nicht. Bei Sendungen wie The Voice of Germany (die ich selbstverständlich nur zu Forschungszwecken ansehe), bin ich jedes Mal erstaunt, wenn ein Jurymitglied so etwas sagt wie „Ich habe mich nicht rumgedreht, weil du den Text vergessen hast und du dann auch total rausgekommen bist…“ ICH höre sowas nicht. Nie.
Ob jemand also gut oder schlecht singt, ich bin bestimmt nicht die Richtige das zu beurteilen. Jetzt ist es bei meinem Freund so, dass er ein bißchen singt und hier dingens E-Gitarre spielt (was ich aus den Stücken auch nicht raushören kann) und das hat er mir mal erzählt. Wann immer er mir ein Musikstück als Beispiel zugeschickt hat, ich war WIRKLICH hochmotiviert es zu hören. Bislang habe ich es nie länger als 10 Sekunden ausgehalten. Denn wenn ich schon kein Ohr für die weichen Töne und die zarten Emotionen in der Musik habe, bei dieser Art von Musik (Metal) höre ich nur WaaaahhhhhhhhHHHHAAAA RAAAAHHHHHWWWHHHHHH GRRAAAHHHH wwaaahhhhh.
Ich freue mich deswegen sehr, dass er jetzt mit seiner Band einen Song gemacht hat, den ich von Sekunde eins bis zum Ende durchhören kann. Sogar mehrere Male. Es ist nämlich eine etwas flottere Version des oben beschriebenen Gangnam Style.
Ohrwürmer bekommt man übrigens nur weg, wenn man das Fragment, das sich in Gedanken immer wieder wiederholt, vervollständigt. Deswegen für alle zum Mitsingen der Refrain:
Oppan Kangnam Style
Kangnam Style
Arümdäwoo sarangse rowo
Küre no (hey) Kürebaro no (hey)
Arümdäwoo sarangse rowo
Küre no (hey) Kürebaro no (hey)
Tschiküm b’ta rente kaji kabul-kä-kä-kä-kä
Ziel der Band ist es übrigens, dass das Video seinen Weg zu Psy zurück findet. Wer es unter dem Hashtag #opening4psy teilt, trägt dazu bei. Meine Lieblingsszene ist übrigens die Aufzugszene.
Wer immer noch nicht genug sinnlose Silben gehört und gelernt hat, der möge doch bitte die Namen der 22 Unterbezirke von Gangnam auswendig lernen und mir zur re:publica 2013 vortragen:
Christoph Koch schreibt über Lücken im Lebenslauf – Zeiten in denen man einfach mal gar nichts gemacht hat und warum das eigentlich gar nicht so schlimm ist und führt den Werdegang von Steve Jobs und Andreas Altmann als Beispiel ins Feld.
Der Artikel ist gut geschrieben und natürlich stimmt es, dass man sich wegen einiger Monate, die man mal nicht arbeitet, nicht verrückt machen soll. Jedoch gefallen mir zwei Aspekte daran nicht:
Erstens: Die allerwenigsten von uns werden jemals ähnliches vollbringen wie Steve Jobs oder Andreas Altmann. Das sind die Ausnahmen unter den Ausnahmen. Den Glauben zu sähen, dass wir alle Chancen auf ähnliche Biographien haben, fühlt sich irgendwie falsch an. Wir sind nicht Steve Jobs. Wir sind durchschnittiche Menschen mit durchschnittlichen Begabungen, die durchschnittlich viel Glück oder Pech haben. Die meisten von uns werden einfach irgendeinen Job machen, der Geld bringt (Manchen wird nicht mal das vergönnt sein). Wenn man Glück hat, macht man ihn gerne. Aber selbst die Jobs, die man gerne macht, machen nicht ununterbrochen Spaß. Ich mag es irgendwie nicht Kindern und Jugendlichen diesen „Ihr könnt ALLES werden“-Floh ins Ohr zu setzen. Wir werden nicht alle reich und berühmt.
Das ist sehr spaßbremsig, ich weiß. Ich werde meinen Kindern ganz bestimmt nicht sagen: „DU kannst kein Künstler/Sänger/Autor/… werden.“ Können Sie gerne werden. Warum nicht. Aber ich werde ihnen nicht sagen, dass sie bestimmt den Durchbruch schaffen werden. Ich werde ihnen eher sowas sagen wie: „Klar kannst Du Musiker werden, warum nicht? Aber sei Dir klar darüber, dass das finanziell kein Spaß wird. Du wirst wahrscheinlich von der Hand in den Mund leben und manchmal vielleicht sogar gar kein Geld haben. Vermutlich wirst du dich zehn Jahre anstrengen, bevor überhaupt irgendwas passiert.“
Ich werde sie unterstützen und bestärken, aber mir geht dieses illusorische Vergleichen auf die Nerven.
Ein ganz anderer Aspekt an dem „Mach doch mal ne Auszeit – einfach so“ ist das Finanzielle. Ich habe mein Studium so schnell wie möglich beendet und dann angefangen zu arbeiten, weil ich Geld brauchte. Ich habe von 800 Mark im Monat gelebt. Mehr konnte ich neben dem Studium nicht verdienen. Ich habe Jobs gemacht für die ich pro Stunde 7,40 DM verdient habe. Ich habe jede Baumarktinventur mitgemacht, die zusätzlich am Wochenende aufzugabeln war. In den Semesterferien habe ich durchgearbeitet. Die gräßlichsten Jobs. Nach Abschluss meines Studiums habe ich Nachtschicht gearbeitet, weil das mehr Geld gab und dann habe ich unterbezahlte Praktika gemacht, bei denen ich 60 Stunden gearbeitet habe und hätte mein damaliger Freund mich nicht finanziell unterstützt – ich hätte nicht davon leben können. Ich finde es sehr luxuriös mal eine Auszeit zu nehmen und ich habe es (damals) nie geschafft vorher etwas dafür beiseite zu legen. Schulden wollte ich nicht machen. Also habe ich gearbeitet um einerseits Geld zu verdienen und mir andererseits eine Perspektive zu schaffen später mal (finanziell) sorglos leben zu können und im Idealfall das Geld zu haben, meinen Kindern den ein oder anderen Nebenjob zu ersparen.
Jetzt habe ich einen soliden Job. Ich habe nicht jeden Tag Spaß – aber es gibt sehr viele Aspekte, die mir an meinem Arbeitsleben gefallen. Manchmal denke ich, es wäre schön einen Beruf zu haben, in dem ich mehr schreiben könnte – aber dann lese ich Artikel wie den von Kathrin Passig und das macht mich demütig. Wenn jemand, der so klug und begabt ist, so zu kämpfen* hat, was wäre dann bitte mein Schicksal?
Ich bin vom Thema abgekommen: Ich glaube auch, dass die ein oder andere Lücke im Lebenslauf nicht schlimm ist – aber dies immer damit zu verknüpfen, dass man sich das auch mal leisten soll oder dass Lücken fast schon ein Indikator sind, dass einem eine großartige Zukunft erwartet – nun – das ist Quatsch.
(Davon abgesehen bin ich viel zu ängstlich mein Leben auf den Kopf zu stellen – weswegen ich Anke Gröner, die jetzt wieder studiert, sehr bewundere.)
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Nachtrag: * „Kämpfen“ im Sinne von einen Vollzeitjob haben und trotzdem nicht so viel verdienen, dass man völlig sorglos davon leben und im besten Fall auch noch ausreichend Altersvorsorge betreiben kann – v.a. als Selbständige/r nicht. Ich habe das „ganz normales deutsches Durchschnittseinkommen“ im Text sehr wohl gelesen und finde es eben erschütternd, dass von so einem Gehalt zum Teil ganze Familien ernährt werden müssen.