Elternabende

Fährtenleser ziehen Rückschlüsse nicht, wie oft fälschlicherweise angenommen, ausschließlich über das Lesen von Tretfährten sondern sie beachten Spuren aller Art. Denn auch aus Bauten, Nestern, Fraßspuren und Kotresten lassen sich Rückschlüsse auf das verfolgte Tier ziehen.
Primatenforscher berücksichtigen diese Punkte ebenfalls. Vor allem aus dem Kot können sie Erstaunliches schließen. So entdeckte man beispielsweise dass Schimpansen bestimmte Pflanzen verzehren, die Substanzen enthalten, die gegen Darmwürmer wirksam sind. Dies lässt sich nachweisen indem man die Anzahl der Parasitenwürmer im Kot vor und nach Verzehr der pflanze zählt.
Würmer zählen finde ich total ekelig. Ich würde nie in Kacke wühlen. Ich schaue sie lediglich an, kategorisiere die Farbe und rieche daran.
So ist das, wenn man zufüttert und herausfinden will, ob das Kind die neue Nahrung verträgt oder nicht.
Das Schöne ist, ich bin gar kein Kakologe und weiß deswegen nicht, wie die einzelnen Gemüse- oder Obstsorten nach dem Verdauen aussehen sollten. Dennoch schnüffle ich, reibe die Windelenden aneinander und beäuge das Verdauungsresultat ganz genau.
Meistens entscheide ich, dass es gut und richtig ist.
Es gibt aber auch die Fälle, in denen ich eine Zweitmeinung benötige. Zur endgültigen Urteilsbestimmung konsultiere ich meinen Freund wenn er abends von der Arbeit kommt und halte ihm die vor zehn Stunden ausgeschiedenen Produkte unseres gemeinsamen Zöglings unter die Nase. Der sagt in der Regel „Hm ja“ und wir entsorgen die Windel endgültig.

Mann, der – unbekanntes Wesen

Beispiele für geschlechtsspezifisches Verhalten habe ich in meinem Studium zuhauf gehört. Der Mann rupft sich das T-Shirt kopfüber vom Leibe wohingegen die Frau die Arme hinter dem Rücken verschränkt und es vorsichtig über den Kopf zieht. Mann trägt die Bücherstapel locker unter dem Arm – die Frau drückt sie sich als seien sie ein zu beschützender Säugling an den Körper.
In der Psyche sehe ich diese Unterschiede nicht begründet. Mir scheint es geht hier eher um physikalisches wie Kraft, Hebelwirkung und Winkel.
Es ist mir ein leichtes mir diese an das durch das geschlechtsbestimmende Chromosomenpaar zu erklären.
Die wahren Rätsel begegnen mir im Paaralltag. Da wäscht man als neuerdingse Hausfrau artig die Wäsche und ordnet sie brav in Stapeln in den Schrank, um festzustellen, dass nach der ersten Bekleidungsstückentnahme Sodom und Gomorra im Kleiderschrank ausgebrochen ist.
Der Mann braucht ein weißes Oberteil und geht bei der Suche vor wie der Arm einer Betonmischmaschine. Erst wenn alles zerwühlt ist, greift er das gesuchte Teil und zieht von dannen.
Seltsam.

Vorher:

Schrank vorher

Nachher:

Schrank nachher

Lesen Sie auch ältere Artikel über das Verhalten in krawattären Notsituationen.

Spasseinkaufscenter Alexa

Ix schrieb bereits darüber, unter anderen Aspekten freilich, doch ich möchte meine Erfahrungen ebenfalls zu Bildschirm bringen. Leider war es mir aufgrund der geringen Speicherkapazität meines Handys nicht möglich, dokumentierende Fotos zu ergänzen. Ich kann zusammenfassend nur sagen: Gehen Sie hin, bevor das Alexa in ca. drei Tagen niemanden mehr interessiert. Genießen Sie die Megaeventatmosphäre!

Allein schon reinkommen. Super. Vor dem Haupteingang Zaunabsperrungen wie auf einem Rockkonzert. Willenlos wird man mit den Menschenmassen in eine Richtung gesogen. Überall Sicherheitspersonal. Ich lasse mich treiben, werde aber aufgrund des Kinderwagens von zwei vier Meter großen Ordnern aus dem Mob gezogen, über die Köpfe der anderen hinweg auf Händen nach hinten getragen und darf einen anderen Eingang benutzen. Dafür werde ich um das ganze Alexa getrieben, vorbei am rauchenden Personal, an den Bauarbeitern, hin zur Tür für Behinderte und Menschen mit Kinderwagen.

Drinnen Gedrängel, Körperkontakt pur. Ich sehe nichts, doch ich rieche die anderen, sie sind aufgeregt, sie schwitzen, sie durchströmen die Etagen. Auch ich versuche in die erste Etage zu gelangen, denn wie immer befinden sich Frauen- und Babysachen nicht im Erdgeschoss sondern in den oberen Stockwerken. Ich versuche Aufzüge zu finden, was mir mangels Sicht erst einige Runden später gelingt. An den Aufzügen Schilder die sagen: Bitte lassen Sie Schwangere, Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen und Menschen mit Kinderwagen die Aufzüge benutzen, benutzen Sie selbst die Rolltreppen*.

Doch wen schert das. Sie können wahrscheinlich auch nichts dafür. Der Druck von draußen ist zu groß. Unschuldige Passanten werden bis an die Grenze der maximalen Aufzugsbelastung in die Kabinen gepfercht. Die Aufzüge fahren wild auf und ab. Manchmal öffnen sie sogar die Tür und entlassen ihre Fracht.

Oben sehe ich schließlich so viel wie unten, nämlich nichts. Ich ergattere ein Prospekt, auf dem steht welche Geschäfte es gibt. Zufrieden rolle ich dem Ausgang entgegen. Auch hier die Erinnerung an meine Jugend, an die ganz großen Rockkonzerte. Ich werde zwischen Menschen auf eine grüne Wiese entlassen. Da stehe ich nun und schaue in den großen, blauen Himmel.

Toll! 

 

*Sobald meine hormoninduzierte Harmoniesucht nachlässt, schreibe ich einen Artikel darüber, wie sehr ich Menschen verhauen möchte, die der Faulheit halber Aufzüge verstopfen.

Zeitungsartikel

Ich sehe die Schlagzeile. 86jährige stillt 55jährige Tochter.
Die Tochter K. der Frau N. ist die weltweit erste Frau, die weit über ihre Menopause hinweg gestillt wurde.
K. weigerte sich bereits in den ersten Lebensmonaten Nahrung zu sich zu nehmen, die nicht direkt der mütterlichen Brust entstammte. Die folgenden Lebensjahre scheiterten mehrere engagierte Versuche das Kind mit gesunden Nahrungsmitteln wie Banane, Möhren, Kürbis, Pastinaken, Birnen, Äpfel, Avokados, Melonen, Reisschleim und Getreidebrei zu füttern.
K. blieb hart und verweigerte jegliche Breikost.
Auch Versuche Zuckersirup, Schokolade, Wackelpudding (rot, grün und gelb) zuzufüttern wurden hartnäckig mit Kopfabwenden und Lippenzusammenpressen beantwortet.
Die Frau N. erlitt bereits mehrere Entnervtheitszustände als sie schließlich mit Eintritt ins Rentenalter alle weiteren Versuche des Abstillens aufgab.

Die Handwerker sind (wieder) da

Ein liebes Baby kostet, das erwähnte ich schon. Manchmal beschert es auch graue Haare, wenngleich nur indirekt. Zum Beispiel wenn man mal wieder Handwerker im Haus hat, weil zur Abwechslung der Abfluss in der Wand verstopft ist.
Es klingelt. Ich öffne zwei streng riechenden Männern. Einer von ihnen trägt einen Pümpel.
„Tach wir sin Klemptner vonne Sanitärfirma.“
Ich grüße freundlich und schildere den Sachverhalt. Betone dabei dass wir pümpelmäßig alles probiert haben was in unserer Macht stand.
Die Herren schreiten in die Küche und kratzen sich am Kopf.
– Hamse ne Lampe?
– Äh Taschenlampe für den verstopften Abfluss?
– Ne Lampe ebent.
– Habe ich bedauerlicherweise nicht.
– Hamse eine Säche?“
– Wie bitte?
– Eine Säche.
– ???
– Eine SÄCHE, der Handwerker wird ein wenig barscher im Ton.
– Ich fürchte, ich habe keine Säche.
– Ein Haushalt ohne Säche?“
– Japp, ich fürchte, ich habe mein ganzes Leben ohne Säche verbracht. Ferner muss ich bedauernd feststellen, dass ich leider nicht mal weiß was eine Säche ist.“
– Sie kennen keine Säche?, Handwerker bricht in Lachen aus.
– Ich fürchte, ich verstehe einfach nicht was das sein soll.
– S Ä H C H Ä, spricht der Mann langsam und sehr deutlich aus.
Glücklicherweise weint das Kind, ich verschwinde.
Dreißig Minuten später komme ich wieder in die Küche. Weiterhin Ratlosigkeit. Ohne Lampe und Säche anscheinend kein Vorankommen. Man entschließt sich, den weiten Weg zum Auto zu gehen und endlich Werkzeug zu holen.
Zu meinem Erstaunen stelle ich wenig später fest, dass es sich bei einer Säche um ein mir unter dem Namen SÄGE geläufiges Werkzeug handelt.
Man sächt die Wand auf und bestaunt die Rohre. Einer der beiden Handwerker hat offensichtlich Superkräfte und kann durch geschlossene Rohre schauen.
Danach versucht man mit einer ca. 10 Meter langen Spirale die Verstopfung zu beseitigen. Da das Rohr unglücklicherweise verstopft ist, kommt man nicht hindurch.
Im Bad testet man, ob die Spirale defekt ist. Der Test ergibt, dass die Spirale funktioniert und die Leitungen im Bad nicht verstopft sind. Das teilt man mir zufrieden mit.
Das Baby weint wieder.
Während ich es beruhige, höre ich seltsame Geräusche in der Küche. Kurz darauf steht sie unter Brackwasser, Hühnchenknochen schwimmen auf der Oberfläche und die Handwerker rufen mir, während sie ins Treppenhaus gespült werden, glücklich zu, dass die Verstopfung nun beseitigt sei.
Erleichtert spiele ich auf der dagelassenen Säche Wer will lustige Handwerker sehen, der muss zu den Nufens gehen in D-Moll und winke den freundlichen Verrückten nach.

Alle Rentner doof, außer Omi und Opi natürlich

Damit ein Kind in der Pubertät nicht zum uncoolen Kunstliebhaber wird, empfiehlt es sich bereits ab der Geburt regelmäßig Museen aufzusuchen. Eine Jahreskarte Plus der SMB hilft die Ausgaben hierfür im Rahmen zu halten.
Da Berlin nach den unsäglichen MoMA-Wartezeiten dazu gelernt hat, kann man sich mit Baby sogar in angesagte Impressionistenausstellungen wagen. Theoretisch jedenfalls.
Theoretisch läuft das nämlich so. Irgendwann, wenn man Lust hat in die Neue Nationalgalerie zu gehen, holt man sich eine Eintrittskarte. Auf der Eintritteskarte steht eine Nummer. Anhand der Nummer ermittelt man die Eintrittszeit. Nehmen wir an, man kauft die Karte um neun Uhr und entnimmt der Wartetafel, dass man voraussichtlich eine Stunde später das Museum betreten kann. Daist es naheliegend in der Zwischenzeit einen Latte Macchiato zu sich zu nehmen und dann um zehn gutgelaunt zum Eingang zu gehen.
So, wie gesagt, lautet die Theorie. Doch womit man nicht gerechnet hat, ist die Aggressivität von verzweifelten Rentnern, die offensichtlich kurz vor ihrem Ableben stehen und unbedingt vorher noch in die Ausstellung müssen.
Erste Konfrontationen gibt es, wenn man sich an der Ticketkasse anstellen muss.
„Sie müssen die Reihe schnurgerade fortsetzen, so ist es vorgesehen!“, schreit mich einer an und schubst mich samt Kinderwagen gebissklappernd in die Anstellreihe zurück, denn ich habe versehentlich beim Anstellen einen Winkel von zwei Grad erzeugt.
Vier Kassen sind geöffnet, doch leider muss ich wegen meiner Jahreskarte an die erste. Vor mir ein großes Schild Bitte benutzen sie alle Kassen. Noch bevor ich meinen Hintermann bitten kann, dass er mich überhole und zu Kasse II vorrücke, erhalte ich einen Bodycheck, kippe auf den Kinderwagen und werde an die nächste Kasse gerollt. Als ich von dort zurück möchte, schreit mich der Hinterhintermann an, ich solle mich ganz hinten anstellen, er sei nun an der Reihe. „Ekelhafte Jugend. Kinderwagenwegversperrer. Zumutung, dreiste Vordränglerin!“ So werde ich wieder ans Ende der Schlange bugsiert.
Drei Runden muss ich machen bis ich endlich an der Zielkasse bin. Hundert Wartenummern hat es mich gekostet, doch einen Säugling habend, habe ich einiges an Geduld und Güte dazu gewonnen.
Ich erhalte eine Nummer, die mir sagt, dass ich noch eine halbe Stunde Zeit habe einen Kaffee trinken zu gehen.
Als ich wiederkomme, säumt eine Warteschlange die Neue Nationalgalerie.
Wohlerzogen frage ich den letzten Wartenden, welche Nummer er hat. Meine plus 150. Ich entschließe mich nach vorne zu gehen.
Ich fühle mich dabei wie Steve Jobs, der 1997 unter Buhrufen seine Kooperation mit Microsoft bekannt gibt. Glücklicherweise hat niemand faule Eier oder alte Tomaten dabei.
Einige Rentner versuchen mir den Weg zu versperren, doch ich bin schneller und umrunde sie mit meinem wendigen Kinderwagen.
Vorne angekommen, teilt mir der Museumswärter mit, dass ich prinzipiell rein könne, man aber vermute, dass es noch andere mit noch niedrigeren Nummern in der Schlange gäbe und man deswegen jetzt doch lieber der Reihe nach einlasse.
Hinter mir wird geklatscht. Eine stark geschminkte Buckelige zerrt mich mit knochigen Fingern nach hinten. Welch Triumph! Rein kommt, wer ansteht. So ist es seit jeher gewesen. So wird es immer sein. Das ist das Gesetz. Wartenummern! SMS-Service! Anstellen lautet die Devise.
„Nicht mit mir meine Damen und Herren!“, kreische ich. Der Geduldsfaden ist gerissen, „Projektmanagerin war ich in meinem Leben vor der Mutterschaft!“.
„ALLE DAMEN UND HERREN MIT DER NUMMER 290 bis 340 VORTRETEN, ALLE ANDEREN ZURÜCK!“
Ich rolle meine Infobroschüre zum Wartesystem zum Sprechrohr.
Fünfzig Falschwarter sind ob der Aussicht auf baldigen Einlass plötzlich meine Verbündeten. Es gibt eine kurze Revolte. Ein Paar Brillen gehen zu Bruch und am Ende liegt eine einsame Perücke am Asphalt, doch was soll ich sagen. Nummer 290 bis 340 und ich, wir sind drinnen!
Nur das Kind, das findet Impressionisten doof. Die Farben zu blass, die Landschaftsmotive der plein air zu öde. Rodinskulpturen zu düster.
Wir gehen.