Die Unterschiedlichkeit der Dörfer

Berlin ist ein Dorf. In meinem Dorf sind alle tätowiert, tragen zerschlissene Jeans und schwarze Jacken.

Heute war ich im Mitte-Dorf und habe wieder gestaunt. Hochgewachsen sind alle und sehr, sehr dünn.

Es gibt dort einen Laden, da gehe ich sehr gerne einkaufen. Es gibt farbenprächtige Kleider und in meiner Größe – der L – ist selbst im Sale die komplette Kollektion erhältlich. Ich belade mich also mit so vielen Kleidern, wie ich tragen kann und schlappe in die Kabine. Ob sie sehen können, dass ich aus dem anderen Dorf bin?

Ich ziehe mir das erste Kleid über. Es sitzt ein bisschen straff. In der Kabine neben mir, ruft eine Frau mit glockenheller Stimme: „Die S ist viel zu groß! Ich brauche XS!“. Ich höre die Verkäuferin davon rauschen.

Vor dem Laden stauen sich die Menschen. Durch die meisten Straßen in Mitte kann man nur sehr langsam gehen. Einen halben Schritt langsamer als Schlendern.

Immer wieder gibt es große Menschenansammlungen. Bis auf die Straße stehen die Menschen manchmal. Zum Beispiel bei einem Vietnamesen, der tatsächlich sehr gutes Essen anbietet. Früher war ich öfter dort. Zwei Hauptgerichte gibt es zur Auswahl. Alles frisch, kein Schnickschnack. Jetzt ist es dort unfassbar voll. Zu jeder Tageszeit. Die Bedienungen sind organisiert wie Roboter. Man kommt, 10 Sekunden bis die Getränkebestellung aufgegeben werden kann, welches Essen? Keine zwei Minuten später steht das Hauptgericht samt Getränk auf dem Tisch. Kaum hat man den letzten Bissen runtergeschluckt, wird abgeräumt: „Sie wollen die Rechnung?“ (Nein, eigentlich nicht, aber die anderen warten…)

Ein Stückchen weiter die Straße Richtung Norden, wieder eine gut zwanzig Menschen lange Schlange. Ich laufe neugierig an ihr Kopfende. Er mündet in einen … Bäcker. Ich schaue um die Ecke in den Laden. Tatsächlich – es gibt hier v.a. Brot. Das Brot sieht gewöhnlich aus, große, runde Laiber, nur die Preise sind astronomisch hoch. Fränkische Sauerteigbrotbäcker würden es nicht glauben können.

Überall sind Menschen in sehr engen Hosen. So enge Hosen! Wie kommen diese Menschen in diese Hosen? Slim Fit Jeggins! Einmal angezogen kann man bestimmt eine Woche darin bleiben und dann kann man sie abwerfen wie Schlangen ihre Haut abwerfen wenn sie sich häuten.

Hier tragen die jungen Männer keine Bärte. Die Frauen aber Dutts. Sie haben alle einen. Bestimmt gibt es irgendwo Dutt-to-go-Läden von denen ich nichts weiß.

Tatsächlich gibt es hier auch Kinder. Die meisten werden gefahren. Aufs Alter kommt es gar nicht so an. Die ältesten wirken auf mich so als ob sie kurz vor der Einschulung stehen. Aber selbst laufen, das scheint hier nicht zu den üblichen Praktiken zu gehören. Die Kinderwagen werden von Vätern geschoben. Aha, da sind sie, die modernen Väter von heute! Am Wochenende schieben sie die neusten Bugaboo und Teutonia-Modelle durch die überfüllten Straßen.

Ich google die Kinderwagenmodelle und frage mich, ob man sich werbetechnisch schon auf die Väter eingestellt hat und jetzt statt mit Dessins mit technischen Details lockt. Die Werbetexte jedenfalls sind pompös:

Sein einfaches Handling und leichtgängiges Fahrwerk macht jede Citytour zu einem Spaziergang. [… ]Der geräumige Innenraum mit seiner bequemen Polsterung machen den******* zu einem komfortablem Nest für die Kleinen. Für einen hochwertigen Look sorgt der neue Schiebergriff in schwarzer Lederoptik  und schwarzer Ziernaht für eine optimale Haptik während des Schiebens.

Optimale Schiebehaptik! Was für ein Wort!

Tief beeindruckt bin ich, weil ich rund eine Viertelstunde herumstehen kann und keine einzige Frau sehe, die nicht durch und durch perfekt gestylt ist. Sie haben alle gerade Lidstriche, einen Hauch Rouge und tragen dezenten Lippenstift (der Nude Look!). An den Fingern trägt man heute einen leichten Apricotton.

Ich schaue in die Schaufenster. Die einzelnen Kleidungsstücke so teuer wie – ach lassen wir das… faszinierend ist es jedenfalls, dass die Läden voll sind und es ganz offensichtlich Menschen – ausreichend Menschen – gibt, die sich das leisten können.

Ich frage mich, sind das Menschen, die hier wohnen? Wohnen sie schon immer hier oder sind sie dazugezogen? Wenn zweiteres, wo verstecken sich die Einheimischen?

Vor mir und hinter mir tragen die Menschen große Papiertüten. In jeder Hand mehrere. Ob sie nur einmal im Jahr dazu kommen, „shoppen“ zu gehen?

Ich jedenfalls, komme sogar zweimal im Jahr hierher. Zum Staunen und auch, um mich wieder glücklich zu schätzen, dass ich in diesem anderen Dorf lebe, wo ich ungekämmt auf die Straße kann, wo die Kinder selbst laufen, das Brot schlecht aber billig ist und man in den Restaurants noch kurz sitzen darf – selbst wenn man schon aufgegessen hat.

Eigenwerbung macht schön

Es stapeln sich die Dinge, die ich endlich mal verbloggen wollte. So z.B. alles, was irgendwie auch im weiteren Sinne unter Eigenwerbung fällt.

Zum Beispiel ein Artikel in der Wirtschaftswoche online, der mich und einige andere Autor:innen befragt hat, wie man eigentlich vom Blog zum Buch kommt: „Bücher aus Blogs: Aus dem Internet aufs Papier„.

Oder den Teil im Eltern ABC Podcast, bei dem ich mitgewirkt habe: „Ich musste mich vom Perfektionismus verabschieden

Der Podcast gehört thematisch zum Buch: Überraschung – 150 Eltern packen aus: Die grössten Herausforderungen und besten Strategien, damit Elternschaft gelingt und ist geschrieben von Sara und Peter Michalik (Familientherapeutin und Paarberater aus der Schweiz), die im Alltag immer wieder festgestellt haben, dass sich die Elternnöte hinter der heilen Welt Fassade doch immer wieder sehr ähnlich sind. Allein diese Erkenntnis („Ich bin nicht alleine“) hilft vielen Eltern. Das Buch zeigt 150 konkrete Auswege. Denn meistens gibt es nicht die eine richtige Lösung.

Der Podcast ist eine Erweiterung des Buchs und gibt Eltern einen Einblick in das Familienleben anderer Eltern – ganz ähnlich wie es Elternblogs tun.

Apropos Podcast: Ich bin ich ja auch noch Teil des erratisch erscheinenden Gemeinschaftspodcasts „Der Weisheit“. Da gibt es wieder eine neue Folge: Diebstahl, Steuer und anderer Terror.

Mit Bilderbuch und Touchscreen

Ganz zum Abschluss möchte ich noch eine DVD empfehlen. Sie heisst „Mit Bilderbuch und Touchscreen“ und kostet 15 Euro. Ich durfte bei diesem Projekt mitmachen, was mich sehr gefreut hat, denn es beschäftigt sich (endlich mal) undogmatisch mit der Frage wie das digitale Leben das Familienleben beeinflusst und wie Eltern damit umgehen.

Die Beschreibung hierzu lautet:

Der Film orientiert sich an der Lebenswelt der Kinder und begleitet Familien auf ihren individuellen Wegen durch die Vielfalt analoger und digitaler Medien. In dokumentarischen Beobachtungen, Interviews und Trickfilmsequenzen werden praktische Anregungen gegeben, wie ein gesundes, am Wohl des Kindes orientiertes Aufwachsen mit Medien gelingen kann.

Der Film richtet sich in erster Linie an Eltern. Weitere Zielgruppen sind pädagogische Fachkräfte sowie Auszubildende und Studierende. Es werden Antworten unter anderem auf folgende Fragen gegeben: Welche Medien sind in welchem Alter angemessen und wieviel Medienzeit ist sinnvoll? Wo können Medien die Entwicklung unterstützen und auf welche Weise können Kinder vor Gefahren durch Medien geschützt werden? Was heißt es, Kindern Medienkompetenz zu vermitteln? Wie nutze ich selbst digitale Medien und was lebe ich damit vor?

Tatsächlich ist der Film aber eher beschreibend als belehrend. Mir hat das sehr gut gefallen, weil er auch viele Facetten darstellt.

Es gibt davon auch in Form von sieben Kurzfilmen für Fachkräfte eine Variante mit dem Titel „Aufwachsen in der Medienwelt“ – diese DVD ist in limitierter Auflage für Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflegepersonal kostenfrei über die Geschäftsstelle der Deutschen Liga für das Kind erhältlich.

Ach, eine Sache fällt mir noch ein: Im nächsten Monat erscheint ein Text von mir in der emotion slow, die ich bislang noch nicht kannte. Ich habe mir zwei Magazine mal durchgelesen und fand sie sehr angenehm. Mir wurde auf keiner Seite gesagt, was ich alles machen muss um schöner, erfolgreicher und schlanker zu sein.

Twitterlieblinge von irgendwann bis irgendwann

OMG. Ich habe das wirklich sehr lange nicht mehr gemacht. Danke für das Erinnern liebe Leser:innen. Im Job gibt es ja nichts deprimierenderes als wenn man regelmäßig Reports zusammenstellt, das ein paar Mal vergisst und dann nie jemand danach fragt.
Deswegen hier ein paar Lieblingstweets der letzten Zeit:

 


(je länger das Bild auf mich wirkt, desto unfuckingfassbarer finde ich es)

Auf die Ohren

img_9799Irgendwann habe ich Podcasts für mich entdeckt. Das Bücherlesen ist mit den Kindern leider fast aus meinem Leben verschwunden. Sicherlich eine Frage der Prioritäten – an der Zeit liegt es nicht. Ich glaube, ich habe drölzigtausend Stunden mit Serien verbracht.

Aber irgendwie beanspruchen Bücher eine andere Art von Aufmerksamkeit. Wenn die Kinder abends pennen, dann bin ich völlig matschig und wenn ich nicht gleich einschlafe, schaffe ich es gerade noch eine Serie zu starten.

Ich bin deswegen auch nicht böse, wenn mir Leser:innen meines Buchs freudig mitteilen, dass es bei ihnen im Bad neben dem Klo liegt. Das heisst für mich nur, dass mein Buch elternkompatibel ist. Ein, zwei Geschichten bekommt man im Alltag hin und dann gehts weiter. Ohne dass man sich fragt: „Hm? Wer war das nochmal? Und wie hängt der mit der zusammen? Und äh wessen Kinder ähhh?“

Was auch gut geht sind Podcasts. Tatsächlich aber nicht nebenher sondern direkt auf die Ohren beim Staubsaugen zum Beispiel oder wenn ich Wäsche aufhänge. Das liebe ich echt. Staubsaugen mit Kopfhörern. Ein Traum. Innerlich fühle ich mich ganz harmonisch, irgendwie abgeschnitten von allem und dann blicke ich hoch und sehe (seelisch in Zeitlupe) wie die Kinder sich Stofftiere um die Ohren hauen.

Ich höre selbst gerne den Lila-Podcast, dort werden aktuelle Themen oder Phänomene der Twittertimeline und aus den Nachrichten aus feministischer Perspektive besprochen. Unaufgeregt, sachlich und ich erhalte viele, neue (Denk-, Lese-, Hör-) Anregungen.

Gleichgerne höre ich den Leitmotiv Podcast, der sich in den einzelnen Episoden intensiv mit einer Gästin beschäftigt. Die letzte Folge ist ganz schön lange her… fällt mir da auf.

Ich habe mal in meine Timeline gefragt, was es an elterntauglichen Podcasts so gibt und folgende Antworten erhalten, die ich jetzt mal teile, bevor ich sie selbst alle durchgehört habe:

Da gibt es den „Daddies in Distress Podcast„. Angeblich ein Podcast für Väter. Hab’s aber schon ausprobiert: Als Mutter fallen einem beim Zuhören nicht die Ohren ab.

Das Schlaulicht ist ein Podcast für Kinder von 7 bis 99, in dem einzelne Phänomene unter die Lupe genommen werden. Es geht z.B. um Superhelden, Kohle, Star Wars, Gruseln, Haustiere und Werkzeuge.

Der Radiorebell Podcast: Hier spricht ein Vater mit seinem Sohn Jay-Jay und beschreibt den gemeinsamen Podcast so: „Der Blickwinkel meines Sohnes ist oftmals ein anderer. Nicht schlechter. Nicht besser. Anders.
Das ist für mich manchmal sehr lehrreich, frustrierend, euphorisierend und niederschmetternd, für Ihn aber durchgehend amüsant, hilfreich und spaßig. […]“

Sehr oft empfohlen wurde mir: The Longest Shortest Time – beschrieben als „The parenting show for everyone. Hosted by This American Life contributor and author Hillary Frank.“

Der Kidz-Podcast: „Alles rings um Kinder. Ob Pflegekinder, Menschen, die mit Kindern arbeiten, pädagogische Konzepte und Ideen rund um das Leben mit Kindern.“

Und genauer vorstellen werde ich demnächst den Eltern ABC Podcast aus der Schweiz, bei dem ich neulich mitgemacht habe.

Völlig unbekannt war mir bislang die Podcast Suchmaschine fyyd.

Wenn ihr weitere Tipps und Empfehlungen habt, freue ich mich über eure Kommentare. Vor allem dann wenn es um die Mütterperspektive geht. Die scheinen beim Podcasten noch nicht ganz so stark vertreten zu sein, scheint mir.

Was sich liebt, das …

Die letzten beiden Jahre habe ich viel über den Tod und die Liebe nachgedacht. Beides hat mich sehr unerwartet getroffen und vieles verändert.

Oft hoffe ich, dass ich meinen Kindern bestimmte Erfahrungen vermitteln kann, ohne dass sie die Erfahrung selbst erleben müssen. Wie oft ich mich wundere, wie früh bestimmte Schemata erlernt werden und wie selbstverständlich viele sie finden.

In der Grundschule z.B. höre ich oft „Was sich liebt, das neckt sich.“ oder „Der ist nur gemein, weil er in <beliebiger Name> verknallt ist.“

Wie (einige) andere Erwachsene bei solchen Sätzen lächeln. Als wäre das was Schönes.

Wie romantisch. <beliebiger Name> reißt <beliebiger Name> an den Haaren. So, so. Weil er ist verknallt? <beliebiger Name> schubst <beliebiger Name>. Weil … er mag das Mädchen eben?

(Umgekehrt habe ich es übrigens noch nie gehört. Die Mädchen drücken ihre Zuneigung offenbar nicht mit Kinnhaken aus?)

Als Kind hab ich den Satz auch oft gehört und nie verstanden. Warum ist jemand, der mich mag, gemein zu mir? Warum soll ich das als Zuneigung interpretieren? Kann denn niemand diesem anderen Kind beibringen, dass es schönere Wege gibt seine Zuneigung auszudrücken?

„Was sich liebt, das neckt sich.“

Was sich liebt, das achtet aufeinander. Was sich liebt, das geht respektvoll miteinander um. Was sich liebt, das erfreut sich gegenseitig.

Wäre das nicht viel schöner? Angemessener?

Ich jedenfalls habe nicht vor meinen Kindern beizubringen, dass ein gestelltes Bein, eine Brennnessel am Arm, ein Haareziehen irgendwas mit Zuneigung zu tun hat.

Von mir werden sie hören: „Wenn dich jemand so behandelt, dann halte dich fern.“

Vielleicht brauchen sie dann nicht ein paar Lebensjahrzehnte um das im Herzen zu erfahren und zu verstehen.

1 Spaziergang

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Pixabay @stocksnap

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Kurz nach acht. Die Sonne ist schon vor zweiunddreißig Minuten aufgegangen, das sagt jedenfalls die App. „Hell“ würde ich den Zustand der Außenwelt nicht nennen.

Noch vier Minuten bis die Tram fährt. Morgens ist sie immer zu früh, wartet nicht und fährt einfach weiter obwohl sie nur im zwanzig Minuten Takt fährt.

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Die letzten Male habe ich sie deswegen immer verpasst. Ich überlege, ob ich das kleine Stück bis zur Haltestelle rennen soll, doch dann biege ich einfach in die andere Richtung ab.

Ich bewege mich ohnehin zu wenig. In der Elternzeit und als die Kinder klein waren, war das anders. Da waren die obligatorischen zehntausend Schritte schon am Nachmittag geschafft.

Jetzt sind sie eigenständig. Gehen sprichwörtlich ihre eigenen Wege ohne dass ich sie begleiten muss.

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Die Straßen sind wie leer gefegt. Jedenfalls was die Menschen angeht. Auf den tausenddreihundertzwanzig Metern bis zu meiner Wohnung begegnet mir nur eine telefonierende Frau mit einem winzigen Hund, dessen Kopf fast so groß ist wie sein ganzer Körper. Empört kläfft er eine Krähe an, die ebenfalls schimpft, doch die Frau zieht ihn weiter. Sonst ist es ruhig. Selbst für die Autos der Stadt ist es offenbar noch zu früh.

Nebel hängt über dem Boden und hellt alles auf. Auf instagram heisst der entsprechende Filter „Reyes“. So wie Reyes macht der Nebel alles heller, verschwommener, den kleinen Makeln schmeichelnd. Alles wird einheitlicher, der Unrat, der auf den Straßen liegt, ist schlechter zu sehen, die Flächen haben weniger Kontraste, ein graugrünes Wiesenstück, aufgehellter Asphalt, der Himmel wie Milch. RAL 7035. Lichtgrau.

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Überhaupt. Wer sagt immer, dass nur die Inuit viele unterschiedliche Worte für Schnee haben. In Berlin haben wir zweiundzwanzig Worte für Grau:

Fehgrau, Silbergrau, Olivgrau, Mossgrau, Signalgrau, Mausgrau, Beigegrau, Khakigrau, Zeltgrau, Eisengrau, Basaltgrau, Schiefergrau, Anthrazitgrau, Asphaltgrau, Betongrau, Grafitgrau, Steingrau, Kieselgrau, Zementgrau, Lichtgrau, Staubgrau, Quarzgrau.

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Zuhause werde ich einen Kaffee trinken und frühstücken. Ich bin in den letzten Monaten so weich geworden, dass ich überlege, ob ich dieses Jahr vielleicht sogar heize. Wenn man vom Grau ins warme Gelb der Wohnung tritt, würde das eigentlich gut passen. Wärme.

Ankunftsszenen

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Ich schaue auf die Anzeigetafel. „Ankunft C“ steht dort. Keine Ahnung, ob Terminal C und Ankunft C das selbe sind, aber ich laufe einfach dem ausgeschilderten Buchstaben „C“ hinterher.

In der großen Halle sehe ich einen Infostand und frage: „Wo finde ich denn bitte Ankunft C?“
„Wo wollen Sie denn hin?“
Ich verstehe die Frage nicht so recht und schaue ratlos.
„Flug?“
„Porto“
„Das ist Ankunft C“, sagt die Dame nachdem sie auf der Ankunftstabelle den Flug nachgeschaut hat.
„Das ist richtig und wo finde ich Ankunft B?“
„Gegenüber des Restaurants.“

Ich drehe mich um und sehe ca. sechs Etablissements von denen ich sagen würde, dass es sich um Cafés oder Restaurants handelt.

Die Dame am Infoschalter zeigt in eine Richtung: „Da.“

„Aha.“ Ich zögere, doch dann bedanke ich mich und laufe in die entsprechende Richtung. Tatsächlich komme ich irgendwann in einen Bereich, der „Ankunft C „lautet.

Ich bleibe stehen und warte mit rund ein Duzend anderen Menschen. Immer wieder gehen die Schiebetüren auf und aus dem Sicherheitsbereich kommen Menschen.

Manche sehr zögerlich, so als wüßten sie nicht, was sie auf der anderen Seite erwartet. Andere zügig, ohne jeden Zweifel. Sie laufen meist rechtsherum. Ihr Blick sucht niemanden, sie sind sich sicher, dass sie gefunden werden.

Die allerwenigsten haben noch Taschen, die man trägt. Fast alle haben Rollkoffer. Schwarze Rollkoffer, farbige Rollkoffer, Hartschalenrollkoffer, Rollkoffer auf vier Rollen, Rollkoffer auf zwei Rollen, große, kleine, manche schieben parallel zwei von ihnen.

Nur einmal sehe ich einen Mann mit einem Gepäckwagen. Vier große Koffer hat er gestapelt. Ganz oben drauf liegt ein erschöpft aussehendes Mädchen.

Eine Frau mit einem ungefähr vierjährigen Kind tritt aus den Schiebetüren. Das Kind bleibt einen kurzen Moment stehen, dann schreit es freudig „PAPA!“ und rennt los in die Arme eines blonden, stämmigen Mannes, der einen Undercut trägt. Die beiden stecken ihre Köpfe zusammen, küssen sich, das Kind sagt immer wieder leise „Papa! Papa!“. Das Kind streicht dem Mann mit seinen kleinen Händen immer wieder über die kurz rasierten Haare an den Seiten.

Die Frau kommt mit dem Koffer hinterher. Sie nickt dem Mann zu und sie geben sich einen sehr brüderlichen Kuss.

Eine junge Frau mit gewellten blonden Haaren und einer dicken schwarzen Winterjacke kommt als nächstes durch die Tür. Ein haarloser, sehr kleiner Mann sieht sie und grinst über das ganze Gesicht. Er macht einen großen Schritt auf sie zu und dann umarmen sie sich ganz fest. Sie drücken ihre Wangen aufeinander. Hinter dem Mann tritt eine etwas ältere Dame hervor. Sie hat ebenfalls gleichmäßig gewellte Haare, allerdings sind die schwarz mit weißen Strähnen. Sie drückt die junge Frau ebenfalls, sie reiben sich mit den Händen den Rücken und wippen von einem Bein auf das andere. Ihre Köpfe stecken sie in die Haare des jeweils anderen. Sie sagen sich etwas, zu mir dringt nur ein haarersticktes Murmeln. Es klingt sehr glücklich.

In der Zwischenzeit ist ein ganzer Pulk Menschen an mir vorbei geströmt.

Eine ganze Weile beobachte ich schon einen mittelalten Mann mit seinen beiden Söhnen. Sie sehen sich alle sehr ähnlich und sind unglaublich groß. Der Mann bestimmt zwei Meter. Die Kinder, die eigentlich keine Kinder mehr sind, deutlich über eins achtzig. Sie haben rote Rosen dabei, die sie einer Frau mit einem dunklen Pferdeschwanz über die Absperrung reichen als diese erscheint. Sie drücken sich zu viert über die Absperrung. Es verstreichen einige Momente bevor sie sich wieder los lassen.

Neben mir steht ein junges Mädchen mit einem pinkfarbenen Smoothie. In der anderen Hand hält sie einen zweiten. Sie holt eine andere Frau ab. Die beiden strahlen über das ganze Gesicht als sie sich entdecken. Sie fallen sich in die Arme und eine ruft: „I’m so glad, that you are here!“ „So am I“ erwidert die andere und sie bleiben eine Weile eng umschlungen stehen. Dann lachen sie wieder und laufen Hand in Hand Richtung Ausgang.

Die Szenen wiederholen sich in Variationen. Ich bemerkte, dass die meisten Paare sich sehr abgeklärt grüßen. Einen flüchtigen Kuss auf die Wange zum Gruß, dann übernehmen die Männer meistens das Gepäck und  man wendet sich zügig gen Ausgang. Der Alltag findet offenbar in Sekunden seinen Platz.

Manchmal begrüßen sich ganze Gruppen. Alle umarmen sich. Der Reihe nach, überkreuzt, man reicht sich Hände, klopft Schultern, fragt nach dem Flug.

Dazwischen immer wieder Menschen, die sich mit solch einer Herzlichkeit begrüßen, dass mir die Tränen in die Augen schießen. Küsse, umschlingen und oft dieses freudige Wippen.

Viel öfter müsste man im Ankunftsbereich eines Flughafens stehen. V.a. im Herbst, wenn der Himmel grau ist und es regnet.

Damals™ als alles noch besser war

1994 bin ich zuhause ausgezogen. Natürlich wollte ich in meiner neuen Wohnung ein Festnetztelefon haben. Also bin ich in den Telekomladen gegangen, habe einen Anschluss beantragt und vier Wochen später hatte ich einen.

So war das damals.

Ich musste nicht stundenlang im Internet die einzelnen Tarife der unterschiedlichen Telefongesellschaften vergleichen. Ich musste mich nicht fragen, ob es gar eine Kombination mit einem Internetdatentarif gäbe, der in Summe günstiger wäre als ein Festnetzanschluss und ein Mobilanschluss einzeln.

Und einmal entschieden, hatte ich den Anschluss die nächsten 10 Jahre.

So schön!

So ist das mit Monopolen. Und ja, manchmal wünsche ich mir die Einfachheit der Welt auch zurück. Eine Krankenversicherung (die der Eltern), eine Haftpflichtversicherung, ein Stromanbieter, ein Gasanbieter.

Im Grunde war das in allen Lebensbereichen so.

Papa arbeitet, Mama ist zuhause, natürlich sind meine Eltern miteinander verheiratet, ich gehe in die Schule (und zwar die eine, die es eben im Dorf gibt). So war das bei allen Kindern. Alles ist klar. Keine Fragen. Wir hatten (soweit ich mich erinnere) bis ins Gymnasium keine „Ausländer“ und keine behinderten Menschen. Nur ich bin die Tochter eines Spaghettifressers, Pizza-Patty, haha. Alles nicht so schlimm. Ist ja lustig gemeint. Italien ist schließlich ein Land in dem die anderen gerne Urlaub machen.

Schöne Welt. Lehrer, Ingenieure, Handwerker, Politiker, Verkäufer, Chefs. Frauen alle mitgemeint. Wir erzählen uns unlösbare Rätsel:

Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Sohn wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Spezialklinik eingeflogen. Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig. Der Chef-Chirurg erscheint, wird plötzlich blass und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“.

Wie kann das sein?

Mein Gehirn hat damals keine Antwort ausgespuckt.

Es kommen die 90er. Die Mädchen werden rosa, die Jungs blau. Die Mamas (in Bayern am Land) weiterhin zuhause, die Papas machen Karriere.

Zur Geburt schenkt man einen rosa Strampler. So niedlich! Am besten dem Babymädchen gleich Ohrringe stechen lassen. Schließlich soll jeder wissen, dass es ein Mädchen ist.

Sowas verrücktes wie Elternzeit für Männer gibt es nicht. (Oder kaum, nur so krasse Alternative, die womöglich in WGs wohnen, machen sowas). Nichts muss diskutiert werden. Kein Chef gefragt werden. Wenn Frauen vor der Geburt eines Kindes arbeiten, dann halbtags (Bayern = wunderschönes Westdeutschland) und wenn dann ein Baby kommt, bleiben die Frauen zuhause. Natürlich. Es gibt wenig Kindergartenplätze, wenn überhaupt, dann ab drei. Um 9 Uhr kann man die Kinder hinbringen, um 14 Uhr (wir hatten einen Kindergarten, der lange geöffnet hatte!) holt man sie ab. Wenn das Kind krank ist, bleibt die Frau zuhause.

Wunderbar passt dazu die Passage aus dem sehr lesenswerten Text „Rosa ist scheiße„:

Wer gleichberechtigt Kinder erzieht, muss auch zu Hause jede Entscheidung aushandeln, muss ausdiskutieren, wer zum Impftermin geht und wer den Elternabend wahrnimmt. Wer die Rollen dagegen klar verteilt, mag nicht immer glücklich sein. Aber er hat seine Ruhe. Wir lassen uns in die alten Muster sinken wie in ein bequemes Sofa.

Das ist es nämlich: wenn alles so bleibt, wie es immer war, dann hat man seine Ruhe. Schön für die Privilegierten, denen es in dieser Position gut geht. Pech für die, die Minderheiten angehören, die Ansprüche jenseits des Immerschonsogewesenen haben.

Ich habe mich tatsächlich schon oft gefragt, wie das gewesen wäre für mich: Nehmen wir an, ich wäre aufgewachsen in einer Welt, in der mir die Wäsche gewaschen wird, sie in den Schrank zurückwandert, jemand zuverlässig für mich einkauft, kocht, die Küche aufräumt. Einer Welt in der ich sagen kann: „Tut mir leid, Schatz, ich hab einen wichtigen Termin. Ich würde ja gerne, aber ich denke, du musst auf das kranke Kind aufpassen. Du arbeitest doch nur Teilzeit, ich verdiene mehr Geld. Wir müssen das vernünftig sehen. Du weisst ja, mein Chef ist tolerant, aber wenn ich ständig wegen eines kranken Kindes ausfalle, das sieht er nicht gerne.“

Hätte ich jemals gesagt: „Stopp! Heute koche ich.“, „Lass bitte das dreckige Geschirr stehen, ich kümmere mich darum!“, „Den Kuchen für das Kindergartenbuffet backe ich, auch wenn es schon 22 Uhr ist.“, „Bitte, bleib liegen, ich stehe auf, das Baby weint.“

Hätte ich? Hätte ich das aushandeln wollen gegen die gewohnten Muster? Hätte ich mich dem Stress und den Nöten meines Partners stellen wollen? Alles ständig aushandeln? Jeden Tag neu?

So ist es doch schön, oder?

Das Kind hat Geburtstag. Leider weiß ich nichts über das Kind und seine Interessen. Ich muss nur in einen Laden gehen und jemand fragt mich: „Für Mädchen oder Jungs?“ Und ich sage: „Mädchen“ und schon führt man mich an das Regal mit den passenden Geschenken.

Ja, ja, ich vermische jetzt Äpfel mit Birnen. Kirschen mit Mangos und Papaya mit Pfirsichen.

Aber das Muster verstehen Sie, ja?

Wenn alles schwarz oder weiß ist, wenn es immer schon so gewesen ist und immer so sein wird – dann muss ich wirklich nicht viel denken. Mir keine Mühe geben. Mich nicht in andere reinversetzen. Die Welt ist überschaubar, Papa, Mama, Kind, alle weiß. So schön.

Nehmen Sie doch bitte Kersten Augustin* an die Hand. Er hat Angst vor der Welt im IKEA-Katalog, die diese neue Welt widerspiegelt:

Die meisten deiner Fotos zeigten früher Kleinfamilien: Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Im neuen Katalog sieht man dieses Familienmodell auf einem einzigen Foto. Versteh mich nicht falsch: Ich freue mich, dass du in vielen Dingen deiner Zeit voraus warst. […] Aber jetzt übertreibst du.

Wenn man deinen Katalog betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass Deutschland sich in den vergangenen zwanzig Jahren sehr verändert hat. Niemand wohnt mehr in Vorort-Reihenhäusern mit Garten, alle in der Großstadt, in Fabriklofts mit bodentiefen Fenstern. Fast nur Männer kochen, am besten selbst gefangene und ausgenommene Fische. Nicht mehr die homogene Kleinfamilie, sondern der möglichst heterogene Freundeskreis wird in Szene gesetzt, multiethnisch, multikulturell. Warum nennst du BILLY nicht gleich YUSSUF?

Quelle: Zeit Online „Lebst du noch oder überlegst du schon“

So ist es, Herr Augustin. Deutschland hat sich verändert, das macht nicht nur Ihnen Angst (sieht man ja an den Wahlergebnissen). Aber ich fürchte, Sie werden damit leben müssen.

Ein paar Jahrhunderte musste man sich als weißer Mann keine Sorgen machen, nichts aushandeln, alles war geregelt. Doch jetzt kann man nicht mal im Reihenhäuschen in Ruhe leben. Ständig muss man sich Fragen stellen. Ständig. Man muss nachdenken, Zusammenhänge begreifen, aushandeln, Rücksicht nehmen.

Denken, denken, denken, zuhören und überdenken.

Ja. Das ist scheißanstrengend. Finde ich auch. Aber so ist das jetzt.

Damals™ ist vorbei.


*Übrigens Geburtsjahr 1988 nicht 1950, was man beim Lesen des Textes ja denken könnte.