Ein ungefähr 1,80 m großer, sehr kräftiger Mann in einem grellblauen engen Ganzkörperhasenanzug springt auf die Bühne.
Da wusste ich sofort: Hier bin ich richtig.
Es ist 20.30 Uhr und ich stehe im Huxley’s und weiß gar nicht was mich erwartet. Was ich weiß: Ich kann Konzerte nicht leiden. Die Anzahl der Konzerte, die mir wirklich gefallen haben, kann ich an einer Hand abzählen.
Meistens gibt es mir nichts eine:n Künstler:in live zu sehen. Das liegt daran, dass man entweder Unmengen Geld ausgibt um eine professionelle, aber seelenlose Unterhaltungsmaschinerie zu beobachten (Robbie Williams, Peter Gabriel…) oder aber ich erkenne die Lieder kaum wieder vor lauter Reminx und Soundteppich (Smashing Pumpkins, Seeed…). Alternativ ist alles nur grausam kakophon (Beasty Boys, Erasure…).
Konzerte und ich: nö
Aber ich will ja nicht immer so viel nein sagen und überkritisch sein. (Man kommt übrigens an sehr interessante Stellen im Leben, wenn man einfach mal freimütig „ja“ sagt – aber das ist ein ganz eigenes Thema).
Jedenfalls: Mein Freund fragte neulich: „Kennst du Amanda Palmer?“. Ich „Nö“. „Willst du mit zum Konzert?“ JETZT! JETZT HÄTTE ICH JA SAGEN MÜSSEN! Ich zögere aber … „Könnte wirklich was für dich sein…“ „Hmmm… na gut.“
Gestern also Amanda Palmer. Nie gehört.

Meine Skepsis, wie gesagt, war beim Anblick des Manbunnys sofort verpufft.
Als nächstes kommt eine Frau mit Ukulele und rosa Haaren auf die Bühne und singt ein Lied in dem sie beschreibt warum und wie sie eine professional time waster ist.
Dann tanzt nochmal der Hase, diesmal mit Paradeklöppeln*, die er durch die Luft wirbelt und dreht.
Dann kommt Amanda FUCKING (das wird geschrien wie in einer Boxarena) Palmer auf die Bühne, auf der sonst nur ein Flügel steht. Frau Palmer wirft eine Art Militärmantel von sich und tritt an den Flügel.
Selbiges bearbeitet sie dann den gesamten Abend über mit einer unglaublichen Kraft und Energie. Ich finde es toll wie ihr ganzer Körper in Aktion ist, ihr Gesicht eine Grimasse wird, man die Anstrengung und Mühe sieht.
Der Abend ist eine Mischung aus durchaus radiotauglichen Musikstücken und gesungenen Anekdoten. Vor allem letzte bereiten mir große Freude. Sie erzählt die Hintergrundgeschichten zu den Songs und dann singt sie. Ich fühle mich ganz nah an einem Gefühl meiner Kindheit. Ich erinnere mich, dass ich oft dasaß und mir vorgesungen habe, was ich mache oder was ich mag oder was den Tag über passiert war.
Amanda Palmer macht das in der Erwachsenenversion. Man begleitet sie durch einzelne Episoden ihres Lebens. Das ist so dicht und teilweise so intensiv, dass man vom Lachen ins Weinen kippt.
War auch ein bisschen klar, dass mich ausgerechnet das Lied „At least the baby didn’t die“ gepackt hat.
Amanda Palmer stellt ihre Show ad hoc zusammen. Sie fragt die Leute im Publikum, was sie singen soll und kritzelt sich die Liedwünsche auf den Unterarm.
Manche Lieder fängt sie an, vergisst den Text, nuschelt sich bis zum Refrain und hört dann auf. Das Publikum johlt und freut sich. Echtheit kann man einfach nur schätzen.
Interessant finde ich, dass Amanda Palmer immer wieder davon berichtet wie frei sie künstlerisch arbeiten kann seit es Patreon gibt. Es ist ihr offenbar gelungen sich von kontrollierenden Rekord-Labeln zu lösen und ganz ihr eigenes Ding zu machen.
Sie fragt auch das Publikum wer schon Unterstützer:in ist und bittet um weiteren Support. Zu meiner Überraschung melden sich gefühlt 3/4 aller Anwesenden. Ich staune. Wer in meinem Umfeld kennt denn bitte Patreon? Und wer ist dort aktiver Supporter? Irre!
Aber Amanda Palmer hat es drauf: Es gibt auch einen TED Talk zum Thema um Hilfe bitten und um die besondere Beziehung die sie als Künstlerin zu ihrem Publikum aufbaut.
Drei Stunden singt und spricht sie. Mir tut alles weh. Der Rücken, die Füße, ich bin durstig, es müffelt, es ist heiß. Aber ich würde es immer wieder tun.
Ich werde Amanda Palmer im Auge halten. Sie bloggt und twittert übrigens und wenn ich höre, dass auch sie über ihre Social Media Kanäle ekelige Hasswellen ertragen musste, dann will ich sie mit Liebe überschütten und mich wieder daran erinnern, wie wichtig es generell ist, sich gegenseitig zu supporten, zu sagen, dass man sich gut findet, gerne liest, was andere schreiben und schätzt, was andere tun. Liebe organisieren!
Einen schönen Einblick geben ihre Periscope-Mitschnitte zum Beispiel zum Thema Weltrettung durch Ukulele-Spiel:
LIVE auf #Periscope https://t.co/HSwUL7pagd
— Amanda Palmer (@amandapalmer) November 1, 2016
Danke Amanda Palmer!
Und P.S. für den Freund: Yoah. Könnte was für mich sein diese Frau.
Und P.P.S. Kann irgendwer bitte Frau Palmer zu John Grant ins Berghain mitnehmen? Sie ist Fan und sie sollten Glacier im Duett singen:
*Wie lautet hier der offizielle Fachausdruck?







