Sei 609060

609060

Journelle schrieb vor einiger Zeit einen sehr schönen Artikel mit dem Titel „Mehr auf den Leib geschneidet und weniger geschneiderter Leib„, in dem es unter anderem darum ging, dass ein großer Teil der Mode leider nur für idealisierte Körper entworfen und hergestellt wird. Diese Körper kommen in der unidealen Welt so gut wie gar nicht vor. Unter dem Tag 609060 veröffentlichen seit einiger Zeit Menschen Bilder, die sich selbst in der alltäglichen Kleidung zeigen. Ich hab irgendwann auch damit angefangen, weil mir die Aktion sehr gut gefällt. Anne hat die Aktion wohl auch gefallen, wie bei „609060 oder was normale Menschen so anziehen“ nachzulesen.

Natürlich gibt es auch die Gegenposition „#609060 oder: was heißt hier eigentlich “normal”?„, die beklagt, dass die Aktion rein gar nichts verändere.

Zur Zeit habe ich ja Spaß beim Senf dazu geben, deswegen schildere ich mal meine persönliche Sicht.

Zum Begriff der Normalität. Normal ist für mich immer das, was man klassisch unter der Normalverteilungskurve kennt. Eine Glocke mit einem breiten Mittelteil, zu der aber auch beide Extreme gehören. In der Modewelt gibt es diese Glocke nicht. Es gibt eine große Ausbeulung links bei „dünn“ und der Rest weiter rechts ist die Ausnahme. Das gilt jedenfalls für die Darstellung. Das führt dazu, dass ich mich persönlich mit Größe 40/L schon als nicht normal empfinde. Meiner Meinung nach liegt das an dieser Differenz „wie die Menschen eigentlich sind“ zu „wie sie dargestellt werden“. Würden sie anders dargestellt werden, würde ich mich nicht als abnorm empfinden.

Genau diesen Effekt hat nämlich das Betrachten der #609060-Bilder bei mir: Ich finde mich normal. Rational wusste ich schon immer, dass jede andere Einschätzung eher ein Wahrnehmungsproblem ist. Leider leide ich (zumindest innerlich) an einigen der gängigen Frauenklischees (neben „Mein Gott bin ich dick“ auch an „ich seh immer doof auf Fotos aus“). Ich merke aber, wie dieses Gefühl wahrhaft verpufft beim Anblick der vielen 609060-Fotos. Also wirklich das Gefühl/die Überzeugung.

Eng daran gekoppelt ist für mich das aufrichtige Gefühl, dass ich die anderen #609060-Bilder total schön finde – und damit meine ich natürlich nicht die Bilder sondern die Menschen, die auf den Bildern zu sehen sind. Ich würde auch gerne noch mehr sehen. mehr unterschiedliche. Aller Art!

Auf Twitter kam sinngemäß die Frage auf, warum denn jetzt auch die Konfektionsgröße 36 Frauen mitmachen würden. Aus meiner Sicht machen sie mit, weil sie auch normale Menschen sind und es in dem oben genannten Artikel gar nicht um dünn oder dick sondern um die zwanghafte Prototypisierung ging. Man kann ja Kleidergröße 36 und überlange Beine haben und schon passen die gängigen Hosen nicht mehr. Oder der Busen ist größer als das die Standardgröße 36 vorsieht. Oder die Hüften breiter, die Beine kürzer. Deswegen finde ich es toll, wenn möglichst alle Varianten von Körper/Mensch mitmachen (Männer natürlich auch!). Ich kenne ähnliche Probleme von meinem Mann, der nie Anzüge findet, weil er Größe 46 trägt und sich ständig anhören muss, was er alles essen soll, um endlich mal zuzunehmen. Das ist auf Dauer wahrscheinlich genauso anstrengend und nervig wie die Sprüche, die sich Menschen anhören, die in der Normalverteilungskurve weiter rechts liegen. Deswegen egal welche Kleidergröße – letztendlich geht es doch darum zu zeigen wie schön die Vielfalt ist und wie langweilig die standardisierten und gephotoshoppten Kunstmenschen der bunten Medienwelt sind.

Eine andere Sache ist mir dann beim Betrachten der Bilder aber doch seltsam aufgestoßen. Bei einigen Fotos sind neben dem 609060 Tag auch Tags wie #losingweight in Kombination mit #sounsovielweeksafterbirth zu finden. Das hat mich persönlich doch sehr gewundert, was ich auch kommentiert habe. Daraufhin wurde empört gegenkommentiert, jeder könne doch abnehmen und sein Gewicht reduzieren, wenn er wolle – zumal wenn man sich mit diesem Gewicht unwohl fühle.

Dazu kann ich nur sagen: Bitte! jeder darf tun und lassen was er will und abnehmen und Diät machen gehört dazu. Aber was mir eben nicht gefällt (und so empfand ich diese Kombination), ist dieser Druck nach einer Geburt seine „alte“ Figur zurückzubekommen und das so schnell es geht. Für mich ist das Heidi Klum Promi Quatsch. (Ach fiele mir der tolle Beitrag über den postnatalen Körper und die falschen Priorisierungen wieder in die Hände, ich würde ihn so gerne verlinken). Wenn ein Kind geboren wird, ist es doch nicht wichtig möglichst schnell Kilos los zu werden. Es ist wichtig eine Beziehung aufzubauen. Warum geißeln sich so viele Frauen? Die ersten Monate nach der Geburt sind doch anstrengend genug? Als Argument wurde genannt, man fühle sich eben nicht wohl. Da möchte ich die Frage stellen: Warum? Warum fühlt sich eine Frau nach einer Geburt nicht wohl, weil sie 5?6?7? „überflüssige“ Kilos hat? Ist das wirklich etwas, das von innen heraus kommt? Ich zweifle das an und finde es persönlich nicht schön, wenn das mit #609060 vermischt wird.

Jedenfalls glaube ich sehr wohl, dass es helfen würde, wenn die Zeitungen/Serien/Kinofilme dünne/dicke/große/kleine Menschen zeigen würden und nicht nur die 906090-Exemplare.

 

Update (Weitere Stimmen)

Denkding zu #609060
Anne zu #609060 – Ein Nachtrag zum Normalsein
Dentaku als Kommentar zu #609060
Wortschnittchen zu #609060
Nido Debatte: 60-90-60
Jawl #609060
Anke Gröner zu #609060 oder: Mein Problem mit dem Mem (wichtiger, mir neuer Aspekt mit den „headless fatties“)
Tadellos, himmelblau „Versteh einer die Welt
stoewhase als Kommentar „für mich liest sich der text oben etwas zu destruktiv […]

Und weil es passt:
Vorspeisenplatte „Echte Körper und die Macht von Medienbildern –
ein Beispiel

Zugreise ohne Kind

Ruheabteile sind das schlimmste, der wo es geben tut auf der Welt.

Vergangene Woche bin ich das erste Mal seit Geburt meiner Kinder wieder alleine Zug gefahren. Es war grauenhaft. Ich mache das nie mehr. Ich habe in der kinderlosen Welt nicht mehr zu suchen. Auch wenn in meinem Zeugnis der ersten Klasse steht, ich sei schwatzhaft, so bin ich tatsächlich ein eher zurückhaltender Mensch. Nicht dass jemand denkt, dass ich andauernd plappern muss. Im Gegenteil. Aber das?

Die beiden Businessroboter, die das Abteil mit mir geteilt haben, waren absolut geräuschlos. Sie redeten nicht. Sie bewegten sich nicht. Ich habe sie lange angestarrt, ich glaube, sie haben nicht mal geatmet. Erst wollte ich ein Buch lesen, aber das Umblättern der Seiten war ungefähr so laut als wenn jemand während einer Gehirn-OP jodeln würde. Ich legte das Buch also weg und versuchte ganz, ganz leise zu sein. Allerdings klang das Aufeinandertreffen meiner Wimpern beim Blinzeln schon wie das Geräusch, das man kennt, wenn Müllautos die Mülltonnen nachrütteln um sie vollständig zu leeren. Nach drei Stunden knurrte mein Magen so laut, dass es mir peinlich wurde.

Ich entschloss mich mein mitgebrachtes Thunfischsandwich zu essen. Geräuschetechnisch sowas wie die Posaunen, die die Mauern Jericho zum Einfallen gebracht haben. Geruchstechnisch zugegebenermaßen auch ein wenig aufdringlich. Aber ich musste ja was gegen das Knurren unternehmen.  Die beiden Mitreisenden schauten mich total genervt an. Da ist es mit mir durchgegangen. Ich habe dem Druck nicht standhalten können.

In einer reflexhaften Bewegung entlud sich meine ganze innere Spannung, was zur Folge hatte, dass ich mein Thunfischbrötchen versehentlich im hohen Bogen durch das Abteil warf. Einzelne Salatblätter und Reste von Mayonnaise landeten auf dem Fenster. Das sah natürlich alles andere als appetitlich aus. Als ich wieder Herr über meine Bewegungen wurde, sollte ich das Missgeschick natürlich bereinigen und nahm einen großen Schluck von meinem Kaltgetränk, presste die Lippen aufeinander und zersprühte es an der Scheibe, um sie anschließend aufwändig zu polieren.

Meine Mitreisenden hatten sich in der Zwischenzeit bewegt und schauten mich verhältnismäßig erstaunt an. Auf die Frage, ob ich ihre Seite vielleicht auch säubern sollte, reagierten sie allerdings nicht. Es gibt schon seltsame Leute…

Brüder Grimm

Es mag Menschen geben, die das Verliebtsein für etwas Heiliges halten. Dementsprechend empfinden sie andere Menschen, die Liebe einem Objekt oder einer Maschine gegenüber empfinden, als abnorm. Ich aber sage: Wer sein Telefon liebt, der hat es in seiner Einzigartigkeit verstanden und verfügt über eine Vorstellungskraft und Phantasie, von der andere nur träumen können!

Was mir jedoch besonders daran gefällt, ist der kommunikative Aspekt. Ich habe nicht den direkten Vergleich zu einem anderen Produkt, doch stimmt eindeutig nicht, dass an einem iPhone alles selbsterklärend ist. Man ruht sich auf dem Image aus und behauptet, alles sei so einfach, dass es keine weiteren Erklärungen bedürfe. Das ist natürlich Quatsch. Der wahre Unterschied zu den anderen Produkten ist, dass es eben keine ausführliche Gebrauchsanweisung gibt und dass die Basisfunktionen tatsächlich intuitiver sind. Die Details jedoch sind genauso kompliziert oder versteckt wie bei allen anderen Produkten und wenn man wagt, etwas zu wollen, was der Hersteller nicht will, dann muss man sich richtig Mühe geben oder aber akzeptieren, dass es tatsächlich keinen Weg gibt.

Da es aber besagte Gebrauchsanweisung nicht gibt, muss ich, wenn ich etwas wissen will,  Menschen fragen, die das selbe Produkt besitzen. Das finde ich wunderbar. DAS halte ich für den eigentlichen Marketingtrick. Denn so werden die Funktionalitäten zum größten Teil ausschließlich von Mund zu Mund weitergegeben. So passiert in der technologisierten Welt das erste Mal seit Jahrhunderten wieder etwas, das mit den Gebrüdern Grimm in der westlichen Welt ausgestorben schien. Es werden Geschichten von Kohorte zu Kohorte weitergegben und die, die sich besonders gut auskennen, werden zu Evangelisten und verkünden die frohe Mähr. Und ist es nicht interessant? Diese Evangelisten sind meist Männer. So wie Jacob und Willhelm Grimm. Doch wenn ich meine eigenen Erfahrungen zugrunde lege, sind es v.a. Frauen, die sich so für ihr Telefon und dessen Funktionen begeistern und all die kleinen Details zusammensammeln, so wie Marie Hassenpflug und Dorothea Viehmann, die ihren gesamten Geschichtenschatz an die Brüder Grimm weitergaben, die lediglich Aggregatoren der Geschichten, nicht aber die Geschichtenerzähler selbst waren.

Das interessante ist (und das ist mir schon bei Produkten der Konkurrenzmarke aufgefallen), Männer scheinen einen starken Drang zum Standardisieren zu haben. Frauen hingegen wollen individualisieren. Mir ist das aufgefallen als mein freundlicher Exfreund, der sich früher beruflich um anderer Leute Computer kümmerte, vor Jahren beklagte, er müsse bei Frauen schon immer eine halbe Stunde nach dem Symbol für „Arbeitsplatz“ suchen. Das sei grundsätzlich gegen irgendwas individuelles ausgetauscht worden. Ja und tatsächlich, für mich ist ein technisches Gerät, das nicht meiner Vorstellung von „schön“ entspricht, ein Greuel. Also stelle auch ich zuerst die Symbole um, tausche die Töne aus und stelle mein Lieblingslied als Klingelton ein.

Gerade dieses Herumfummeln an irgendwelchen Einstellungen (meistens weiß man ja nicht 100% was man da tut), kann Probleme im Betrieb verursachen. Männer, deren Pragmatismus vor der Detailliebe steht, würden sowas nie tun. Wenn es unbedingt sein muss, dann werden höchstens Äußerlichkeiten variiert (Casemodding), aber an den anderen Sachen wird nicht herumgefummelt.

Diese Mechanismen scheinen die Macher von Apple wohl erkannt zu haben und deswegen steckt man unglaublich viel Arbeit in die Usability und in die Standardisierung in Form von „Wir haben das so gemacht, wie es optimal ist, alles andere – auch wenn Du das gerne hättest – geht nicht. Dafür funktioniert es. Friss oder stirb!“.

Jahaaa! Aber wir Frauen wollen das nicht! Wir wollen mehr als eine geblümte iPhone-Hülle! Und deswegen stecken wir unglaublich viel Energie in das Individualisieren der standardisierten Produkte, und dieses intensive Auseinandersetzen mit der Technik lässt diese zarten Verliebtheitsgefühle aufkeimen. So ist das.

Pragmatismus siegt

Beim ersten Kind ist alles noch so wahnsinnig neu und aufregend. Gerne ruft man da den Ehemann drei – vier Mal am Tag an, um vom Windelinhalt zu berichten oder ausführlich zu schildern wie lange und in welche Richtung der Nachwuchs gestarrt hat. Vermutlich würde die Spannungskurve beim zweiten Kind schon stark nachlassen, würden bestimmte höhere kognitive Funktionen zugunsten der Aufzucht des Nachwuchses nicht automatisch abgeschaltet.

Ohne Babytagebuch hat man aufgrund des vorangehenden Schlafmangels und anderer rein organisatorisch bedingter Fokusverschiebungen das meiste der ersten Lebensmonate vergessen und man schlägt gerne in schnell angeschafften Büchern zur Babyentwicklung nach, um den Mann auf dem Laufenden zu halten.

Auch beim dritten Kind verzückt das erste Lächeln, das erste Wort und das erste Gekrakel noch.

Allerdings hat man sich für alle anderen Dinge eine weit pragmatischere Sichtweise zugelegt. Hatte man das Erstgeborene nur unter Qualen in Omas Arme gelegt, muss man sich beinahe zusammenreißen Omi beim Besuch noch die Jacke ausziehen zu lassen bevor sie all ihre Aufmerksamkeit der neu produzierten Generation widmen kann.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Eingewöhnung in den Kindergarten. War es beim ersten Kind noch eine Aufgabe der Erzieherin Mami mal aus dem Zimmer zu schicken, so erntet sie (vorausgesetzt man hat eine lauschige Kinderbetreuungseinrichtung ausfindig machen können) beim dritten Kind erstaunte Blicke, wenn man es am zweiten Tag nicht mal ein Paar Stunden ohne das Kind wagt.

Das gilt für Erziehungsbemühungen jeder Art. Das erste Kind hört noch im Minutentakt: „Nein, nicht an die Musikanlage!“, „Nein, lass bitte die Kabel in Ruhe!“, „Nein, Du kannst nicht kochen helfen, das ist heiß“. Einige Kinder später sind die Ansprüche gesunken und man hat sich einiges schön geredet – schließlich wird Selbständigkeit zum obersten Erziehungsziel und man ist schon dankbar, wenn die CD-Sammlung wenige Kratzer, die Lieblingskleidung nur ein bißchen angemalt ist und die lieben Kleinen nicht ausgerechnet mit der teuren Hochomessersammlung spielen.

Wahrscheinlich gehen aus den Erstgeborenen deswegen überdurchschnittlich viel Doktoren und Beamte hervor, wohingegen die Letztgeborenen eher Musiker und Kreativlinge werden.

Das macht doch ein XY nicht

Ich schwöre, ich habe meinen Kindern die ersten Jahre kein rosa und kein hellblaues Kleidungsstück gekauft. Gerade in der älteren Generation stieß ich damit auf wenig Verständnis. Ein Baby in grünen Kleidungsstücken? „Ach Herrje, da weiß man ja gar nicht was es ist!“ Meine Antwort darauf: „Es ist ein Mensch.“

Natürlich dauerte es nicht lange, bis wir mit hellblauen und rosa Kleidungsstücken überhäuft wurden und natürlich war es so, dass unser Mädchen mit ca. drei Jahren NUR rosa tragen wollte. Dann kamen die Fillys, die Einhörner, die Prinzessinnenliteratur – all das was ich auf gar keinen Fall im Haus haben wollte. Das gleiche passierte natürlich bei den Jungs. Zuerst die Autos, Bagger, Transformers, die Eisenbahn, Power Ranger usw. Das Gute daran: Wenn man beide Geschlechter im Haus hat, dann hat man das komplette Sortiment und das hat am Ende dazu geführt, dass mit allem gespielt wird. Die Transformers bekommen hübsche Puppenkleidung, die Fillys galoppieren über die Hot Wheels Rennbahn und alles ist gut. Wenn die Kinder sich streiten, greift die Tochter zu Darth Mauls Doppelklingen Lichtschwert und der Sohn hält schützend die Babybornpuppe vor sein Antlitz.

Wir hatten ideale Bedingungen. Weder mein Mann noch ich wurden als Kind irgendwelche Klischees unterworfen. Unser Kindergarten nimmt unseren Sohn im glitzerrosa Feenkostüm mit den Worten: „Hey, Du hast Dich aber schick gemacht!“ entgegen. Noch nie sind dort Sätze wie „Jungs malen aber nicht so gerne“ gefallen. In Berlin kümmert es zudem sowieso nicht, wie wer aussieht. Man kann im August auch als Clown verkleidet durch die Gegend laufen – in der Regel wird man nicht besonders überrascht angeschaut.

Ich finde es ganz selbstverständlich, dass sowohl meine Tochter als auch mein Sohn Nagellack „haben“ dürfen, wenn sie das interessant finden, weil sie mich dabei beobachten, wie ich mir die Nägel lackiere. Das folgende instagramobligatorische Fußbild, das ich vor Monaten gepostet habe, zeigt dementsprechend die Füße meines Sohnes:

Zum Thema Benachteiligung von Jungen haben Antje Schrupp mit „Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungen„, Kaltmamsell mit „Zwischenspiel: Buben in Röcken“ und Journelle mit „Das rosa Ei in der Familie“ schon sehr viel kluges gesagt.

Aus dieser Erfahrung heraus möchte ich alle ermuntern, ihren Söhnen diese Art von Diskriminierung nicht anzutun. Zeigt Euren Söhnen die vermeintlich weiblichen Aspekte des Lebens. Lasst sie doch mal fühlen wie es ist in Stöckelschuhen rumzulaufen, lasst sie sehen, wie bunt lackierte Fußnägel aussehen, wie luftig Röcke sind, wie schwierig es ist, einen geraden Lidstrich zu ziehen. Ich glaube, wenn man sie das alles erfahren lässt, schafft man eine gute Grundlage in späteren Jahren verständnisvoller zusammenzuleben.

Freundliche Stalker

Warum eigentlich instagram?

Als ich mein Smartphone bekam, interessierte mich instagram nicht die Bohne. Was soll das? Wen interessiert das? Warum?

In der Zwischenzeit ist instagram eigentlich fast meine allerliebste Social Media Plattform. Mir war lange schleierhaft warum. Allerdings hab‘ ich Kraft meiner Reflexionsfähigkeit eine Hypothese zusammengebastelt, weil mir neulich wieder das Buch „Wie Franz Beckenbauer mir einmal viel zu nahe kam“ in die Hand fiel. Es basiert auf dem Forum Höfliche Paparazzi und berichtet

„von zufälligen, kleinen Begegnungen mit Berühmtheiten […], also von keinen irgendwie mutwillig herbeigeführten oder groupieesken Treffen (mit Sexabsicht) oder Interviewsituationen. Je dezenter, desto besser.“

Als ich das Buch damals las, amüsierte es mich sehr und gestern ging mir auf, dass instagram etwas ähnliches in mir anspricht. Zwar folge ich da keinen Promis, sondern nur „normalen Menschen“, aber instagram ermöglicht simuliert mir Nähe zu diesen Menschen, die in der unvirtuellen Welt gar nicht wirklich besteht. Ich schaue durch die Bilder, welche diese Menschen posten auf deren Teller, sehe wo sie abends hingehen, was sie trinken, wie ihre Katzen und Hunde aussehen, ich sehe ihre Füße, ihre Gärten und Wohnungen und erhalte so Einblick in ihr Privatleben. Das gefällt mir, warum auch immer. Vielleicht weil ich auch so normal bin und mich damit noch normaler fühlen kann. Weil ich sehe, ich bin wie sie, ich bin kein Außenseiter, ich bin Norm, Teil der Gesellschaft.

Und andererseits sehe ich Dinge, die ich nicht kenne, Getränke, die ich noch nie getrunken habe, Restaurants in denen ich nie war … aber weil die UrhereberInnen dieser Fotos „normale Menschen“ sind, weiß ich, ich könnte da potentiell hingehen, ich kann deren Gerichte nachkochen, an diese Orte gehen. Es ist für mich erreichbar.

Damit ist instagram für mich viel toller als Gala oder Neue Post. Zeitungen, die eigentlich genau das machen, nur bei Promis. Sie stillen die Neugierde. „Die Angelina Jolie, guck mal, die sieht ungeschminkt auch gar nicht so toll aus!“ Nur werden diese Promis eben nicht gefragt, ob sie wollen, dass ICH sehe, wie sie gestresst, ungeschminkt und traurig aussehen. Und was sie essen, die Orte an die sie gehen, die Kleidung, die sie tragen – das alles kann ich mir nicht leisten. Niemals. Es ist in unendlicher Ferne.

Bei instragram hingegen ist alles erreichbar und die UserInnen posten das freiwillig. Freundliches Stalking ist da moralisch einwandfrei. Darum mag ich instagram so gern. Das ist quasi DIE Fair Trade Bio Delfinfrei Social Media Plattform.

Prometheus – der Spoilerartikel

Geht nicht ins Kino. Hört nicht auf die Kritiken. Geht in die Videothek und schaut noch mal Alien. Oder Blade Runner. Oder ein Schweinchen namens Babe.

(Wer Prometheus schon gesehen hat, kann weiter lesen. Wen Prometheus nicht interessiert, kann sich das Weiterlesen sparen)

Also es ist ja so: ich habe nicht viele Hobbys. „Ins Kino gehen“ jedoch, das kann ich ohne zu lügen in meinen Lebenslauf schreiben. Allen voran liebe ich Science Fiction und Fantasy. Unsere Kinder heißen wie DS9 Charaktere. Ich bin seit Teenagerzeiten in Wolverine verliebt. Als ich 2001 den ersten Teil von Herr der Ringe sah, hatte ich große angst sterben zu können (man weiß ja nie!) bevor ich den dritten Teil hätte sehen können.

Nun, ich lebe noch, habe alle drei Teile gesehen und hey, wenn Peter Jackson drei Teile Hobbit machen will – bitte – ich bin dabei. Gerne auch in 3D und gerne gebe ich pro Vorstellung so viel aus, wie ich früher als Studentin benötigt habe, um eine Woche zu leben.

Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass ich mich auf Prometheus gefreut habe. Hätte ich keine Kinder, ich wäre zur Vorpremiere am Mittwoch letzte Woche gegangen. So aber mussten wir uns nach dem Babysitter richten und nutzen einen der wenigen heißen Tage in diesem Jahr, um in die Nachmittagsvorstellung ins Kino zu gehen. Ich hatte mir Alien vorher pflichtbewusst nochmal angesehen – bei Batman – The Dark Knight Rises – hatte ich nämlich den ersten Teil komplett vergessen und mir fehlte es hier und da an inhaltlichen Bezügen. Jedenfalls bei Prometheus sollte das nicht passieren, auch wenn Alien danach spielt, wäre es sicherlich hilfreich, sich noch an etwas zu erinnern. Die beiden Filme wurden in diversen Rezensionen miteinander verglichen und irgendwo las ich (Google+?), Prometheus sei endlich mal wieder Erwachsenen Science Fiction im Gegensatz zu dem Kindercomicquatsch Batman. Ich sach mal so. Ich fand die erste Hälfte Batman richtig gut, bei der zweiten Hälfte, hätte sich Nolen nochmal einen Tick mehr Mühegeben können, aber hey – ich hatte nicht sowas wie 12 Monkeys erwartet und daher sind einige ungefüllte Handlungsstreifen völlig verzeihbar. Äh. Jedenfalls habe ich Alien gesehen und vorher darüber gelesen. Mir war nämlich nicht bewusst, dass der Film 1979 in die Kinos kam. Wenn man ihn jetzt anschaut, würde man auch nie auf die Idee kommen. Er ist bildgewaltig und auch die Effekte sind nicht zu verachten. Viel beeindruckender sind jedoch die Charaktere. Allen voran natürlich Ripley. Aus heutiger Sicht übrigens auch sehr interessant. Es waren alles Menschen. Menschen in unterschiedlichen Größen, unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichen Figuren und allen fehlte eines: absurde Muskelberge wie man sie z.B. aus Hawaii Five-0 kennt. Es waren quasi Menschen wie Du und ich, die Beruf Astronaut bzw. Wissenschaftler ergriffen hatten, nicht besonders mutig, nicht superschlau, nicht besonders stark. Alien nimmt sich Zeit die Charaktere zu zeichnen, sie vorzustellen und dann Ripley in das Zentrum zu stellen, die aufgrund außergewöhnlicher Umstände zu außergewöhnlichem fähig wird. Mindestens sowas habe ich bei Prometheus erwartet. Man kennt Noomi Rapace als Lisbeth Salander und himmelherrgott, da war sie unfassbar – aber was ist davon bei Prometheus zu sehen?

Ich habe ja geschrieben, man soll auch mal loben. Deswegen eines vorweg. Es gab Gutes in Prometheus. Zwei Dinge, um genau zu sein. Erstens Michael Fassbender, der in meiner Wahrnehmung durchaus Data aus den Star Trek Filmen und Serien das Wasser reichen konnte und zweitens, die Idee mit den Scansonden, welche die „Höhlen“ vermessen haben, in denen die Wissenschaftler nach den Konstrukteuren suchten. Das wars dann aber auch.

Alles andere hanebüchender Mist. Siebzehn Leute, die von nichts eine Ahnung haben, die nicht ausgebildet sind und die offensichtlich nicht mal eine Art Handbuch „Offizielle Verhaltensrichtlinien für vernunftbegabte Menschen auf ausserterestrischen Ausflügen“ gelesen hatten, drehen eine Stunde nach Ankunft nachdem sie Schrillionen Kilometer gereist sind, völlig am Rad.

Ich meine, was soll das? Helme abnehmen, weil ein Depp das macht und irgendeine Anzeige sagt, hey die Luft ist hier besser als in Tokyo zur Hauptverkehrszeit. Alles anfassen, vor allem natürlich die schwarze todbringende Flüssigkeit und zwar zu jedem Anlass. Landen, eine Stunde rumgucken, niemanden sehen und sagen: „Oh Mann, jetzt muss ich mich aber betrinken, weil da hab ich mir echt mehr versprochen.“ Verdrehte Zombis, die an Landeklappen anklopfen und herzlich willkommen geheißen werden und die ohne jeden Kontext ein Drittel der Crew zerlegen. Infizierte Wissenschaftler, die abgefackelt statt sauber erschossen werden. Dann dieser ganze religiöse Quark. Wozu? Warum gibt es keine 80jährigen Schauspieler in Hollywood, warum muss Guy Pearce sich mit Silikon zukleistern? Dieser ganze „ich schneid mir den Alien selbst aus dem Körper und lass mich dann zutackern, um danach höhere Leistungen als das gesamte olympische Schwimmteam 2012 für Deutschland zu bringen“. Erst soll Noomi um jeden Preis verschwinden und als sie dann zehn Minuten später bei David wieder auftaucht, ist alles vergessen und hey, dann kommt sie eben mit, bevor sie weiter rumnervt? WAS SOLL DAS? Ich habe einem Babysitter Geld gegeben, damit ich in diesen zwei Stunden unterhalten werde und nicht um mich aufzuregen.

Ich habe ja wirklich kein Problem mit weit hergeholten Storys. Sie müssen einfach in sich schlüssig sein und alles ist gut. Aber Prometheus war gar nichts. Prometheus war so schlecht wie Independence Day (wobei ich da wenigstens drei Mal lachen musste) und Armageddon. Prometheus war die Verfilmung von Erich von Dänikens merkwürdiger Theorien über den Ursprung des Lebens. Sonst gar nichts.

Erst eben im RSS Reader entdeckt: Wenigstens einer stimmt mir zu -> Prometheus in meinem Lieblingsfilmfernsehblog Hirnrekorder.

Nicht meckern ist Lob genug

Es loben nur die Bekloppten.

Von klein auf lernt man, dass Kritik eine super Sache ist. Man lernt akzeptieren, dass es ein universelles Kritikrecht gibt. An allem und jedem. Expertenwissen unnötig. Jeder darf. Einfühlsamkeit – drauf gepfiffen! Kritisieren und meckern ist geil. Das hilft den anderen ja. Kritik ist quasi die einzige Möglichkeit zur Weiterentwicklung. Wie sollen wir reflexionsfähig werden, wenn wir nicht kritisiert werden?

Die Eltern fangen damit an, die Lehrer sind ganz groß damit, selbst Passanten dürfen es: Kritik üben. Es wird einfach akzeptiert. Nicht mal Einjährige, die etwas auf ein Papier krakeln, werden verschont. Von Anfang an wird bewertet und kritisiert: „Ah, das hat Du aber schön gemacht!“ oder „Was ist das?“ „Auto“ „Nein, so geht doch kein Auto!“

Man muss schon ganz schön alt werden, bis einem auffällt wie seltsam das ist. Jedenfalls hat man irgendwann gelernt mit Kritik umzugehen. Man kann mit eiserner Miene lächeln und im Bewerbungsgespräch kann man glaubhaft versichern, dass man Kritik sehr wichtig findet, schließlich möchte man sich weiterentwickeln.

Man mag jetzt anmerken, dass Kritik auch konstruktiv – gar positiv sein kann. Doch wenn man sich ganz kurz überlegt, wie man auf Lob reagiert, wird schnell klar, dass es immer eine unbeholfene Reaktion ist, die meilenweit von dem routinierten Umgang mit (negativer) Kritik ist.

Den Umgang mit Lob lernt man nicht. Offensichtlich kommt es zu selten vor, als hätten wir passende Reaktionen im Verhaltensrepertoire.

Schreit mich jemand auf der Straße an, finde ich das beinahe normal. Passiert gelegentlich und vermutlich hat er/sie irgendwie recht.

Sagt mir jemand „Du hast aber ein schönes Kleid.“ Dann bestand jahrelang meine Reaktion in einer verlegenen Erläuterung wo ich das Kleid  gekauft hatte, die mit einer Beteuerung einher ging, dass es nicht teuer gewesen sei. Ich ging immer davon aus, dass „Du hast ein schönes Kleid“ bestenfalls ein unausgesprochenes „Ich hätte das auch gerne, wo kann ich es kaufen“ nachhinge. Eher aber eine Art Kritik, in der Art „Was ist das denn schon wieder für ein teurer Fummel?“ Dass es sich um ein Kompliment handeln könnte, ist mir erst sehr spät aufgegangen.

Spricht sogar jemand völlig Fremdes ein Lob aus, schrillen bei mir alle Alarmglocken. Die Worte „Oh, sie haben aber einen schönen Mantel“ lassen mich an Taschendiebe denken. Man weiß ja, dass es da nur um Ablenkung geht. Taschendiebe schicken also unschuldig wirkende Frauen als Ablenkungsmanöver voraus, die machen Passanten unerwartete Komplimente und davon sind sie so von der Rolle, dass der eigentliche Dieb leichtes Spiel hat.

Einfach so auf offener Straße von Fremden gelobt werden DAS IST U.N.M.Ö.G.L.I.C.H!!!11!!!

Dass so wenig gelobt wird, dass der Durchschnittsmensch mit Lob nichts anfangen kann, das finde ich sehr schade. Deswegen habe ich mir vor einigen Wochen vorgenommen mehr zu loben. Man empfindet was positives und gibt was positives weiter. Im Internet ist das schnell gemacht. Hier gefavt, da geliket. Alle freuen sich. In der analogen Welt ist es unendlich schwer.

Zum Beispiel war ich heute mit Kind 2.0 beim dritten Augenarzt. Zwei Augenärzte hatten mich bereits in den Wahnsinn getrieben. Monatelang auf einen Termin warten, um dann nochmal über zwei Stunden in einem engen, überfüllten Wartezimmer ohne Ablenkungsmöglichkeiten absitzen, dem Kind Augentropfen verabreichen und dann einem Fachmann ohne jedem EInfühungsvermögen für Kinder begegnen. Der dritte Versuch jedoch war ein Goldgriff. Ich war so glücklich, dass ich mich bedankte. Die Ärztin hat mich angeschaut, als sei ich von einem anderen Stern. Dabei habe ich nichts anderes gesagt als „Vielen Dank, dass sie die Untersuchung so kinderfreundlich gestaltet haben. Ich hatte auch den Eindruck dass sie alles sehr gründlich gemacht haben und gehe mit einem guten Gefühl nach Hause.“

Als wir hinterher gemeinsam auf einem naheliegenden Spielplatz waren und eine kleine Horde Kinder gleich mein Kind 2.0 ins Spiel miteinbezog und das auf so herzige Art und Weise und ich den anderen Müttern zulächelte und sagte „Ihr habt ja süße Kinder!“ schaute die eine Mutter die andere an und fragte leise „Wat hat die denn jerocht?“

So ist das mit dem Lob in Deutschland.