Erziehung: Das Fass ohne Boden (Einer von möglichen hundert Beiträgen)

Erziehung ist ebenso wenig wie das Leben selbst kein Ponyhof. Hier einige meiner Gedanken dazu.

Als Kind habe ich mich wahnsinnig viel gelangweilt. Aufgewachsen in einem fränkischen Dorf, in dem es Kinderbetreuung erst ab drei Jahren und dann nur zwischen 8 und 12 Uhr gab, war das sicherlich kein Spaß für meine Mutter. In Ermangelung eines Gartens hat sie mich einfach raus geschickt. Vielleicht nicht im Kindergartenalter, aber ich habe deutliche Erinnerungen an die Grundschulzeit in der ich in Gummistiefeln Kaulquappen in Tümpeln eines kleinen Waldstücks sammelte, Staudämme baute und Schnecken sammelte. Alleine und mit Freunden. Wir stiegen in verlassene Grundstücke ein und erdachten uns haarsträubende Mutproben.

Als die Pubertät einsetzte, sollte ich mehr zu Hause oder zumindest an Orten sein, an denen keine Gefahren in Form des anderen Geschlechts lauerten. Mein Vater ist Sizilianer. Ich verbrachte viel Zeit in Jugendgruppen der katholischen Kirche und las mich durch die Dorfbibliothek. Ich erinnere mich, dass die ausgeliehenen Bücher händisch eingetragen wurden und dass ich eines Tages jedes Buch meiner Altersklasse durchgelesen hatte.

Die Kindheit meiner eigenen Kinder verläuft völlig anders. Auf eine Weise. Denn wir leben in Berlin. Ich denke, es wird meinen Kindern nie möglich sein eine Bibliothek durchzulesen. Auf der anderen Seite können sie alles ausprobieren auf was sie Lust haben. Da meine Eltern keinerlei sportliche Ambitionen hatten, besuchte ich nicht mal den örtlichen Tennisverein. Meinen Kindern wünsche ich eine Grundsportlichkeit – v.a. aus gesellschaftlichen Aspekten. Ist die Ausbildung erstmal beendet, stellt Sport für mich eine der bequemsten Arten dar neue Menschen kennenzulernen. Auch war mein Kontakt zu anderen Kulturen sehr eingeschränkt. Ich schwöre, ich habe Döner erst mit 19 kennengelernt, als ich nach Bamberg zog, um zu studieren. Das exotischste Essen, das ich kannte war „chinesisch“. Ganz anders unsere Kinder. Sie wünschen sich Bliny, Kotbullar, Schawarma und endlich mal wieder Haloumi. Sie lernen Englisch im Kindergarten und halten Euromünzen aus anderen Ländern in den Händen.

Bei uns im Dorf gab es einen einzigen herunter gekommenen Spielplatz. Allein in einem Umkreis von 1000 Metern, gibt es in unserer derzeitigen Wohngegend zehn. So lange es das Wetter erlaubt, gehen wir jeden Tag nach dem Kindergarten auf einen der umliegenden Spielplätze. Ich denke, allein deswegen haben unsere Kinder es ganz gut bei uns.

V.a. aber weil ich ihnen ebenfalls das unschätzbare Geschenk des Sichlangweilens schenke. Wenn wir an einem Ort sind, an dem keine Gefahren drohen, klinke ich mich aus und überlasse die Kinder (altersgemäß) sich selbst. Nach anfänglichen Protesten, am Bein zerren und ähnlichen Versuchen mich in ihr Spiel einzubeziehen, zeigt meine Passivität Früchte. Die Kinder beginnen sich selbst zu beschäftigen. Sie erdenken sich Spiele, nehmen zu anderen Kindern Kontakt auf oder hängen sich bäuchlings über eine Schaukel und lassen sich das Blut in den Kopf steigen.

Auf unsere Familie trifft also nicht zu, was Jesper Juul in einem etwas älteren Interview mit Zeit Online bemerkt: „Die armen Kinder haben ja heute kaum noch Zeit für sich, sie haben keinen erwachsenenfreien Raum, wie meine Generation ihn noch hatte.

Eine Sache, die bei uns sehr anders ist als in meiner Kindheit, ist die Sache mit der Konsequenz. Was von meinen Eltern einmal gesagt war, war Gesetz. Es wurde nicht verhandelt. Wenn man Pech hat, erzieht man so Fatalisten. Für mich ist die Botschaft einer konsequenten Erziehung: Egal wie Du Dich bemühst, egal was Du tust, egal wie Du argumentierst – nichts ändert sich.

Deswegen sind wir ziemlich inkonsequent. Inkonsequent auch in dem Sinne, dass ich nicht davon ausgehe überhaupt in der Position zu sein alle Wahrheiten und Gesetzmäßigkeiten zu kennen. Ich habe oft festgestellt, dass Kinder Lösungen für Konflikte hervorbringen können, die mir nie im Leben eingefallen wären und die für mich völlig akzeptabel sind. Für die Freiräume, die ich meinen Kindern einräume, bekomme ich oft sehr viel zurück. Wenn ich in einer Situation nachgebe, in der es mir durchaus möglich ist, lassen meine Kinder im Gegenzug Dinge der Art: „Ich bin zu erschöpft jetzt noch Eis essen zu gehen, können wir das bitte verschieben?“ gelten.

Ein dritter großer Themenkomplex, der eine Rolle in unserer Erziehung spielt, wird ebenfalls im oben genannten Interview angesprochen: Er betrifft das Glücklichsein.

Natürlich wünschen auch wir uns glückliche Kinder – aber wie man weiß, ist das Leben kein Ponyhof und damit muss man umgehen lernen. Unsere Kinder bei Rückschlägen zu unterstützen und sie mit Kompetenzen auszustatten dennoch glücklich und optimistisch zu bleiben, ist mir viel wichtiger als sie in einer Glücksblase aufwachsen zu lassen. Einen wunderbaren Artikel dazu hat Dirk Böttcher in der brand eins geschrieben (bitte UNBEDINGT lesen). Dem ist nichts hinzuzufügen.

Deswegen halte ich es auch für richtig sich vor den Kindern authentisch zu verhalten. In unserer Familie gibt es die geflügelte Formulierung: „Streitet ihr jetzt oder diskutiert ihr noch?“.  Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder mitbekommen, dass nicht alles glatt und ideal verläuft, dass es Meinungsverschiedenheiten, Befindlichkeiten, äußere Zwänge und negative Gefühle gibt. Sie lernen hoffentlich auch, dass es immer Wege der Bewältigung gibt und dass man sich verzeihen kann, dass man Kompromisse erarbeiten und mit Alternativen zufrieden sein kann. Jedenfalls wünsche ich mir das. Wie schön, dass Jesper Juul das auch denkt:

ZEITmagazin: Was ist Ihr wichtigster Rat an die Eltern von heute?

Juul: Seid nicht so perfektionistisch. Bis man wirklich gut ist im Erziehen, muss man mindestens vier Kinder haben. Aber glücklicherweise brauchen und wollen Kinder keine fix und fertigen Eltern. Kinder haben viel Verständnis für Fehler – sie machen ja selbst den ganzen Tag welche und lernen daraus. Eltern fragen mich ständig: Ist es erlaubt, Kindern gegenüber laut zu werden? Natürlich ist es das, man darf heulen, schreien, alles Mögliche. Kinder brauchen lebende Eltern. Sie brauchen keine Schaufensterpuppen.

Braucht noch jemand Buchempfehlungen? Meine Bibeln in Sachen Kindererziehung sind: „In Liebe wachsen“, „Das kompetente Kind“ und „Kinder verstehen“.

Das erste Mal: Symposium mit W-LAN

Das Symposium „Wissen und Macht“, W-LAN und was sie schon immer über das Internet wissen wollten.

Für Euch Digital Natives ist das kalter Kaffee: Eine Veranstaltung besuchen, Vorträgen lauschen und gleichzeitig Internet zur Verfügung haben. Für mich war das am 10. und 11.11.2011 während des Symposiums „Wissen und Macht“ eine völlig neue Erfahrung. Und was soll ich sagen: Wie konnte ich vorher ohne leben?

Zum einen fand ich es wirklich interessant den Twitter-Stream mitzuverfolgen (#wissen2011) und so auch ein Bild davon zu bekommen, wie andere Symposiums-Besucher die Vorträge und Redner empfanden. Zum anderen konnte ich natürlich jede erwähnte Website oder Quelle aufrufen, parallel anschauen oder zumindest bookmarken.

Das zweitägige Symposium „Wissen und Macht“ war durchgängig hochkarätig besetzt. Es wurden drei Themenblöcke behandelt: „Das Internet als Bildungsinstrument“, „Das Internet als politisches Instrument“ und „Das Internet als Wirtschaftsinstrument“. Leider konnte ich nur an den Vormittagsveranstaltungen teil nehmen, weswegen für mich „Das Internet als politisches Instrument“ ausfallen musste.

Das Sympoisum fand im Lokschuppen II des Technikmuseums statt. Ein wunderbarer Ort. In meiner ersten Elternzeit war ich mit meiner Museumsjahreskarte öfter im Deutschen Technikmuseum. Gerade die riesigen Loks, die kilometerlange Wagonreihen durch die USA ziehen bzw. zogen, übten auf mich eine besondere Faszination aus. Just zwischen ihnen zu sitzen, klugen Vorträgen zu folgen und hervorragenden Kaffee zu trinken, war mir eine große Freude.

Wenn man beruflich wie privat viel Zeit im Internet verbringt, hat man sich schon den ein oder anderen Gedanken zu den angesprochenen Themen gemacht. Mir gefällt es umso bessser, bestimmte Schwerpunkte von Menschen vorgetragen zu bekommen, die in einem Teilgebiet Experten sind. Dabei hatte ich bezogen auf die Vortragenden bereits gewisse Erwartungen, die sich zum größten Teil erfüllten. Von anderen Rednern hatte ich persönlich noch nie etwas gehört, noch interessierte mich das Thema laut Programm besonders – jedoch wurde ich sehr positiv überrascht. So z.B. von Frau Prof. Debora Weber-Wulff, die zum Thema „University 2.0“ sprach. Ebenso mitgerissen hat mich der Vortrag von Frank Schomburg von nextpractice GmbH, der in einem atemberaubenden Tempo vortrug. Andere Themen, die aufregend klangen, waren leider ein bisschen langatmig.

Bis zum Abschlussvortrag von Prof. Gunter Dueck blieb der Tenor dem Internet gegenüber einheitlich kritisch. Man kann was draus machen, aber Vorsicht ist geboten und eigentlich müssen sich die echten Digital Natives – also die, die in den 80ern und 90ern geboren sind – der Sache (endlich) annehmen.

Umso mehr freute ich mich über die zum Teil provokanten Worte von Dueck, der ein bißchen ausschweifender als zur re:publica XI von den Chancen des Internets berichtete und die Veränderungen unserer Gesellschaft schilderte, die uns in den nächsten Jahren erwarten. Im Gegensatz zur re:publica XI gab es jedoch einiges Stirnrunzeln und Kopfgeschüttele im Publikum. Prof. Skiera meinte sogar ein Professoren- und Lehrer-Bashing aus den Worten Duecks zu hören (was ich nicht nachvollziehen kann).

Dueck forderte die Anwesenden auf: „Einfach mal gucken und mitmachen!“ Er ermutigte ein wenig naiv und optimistisch an die Materie Internet ranzugehen. Man könne nicht erwarten, dass das Internet ein Raum sei, indem es nur Gutes gäbe und sich nur Menschen mit edlen Motiven aufhielten. Das sei im „wahren Leben“ auch nicht so. Wenn man es genau betrachte, sei beispielsweise „bei Schlecker die Sünde zuhause“ da dort im Schnitt 4% des Umsatzes durch Ladendiebstahl verloren ging. Jetzt sei Google mit seiner Datengier der Feind und vor wenigen Jahren Mircrosoft. Ich musste natürlich spontan an die aktuelle Diskussion zum Thema Internetsucht und 30 000 Jahre Fehlentwicklung denken.

Damit spannte er den Bogen zu den Worten seiner Vorredner, die mit Zahlenmaterial belegten, dass Google im Bereich der Suchmaschinen In Deutschland gut 98% Marktanteile besitzt und somit auch gut 50% aller Werbeeinnahmen im Bereich Online-Werbung ingesamt abschöpft.

Vielleicht bin ich naiv, aber für mich ist ohnehin unklar wieso die Menschen sich meistens beschweren, dass private Daten weiterverkauft und genutzt werden. Dieser Anspruch alles kostenlos zu bekommen, ist mir nicht ganz klar. Wer nicht in Euro zahlt, zahlt eben in Daten. Wären die Menschen aufrichtig daran interessiert bestimmte Leistungen zu bezahlen, wären Mircopaysysteme wie flattr weitaus verbreiteter und erfolgreicher.

Das Symposium „Wissen und Macht“ war insgesamt eine sehr gelungene Veranstaltung, die mir schon wieder große Lust auf die re:publica XII macht, wo ich einige der Redner sehr gerne wieder treffen würde.

[blackbirdpie url=“https://twitter.com/#!/digilotta/status/134999326387732480″]

Alle Vorträge wurden per Live-Stream übertragen und sind in naher Zukunft als Videos verfügbar.

Zukunftsprognosen

Musikalität soll man fördern und Vorurteile abbauen.

WARNUNG KLICKEN SIE NICHT AUF DEN VIDEOLINK WENN SIE IM BÜRO SITZEN

Jedes unserer Kinder hat so seine Eigenarten. Es bleibt der Phantasie überlassen, sich deren Zukunft auszumalen. Bei Kind 3.0 habe ich ein klares Bild. Seine ersten Worte waren „L A U T“ und „TA TÜ TATA!!!111!!!

Dementsprechend wird es sein Geld wohl als Shouter verdienen:


(Fast so anmutig wie Star-Schwärme, oder)

Recherchen zufolge ist es durchaus möglich als Sänger einer Metal-Musikkapelle ein geregeltes Einkommen zu erwirtschaften. Schwer stelle ich mir nur vor, wenn Kind 3.0 gerne möchte, dass ich es bei seinen Auftritten begleite. Auch erschließt sich mir nach Konsum diverser Metal-Videos nicht in welchem Takt ich mitklatschen könnte.

Aufhalten kann ich diese Karriere ohnehin nicht mehr. Am Wochenende am Flohmarkt entdeckte das Kind ein Kinderschlagzeug. Das Schlagzeug stand einfach nur rum, aber Kind 3.0 ahnte sofort dessen Einsatzzweck. Klugerweise hatte die Verkäuferin auch keine Holzklöppelchen zur Verfügung gestellt. Dennoch wusste unser Jüngstes Bescheid. Es riss sich von meiner Hand und sprang in das Schlagzeug. Dann trommelte es auf die verschiedenen Membranophone und lobpreiste: „LAUT MAMAAAA LAAAAUUUuuuuTTT!!“. Ich wollte es weg ziehen, aber es umklammerte mit Armen und Beinen das ganze Gerät und schlug mit dem Kopf auf die Becken ein.

Vermutlich, sah auch Kind 3.0 für einen Moment ein klares Bild seiner Karriere. Für das Lungenvolumen wirkt sich die oben vorgestellte Art zu musizieren vermutlich positiv aus. Nebenberuflich könnte Kind 3.0 deshalb Rekorde im Apnoetauchen aufstellen und Mutti die ein oder andere Perle vom Meeresgrund hoch holen. Gar nicht so schlecht. Da bereue ich es fast, dieses Schlagzeug nicht gekauft zu haben. NICHT.

Die Liebe und Neukölln

Nacht und Nebel in Neukölln und ein Abend ohne Kinder.

Letzten Monat bin ich nach Jahren das erste Mal mit meinem Mann ausgegangen. Dass es Jahre dauerte, hat im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens haben wir keine Verwandtschaft im Umkreis von 400 km. Die Kinder sind an niemanden weiter gewöhnt als an uns. Zweitens habe ich ein großes Problem von meinen Kindern getrennt zu sein. Lange Zeit war es für mich undenkbar sie „alleine“ zu lassen. Als das erste Kind sechs Monate alt war, bin ich mal ins Kino gegangen (ohne meinen Mann, der war bei den Kindern) und es war grauenhaft. Jeden Meter, den ich mich weiter weg bewegt habe, habe ich als physischen Schmerz empfunden und endlich im Kino angekommen, bin ich während des Films eingeschlafen.

Jetzt haben wir drei Kinder und wahrscheinlich wird man da lockerer und was ebenfalls nicht zu vernachlässigen ist, wir haben einen wunderbaren Babysitter gefunden. Letzten Monat sind wir gemeinsam nach Potsdam gefahren und diesen Monat haben wir unseren freien Abend genutzt, das Nacht und Nebel Festival in Neukölln anzuschauen.

Ich hatte aufgrund der Beschreibung sehr romantische Vorstellungen von dem Kunstfestival: „Mit einem Film starten, dann ins Theater oder zu einer Lesung gehen, eine Ausstellung besuchen und den Abend auf einer der vielen Parties beschließen. Für jeden Geschmack ist in dieser bunten Nacht etwas dabei! Gleichzeitig können Sie sich mit dem Taxi von einer Location zur nächsten chauffieren lassen. Und das alles kostenlos.

Wir haben uns zu einer Führung durch die Galerien des Reuter-Kiezes angemeldet und ich dachte, dass wir in einer kleinen Gruppe von 10-15 Kunstinteressierten von Galerie zu Galerie ziehen und vielleicht ein wenig über die Hintergründe der Künstler und Ausstellungen erfahren würden.

Tatsächlich standen am Treffpunkt rund fünfzig Leute. Der freundliche Führer spannte einen Schirm auf und wir liefen ihm im Gänsemarsch hinterher. Er erzählte hier und da was über die Ecken Neuköllns und deren Namengeber, holte überraschte Galeristen aus den zu besichtigenden Räumen, die alle mit Variationen von „Hallo, ihr seid zu viele, um reinzukommen…“ begannen, sich dann aber im Laufe des eigenen Vortrags darüber bewußt wurden, dass es vielleicht doch als so etwas wie ein unerwarteter Erfolg der Festivalausrichter gedeutet werden konnte, wenn solche „Massen“ sich für die ausgestellten Arbeiten interessierten. (Bei allen idealistischen Motiven, geht es sicherlich doch auch ums Verkaufen und je mehr Leute, desto größer die Wahrscheinlichkeit eines seiner Werke an den Mann zu bringen.)

Da die Galerien tatsächlich meistens 20qm große Räume waren und man aus Zeitgründen nur an den Werken vorbei ziehen konnte ohne sich etwas genauer anzusehen, entschied unserer Führer, dass wir zunächst alle Ausstellungslokalitäten ansteuern würden, die Galeristen und Künstler das berichteten, was sie berichten wollen und wir uns hinterher aufteilen würden, um die Ausstellungen tatsächlich anzusehen.

Die Runde, die wir machten, war wirklich groß (nach 1,5 Stunden hatten wir erst die Hälfte gesehen) und v.a. unglaublich vielseitig.

Auf der Route lagen u.a. der Laden „arm und sexy“ (Reuterstr. 62), der Arbeiten von KünstlerInnen aus dem Psychosozialen Initiative Moabit e.V. und „normalen“ Menschen unter dem Motto „Makellos“ präsentiert: „[…] In der Ausstellung fügt sich „Insider“- und „Outsider“-Kunst zu einem harmonischen Ganzen: Die teils abstrakten, teils gegenständlichen, teils konzeptuellen Arbeiten verbindet künstlerische Qualität, kreative Individualität und der aufmerksame Blick für feine Details.“

Wir wanderten weiter zu einer Bürogemeinschaft, die unter dem Motto „Heute bin ich die Prinzessin“ Zeichnungen von Mike Klar zeigte.

Suchten dann den „Kunstraum Art-Uhr“ (Weichselstraße 52) auf, der das Festival in „Nacht und Leben“ umbenannt hatte, weil die Assoziation zu dem Nacht und Nebel-Erlass, der europaweit die Deportationen von Widerstandskämpfern nach sich zog, zu stark sei. Es wurden Werke von Margret Holz ausgestellt, die sich mit den letzten Manuskripten des Philosophen Walter Benjamin auseinandersetzten, der sich 1940 das Leben nahm, als ihm klar wurde, dass seine Flucht vor den Nazis nicht erfolgreich sein würde.

Danach sahen wir uns Arbeiten von Jordi Castells Pruñonosa an, der in der Bürogemeinschaft „IM BÜRO“ ausstellte: „Der menschliche Jäger verfolgt seine Beute in ihrer natürlichen Umgebung. Er präsentiert das Büro als Jagdrevier im Prozess des Aussterbens.“

Nach zwei Stunden klinkten wir uns aus der Gruppe aus und erfreuten uns noch an Nackten in Schaufenstern, die im Schwarzlicht ihre Bodypaintinggemälde am Körper tanzend zur Schau stellten und waren ein bißchen traurig, dass wir es nicht zum Maskenball und der Haarspende-Station geschafft hatten.

Um einen angemessenen Überblick zu bekommen, hätten wir wahrscheinlich 6-8 Stunden gebraucht und dann nochmal ein Paar Tage, um sich die Arbeiten im Detail anzuschauen. Erfreulicherweise sind die meisten Ausstellungen noch ein Paar Wochen geöffnet und es lockt als nächste Veranstaltung der Advents-Parcours im Dezember.

Ich liebe Berlin wegen solcher Angebote. Ich liebe die Vielseitigkeit und die Möglichkeit in völlig fremde Welten einzutauchen und sich mit Dingen zu beschäftigen, die überhaupt nichts mit der eigenen Alltagsrealität zu tun haben und am meisten liebe ich meinen Mann, der diese Interessen mit mir teilt <3.

Übrigens würde mich interessieren, wie KünstlerInnen selbst die Neuköllner Szene empfinden. Auf mich wirkte sie nicht so elitär und kalt wie ich es gelegentlich an anderen Orten kennen gelernt habe. Sie wirkt auf mich freundlich und aufgeschlossen und die Galeristen aufrichtig kunstbegeistert.

Taxis, die laut Beschreibung der Festivalorganisatoren hätten sichtbar sein müssen, haben wir  übrigens kein einziges gesehen und so legten wir alles zu Fuß zurück und ich war froh, dass ich mich für flache Schuhe entschieden hatte. Als wir ausreichend durchgefroren waren, setzten wir uns noch in eine Bar, tranken hastig unsere Getränke und quetschten uns wieder in die auch um 24 Uhr völlig überfüllte U8, um nach Hause zu kommen.

Die Kinder hatten sich den Berichten unseres Babysitters alleine ins Bett gebracht und selbst das Jüngste war im Rahmen seiner sprachlichen Möglichkeiten eigenständig genug zu signalisieren, dass es lieber alleine einschliefe als sich etwas von einer Person vorsingen zu lassen, die nicht Mama oder Papa war. Es deutete auf die Tür und sagte „Ab!“.

Wir schnick schnack schnuckten noch aus, wer am nächsten Morgen aufstehen müsste und stellten fest, dass es wirklich an der Zeit war, wieder gemeinsam ohne plärrende und zappelnde Kinder auszugehen.

„Dass ich erkenne, was das Internet im Innersten zusammenhält“

Die Schwarmintelligenz des Internets bringt vor allem eines hervor: Katzencontent. Warum nochmal?

Die Kinder fragen öfter, ob wir uns nicht ein Haustier zulegen könnten. Selten fällt mir eine eindeutige Antwort so leicht: Nur über meine Leiche. Tiere verursachen zusätzliche Arbeit, sie stinken, sie kacken, sie machen unflexibel, sie haaren oder federn, sie kosten Geld und wenn sie sterben, muss man wieder welche kaufen, sonst weinen die Kinder. Ich will definitiv keine Haustiere. Ich brauche sie nicht zum kuscheln und selbst Bilder von Tieren erfreuen mich in den seltensten Fällen. Anscheinend geht es da vielen, die im Internet unterwegs sind, ganz anders. Besonderer Beliebtheit erfreut sich in Online-Kreisen die Katze. Das ist nicht neu.

Die Geschichte der Katzenpostings geht weiter zurück als man zunächst glauben mag. Schon in der frühdynastischen Zeit, die ca. 3020 v. Chr. begann, wurden Katzendarstellungen an Wände gepostet. Kein Wunder, denn die Hauskatze ist seit über 9.500 Jahren ein von Menschen gehaltenes Haustier. Wobei das falsch formuliert ist, denn die Katze hat sich als Abfallvertilger mit beginnender Sesshaftigkeit der Menschen selbst domestiziert. Als die alten Ägypter begannen Katzencontent zu produzieren, waren die Katzen schon ein Paar Tausend Jahre Begleiter der Menschen.

Was das Internet angeht, so wurde es erst 1990 für eine breitere Masse außerhalb der Universitäten zugänglich. Der Software-Entwickler Harry Johnson postete ab da regelmäßig Fotos seiner Katze Ethercat, die er per Handscanner digitalisierte. Im gleichen Jahr war der erste genervte Katzenhasser geboren.

Die allgemeine Datenlage zu Katzencontent ist sehr dünn. Zumindest übertrifft das Keyword „Katzencontent“ bei der Google-Suche mit 92.000 Treffern deutlich das Keyword „Hundecontent“ mit nur 6.300 Treffern (von Elefantenbabycontent gar nicht erst zu sprechen!).

Persönlich habe ich auf Google+ 765 Leute in Circles. Im Durchschnitt postet jeder von ihnen 3,6 Beiträge pro Tag. Ganze 12% beziehen sich davon auf Katzen. Es muss allerdings erwähnt werden, dass ich Peter Glaser gecirclet habe, was die Stichprobe hinsichtlich der tatsächlichen Häufigkeit von Katzencontent sicherlich statistisch relevant verzerrt. Hochgerechnet auf das Jahr fließen allein auf Google+ 120.625,2 Katzenbeiträge an mir unbeachtet vorbei.

Warum aber Katzen? Warum nicht Eichhörnchenbabys? Eichhörnchenbabys sind eindeutig niedlicher als Katzen (Eindeutig auf Intervall-Niveau durch die SERVEIsche Niedlichekeitsskala zu berechnen).

Das hat nach meiner Einschätzung zwei wesentliche Gründe. Für mich sind Katzen das Symbol der postmodernen Gesellschaft, in der sich die klassischen Familienstrukturen auflösen. Lange Ausbildungszeiten, häufige jobbedingte Ortswechsel und das Ideal der Selbstverwirklichung, haben es den Menschen in der jüngeren Vergangenheit schwer gemacht, Familien zu gründen. Ehe man es sich versieht, ist man über 40 und hat es verpasst, eine fröhliche Nachkommenschaft zu zeugen. Der Partner fürs Leben wird in diesem Alter nur noch selten gefunden, da die Checkliste, welche Eigenschaften er doch bitte mitbringen soll, nicht selten hundert Punkte überschreitet. Da sitzt man nun, abends um 22 Uhr nachdem man bis 19 h gearbeitet und sich anschließend im Sportstudio ausgepowert hat und fühlt sich einsam. Die Entscheidung zur Katze fällt dann nicht mehr allzu schwer. In den Stunden der Inaktivität setzt sie sich gerne auf den Schoß und lässt sich streicheln – wohingegen sie den Rest des Tages, wenn man ohnehin nicht zuhause ist, ihrer eigenen Wege geht. Das Wesen der Katze macht es nebenbei leicht möglich Gefühle und andere Eigenarten in fotografische Darstellungen hineinzuinterpretieren. Vögel, Fische oder Schildkröten bieten in dieser Hinsicht zu wenig Projektionsfläche. Eine Lolbird-Welle wäre im Internet nie entstanden (IT NOT TEH SAME WIF BIRDZ, BLEEV ME). Bereits der Erfolg der Comic-Serie Garfield zu Beginn der 80er Jahre zeigt wie wichtig der Faktor Identifikationswert ist. Hätte Garfield nicht v.a. menschliche Probleme, er wäre nicht annähernd so berühmt geworden.

So wundert es nicht, dass ausgerechnet die Katze Deutschlands beliebtestes Haustier ist. Es wird geschätzt, dass in Deutschland 8,2 Millionen Katzen leben. Und wenn sie schon mal da sind, kann man sie auch fotografieren und die Bilder ins Internet stellen. Somit wären wir beim zweiten – beinahe banalen Grund – der Verfügbarkeit. Wenn 16,5% aller Haushalte in Deutschland eine oder mehrere Katzen haben und sie durchschnittlich 2 Mal pro Woche fotografieren und laut Statistik beinahe 80% Prozent einen Internetzugang haben, dann greifen sie auf einen Pool von äh .. sehr vielen Katzenfotos zurück. Katzenbilder sind also deutlich verfügbarer als Fotos von auch sehr niedlichen Elefantenbabys. Darüberhinaus greift (mal wieder) meine Lieblingstheorie zum Sozialverhalten. Katzenpostings geben ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Ich poste Bilder meiner Katze, ihr schreibt, dass sie voll süß ist und ihr postet Katzenfotos und ich schreibe wie bezaubernd ich sie finde. Schon sind wir eine Gemeinde von Katzenliebhabern und fühlen uns als Teil eines großen Ganzen. Dann kommt noch die Gruppe der Katzenverächter (die quantitativ deutlich in der Minderheit ist) und wir grenzen uns gemeinsam gegen dieses Volk der Unwissenden ab – was unsere schnurrige Katzengemeinschaft noch weiter verstärkt. Es ist eben das Katzengewöll, was das Internet im Innersten zusammenhält.

Tachys Tachys!

Früher haben meine Eltern gesagt, dass die Jan Tenner Hörspiele mich dumm machen. Heute weiß ich, dass sie mich reich machen werden.

Ich schaue nie Fernsehen, denn das macht dumm. Weiß ja jeder. Wenn ich aus gesellschaftlichen Zwängen heraus dennoch müsste, so schaute ich ausschließlich niveauvolle Sendungen. Niemals schaute ich Privatsender. Bestenfalls läse ich in der Zeitung über Sendungen, die im Privatfernsehen ausgestrahlt werden. Neulich zum Beispiel habe ich über eine Sendung gelesen, die Menschen präsentiert, die durch Lottogewinne reich geworden sind und es zeigte sich eine starke Korrelation zwischen den Faktoren Spontanreichheit und Geschmacklosigkeit. (Wenn man sich das Geld als z.B. Hip Hopper hart verdient, gibt es einen solchen Zusammenhang nicht). In einer Stichprobe von zwölfzig Personen dominierten die Merkmale „Lachs“, „Apricot“ sowie „Waschbecken in Muschelform“ und „vergoldete Armaturen“. Siebzehn Personen der Grundgesamtheit äußersten außerdem den Satz: „Zu Marmor passt im Grunde nur Gold.“

Ähnliche Beobachtungen schilderte mir ein Lichtschalterfachverkäufer auf der Light + Building. Besonders gut verkaufen sich dort funkelnde Lichtschalter. Top-Seller in diesem Bereich ist der Swarovski-Lichtschalter Berker Crystal Ball TS Cry 168579, den man mit ein bisschen Internetrecherche schon ab 450 Euro pro Stück bekommt.

Ich schreibe das, weil ich im Grunde permanent nach Möglichkeiten suche selbst reich zu werden, so dass ich meine obige Hypothese bestätigen kann, da ich entsprechende Veränderungen meines ästhetischen Empfindens schließlich an mir selbst nachweisen könnte. Im Dienste der Wissenschaft sozusagen.

Leider ist dieser Lichtschalter mit Glitzertouchstein schon erfunden. Meine Erfindung ist deswegen anspruchsvoller – funkelt aber auch.

Glücklicherweise haben mich meine paranoiden Recherchen zum Thema „schwarze Löcher“, „CERN“ und „überraschendes Ende unserer aller Existenz“ als Nebenprodukt relativ schnell Expertin für Tachyonen werden lassen (man muss ergänzen, dass ich durch intensiven Konsum von Jan Tenner Audiokasetten und das Studium von Segelraumschiffen der bajoranischen Antike bereits eine gewisse Vorbildung besaß).

Ich habe deswegen einen Tachyonenbündler erfunden, den man in Milch werfen kann. Dazu habe ich jahrelang Glaskristalle unter die Matratzen von frisch geborenen Katzenbabys gelegt und sie anschließend einem starken Tachyonenfeld ausgesetzt. Diese auf energetischer Ebene manipulierten Materialien werden selbst zu Tachyon-Antennen und ziehen kosmische Energie an und geben diese dauerhaft und konzentriert an ihr Umfeld ab.  Im Fall meiner Erfindung an die umliegende Milch. Diese ist dann bis zu 24 Stunden länger haltbar. Der formschöne Tachyonenbündler ist im Anschluss verbraucht und kann mir zu Recycling Zwecken versandkostenfrei zurück geschickt werden. Man kann ihn für nur 742 Euro in meinem neuen Onlineshop für Tachyonenprodukte erwerben. Ich empfehle für jedes Glas Milch aus hygenischen Gründen einen eigenen Tachyonenbündler.

Lieblingstweets 10/11

Der Oktober bei Twitter. Hach.

[blackbirdpie url=“http://twitter.com/#!/st4rbucks/status/128103945733283841″]

[blackbirdpie url=“http://twitter.com/#!/grindcrank/status/126727625816281093″]

[blackbirdpie url=“http://twitter.com/#!/maddesigns/status/126673222316994560″]

[blackbirdpie url=“http://twitter.com/#!/ruhepuls/status/126213325158744064″]

[blackbirdpie url=“http://twitter.com/#!/ToFloLo/status/124857429535113216″]

[blackbirdpie url=“http://twitter.com/#!/kosmar/status/123359171528757248″]

[blackbirdpie url=“http://twitter.com/#!/Sebas_/status/123130126874574849″]

[blackbirdpie url=“http://twitter.com/#!/hoch21/status/122470378755985409″]

[blackbirdpie url=“http://twitter.com/#!/bov/status/122382917161844736″]

[blackbirdpie url=“http://twitter.com/#!/Buddenbohm/status/121111122022641664″]