Es ist 22 Uhr. Wir kommen von einem Ganztagesausflug zurück und sind alle furchtbar erschöpft. Die Kinder ziehen jammernd ihre Schlafanzüge an, die Zähne werden unter Protest geputzt und als ich verlange, dass auch die Haare gekämmt werden, höre ich einen langen Vortrag über meine mütterliche Grausamkeit. Es werden die Trinkgläser serviert, die Kirschkernkissen erwärmt, die Kinder werden zugedeckt und bekuschelt. 22.45 Uhr als endlich Ruhe einkehrt, ein letztes „MaaaMMMAAAAA“ und alles schläft.
Auch ich möchte in mein Bett fallen. Es ruft schon: „Komm, ich bin sehr weich. Leg dich auf mich. Ich hab auch eine Decke für dich. Komm! Na komm!“. Leider fällt mir noch ein, dass morgen Ferien sind und das große Kind, das nicht mehr in den Hort geht, kein Mittagessen haben wird, wenn ich nicht jetzt um 22.52 Uhr koche.
Zusammen mit SCHAU HIN! Let’s talk S02E02 mit Rike Drust
Im Zentrum meiner Serie Let’s talk stehen die Chancen, die digitale Medien mit sich bringen. Nachdem ich in der ersten Runde v.a. allgemein über Nutzung und Plattformen gesprochen habe, soll es jetzt konkreter werden. Wie sieht Medienalltag bei anderen aus? Deswegen befrage ich in der 2. Staffel Eltern, wie sie in ihren Familien mit digitalen Medien umgehen: Ich freue mich im zweiten Teil etwas über den Familienalltag von Rike Drust zu erfahren.
Rike Drust (Foto: Andrea Rüster)
Rike Drust ist für mich eine der sympathischsten und v.a. lustigsten Frauen, die ich im Internet kenne (und das obwohl Frauen doch gar nicht lustig sein können!). Bevor ich regelmäßig ihr Blog Infemme gelesen habe, ist mir ihr erstes Buch „Muttergefühle. Gesamtausgabe.“ begegnet. Ich habe das Buch während einer Zugfahrt gelesen und musste so laut lachen, dass mich die Leute im Abteil ganz seltsam angeschaut haben. Ich liebe ihren Humor, und ich liebe ihre Ehrlichkeit und den unverstellten Blick auf die (Familien)Welt, die eben nicht immer schön ist. Deswegen ist auch ihre Fortsetzung „Muttergefühle. Zwei.“ unbedingt lesenswert. Im Internet habe ich Rike schon das ein oder andere Mal Dinge sagen hören, die nahe legen, dass sie dem Serienstreamen nicht abgeneigt ist und auch wenn sie in ihrem Blog mit Vorliebe großartige Kinderbücher aus echtem Papier vorstellt, vermute ich auch bei ihr eine positive Einstellung zu den neuen Medien.
Ich stehe mit fünf anderen Frauen in einer Bäckerei an und warte, dass ich dran bin. Zwei Verkäuferinnen bedienen und die eine von ihnen ruft: „Der Nächste bitte!“. Für den Bruchteil einer Sekunde bin ich verwirrt. Es stehen doch nur Frauen hier, wer ist der Nächste? Achso, jaja, ich bin gemeint. Ich bin der Nächste. So weit ist es mit mir gekommen. Wenn weit und breit nur Frauen zu sehen sind, fühle ich mich mit der männlichen Ansprache tatsächlich nicht mehr mitgemeint. Sprachlich völlig verdorben – zumindest seit ich mich mit dem Thema der gendergerechten Sprache auseinandersetze.
Ich erinnere mich gut, dass ich vor vielleicht zwanzig Jahren eine ähnliche Szene erlebt habe. Ich stehe mit einer Frau an der Wursttheke an und die Verkäuferin sagt: „Der Nächste bitte!“ Die Frau vor mir korrigiert: „Die Nächste.“ und bestellt Aufschnitt. Ich habe damals die Augen verdreht und gedacht: „Meine Güte, was ist das denn für eine, die weiß doch, was gemeint ist, soll sich mal nicht extra blöd stellen.“ Stolz habe ich damals für mich beschlossen, dass ich nie so anstrengend sein werde und auf sowas so sinnloses wie die explizit weibliche Form bestehen werde – schließlich bin ich selbstbewußt genug.
Ich habe einen Schrank, der ist zur einen Hälfte mit Fotos, zur anderen Hälfte mit alten Briefen gefüllt. Alle paar Jahre schaue ich mir den Inhalt an. Gestern fiel mir auf, dass ich über die Jahrzehnte auf gut ein Duzend Hochzeiten eingeladen war. Ich hoffe, es gibt da keinen kausalen Zusammenhang, aber tatsächlich sind gut Dreiviertel dieser Ehen in der Zwischenzeit schon wieder geschieden.
Meine persönliche Stichprobe entspricht zum Glück nicht der allgemeinen Statistik – da werden „nur“ 1/3 aller Ehen geschieden. Wie die Trennungsstatistik bei unverheirateten Paaren ist, weiß ich nicht genau.
In Berlin sind die Partnerinnen aufgrund der guten und bezahlbaren Kinderbetreuungsmöglichkeiten nach der Geburt des ersten Kindes in der Regel relativ zügig wieder arbeiten gegangen. Ich kenne kaum Frauen, die drei oder mehr Jahre für ihr/e Kind/er zuhause geblieben sind. Ganz anders in der Gegend in Bayern, in der ich groß geworden bin: Da lief es meist ganz klassisch: Nach wenigen Jahren Beruf – oft auch direkt nach dem Studium wurde geheiratet, ein Haus gebaut und dann blieb die Frau die nächsten Jahre zuhause. Die Entscheidung zu diesem Familienmodell wird natürlich aus freien Stücken gewählt. So wird mir das berichtet. Die Paare finden das gut: Der Mann übernimmt die finanzielle Verantwortung und die Frau die für die Kinder. Das passt für den Moment ganz gut und wenn ich nach der Zukunft frage, dann heißt es: Das Haus wird dann abbezahlt sein und eine Grundsicherung bieten und die Rente des Mannes geteilt. Alles gut also. „Wir haben ohnehin nicht vor uns zu trennen.“, höre ich dann auch oft.
Früher hast du mehr gebloggt! Jahaaaa – da hatte ich auch noch keine Zusatzhobbys! Aus Gründen bin ich zur Podcasterin geworden und habe damit viel Spaß. Zuverlässig unregelmäßig z.B. bei der Weisheit (Theoretisch alle 2 Wochen, 20.30 Uhr live – seit wir auf Radio Bremen laufen, sogar mit Prepre- und Preshow).
Der Weisheit ist ein im Grundkonzept verbesserter Laberpodcast. D.h. vier Menschen unterhalten sich über verschiedene Dinge – allerdings moderiert und auf genau eine Stunde begrenzt. Ja, wir achten sogar auf ausgeglichene Redeanteile!
Mir macht der Weisheit v.a. Spaß weil ich mit Freund*innen sprechen kann: mit Top-Moderator und Radiomann Marcus Richter* (immer die Glitzerukulele bereit), Frau Kirsche (die ihren Flammenwerfer stets am Anschlag hat) und Rockstar Malik Aziz (dessen Platte „Survivors“ ihr jetzt auch kaufen könnt).
Mir bereitet die Mischung unserer Hintergründe (Informatik & Radio, Psychologie & IT, Soziologie, Design & Musik) beim Austausch sehr viel Freude. Die Weisheit gibt es schon viele Jahre und ich bin erst vor 2 Jahren dazu gekommen. Ich weiß nicht, ob es noch Hörer*innen aus der Zeit davor gibt – aber an sich ist das auch egal – ich hab das Gefühl wir haben eine relativ feste Hörerschaft und auch das mag ich besonders gern. Zumal die Podcastcommunity sowas von positiv und wohlwollend ist, dass sich andere Plattformen da mal eine Scheibe abschneiden könnten (meine dasnuf-Leser*innen ausgeschlossen, die sind super!).
Offenbar gibt es Menschen, die gerne und freiwillig in Shopping-Malls gehen.
Viele Themen interessieren mich, aber ich habe Hemmungen darüber zu schreiben, denn oft startet der Diskurs mit einem vorwurfsvollen Nachfragen: „Hast Du XY nicht gelesen? Ja, wenn Du XY nicht gelesen hast, dann brauchst du gar nicht erst mitreden!“
Also wird man mit einem unendlichen Lesestapel in seine Ecke geschickt und kann perspektivisch dort bleiben. So geht es mir z.B. mit dem Feminismus und eben auch mit dem Thema (Anti-)Kapitalismus. Gerne lese ich in diesem Zusammenhang Artikel zur Post-Work-Bewegung.
Mich beschäftigen grob zwei Dinge, von denen ich weiß, dass viele sie komplett anders sehen.
Zum einen habe ich eine ausgeprägte Konsumunlust. In einem Nowaste-Buch las ich neulich die Einstiegsübung: „Kaufe einen Monat keine Kleidung“ und ich dachte nur „WTF? Es gibt Menschen, die jeden Monat Kleidung kaufen???“ Ich kaufe Kleidung im Großen und Ganzen weil ich muss. Ich habe z.B. drei dunkle Stoffhosen, die ich abwechselnd trage. Irgendwann sind die zwischen den Beinen durchgewetzt. Dann kaufe ich mir eine neue. Sehr gerne genau die selbe – sofern das möglich ist. Ich habe auch schon überlegt, ob ich die Hose einfach fünfmal kaufe und damit die nächsten zehn Jahre nicht mehr meine Lebenszeit mit Hosenkauf verschwenden muss. Was die Kleidung für den Job angeht – wie gerne würde ich Arbeitskleidung tragen. Ein Outfit für alle, immer das selbe, Ende.
Man kann den Sechsjährigen 20 Minuten baden und seine Hände hinterlassen anschließend immer noch Schmutzränder auf dem Wannenrand. Er ist ein so willensstarkes Kind.
Den Handwerkern Kaffee machen und sich dabei ertappen, exakt gleich große Tassen rauszusuchen, damit es nur keinen Streit gibt, wer mehr hat. Wer Kinder hat, der kennt es.
Ich habe kein passendes Bild gefunden. Deswegen nehme ich einfach dieses geheimnisvolle Bild.
Vielleicht sollte ich mein Blog umbenennen in „Patricia Cammarata mag bestimmte Worte nicht.“ Neulich habe ich über den Begriff „Working Mom“ geschrieben. Seit vielen Monaten ärgere ich mich zeitgleich im Stillen über den Begriff „Pubertier“. Ich weiß, dass das Wort in Zusammenhang von Jan Weilers Buch Verbreitung gefunden hat und ich weiß, dass Sprache Formulierungen neu aufnimmt, wenn sie bekömmlich sind. Jugendliche „Pubertiere“ zu nennen, ist natürlich auch eine Art Bewältigungsmechanismus und Akkumulation aller Herausforderungen, denen man sich als Eltern in den Jugendjahren der Kinder gegenüber sieht.
Dennoch nervt mich die zunehmende Verwendung des Begriffs, weil in ihm in meinen Augen ein Nichternstnehmen der Kinder in dieser Entwicklungsphase mitschwingt.
Zweifelsohne ist die beginnende (und später voll ausgeprägte) Pubertät eine ziemlich herausfordernde Lebensphase. Nur eben nicht nur für die Eltern sondern auch für die Kinder. Sich dabei über sie lustig zu machen, trägt ganz sicher nicht zur Entschärfung bei.
Wenngleich ich insgesamt (auch absichtlich) sehr vergesslich bin, ist mir meine eigene Pubertät noch gut in Erinnerung. Sie war bis auf einige wenige Phasen durchgängig furchtbar. Nie habe ich mich alleiner, verzweifelter und mehr Fehl am Platze gefühlt als in dieser Zeit. Ich will nicht auf Details eingehen, aber es gab auch ungünstige Rahmenbedingungen, die ihren Höhepunkt fanden als ich mir in der 12. Klasse eine eigene Wohnung suchen musste und mein Abi und später das Studium nur geschafft habe, weil mich Menschen außerhalb der Familie unterstützt haben. Vermutlich bin ich deswegen übersensibel was Formulierungen und Gespräche anderer Eltern angeht, denen ich folge (egal ob off- oder online).
Ich finde den Umgang mit den Kindern in diesem Alter als Mutter auch oft schwer. Bestimmte Themen und Verhaltensmuster findet man ja überall. Auch wir werden nicht von endlosen Diskussionen, mangelndem Verantwortungsbewusstsein, Anklagen, Unzuverlässigkeiten, mangelndem Enthusiasmus in der Umsetzung von Pflichten etc. verschont. Ich muss auch ganz ehrlich sagen: Am ermüdendsten finde ich gar nicht die Umstände als solches sondern dass ich als Mutter immer und immer und immer wieder das selbe sagen muss. Ich erlangweile mich schier selbst damit. Um mich von diesem ewigen Ermahnen selbst zu befreien, bin ich ja auch schon in Eltern-Streik getreten.
Die Wünsche der Söhne (8 und 10 Jahre) und unsere Wünsche gehen gerade komplett auseinander. Die Kinder wollen mehr iPad, mehr Spieleapps, mehr Serien, mehr Fernsehen, mehr Youtube-Videos, mehr Hörspiele, mehr Abhängen, mehr Chillen, mehr Süßigkeiten, mehr Tiefkühlpizza. Außerdem lieber weniger frische Luft, weniger Hausaufgaben, weniger Lernen, weniger gemeinsame Mahlzeiten, weniger gesundes Essen, weniger Tischdeckaufgaben, weniger Spülmaschineausräumen, weniger Müllrunterbringen, weniger Zähneputzen, weniger Körperpflege. Genau genommen all das am liebsten gar nicht. Und alleine ins Bett gehen schon mal überhaupt nicht.
Ähnlich wie Maret bin ich es einfach leid, ständig diese Kaskadierung von erinnern, meckern, zetern, flehen, erklären abzutanzen.
Das aber nur als Hintergrundinformation zu meinem inneren Zustand. Ich bin sehr gespannt, wie das Experiment im Hause Buddenbohm ausgeht. Mit meinem Eltern-Streik bin ich grandios gescheitert.