Erziehen heißt Dranbleiben

Erziehungstipps von der Expertin. Heute, wie man Kinder zum Händewaschen motiviert.

Bevor ich Kinder hatte, war ich der festen Überzeugung, dass es Mittel und Wege gäbe, sie zu erziehen. Etwas mehr als zehn Jahre später weiß ich: das ist totaler Quatsch.
Nehmen wir das Beispiel Hygieneerziehung und hier die vergleichsweise kleine Aufgabe: Hände waschen.
Als ich Kind 1.0 kennen lernte, dachte ich, es genüge ein gutes Vorbild zu sein. Vor dem Essen rief ich voller Elan: Hände waaaschen! Sprang auf und wusch mir die Hände. Kind 1.0 schaute nicht mal in meine Richtung. Kann ja nicht alles sofort klappen, beruhigte ich mich und wiederholte mein Ritual täglich mehrere Male, vierzehn Tage lang.
42 Versuche später, variierte ich mein Vorgehen: Hääände waaaschen! Wer kooommt mit?
Keine Reaktion von Kind 1.0.
Weitere 50 Male später: Komm, Kind 1.0 wir gehen Hände waschen.
Murren.
431 Male später war immer noch keine Eigenmotivation zu erkennen.
(Kind 1.0 war beinahe drei Jahre alt, als ich es kennen lernte muss ich dazu sagen. Nicht dass jemand denkt, ich hätte von einem Säugling verlangt Hände zu waschen.)
Gut, dachte ich. Dann die Sache mit der Vernunft.
Schau Kind 1.0 Hände waschen ist wichtig, weil [kindgerechter Vortrag über die Verbreitung von Krankheitserregern, die Errungenschaften des Alexander Flemings und über die Berechtigung des Robert-Koch Instituts].
Keine Reaktion. Auch mehrmaliges an die Vernunft appellieren blieb erfolglos.
Ich entwickelte als findige Psychologin ein Bonussystem. Selbständiges Händewaschen vor dem Essen = 2 Punkte; selbständiges Händewaschen nach dem Toilettengang = 3 Punkte. Bereites Händewaschen nach Aufforderung = 1 Punkt. Alle 10 Punkte = 1 Eis.
Ein Jahr später hatte das Kind noch kein Eis zusammen.
OK, OK, OK! In der Zwischenzeit las ich Jesper Juuls „Das kompetente Kind“ und lernte, Kinder wollen kooperieren. Das bestehende Bonussystem war somit tödlich für die Motivation. Die Sache musste herum gedreht werden. Man unterstellt dem Kind Gutes und zieht Punkte für den unwahrscheinlichen Fall, dass das Kind doch nicht kooperieren möchte, Punkte ab.
Jede Woche erhielt das Kind 100 Punkte, die es in der darauf folgenden Woche einlösen könnte. Vergessenes Händewaschen = -2 Punkte. Händewaschen nach Aufforderung verweigern= -1 Punkt.
Am Ende der Woche hatte das Kind -345 Punkte.
Gut, gut. Schulz von Thun also. Ich betonte bei unserer Kommunikation nicht mehr die Sachebene (Bakterien, Hygiene) und nicht die Apellebene (Tu es doch endlich!!!) sondern versteifte mich auf die emotionale Ebene (Mami wäre wirklich sehr glücklich, wenn Du die ba-ba Hände waschen würdest!).
Auch das prallte an Kind 1.0 ab.
So vergingen die Jahre.
– Hast Du Hände gewaschen?
– Ja!
– Wie kannst Du das ohne Wasser? Ich habe das Waschbecken kontrolliert.
– grummelmurmel

– Hände gewaschen?
– Vergessen!
– HÄNDEWASCHEN!
– ____

Ich versuchte alles. Ich hab Kind 1.0 sogar zum Einschlafen 365 Tage lang hintereinander, das Video der Kampagne „Wir gegen Viren“ gezeigt.
Erfolglos.
Kein Betteln, kein Flehen, kein Erklären, kein Bitten. Nichts half. NICHTS. Kind 1.0 wusch sich grundsätzlich nie die Hände. Niemals.
Ich war so verzweifelt.
Es half kein Schreien, kein Drohen, kein Weinen, kein Aufdembodenwälzen, kein Kopfaufdentischschlagen (meinen!), keine Bestechungsversuche.
Kind 1.0 war handwaschresistent.
2009 als die Schweinegrippe grassierte hat es drei Mal Hände gewaschen, glaube ich. Das wars aber schon.
Jetzt ist das Kind bald ein Teenager und ich hatte schon jede Hoffnung aufgegeben. Nur der abendliche Konsum der altgriechischen Heldensagen hielt in mir die Hoffnung wach, dass ich eines Tages einen Angriffspunkt in Sachen Erziehung finden würde. Und tatsächlich. Auch unser Archilleus war verletzlich. Er musste nur zu einem Jüngling heranreifen, damit sich mir seine Schwäche offenbarte.
Die Schwäche hieß Mädchen. Kind 1.0 hasst Mädchen. Sogar die Farbe rosa, die er mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert, empfindet es als bedrohlich. Wenn es zu lange etwas rosafarbenes betrachten musste, sucht es einen blauen Gegenstand und lädt sich an ihm wieder auf.
Just als ich diese Erkenntnis hatte, zog gegenüber ein leicht pubertierendes Mädchen ein. Sie schminkte sich schon und sie liebte Rosa. Ein Geschenk des Himmels. Sie wirkte auf mich wie eine von Gott höchst persönlich gesandter rosafarbener Bote der frohen Botschaft, wenn sie vom Flurlicht angestrahlt in unserem Wohnungsdurchgang stand und große rosafarbene Kaugummiblasen blies während sie sich ihre rosaglitzernden Sneaker abtrat.
Ich hörte sie durch die geschlossene Wohnungstür kichern und wenn morgens durch den Spion lugte, sah ich oft wie sie sich pinkglänzenden Lippgloss auftrug bevor sie zur Schule ging.
Dieses Mädchen war das Beste, das mir erziehungstechnisch je passiert ist. Ich traf mit ihr eine zugegebenermaßen nicht ganz billige Vereinbarung.
Das nächste Mal als Kind 1.0 verweigerte die Hände zu waschen, zog ich meinen Joker: Wenn Du nicht die Hände wäschst, hole ich das Nachbarsmädchen und es umarmt Dich.
Ungläubiges Gelächter.
Ich ging rüber und klingelte. Das Mädchen kam raus, trug sich lächelnd den Lippgloss auf und sagte: Kind 1.0, ich möchte Dich umarmen.
Kind 1.0 wechselte die Gesichtsfarbe.
Das Mädchen presste Ober- und Unterlippe aufeinander, um den Gloss besser zu verteilen. Vielleicht will ich Dich auch küssen.
Kind 1.0 begann zu zittern.

Seit diesem Tag haben wir kein Problem* mehr.

*Mit dem Hände waschen. Siehe auch „Kleidung zum Teil täglich wechseln

Ich habe nichts gegen Kinder, nur bitte nicht hier

Ich meine, irgendwo mal gelesen zu haben, dass die Bahn ihre Kleinkinderabteile abschaffen möchte. Eine intensive dreiminütige Recherche hat nur einen Artikel von 2003 dazu hervor gebracht. Da ich zumindest letztes Jahr einmal mit den Kindern Kleinkindabteil gefahren bin, weiß ich, dass es die im Moment noch gibt.

Sei es drum. Als ich also hörte, dass die Bahn ihre Kleinkindabteile abschafft, war ich entsetzt. Was soll das? Reisen im Kleinkindabteil ist super. Die Kinder können sich bewegen, spielen, plärren, ich kann stillen, wir können alles vollbröseln und Windeln wechseln ist auch kein Problem. Es gibt ohnehin viel zu wenig Plätze und dann sollen diese wenigen Plätze noch abgeschafft werden? Ja sind die denn verrückt?

Dann hat das Ganze in mir gearbeitet und ich habe meine Meinung inzwischen komplett geändert und ich fordere: Ja! Schafft die Kleinkindabteile ab! Schafft sie ab! Ich will keine Extrawürste für Familien mit Kindern mehr. Ich will, dass die Gesellschaft Kinder akzeptieren lernt. Dass die Menschen lernen aufeinander Rücksicht zu nehmen. Dass es akzeptiert wird, dass Kinder ein bißchen lauter sind als Erwachsene. Dass sie vielleicht mal auf den Sitzen stehen und andere angrinsen oder unqualifizierte Fragen der Art „Was machst Du da?“ stellen. Ich WILL, dass Menschen einen nicht böse und genervt anschauen, weil ein Baby schreit. Dass sie einem nicht das Gefühl geben, dass man die Sache nicht im Griff hat oder dass das Baby nicht gut erzogen ist (oder ähnlich absurde Ansichten, die man durchaus mitgeteilt bekommt, wenn ein der Sprache nicht mächtiges Wesen sich nicht anders als mit Schreien zu artikulieren weiß).

Ja und jetzt bin ich richtig in Fahrt und denke an diesen unsäglichen Artikel in der TAZ, der über die Prenzlauer Berg Mütter herzieht, weil sie es wagen in Cafés zu gehen und dann auch noch dort stillen. Auch habe ich den Artikel von Lars Reinecke, der sich darüber empört, dass am Familientag keine Kinder unter acht mit zur CeBIT dürfen, gelesen.

Was das alles miteinander zu tun hat? Es geht um Familienfreundlichkeit. Lars Reinecke schreibt (offenbar sehr wütend, wie man an der Wortwahl erkennen kann):

Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Am Arsch.

»Ja, in Dänemark und Schweden, da sind die Verhältnisse ja auch ganz anders, da sind die Leute ja auch viel kinderfreundlicher, so allgemein.«

Ja, verdammt, dann seid es hier doch einfach auch, ihr Arschlöcher! Vielleicht ändern sich dann hier auch die Verhältnisse.

Ich verstehe seinen Ärger, auch wenn ich die Vergleiche im Artikel und auch den Adressaten der Verärgerung (das Personal vor Ort) für inadäquat halte, aber ich verstehe es und ich sage: Mehr davon! Vor allem seitens der Väter. Wir wollen Gleichbereichtigung – auch in der Familie. D.h. dass es eine Durchlässigkeit in der Gesellschaft geben muss. Es muss eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie geben, das hilft den Frauen und das hilft den Männern ihre neue (und oft geforderte) Rolle als echte Familienväter wahrzunehmen.

Ich möchte einfach Toleranz und ich möchte nicht dass Kinder ausgeschlossen werden. Klar sind Eltern-Kind-Cafés schön. Aber wäre es nicht viel schöner, wenn man mit Kindern einfach in jedes x-beliebige Café oder Restaurant gehen könnte?

Das Thema lässt sich unendlich ausweiten und wie seltsam es ist, Kinder in eigene Abteile zu schließen, schwant einen, wenn man andere Abteile eröffnet. Behindertenabteile (ist doch toll!), Altenabteile (super!), Frauenabteile (grandios!), Abteile für Ausländer (Applaus!), …

Das Zauberwort ist gegenseitge Rücksicht. Meine Kinder müssen (sofern sie alt genug sind, das zu verstehen) ja nicht im Zug rumjohlen und schreien. Sie müssen nicht mit Essen werfen oder andere Fahrgäste bewusst belästigen. Aber warum sollen sie nicht im Gang laufen dürfen? Warum sollen sie nicht in normaler Zimmerlautstärke sprechen dürfen?

Ich bin neulich in einem Aufzug von einem alten Mann angesprochen worden, weil ich mich zu laut und unangemessen (Fachterminologien und Akronyme!) mit meinem Mann unterhalten habe. Da ist mir der Kragen geplatzt. Ich darf im Aufzug nicht sprechen? Nein, ich könne ja außerhalb des Aufzugs sprechen, wo er das nicht hören muss. Er möchte seine Ruhe wenn er Aufzug fährt. Alles klar…

Ganz ehrlich. Sollen doch diese Leute zuhause bleiben und alle anderen sollen raus und lernen, dass es Unterschiedlichkeiten gibt. In Lautstärke, in Temperament, in Gewohnheiten… Isolation der einzelnen, vermeintlich störenden Gruppen bringt doch nur das Gegenteil: Vorurteile verschärfen sich mangels Erfahrung miteinander und die Ansichten verhärten sich, weil alle nur noch dünnhäutiger werden.

Also: Kinder am Familientag auf die CeBIT und dann lieber das Personal schulen und an den Stellen eingreifen lassen und mit Argumenten ausstatten, an denen Kinder auf Unverständnis bei anderen Messebesuchern stoßen.

Erziehung: Das Fass ohne Boden (Einer von möglichen hundert Beiträgen)

Erziehung ist ebenso wenig wie das Leben selbst kein Ponyhof. Hier einige meiner Gedanken dazu.

Als Kind habe ich mich wahnsinnig viel gelangweilt. Aufgewachsen in einem fränkischen Dorf, in dem es Kinderbetreuung erst ab drei Jahren und dann nur zwischen 8 und 12 Uhr gab, war das sicherlich kein Spaß für meine Mutter. In Ermangelung eines Gartens hat sie mich einfach raus geschickt. Vielleicht nicht im Kindergartenalter, aber ich habe deutliche Erinnerungen an die Grundschulzeit in der ich in Gummistiefeln Kaulquappen in Tümpeln eines kleinen Waldstücks sammelte, Staudämme baute und Schnecken sammelte. Alleine und mit Freunden. Wir stiegen in verlassene Grundstücke ein und erdachten uns haarsträubende Mutproben.

Als die Pubertät einsetzte, sollte ich mehr zu Hause oder zumindest an Orten sein, an denen keine Gefahren in Form des anderen Geschlechts lauerten. Mein Vater ist Sizilianer. Ich verbrachte viel Zeit in Jugendgruppen der katholischen Kirche und las mich durch die Dorfbibliothek. Ich erinnere mich, dass die ausgeliehenen Bücher händisch eingetragen wurden und dass ich eines Tages jedes Buch meiner Altersklasse durchgelesen hatte.

Die Kindheit meiner eigenen Kinder verläuft völlig anders. Auf eine Weise. Denn wir leben in Berlin. Ich denke, es wird meinen Kindern nie möglich sein eine Bibliothek durchzulesen. Auf der anderen Seite können sie alles ausprobieren auf was sie Lust haben. Da meine Eltern keinerlei sportliche Ambitionen hatten, besuchte ich nicht mal den örtlichen Tennisverein. Meinen Kindern wünsche ich eine Grundsportlichkeit – v.a. aus gesellschaftlichen Aspekten. Ist die Ausbildung erstmal beendet, stellt Sport für mich eine der bequemsten Arten dar neue Menschen kennenzulernen. Auch war mein Kontakt zu anderen Kulturen sehr eingeschränkt. Ich schwöre, ich habe Döner erst mit 19 kennengelernt, als ich nach Bamberg zog, um zu studieren. Das exotischste Essen, das ich kannte war „chinesisch“. Ganz anders unsere Kinder. Sie wünschen sich Bliny, Kotbullar, Schawarma und endlich mal wieder Haloumi. Sie lernen Englisch im Kindergarten und halten Euromünzen aus anderen Ländern in den Händen.

Bei uns im Dorf gab es einen einzigen herunter gekommenen Spielplatz. Allein in einem Umkreis von 1000 Metern, gibt es in unserer derzeitigen Wohngegend zehn. So lange es das Wetter erlaubt, gehen wir jeden Tag nach dem Kindergarten auf einen der umliegenden Spielplätze. Ich denke, allein deswegen haben unsere Kinder es ganz gut bei uns.

V.a. aber weil ich ihnen ebenfalls das unschätzbare Geschenk des Sichlangweilens schenke. Wenn wir an einem Ort sind, an dem keine Gefahren drohen, klinke ich mich aus und überlasse die Kinder (altersgemäß) sich selbst. Nach anfänglichen Protesten, am Bein zerren und ähnlichen Versuchen mich in ihr Spiel einzubeziehen, zeigt meine Passivität Früchte. Die Kinder beginnen sich selbst zu beschäftigen. Sie erdenken sich Spiele, nehmen zu anderen Kindern Kontakt auf oder hängen sich bäuchlings über eine Schaukel und lassen sich das Blut in den Kopf steigen.

Auf unsere Familie trifft also nicht zu, was Jesper Juul in einem etwas älteren Interview mit Zeit Online bemerkt: „Die armen Kinder haben ja heute kaum noch Zeit für sich, sie haben keinen erwachsenenfreien Raum, wie meine Generation ihn noch hatte.

Eine Sache, die bei uns sehr anders ist als in meiner Kindheit, ist die Sache mit der Konsequenz. Was von meinen Eltern einmal gesagt war, war Gesetz. Es wurde nicht verhandelt. Wenn man Pech hat, erzieht man so Fatalisten. Für mich ist die Botschaft einer konsequenten Erziehung: Egal wie Du Dich bemühst, egal was Du tust, egal wie Du argumentierst – nichts ändert sich.

Deswegen sind wir ziemlich inkonsequent. Inkonsequent auch in dem Sinne, dass ich nicht davon ausgehe überhaupt in der Position zu sein alle Wahrheiten und Gesetzmäßigkeiten zu kennen. Ich habe oft festgestellt, dass Kinder Lösungen für Konflikte hervorbringen können, die mir nie im Leben eingefallen wären und die für mich völlig akzeptabel sind. Für die Freiräume, die ich meinen Kindern einräume, bekomme ich oft sehr viel zurück. Wenn ich in einer Situation nachgebe, in der es mir durchaus möglich ist, lassen meine Kinder im Gegenzug Dinge der Art: „Ich bin zu erschöpft jetzt noch Eis essen zu gehen, können wir das bitte verschieben?“ gelten.

Ein dritter großer Themenkomplex, der eine Rolle in unserer Erziehung spielt, wird ebenfalls im oben genannten Interview angesprochen: Er betrifft das Glücklichsein.

Natürlich wünschen auch wir uns glückliche Kinder – aber wie man weiß, ist das Leben kein Ponyhof und damit muss man umgehen lernen. Unsere Kinder bei Rückschlägen zu unterstützen und sie mit Kompetenzen auszustatten dennoch glücklich und optimistisch zu bleiben, ist mir viel wichtiger als sie in einer Glücksblase aufwachsen zu lassen. Einen wunderbaren Artikel dazu hat Dirk Böttcher in der brand eins geschrieben (bitte UNBEDINGT lesen). Dem ist nichts hinzuzufügen.

Deswegen halte ich es auch für richtig sich vor den Kindern authentisch zu verhalten. In unserer Familie gibt es die geflügelte Formulierung: „Streitet ihr jetzt oder diskutiert ihr noch?“.  Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder mitbekommen, dass nicht alles glatt und ideal verläuft, dass es Meinungsverschiedenheiten, Befindlichkeiten, äußere Zwänge und negative Gefühle gibt. Sie lernen hoffentlich auch, dass es immer Wege der Bewältigung gibt und dass man sich verzeihen kann, dass man Kompromisse erarbeiten und mit Alternativen zufrieden sein kann. Jedenfalls wünsche ich mir das. Wie schön, dass Jesper Juul das auch denkt:

ZEITmagazin: Was ist Ihr wichtigster Rat an die Eltern von heute?

Juul: Seid nicht so perfektionistisch. Bis man wirklich gut ist im Erziehen, muss man mindestens vier Kinder haben. Aber glücklicherweise brauchen und wollen Kinder keine fix und fertigen Eltern. Kinder haben viel Verständnis für Fehler – sie machen ja selbst den ganzen Tag welche und lernen daraus. Eltern fragen mich ständig: Ist es erlaubt, Kindern gegenüber laut zu werden? Natürlich ist es das, man darf heulen, schreien, alles Mögliche. Kinder brauchen lebende Eltern. Sie brauchen keine Schaufensterpuppen.

Braucht noch jemand Buchempfehlungen? Meine Bibeln in Sachen Kindererziehung sind: „In Liebe wachsen„, „Das kompetente Kind“ und „Kinder verstehen„.

Zukunftsprognosen

Musikalität soll man fördern und Vorurteile abbauen.

WARNUNG KLICKEN SIE NICHT AUF DEN VIDEOLINK WENN SIE IM BÜRO SITZEN

Jedes unserer Kinder hat so seine Eigenarten. Es bleibt der Phantasie überlassen, sich deren Zukunft auszumalen. Bei Kind 3.0 habe ich ein klares Bild. Seine ersten Worte waren „L A U T“ und „TA TÜ TATA!!!111!!!

Dementsprechend wird es sein Geld wohl als Shouter verdienen:


(Fast so anmutig wie Star-Schwärme, oder)

Recherchen zufolge ist es durchaus möglich als Sänger einer Metal-Musikkapelle ein geregeltes Einkommen zu erwirtschaften. Schwer stelle ich mir nur vor, wenn Kind 3.0 gerne möchte, dass ich es bei seinen Auftritten begleite. Auch erschließt sich mir nach Konsum diverser Metal-Videos nicht in welchem Takt ich mitklatschen könnte.

Aufhalten kann ich diese Karriere ohnehin nicht mehr. Am Wochenende am Flohmarkt entdeckte das Kind ein Kinderschlagzeug. Das Schlagzeug stand einfach nur rum, aber Kind 3.0 ahnte sofort dessen Einsatzzweck. Klugerweise hatte die Verkäuferin auch keine Holzklöppelchen zur Verfügung gestellt. Dennoch wusste unser Jüngstes Bescheid. Es riss sich von meiner Hand und sprang in das Schlagzeug. Dann trommelte es auf die verschiedenen Membranophone und lobpreiste: „LAUT MAMAAAA LAAAAUUUuuuuTTT!!“. Ich wollte es weg ziehen, aber es umklammerte mit Armen und Beinen das ganze Gerät und schlug mit dem Kopf auf die Becken ein.

Vermutlich, sah auch Kind 3.0 für einen Moment ein klares Bild seiner Karriere. Für das Lungenvolumen wirkt sich die oben vorgestellte Art zu musizieren vermutlich positiv aus. Nebenberuflich könnte Kind 3.0 deshalb Rekorde im Apnoetauchen aufstellen und Mutti die ein oder andere Perle vom Meeresgrund hoch holen. Gar nicht so schlecht. Da bereue ich es fast, dieses Schlagzeug nicht gekauft zu haben. NICHT.

Groß werden

Die frühe Kindheit ist ein Klacks gegen das was einen nervlich erwartet wenn die Kinder im Übergang zum Erwachsenwerden sind. Eine Versuchsreihe soll herausfinden, welche Erziehungsmethode die besten Ergebnisse bringt.

Kaum ward das erste Kind geboren, häuften sich die aufmunternden Worte in der Umgebung: „Das erste halbe Jahr, das ist der Horror.“ Das erste halbe Jahr kam und ging und nichts passierte. „Warte nur, bis die Zähne kommen! Ein Albtraum!“ Die Zähne kamen und nichts passierte. „Wenn die mobil werden! Stress ohne Ende“. Nichts passierte. „Die Trotzphase!“ Nichts! “

So zogen die Jahre ins Land und plötzlich ebbte das Warnen ab.

Völlig zu unrecht! Denn heute frage ich mich: Warum warnt eigentlich niemand vor den großen Kindern? Sie können laufen, sprechen, sich selbst essen machen, Handys bedienen, selbständig an Dinge denken, … jedenfalls theoretisch. Theoretisch erreichen Kinder relativ schnell ein Alter in dem sie relativ eigenständig existieren könnten und es war durchaus mein Wunsch eigenständige Kinder zu haben. Doch vom Eifer des Vorschülers ist bald nichts mehr übrig.

So steht Kind 1.0 z.B. heute morgen in der Küche und trägt einen Pullover, den es schon am Sonntag, Samstag, Freitag, Donnerstag und Mittwoch an hatte. Weiter erinnere ich mich nicht zurück. Ich vermute also, dass es das Kleidungsstück auch schon am Dienstag und Montag trug.

Am Montag Morgen möchte man nicht gleich schlechte Stimmung sähen, also frage ich [scheinheilig]: „Ach, hattest Du den Pullover nicht schon gestern an?“ „Nein, da irrst Du Dich, gestern hatte ich einen Pullover an, der sieht so ähnlich aus. Er hat keinen Aufdruck und dafür eine Kapuze, er ist rot und nicht blau, aber nein DIESEN hatte ich nicht an.“ „Weißt Du,“ informiere ich das Kind „Ich bin weder blöd noch farbenblind und deswegen denke ich, Du solltest jetzt zurück ins Zimmer gehen und Dich umziehen…“

Das Kind, außer sich vor Wut, trampelt ins Zimmer zurück. Wir würden es auch immer wieder zum Duschen zwingen! Wir seien sowas von streng! Auch das Wechseln der Socken forderten wir regelmäßig ein! Wie es dadurch unter Druck gesetzt würde, darüber machten wir uns wahrscheinlich nie Gedanken! Vom Händewaschen und anderen abstrusen Forderungen gar nicht zu sprechen! Zähne putzen sogar mehrmals täglich! Die Kinderhotline würde es anrufen, wenn es so weiter ginge mit uns Despoten!!!

Da bin ich noch mal in mich gegangen und habe die Männer in meiner Umgebung geprüft. Tatsächlich wechseln gut 80% relativ regelmäßig ihre Kleidung und nur wenige müffeln. Ein Großteil hat mit 35 noch alle Zähne und recht viele haben einen stattlichen Beruf.  Ich entschließe mich eine Versuchsreihe unter meinen Kindern zu starten. Das erste werde ich jetzt einfach nicht mehr ermahnen – zumal ich bereits die Erfahrung gemacht habe, dass alles meckern völlig ohne Effekt bleibt. Das zweite ständig. Das dritte intermittierend. Wollen wir doch mal sehen, welches dann das beste und klügste wird!

Die Kinder der anderen

Freunde braucht man nicht unbedingt. Hauptsache man hat gut erzogene Kinder, die freiwillig Zähne putzen, alleine ins Bett gehen und morgens die Zeitung holen.

In Erziehungsfragen mischt man sich nicht ein. So sehe ich das jedenfalls. Ich würde anderen nie ungefragt irgendwelche Tipps und Verbesserungsvorschläge geben. Nie, nie, nie. Das erhält Freundschaften.

Allerdings ist nichts dagegen einzuwenden mal mit guten Beispiel voraus zu gehen. Dann sehen die anderen einfach mal, wie toll ihre Kinder sein könnten, wenn sie sie nur ordnungsgemäß erzögen.

Als wir in den Scubes übernachtet haben, bot sich eine Möglichkeit bei der wir den anderen Übernachtungsgästen mit Kind ein gutes Vorbild sein konnten. Während deren Kinder nämlich um 22 Uhr immer noch aus den Scubes plärrten, schliefen unsere Wonneproppen schon seit zwei Stunden. Wir haben vorher vor den Augen der anderen gemeinsam Zähne geputzt, dabei hat natürlich keines unserer Kinder geschrieen. Dann haben unsere Kinder die Schlafanzüge angezogen und haben sich hingelegt.

Wir saßen ab da vor den Scubes und haben Wein getrunken und den anderen dabei zugeschaut wie erst die Väter geschickt worden sind, die Kinder bettfertig zu machen, dann die Mütter hinzukamen, um die Kinder ein siebtes Mal hinzulegen bis schließlich gegen Mitternacht alle anderen Kinder schliefen.

Wir sind dann ins Bett und haben bis 10.30 Uhr geschlafen. Wir hätten freilich noch länger geschlafen, wäre da nicht seit 6.30 Uhr der Lärm der anderen Kinder gewesen. Da die Kinder dann aber schon wach waren, haben wir sie geschickt und Kaffee und Brötchen zu holen.

Komischerweise waren die anderen übrigens total unfreundlich zu uns und wollten nichts mit uns zu tun haben. Warum? Das weiß nur der Wind.

Prächtige Zukunft voraus

Kurt von Hammerstein-Equord hat es schon vor über 120 Jahren gewußt. Menschen kann man in dumm und klug, sowie fleißig und faul einteilen. Bezogen auf Führungsaufgaben lässt sich seine Theorie wie folgt zusammen fassen:

„Es gibt kluge, fleißige, dumme und faule Offiziere. Meist treffen zwei Eigenschaften zusammen. Die einen sind klug und fleißig, die müssen in den Generalstab. Die nächsten sind dumm und faul; sie machen in jeder Armee 90% aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifiziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bringt die geistige Klarheit und die Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit. Hüten muss man sich vor dem, der gleichzeitig dumm und fleißig ist; dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten.“

Ich gebe das mal zu bedenken, für den unwahrscheinlichen Fall, dass es Eltern gibt, die jeden Abend die deutlich über 6jährigen dazu auffordern müssen, komplizierte Pflichten wie das Zähneputzen zu erfüllen und sich grämen, dass sie das Abend für Abend tun ohne dass sich das Verhalten nennenswert verbessert. Manche mögen sogar verärgert sein, wenn das widerspenstige Kind nicht nur NICHT die Zähne reinigt sondern sich sogar tatsächlich aufrafft, ins Bad geht und das Zähneputzen hinter verschlossener Tür geräuschlich imitiert.

Vorausgesetzt das Kind ist klug (wie es ja alle eigenen Kinder im höchsten Maße sind), heißt das nämlich nur eines: Das Kind kommt ohne Umweg in die Vorstandsetage und wird mit Hilfe des utopisch hohen Gehalts für den bequemen und sorgenfreien Altersruhestand der Eltern sorgen. Vorausgesetzt sie geben das allabendliche Zetern auf.

Welches Schweinerl wärens denn gern?

Treue Leser meines Blogs wissen, dass ich nicht seit jeher Kinderfan bin. Ich bin eher in die Kindersache reingeschlittert und irgendwann war mein psychologisches Interesse geweckt. Glücklicherweise habe ich an einer Uni studiert, die viel von Einzelfallanalyse hält. Eine ordentliche Grundgesamtheit n, die wissenschaftlich reliable und valide Allgemeinaussagen liefert, wäre ich zu gebären nicht imstande gewesen.

So betrieb ich die ersten Jahre zunächst Schwellenforschung, wobei mich v.a. die Schwellen von Erwachsenen im Vergleich zu denen der Kinder interessierten. Nehmen wir die Schwelle, mit der man Wiederholungen erträgt.

Kind 1.0 fand es z.B. sehr lustig auf dem Bett herum zu springen und „Miau miau“ zu schreien. Mir fiel gleich auf, dass Kind 1.0 das sehr lange, sehr lustig fand. Also gesellte ich mich dazu und schrie ebenfalls „Miau miau“ und registrierte unmerklich die Anzahl der Wiederholungen.

Schnell bemerkte ich, dass mein Forschungsgeist, mein Wille und einige andere dringend notwendige Fähigkeiten zum Abschluss dieses Experiments nicht ausreichend ausgeprägt waren. Ich musste mehrere Testreihen bei n=276 Wiederholungen abbrechen. Als Teilergebnis meiner wissenschaftlichen Studie konnte ich immerhin festhalten, dass meine Schwelle bei ca. zwölf Mal „Miau miau“ schreien und hüpfen erreicht war. Die Schwelle des Kindes, wie gesagt, ist trotz jahrelanger intensiver Forschungsarbeit bislang nicht wissenschaftlich zu ermitteln.

Interessanter noch als die Schwellenforschung erweist es sich, motivationale Hintergründe des Miau miau Schreiens zu ergründen. Zumindest diese Frage ist psychologisch einfach zu beantworten. Die Kinder haben noch kein stabiles Selbstvertrauen. Dieses bildet sich erst im Verlauf ihrer Entwicklung mit der steigenden Anzahl an Erfolgserlebnissen. Wenn sie Dinge wiederholen, stabilisieren sie ihre Erfahrungen und es ist ihnen nach und nach möglich einen stabilen Erwartungshorizont zu bilden, was sich positiv auf das Selbstbewußtsein (sie wissen was passiert! sie können es vorher sagen) und das Kompetenzempfinden auswirkt.

An der Ergründung einer anderen, sehr interessanten Frage forsche ich im Moment. Es ist die Frage des kindlichen Anthropomorphismus: Warum wollen Kinder andere Dinge sein und noch schlimmer warum wollen sie, dass ICH andere Dinge bin.

Jedes unserer Kinder ist früher oder später in diese Phase eingetreten. Dann werde ich mit Fragen der folgenden Art gelöchert:

  • Welcher Powerranger willst Du sein? (und mit dieser Frage ist man noch gut bedient, denn man kann rational nach Farben und/oder Fähigkeiten der einzelnen Powerranger eine Entscheidung treffen)

Schwieriger wird es bei:

  • Welches Pferd willst Du sein?*

Und richtig lange meditieren kann man über die Fragen der folgenden Art:

  • Welcher Stein willst Du sein?

Wer glaubt, dass man einfach zufällig auf eines der zur Auswahl stehenden Objekte zeigt und sagt „Der da“ bzw. „Das da“ und damit ein Kind zufrieden stellen kann, der hat keine Kinder. Die nächste Frage lautet nämlich „Warum?“ und dann gilt es eine ausdifferenzierte Antwort zu geben oder man gelangt in die unendliche Warum-Fragen-Möbius-Schleife.

Jedenfalls ist mir bis zum heutigen Tag völlig rätselhaft welche Kompetenz sich in dieser Personifizierungsphase ausbildet. Ich hätte eben doch noch ein Aufbaustudium nachlegen sollen.

Welcher Stein willst Du sein?

———

*Glücklicherweise gibt es das Internet, das alle Fragen beantwortet. Falls man also vom Kind gefragt wird, welches Pferd man sein möchte, einfach schnell den Test machen. Bei der Powerrangerfrage gibt es übrigens auch Hilfe.