Von Antje Schrupp kenne ich den Spruch „Das Gegenteil ist genauso falsch“. Daran musste ich im Zusammenhang mit dem Thema Vereinbarkeit denken, als ich diesen Text eines Mannes las, dessen Frau sich offenbar standhaft weigert (trotz ursprünglich guter Qualifikation) mitzuverdienen. „A letter to … my wife, who won’t get a job while I work myself to death“
„I don’t think I can do this for another 25 years. I often dream of leaving my firm for a less demanding position, with you making up any financial deficit with a job – even a modest one – of your own. I’ve asked, and sometimes pleaded, for years with you to get a job, any job. Many of my free hours are spent helping with the house and the kids, and I recognise that traditional gender roles are often oppressive, but that cuts both ways. I would feel less used and alone if you pitched in financially, even a little.“
Was mich an dem Text berührt hat, ist genau diese letzte Passage, in der es heisst, dass sich der Mann einsam und missbraucht fühlt.
Wenn es mit dem Thema Vereinbarkeit, Kinder und gerechte Aufteilung nicht klappt, wird oft gefragt: „Warum hast du dir denn so einen Partner ausgesucht?“ – was im Grunde nichts anderes heisst als „biste am Ende selbst schuld.“
Tatsächlich ist es aber so, dass man sich nicht vorstellen kann, wie eine Beziehung sich entwickelt, wenn erstmal ein, dann zwei, dann vielleicht sogar drei Kinder da sind. Man kann sich auch nicht vorstellen, wie es ist dann „nebenher“ arbeiten zu gehen, man hat keine klare Vorstellung der eigenen Belastbarkeit und keine wirkliche Einschätzung zu dem, was man überhaupt belastend und zermürbend empfindet.
Ich muss z.B. ganz ehrlich sagen: Mir macht ein Vortrag vor 100 Leuten weniger Stress als eine schlaflose Nacht mit fiebrigem Kind. Ich kann auch in einem beruflichen Meeting mit verschiedenen Meinungen total ruhig bleiben, während mir bei einem Elternabend schon nach 30 Millisekunden das Blut in den Ohren rauscht, wenn wieder jemand unbedingt Bio-Essen haben möchte gleichzeitig aber nicht mehr als zwei Euro am Tag für das Essen ausgeben will (WILL, nicht kann!).
Vor über zehn Jahren bin ich mit dem im Kopf gestartet, was ich gelernt hatte: Die Mutter ist das beste fürs Kind, Kinderbetreuung liegt der Mutter im Blut, wenn man Kinder frühzeitig in Fremdbetreuung gibt, ist man ein schlechter Mensch.
Das hat sich nach und nach geändert. Zum Beispiel weil wir einen Kindergarten gefunden haben, der wirklich der beste Kindergarten ist, den man sich für ein Kind vorstellen kann. Wenn die Kinder dann protestieren, weil man sie abholt, wenn sie am Spielplatz sofort wieder mit den anderen Kindern aus dem Kindergarten weiterspielen wollen, wenn sie im Urlaub die Erzieherinnen vermissen, wenn sie sich überhaupt recht prächtig entwickeln – dann fällt es doch ziemlich schwer an der Überzeugung fest zu halten, Fremdbetreuung sei schlecht für die armen Kleinen.
Auch spielt das Umfeld eine Rolle. In Berlin ist es sehr üblich nach 12 Monaten wieder arbeiten zu gehen. Man fühlt sich eher wie ein Alien wenn man es nicht tut.
Wenn man dann angefangen hat wieder zu arbeiten und sieht, dass der Job Spaß macht, dass die Abwechslung gut tut, dass die Bestätigung eine andere ist als die eines Kinderlächelns, ja, wenn man sogar so viel Geld nach Hause bringen kann, dass es nicht ein niedlicher Zuverdienst ist (der von den Kosten der Kinderbetreuung wieder verschlungen wird), sondern ein Gehalt von dem man leben kann, dann tut sich auch so einiges im Kopf.
Deswegen lies mich auch dieser Text auf spreadrandomthoughts zum Thema Vereinbarkeit innerlich nicken:
„ich selbst komme aus einer mittlerweile beendeten ehe mit zwei kindern, in der beide elternteile gearbeitet haben, ich in teilzeit, vornehmlich aus finanziellen gründen. darüberhinaus würde ich im rückblick sagen, war ich neben arbeit und dreijähriger berufsbegleitender therapeutenausbildung zu sagen wir 90% für die carearbeit zuständig. die wut darüber kam sehr langsam. es war eher so ein langsames einsickern des ungerechtigkeitsgefühls und so richtig bewusst wurde es mir erst in der zeit der trennung und danach. zudem glaube ich, dass diese jahrelange ungerechtigkeit einen großteil am scheitern unserer beziehung ausmachte. jetzt – 3 jahre nach der trennung – funktioniert die verteilung von care und erwerbsanteilen wesentlich besser, im sinne von gerechter.“
Auch hier meine ich wieder das Thema Einsamkeit und Missbrauchsgefühl herauszulesen.
Ein Plädoyer für die vollzeitarbeitende Mutter verfasste Modeste. Ich lese den Blog sehr gerne und kann viele Punkte verstehen, allerdings stört mich (nicht nur in ihrem Text) die Forderung Frauen müssten langsam mal mehr einfordern:
„Ansonsten möchte ich, dass Frauen endlich verhandeln. Mit ihren Männern. Dass Frauen darauf beharren, dass ihr Job ebenso wichtig ist wie seiner, auch wenn sie weniger verdient. Dass Paare die lästigen Termine wie die Vorsorgeuntersuchungen oder den Elternabend paritätisch aufteilen. Dass sie sich nicht damit abspeisen lassen, sein Chef wäre böse, wenn er Elternzeit nimmt oder wegen der U 8 erst um 10.00 erscheint. Ihr Chef ist schließlich auch nicht begeistert, da müssen sich die Männer mehr trauen, die Frauen mehr darauf pochen und auch die Chefs bewegen. Ich würde mir außerdem wünschen, dass Frauen auch einfach mal die Füße stillhalten, wenn das Kind komisch angezogen aussieht oder ein merkwürdiges Geschenk für einen Geburtstag mitbekommt, wie manche Mütter begründen, warum sie sich nicht auf ihren Mann verlassen können. Das werden die ebenso lernen wie ihre Frauen.“
Wahrscheinlich stört mich das v.a. weil ich kaum Fälle kenne, in denen Verhandlungen ein konstruktives Ergebnis erbracht hätten. Meistens endet dieses Verhandeln eher in einer Trennung.
Und ganz am Ende wünsche ich mir in naiver Verklärtheit natürlich nach wie vor, dass es auch Männer gibt, die von alleine – ohne Einfordern – einsehen, dass der Job ihrer Frau genauso wichtig ist wie der eigene…
Tatsächlich merke ich an mir selbst langsam eine Ermüdung was dieses Thema angeht und frage mich, wie viel Frauen in diesem Thema überhaupt noch bewegen können und ob „wir“ am Ende nicht darauf angewiesen sind, dass das andere Geschlecht auch Veränderung möchte.
Denn letztendlich – das zeigt der erste Text des sich zu Tode arbeitenden Vaters – beide Extreme scheinen doch irgendwie falsch und ungesund zu sein, sollte da nicht auch Veränderungsdruck von den Männern kommen?
(Von unseren Söhnen vielleicht?)
















