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Scoyo Elternabend Thema Vereinbarkeit am 19. Mai um 21 Uhr

Im Rahmen der Vorbereitungen für das Gespräch am Scoyo Elternabend, habe ich mir einige Gedanken gemacht.

Vereinbarkeit, was genau bedeutet das eigentlich?

Ich sehe Vereinbarkeit in einem größeren Rahmen also nicht nur bezogen auf Familie vs. Job. Für mich hat Vereinbarkeit etwas mit einem Miteinander zu tun und Miteinander bedeutet immer, dass nicht alle gleichermaßen und zu jeder Zeit ihre persönlichen Interessen und Bedürfnisse durchsetzen können. Für mich konkret als Mutter bedeutet das schlicht, der erste Schritt zum Thema Vereinbarkeit ist tatsächlich, dass ich lerne meine eigenen Bedürfnisse, da wo nötig, zurück zu stellen. Je nach Selbständigkeitsgrad der Kinder beispielsweise gehört es für mich zum Muttersein* meine persönlichen Bedürfnisse zurückzustellen und in erster Linie die der Kinder zu erfüllen.

Die Kunst ist es nur, dass man dran bleibt und sich die Freiräume, die dann irgendwann wieder entstehen zurück holt und dass man versucht die Verantwortung zu verteilen. (Nicht alle haben die Möglichkeit dazu – das ist mir klar. Manchmal fehlt der Partner, manchmal die Familie, manchmal gibt es keine oder nur mangelnde Kinderbetreuung.).

Eng mit dem Thema Vereinbarkeit sehe ich das Thema Perfektionismus verbunden. Ich schrieb bereits darüber. Mein Plädoyer lautet: Nicht darüber nachdenken was man so macht, sondern darüber, was einem persönlich gut tut. Konkret: es muss nicht immer frisch gekocht werden, es ist OK wenn die Kinder mal eine halbe Stunde fernsehen, eine Packung Würstchen fürs Kindergartenbuffet statt der selbst gemachten Quiche ist auch ausreichend. Das alles spart Zeit, schafft Freiräume, entlastet und gibt Platz. Ich glaube, meine Kinder wollen lieber eine entspannte Mutter als eine selbst gebackene dreistöckige Geburtstagstorte.

Weitere Tipps (und ich weiß auch hier, das ist aufgrund der finanziellen Situation nicht möglich für alle Familien… aber da wo es möglich ist, einfach mal darüber nachdenken wohin das Geld fließt): Lieferdienst statt selbst einkaufen (irre Zeit- und Stressersparnis), vielleicht eine Putzfrau einstellen, outsourcen wo es nur geht.

Was den Job angeht (auch hier lebe ich im Paradies…), wenn irgendwie möglich, einen Arbeitgeber suchen, der:

  • Flexible Arbeitszeiten
  • Home Office
  • Teilzeitmodelle
  • Überstundenausgleich

bietet. Dessen Unternehmenskultur ergebnisorientiert ist und der die Leistung nicht über eine Präsenzkultur definiert.

Auch beim Job ist es oft so, dass man nicht alles gleichzeitig haben kann. Für mich war es im Familienkontext immer wieder eine Frage wie viel uns z.B. Geld vs. Flexibilität wert ist. Kleinere Arbeitgeber sind oft nicht die Topbezahler der Branche, machen aber vieles durch die Arbeitsbedingungen wieder wett.

Als Mitarbeiterin bin ich selbst Teil der Unternehmenskultur und kann bestimmte Dinge unterstützen, die Familienfreundlichkeit fördern. Wenn ich z.B. selbst Meetings organisiere, biete ich keine Termine vor 10 und nach 15 Uhr an.

Ich versuche auf meine Kommunikation zu achten. Ich höre z.B. oft beim Thema Home Office sowas wie “Ach, da bist du ja nicht da”, das nervt mich kolossal, denn ja, ich bin physisch nicht da, aber ich arbeite. Ich bin per Mail, per Telefon und über den Chat erreichbar. Wenn also Kolleginnen im Home Office sind, bemühe ich mich umgekehrt so mit ihnen zu arbeiten, wie ich es tun würde, wenn sie ein Büro weiter sitzen und vermeide solche Bemerkungen.

Ich dokumentiere meine Arbeit so gut es geht. (Im Grunde versuche ich Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass der Prozess an sich eine ordentliche und nachvollziehbare Dokumentation hervorbringt. Sowas stützen Systeme wie Wikis oder Ticketsysteme, aber das ist ein großes, eigenes Thema). Ich poche auf verteilte Verantwortung im Sinne einer Vertreterregelung.

Wichtig ist es für mich auch, Kinder in allen Lebenssituationen willkommen zu heißen. Egal, ob ich in einem Vortrag sitze und ein Baby weint, ein/e KollegIn ein Kind mal mit ins Büro oder jemand sein brabbelndes Kleinkind mit in eine Kunstausstellung nimmt. Wenn ich bemerkte, dass sich jemand wegen vermeintlich störender Kinder zurück ziehen will, versuche ich die Person zum Bleiben zu motivieren. Zumindest versuche ich klar zu signalisieren: Geräusche, Getrappel etc. das alles ist OK für mich. (Ein schönes Beispiel für dieses Verhalten habe ich neulich im Netz gefunden).

Es gibt ziemlich viel was man selbst tun kann, um eine familienfreundliche Atmosphäre zu schaffen und alles hat schlicht und ergreifend mit gegenseitiger Rücksichtnahme und dem Zurückstellen eigener Bedürfnisse zu tun.

Darüber hinaus sind für mich klare Absprachen mit dem Partner wichtig. Das hat bei uns – so traurig es klingen mag – bis zur Trennung nicht so gut geklappt. Es gab zwar Eckpfeiler über die wir uns in Sachen Job und Familie verständigt haben, aber vieles war implizit. To keep a long story short: Am Ende hatte ich das starke Gefühl von ungerechter Verteilung und mein Partner das Gefühl überzogener Ansprüche an ihn.

Mit der Trennung hat sich das interessanterweise verändert und wir sind beide zufriedener. Wir haben glasklare Absprachen, die Befüllung des gemeinsamen Kalenders klappt und die Informationen fließen zuverlässiger.

Deswegen meine Empfehlung: Schon vor dem Kinderbekommen klar absprechen und zwar auch die Details. Es ist einfach sich über Hol- und Bringsituation abzusprechen. Die tatsächliche Belastung habe ich immer in den Alltagsthemen empfunden. Das mag lächerlich klingen, aber ich bin an der Verantwortung für die kleinen Dinge in die Knie gegangen, weil wir nie darüber geredet haben: Fingernägel schneiden, neue Sportschuhe kaufen, wer besorgt das Geschenk für die Einladung des Kindes zu einem Kindergeburtstag, wer denkt an den Rucksack für den Ausflug, wer an die Wechselwäsche, was ist mit dem Schlafsack, der für die Kitaübernachtung benötigt wird, wer geht mal wieder mit dem Kind zum Haare schneiden, was bringen wir zum Schulsommerfest mit, wer besorgt es., wer macht den Vorsorgetermin für die nächste U-Untersuchung aus, wer geht mit dem Kind dahin… Tausend kleine Dinge eben.

Deswegen lohnt es sich wirklich mal eine Liste zu machen was es alles zu erledigen gibt und sich dann fest abzusprechen welches Thema wem gehört (man kann es Themen auch rotierend belegen, Hauptsache es ist gibt klare Verantwortlichkeiten).

Ich könnte ganze Romane schreiben über das Thema. Wenn man mich aber bitten würde mich auf die wesentlichen Tipps zu beschränken, würde ich folgendes sagen:

  • Perfektionismus fahren lassen.
  • Aufgaben verteilen (auf alle verfügbaren Menschen. Den Partner, andere Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, Erzieherinnen und Erzieher und am Ende – je nach Alter der Kinder: auf die Kinder)
  • Selbständigkeit der Kinder fördern (dazu gehört z.B. Rahmenbedingungen schaffen, damit das geht z.B. räumliche Nähe der Schule und damit des Freundeskreises, keine Aktivitäten, die verlangen, dass man die Kinder durch die Gegend fahren muss etc.)
  • Nicht zu vergessen: Sich für Politik zu interessieren, wählen gehen, an Demos teilnehmen und so versuchen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – Kinderbetreuung etc. – zu verbessern.

Und wenn das jemand liest und denkt: Ich hab ja keine Kinder, mich geht das nichts an… Am Ende geht es nämlich nicht um Kinder- oder Familienfreundlichkeit. Es geht immer um Menschenfreundlichkeit. Das sollte man sich vor Augen führen. Es geht bei Vereinbarkeit nicht um Eltern und Kinder. Sondern um seelische Gesundheit und dem Anrecht eines jeden auf ein gutes Leben. Egal, ob man sich um die eigenen Kinder kümmert, ob man sich um Pflegebedürftige kümmert oder ob man einfach Zeit für sich braucht.


 

*Ich schreibe vom Muttersein, weil ich eine Mutter bin, ich denke aber, das selbe gilt natürlich fürs Vatersein (sofern man diese Rolle ernst nimmt zumindest).

Weitere Lesetipps:

Die geschätzte Béa Beste schreibt über Vereinbarkeit:

Vielleicht geht es nicht um Vereinbarkeit von Kinder und Karriere – sondern um Vereinbarungen unter Menschen

Annelu in Kind und Karriere – geht das? scheibt: “Es ist sicherlich möglich, Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren, dabei ist aber das Tempo entscheidend. Es kann nicht parallel alles im gleichen Tempo stattfinden. Mal geht eines besser, mal das andere.”

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Die tägliche Übung

Ich weiß nicht genau, wann “man” (=ich) sich dieses seltsame Verhalten aneignet, aber ich glaube, es war irgendwann zu Schulzeiten. Da hängt man mit Freundinnen ab und erzählt sich gegenseitig was alles doof ist. Ich erinnere mich schon in der 5. Klasse meine Haare doof gefunden zu haben. Und dann habe ich mir einen schönen Blumenstrauß an stetig wechselnden Komplexen zugelegt. Nase zu groß, Kinn zu hervorstehend, Füße häßlich, Arme zu dick. Eigentlich völlig egal. Es gab lediglich eine Stelle, die ich immer super fand. Leider war die nur 4 Quadratzentimeter groß (Ein winziges Stück Haut rechts und links an den Hüften – warum ich ausgerechnet diese Stelle immer toll fand, das weiß der Fuchs).

Nachdem meine Freundin und ich uns ständig gegenseitig erzählt haben, was wir an uns doof und hässlich fanden, sind wir in der Pubertät dazu übergegangen Sachen an anderen doof und häßlich zu finden. Wir verbrachten fortan unsere Freizeit damit uns mit anderen zu vergleichen und das herauszustellen, das nicht perfekt war. Perfekt im Sinne von den Abbildungen der Zeitschriften, die wir lasen oder der Fernsehsendungen und Musikvideos, die wir anschauten (geschmackvolle Dinge wie Cinderella 80 mit Bonnie Bianco!).

Irgendwann hat das aufgehört. Ich glaube, weil ich nicht mehr so viel Freizeit, keinen Fernseher und v.a. Zugang zum Internet hatte. Genau weiß ich es aber nicht.

Viel hat sich auch mit dem Mutterwerden und Vorbildseinwollen geändert. Ich habe das gewohnheitsmäßige Gejammere über meinen unperfekten Körper einfach eingestellt. Ich habe aufgehört mich ständig zu vergleichen und ich versuche meinen Kindern ein positives Körpergefühl zu vermitteln. In der Geo Wissen “Mütter”, S. 21 ist ein schönes Bild zu sehen, das Mutter und Tochter im Handtuch bzw. nackt zeigt. Darunter steht “Ein positives Körpergefühl der Mutter beeinflusst auch die Eigenwahrnehmung der Tochter […] in Israel war es üblich, in Unterwäsche in der Wohnung herumzulaufen oder miteinander im Bad zu sein.” Es wird auch erwähnt, dass viele (in den USA) ihre eigene Mutter noch nie nackt gesehen haben. Das ist nicht nur in den USA so. Ich kenne viele FreundInnen, die ihre Eltern noch nie nackt gesehen haben. Diese Vorstellung fand ich schon als Kind total verrückt.

Jedenfalls was ich eigentlich sagen wollte. Man kann sich diese negative Brille wirklich abgewöhnen. Am Anfang erscheint es wie eine alberne, gedankliche Turnübung. Man sagt sich einfach immer das Gegenteil von dem was man als Automatismus im Kopf hat. Dann sucht man mal bewusst nach Dingen, die man toll an sich und auch an anderen findet.

Jetzt bin ich bald 40 und mir ist das alles ziemlich egal. Ich schaue auch kaum noch in den Spiegel. Ich fühle mich gut und bin manchmal so absurd zufrieden mit mir, dass ich mich frage, warum konnte ich das nicht vorher haben? Ab und an wundere ich mich noch über Fotos, die ich von mir sehe, weil ich da gar nicht aussehe, wie ich mir mich eigentlich vorstelle.

Lediglich mein Kind 2.0 hat plötzlich Fragen zu meiner Imperfektion:
“Diese Falten an der Nase zum Mund, hat die jeder erwachsene Mensch?”
“Stört dich dein dicker Bauch nicht?”
“Dein Po ist ganz schön fett! Das haben aber nicht alle Erwachsenen, oder?”

Kind 2.0 ist offenbar in die Phase gewachsen, in der Körper keine Werkzeuge mehr sind, sondern irgendwie bewertet werden müssen.
Ich finde das erschütternd.
Mein Kind ist die Sportskanone der Familie. Total drahtig und besteht quasi nur aus Muskeln. Isst wie ein Vögelchen und klettert den ganzen Tag auf Bäume und plötzlich fragt es mich beim Abendessen: “Findest du mich dick?”
Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte diesen Gedanken energisch aus dem Kind rausgeschüttelt.
Stattdessen frage ich: “Wieso fragst du das?”
“Ich weiß nicht. Ich finde mich auch nicht dick. Aber die Mädchen in der Schule sagen sowas.”

Es ist so ekelhaft, warum kommt das offenbar automatisch? Ich würde das alles so gerne von meinen Kindern fernhalten, aber ich fürchte, das geht einfach nicht. Mir fällt auch nicht so richtig ein, was ich dagegen tun kann, ausser ein gutes Vorbild zu sein und immer wieder darüber zu sprechen.

In dem Zusammenhang bin ich in dieser Woche auf zwei schöne Beiträge im Netz gestoßen:

Lisa Rank schreibt in ihrem Blogbeitrag “What you see is what you see” über ihr erstes graues Haar und man möchte sie küssen.

Und Katrin Rönicke beantwortet bei Freisprecher die Frage “Bin ich schön?”

Ich wünschte wirklich die Welt wäre voll mit solchen Menschen, dann müsste sich mein Kind nicht solche Fragen stellen.

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Kinderkarneval

Ich hätte schwören können, dass ich schon mal darüber geschrieben habe: Fasching mit Kindern. Auch so ein Ding von dem man eine verstrahlt romantische Vorstellung hat – bis man eben Kinder hat. Dabei gibt es so viel Leid!

Das erste Leid, das ich kennen lernen musste, heißt: Kindergarten-Motto-Partys.

Im ersten Jahr lautete es bei uns “Berufe”. Berufe, wie schön. Als Erwachsene hat man ja eine weit gefächerte Vorstellung von Berufsbildern. Aber begeistere mal ein Kind dafür als Controllerin oder Fleischereifachverkäuferin zu gehen. NATÜRLICH wollten alle Kinder eigentlich als Feuerwehrmann oder Polizist gehen. In der Regel ist das auch OK. Also dass mehrere Kinder, das selbe Kostüm tragen. Das ist schließlich nicht so als ob man als Hollywoodstar zur Oscar Verleihung einer anderen prominenten Schauspielerin gegenüber steht und feststellt, dass man unglücklicherweise das selbe Designer-Kleid trägt. Nein, die Kinder sehen ihre Kindergartenkumpels und freuen sich, dass die auch Feuerwehrmann sind und gut ist. Jedenfalls bei den Kindern der anderen ist das so. Meine Kinder wollen natürlich auf keinen Fall so verkleidet sein wie irgendein anderes Kind auf dieser Welt. Also musste ich im Vorfeld wochenlang Berufe aufzählen, beschreiben und bei Gefallen stichprobenartig Kostümkonzepte präsentieren.

Am Ende wurde das Kind Eisverkäufer und ich hatte lediglich ein wenig Mühe den tragbaren Eiswagen aus Pappe zu bauen.

Jedenfalls – eigentlich fängt der Stress ja schon vorher an – nämlich bei der Festlegung des Mottos. Eine Freundin berichtete mir von einem Elternabend, an dem die Erzieherinnen sorglos verkündeten, das Kinderkarnevalsmotto lautete dieses Jahr “Die Ritter”.

“Moment Mal, Ritter? Als was gehen denn die Mädchen?”

Ja, ja, das sei weiter gefasst. Man könne auch “Ritter und Ritterinnen” machen.

“Hm ja. Aber Ritter, das sind eigentlich Soldaten und ich möchte nicht, dass meine Tochter als Soldat geht. Wir sind Pazifisten und uns gefällt das gar nicht.”

Ja, ja, das stimmt. Vielleicht könne man das ja erweitern, also “Ritter, Ritterinnen und Burgfräulein”.

“Wie bitte? Aber was ist denn mit den Jungs, die keine Soldaten sein wollen?”

Ja, hm, dann mache man vielleicht “Ritter, Ritterinnen, Burgfräulein und Burgherren.”

“Is klar, Fräuleins, aber dann HERREN. Herren von Herrscher. Und die Frauen sollen nur hübsch aussehen…”

Ich bin ein bisschen froh, dass ich bei diesem Elternabend nicht persönlich anwesend war. Am Ende bleibt ohnehin nur eine Frage offen: Warum überhaupt ein Motto? Warum können die Kinder sich nicht einfach verkleiden als was sie wollen?

Nach fünf Jahren Diskussion, wurden deswegen die themengebundenen Faschingsfeiern bei uns im Kindergarten abgeschafft.

Vor einer Diskussion als was sich ein Kind verkleiden möchte, bewahrt das natürlich dennoch nicht. Bei uns läuft das Jahr für Jahr gleich ab. Das Kind sucht sich irgendein aufwändiges Kostüm aus, eines, das man garantiert nicht fertig kaufen kann oder zumindest nicht ohne ein halbes Monatsnettoeinkommen dafür zu investieren. Also muss man es selbst machen. Bei meinen Näh- und Bastelkünsten eigentlich ein Grund meine Wochenarbeitszeit für einen begrenzten Zeitraum zu kürzen.

Kind 2.0 wollte beispielsweise als Nixe gehen. Also habe ich aus unserem Vorhang ein Nixenkostüm genäht. Ich hatte dafür zwei Stunden eingeplant. Tatsächlich habe ich zehn benötigt. Am Morgen des Kinderfaschings steht Kind 2.0 auf und verkündet: “Ich möchte doch als Prinzessin gehen!”

Jaaahhaaaa! Nenenenene! DU. GEHST. JETZT. ALS. NIXE!

Ich war kurz vorm Nervenzusammenbruch. Mit einigen wenigen Bestechungen (zwei Schokoriegel, eine Packung Kaugummi und ein Kino-Besuch samt Limo und Popkorn) war das Kind überredet und ging als Nixe.

Aus dieser Erfahrung schlau geworden, habe ich mir auf Flohmärkten ein Sammelsurium an unterschiedlichen, untereinander kombinierbaren Verkleidungsutensilien in vielen unterschiedlichen Größen zusammengekauft.

Deswegen war ich heute Morgen fast tiefenentspannt, als Kind 3.0 an den Frühstückstisch trat:
https://twitter.com/dasnuf/status/567234982989791232

(Den Reaktionen entnehme ich: ich bin nicht allein. Das tut so gut!)

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Mama Leaks

WikiLeaks ist eine Internetplattform auf der geheime Dokumente veröffentlicht werden können, die von öffentlichem Interesse sind. Das ist für diejenigen, welche die Dokumente geheim halten wollten natürlich ärgerlich. Über das Thema Geheimnisse liest man in letzter Zeit viel. Die amerikanische National Security Agency überwacht u.a. Telefone und die komplette Internetkommunikation. Während die einen auf die Straße gehen, um für ihre Freiheit zu demonstrieren, zucken andere nur mit den Schultern und sagen: “Na und? Sollen sie doch. Ich habe nichts zu verbergen…”

Wie falsch dieser Satz ist, das wird einem erst klar, wenn man ein flüssig sprechendes Kind im Kindergartenalter hat. Denn dann hat man zumindest vor den Erzieherinnen im Kindergarten und gegebenenfalls auch vor den anderen Eltern im Kindergarten wirklich keine Geheimnisse mehr.

Jedes noch so kleine, unangenehme, vielleicht peinliche Detail, das sonst gut in den eigenen vier Wänden aufgehoben ist, verlässt mit dem Kind die Wohnung. Ganz zu Beginn, das muss ich zugeben, war ich sehr unvorsichtig. Ich dachte, ein dreijähriges Kind, das versteht noch nicht viel und ich habe mich mit meinem Mann bedenkenlos über alles unterhalten, das mir in den Sinn kam. Unachtsam lästerte ich über mir nicht zusagende Kleidungsstücke anderer Leute, um dann wenige Tage später genau vor diesen zu stehen und mein Kind sagen höre: “Ist das die häßlische Kleid von das du gesprecht hast, Mami?” Kind 3.0 deutet begeistert auf das grellorangene Sommerkleid einer anderen Mutter. Ich hielt mich für besonders schlau und dachte, ach, wenn ich so tue als ob ich nichts gehört habe, dann muss ich die Frage nicht beantworten. Das führte aber nur dazu, dass Kind 3.0 lauter nachhakte: “IS DAS DIE HÄSSLISCHE KLEID? MAMAAAAA?” Ich errötete und antwortete: “Was? Nein! Was meinst du denn? Hm?” Dabei fiel mir auf, dass meine Stimme schon etwas überbetont fragend, schon leicht ins hysterische abgleitend klang. Ich packte Kind 3.0 also ohne Schuhe und verließ fluchtartig die Garderobe. Den ganzen Weg nach Hause hoffte ich, dass die Mutter uns nicht gehört hatte.

Die nächste Lektion in Sachen Geheimnisse war dann: Verberge alles, was Hinweise auf Geheimnisse geben könnte. Das können ganz banale Dinge sein. Das Läuseshampoo vom Geschwisterkind, das Warzenmittel im Medizinschrank, selbst Produkte zur Monatshygiene möchten nicht öffentlich diskutiert werden. Einmal unachtsam liegen gelassen, werden sie vom Kind gefunden und bieten Diskussionsmaterial für allerlei heikle Themen. Vielleicht bin ich da auch nur hypersensibel, aber wenn mein Kind am Spielplatz beim Schaukeln zum Nachbarskind schreit: “MEINE MAMA BLUTET AUS DER SCHEIDE! DEINE AUCH?”, dann fühle ich mich doch kompromittiert.

Selbst Dinge, die eigentlich nie geschehen noch jemals ausgesprochen wurden, haben ausreichend Potenzial zum Rechtfertigungsalbtraum zu werden. Einfach weil das Kind etwas beobachtet und sich selbst einen Reim auf die Geschehnisse macht, die nicht unbedingt dem tatsächlichen Tathergang wiedergeben müssen.

Als mein Mann beispielsweise das Kind vom Kindergarten abholte, berichtete dies arglos von dem netten Mann, der die Mami morgens öfter besucht und zwar “Wenn du in die Arbeit gegangen bist, Papi”. “Die Mami macht immer halbnakisch auf und isch muss dann ganz leise sein wenn der Mann da ist.” Zartes Nachfragen meines Mannes konnte die Situation auflösen. Schlussendlich handelte es sich um einen Nachbarn, der ein ungewöhnliches Talent hatte, immer genau dann zu klingeln wenn ich morgens unter die Dusche möchte. Ich denke, er ist shoppingsüchtig. Jedenfalls erhält er durchschnittlich ein Paket pro Woche, das der Postbote gerne bei uns hinterlegt. Er weiß in der Zwischenzeit an welchen Wochentagen wir morgens früh noch zuhause sind und holt dann seine Pakete ab. Vermutlich lauert er im Treppenhaus bis er hört, dass ich das Duschwasser aufdrehe und klingelt dann. Jeder hat halt so seine Hobbys. Wenn ich die Tür öffne und wir ein paar freundliche Worte austauschen, jubelt und grölt Kind 3.0 im Hintergrund. Da die Tür zum Hausflur geöffnet ist, bitte ich um Ruhe. Insgesamt eine eher harmlose Angelegenheit, die jedoch eine ganz besondere Note bekommt, wenn Kind 3.0 sie nacherzählt.

Und da wird es deutlich. Es geht bei Überwachung gar nicht um die tatsächlichen Geheimnisse, die man zu verbergen sucht sondern darum was andere durch Einzelbeobachtungen und deren Misinterpretation über das eigene Leben und Verhalten schließen.

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Parental SEO

Um Suchmaschinenoptimierung zu betreiben, ist es hilfreich die Google-Algorithmen zu verstehen. Wobei, verstehen ist ein bisschen hoch gegriffen. Man kann sich annähern. Und man muss sich immer wieder annähern, denn die Algorithmen ändern sich kontinulierlich.

Um die Algorithmen zu verstehen, gibt es mehrere Wege. Man nutzt mal einen dieser AdWords-Gutscheine, die man alle paar Monate bekommt und schaut sich an wie andere Menschen suchen. Erfindet Suchbegriffe, permutiert sie, erweitert einzelne Begriffe um ganze Strings. Dann schaut man sich an wie sich das Ranking verändert und passt das Ganze wieder an. Streng genommen ist das ja SEM – aber es hilft eben die Suchalgorithmen zu verstehen.

Den umgekehrten Weg kann man natürlich auch gehen. Man googelt selbst, schaut sich Suchergebnisse an. Prüft die Positionierung der Suchergebnisse. Googelt wieder ein bisschen, schaut an welcher Stelle die gesuchten Begriffe auf der Webseite stehen, wie oft auf die Seite verlinkt wird etc. und zack ist man SEO Expertin. Man versteht das System zumindest grob in alle Richtungen. Das kann man sich von Google zertifizieren lassen – zumindest bezogen auf AdWords. Gilt zwei Jahre und ist lediglich ein Multiple Choice Test. Besteht man leicht und dann kann man sich das Zertifikat ausdrucken und an die Wand hängen und ist irgendwie stolz.

Dass man ein Google-Ass ist, das können einem dann die Kinder zertifizieren. Alle Eltern kennen sich nämlich mit Google aus. Ihnen ist das nur nicht so klar. Aber es ist so. Implizit sind Eltern ExpertInnen in Sachen SEO. Das werden sie zwangsläufig, denn irgendwann kommt das Thema “Ausmalbilder” auf. In jeder Familie. Plötzlich – man weiß nicht wie die Kinder auf die Idee kommen, aber sie haben diese Idee – plötzlich stehen sie im Raum und sagen: “Ich möchte ein Ausmalbild. Kannst du mir eins ausdrucken?”

Wenn es das erste Kind ist, das diesen Wunsch äußert, ist man noch ganz entspannt und denkt: “Ja klar, Ausmalbild. Haha. Tolle Idee.”

Fragt jedoch das zweite Kind, blickt man in der Regel auf mehrere Jahre Ausmalbilderausdrucken zurück und bekommt deswegen ein nervöses Zucken im Auge. Das Problem ist nämlich nicht das Ausdrucken (wie Profis wissen). Das Problem ist das Ausmalbilder aussuchen. Wobei – nein eben noch eine Stufe vorher. Das Ausmalbild suchen. Am Anfang sucht man “Feuerwehrauto”, “Pferd”, “Kran” oder “Rehkitz”. Aber sehr schnell reicht das nicht mehr. Die Kinder schauen einem über die Schulter und entdecken in den Suchergebnissen irgendein inspirierendes Bild und schon beim nächsten Mal verlangen sie nach Ausmalbildern, die “Faultiere”, “Tapire” oder einen “Rotlippen-Fledermausfisch” zeigen. Das wird schon schwieriger, aber man schafft es. Doch dann kommt der Tag, an dem auch das nicht mehr genügt und die Kinder wollen ein “Seepferdchen mit Zuckertüte”, eine “Alienprinzessin” oder “Hatifnatten in Hochzeitskleidern”. Und dann stehen sie da und schauen erwartungsvoll und man muss sie jetzt finden, diese Ausmalbilder. Man bearbeitet die Filter mittelgroß genügt, schwarz-weiß (dann kann man vielleicht ein Foto von einem Rotlippen-Fledermausfisch hinterher so nachbearbeite, dass das Kind das als Ausmalbild akzeptiert…) und kämpft und kämpft.

Der Schweiß steht einem auf der Stirn und endlich hat man eine Seite mit Suchergebnissen und dann kommt die nächste Prüfung. Für mich das allerschlimmste. Wie Google funktioniert und wie man gute Suchergebnisse für die allerbizarrsten Ausmalbilderwünsche bekommt, das habe ich nämlich schnell verstanden. Ich bin mittlerweile SEO SEM Profi für alle Fragen in Sachen Suchmachinen. Setze für jeden eine AdWords-Kampagne auf, hole Tausende von Seitenbesuchern – egal um welchen Geschäftszweig es geht! Mit links mache ich das.

Aber was ich nicht aushalten kann, ist dieses Warten. Warten, dass das Kind ENDLICH ein Bild auswählt und man per Strg + P drucken kann. Da hat man stolz diese Suchergebnisseite und dann steht das Kind da und begutachtet jedes einzelne Ergebnis. “Mach mal größer”
“Hm”
“Ne, doch nicht”
“Das nächste”
“Ne”
“Das nächste” … und dann
“Doch noch mal das zweite” …
“Oder kann ich doch lieber ein Bild von einem Fangschreckenkrebs?”

DAS. MACHT. MICH. IRRE.

“Kann ich ein Ausmalbild” dauert im Schnitt 70 Minuten. SIEBZIG Minuten, die man prokrastinieren könnte. Es ist manchmal ein Elend mit diesen Kindern.

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Wolfgang und ich

Foto (5)

Kaum sind die Kinder fremdbetreut, kann sich keine Familie mehr von bestimmten Trends abschotten. Waren es früher die Bauer Räinscha, so haben uns nun die Loom Bänder erreicht. Immerhin erst nach dem Papst.

Nachdem Kind 2.0 mit einigen selbstgemachten Gummibändern von der Schule kam, leistete ich zunächst eine Woche symbolischen Widerstand und kaufte dann 1.000 bunte Gummis für die Kinder, um dann eine weitere Woche später selbst unzählige Armbänder zu besitzen. Wenn wir uns morgens fertig machen, lege ich die Armbänder an. Wenn ich die Kinder abgegeben habe, nehme ich sie wieder ab und verstaue sie in der Handtasche, um sie pünktlich um 16.00 Uhr beim Abholen wieder zu tragen. Mein Herz ist so weich. Ich kann den Kindern einfach nicht sagen, dass ich die Bänder hässlich finde. Ich bin einfach nicht “Wolle” Wolfgang Petry. Dafür fehlt es mir offenbar an Mut.

Foto (6) Foto (7)

Was ich weiß ist – ich bin nicht alleine. In meiner Twitter-Timeline gibt es viele Betroffene. Eigentlich genug, um eine Selbsthilfegruppe loomgeschädigter Erwachsener zu gründen. Dachte ich erst. Aber dann machte ich eine sensationelle Entdeckung.
Dazu eine kurze Vorgeschichte. In unserem Sack mit den 1.000 Gummis war eine Beschreibung für einfache Bänder, doppelte Bänder, Blütenbänder und doppelte Blütenbänder. Ein Blick auf die Arme anderer Eltern zeigte jedoch, dass es eine bestimmte Technik geben musste, wie man die Gummis enger aneinander reiht und als Björn Grau ein entsprechendes Foto postete, gerieten wir in die YouTube-Loom-Tutorial-Hölle.

Wir schauten wie man von Hand die Fischgrättechnik umsetzt, wie man Blümchen knüddelt, wie man Leiterarmbänder und wie man Raupenarmbänder loomt. Zu guter Letzt bestand Kind 3.0 darauf ein Tutorial anzuschauen, das demonstriert, wie man einen Minion loomt:

Ich bin fast an Langeweile gestorben, aber die Kinder haben ohne einen Mucks von sich zu geben ZWANZIG Minuten lang dieses Video angeschaut. Im Anschluss passierte etwas sehr, sehr seltsames.
Kind 2.0 und 3.0 nahmen die Gummis zur Hand und begannen alles, was sie vorher gesehen hatten aus dem Kopf in einem irrwitzigen Eifer umzusetzen. Es war unfassbar. Ich war fasziniert. Einem Kindergartenkind hätte ich nicht zugetraut so viel feinmotorisches Geschick aufzubringen. Auch die Gedächtnisleistung war phänomenal. In der Regel fokussiert Kind 3.0 ca. 40 Sekunden die Aufmerksamkeit bis es etwas anderes, interessanteres bemerkt.

Wir schauten ein weiteres Tutorial und auch das wurde sofort umgesetzt.
Noch eins und noch eins und noch eins und zehn Bänder später als es schon dämmerte, kam ich auf die Idee, den Kindern andere Tutorials zu zeigen.
Wie man Bücher einbindet, wie man Schuhe putzt, wie man Spannbetttücher ordentlich zusammenlegt. Es war in der Zwischenzeit fast Mitternacht, aber die Kinder konnten nicht genug bekommen.
Ich schrieb mir derweil die Themen auf und notierte die Länge der Videos, sowie andere Parameter wie etwa ob ein Erwachsener oder ein Kind das Tutorial erstellt hatte, ob es von einer Frau oder einem Mann oder ob es mit Musik untermalt war oder nicht.
Danach vermerkte ich auf einem weiteren Zettel wie spontan und dann wie zügig die Kinder das Gesehene umsetzten. Im Morgengrauen fielen die Kinder erschöpft auf die eingebundenen Bücher, den Berg der glänzenden Schuhe und den gefalteten Bettücher und ich konnte meine Daten geschwind in einer multivariaten Varianzanalyse auswerten.

Dabei erhielt sich folgendes Ergebnis: Am schnellsten und effizientesten werden Anleitungen umgesetzt, die:

  • in der Muttersprache
  • von einem etwa gleichaltrigen Kind
  • in unter fünf Minuten
  • ohne Musikuntermalung

erstellt wurden.
Und zwar UNABHÄNGIG VOM THEMA!

Das eröffnet wirklich ganz neue Perspektiven. Ich habe anschließend in einer akribischen Recherche herausgefunden, dass es in Sachen Tutorials einige thematische Lücken gibt. Nichts gefunden habe ich zu:

  • wie ich das Kinderzimmer hübsch aufräume
  • wie ich Wäsche wasche und ordentlich aufhänge
  • wie ich meinen Eltern den Frühstückstisch decke
  • wie ich Mami die Füße massiere

Sofern ihr also Kinder habt, wie wäre es, wenn ihr sie entsprechende Videoanleitungen erstellen lasst? Das ist im Übrigen auch eine hervorragende Altersvorsorge. Es gibt nicht wenig Loom-Tutorials, die mehrere Millionen (!) Male abgerufen wurden. Malt euch die Werbeeinnahmen aus, wenn ihr wirklich nützliche Videos ins Netz stellt. Videos, von denen ALLE Eltern unabhängig von ihrer Medienaffinität wollen, dass die Kinder sie sehen und nachahmen. Ich selbst kann sie leider nicht erstellen, ich möchte ja, dass meine Kinder sie anschauen und umsetzen.

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Ein Geschenk, ein Geschenk

“Ich erinnere mich noch gut, wie dein Kind sich nicht gefreut hat weil ich gekauft habe, was du mir empfohlen hast.”
Ich habe ein unsägliches Händchen für Kindergeschenke. Ich denke oft, ich habe eine grandiose Idee und betreibe dann einen riesigen Aufwand, aber alles was meine Kinder mit den Geschenken lernen ist “wie verhalte ich mich sozial erwünscht.”
Es ist immer das selbe. Mit glänzenden Augen reißen sie das Geschenkpapier auf und entdecken dann das in Kinderaugen lahmste Geschenk der Welt. Sie schlucken, atmen einmal tief durch und dann schauen sie mich an und sagen artig “Danke, Mami.” bevor sie das nächste Geschenk auspacken.
So ist das Jahr für Jahr. Kind für Kind. In manchen Albträumen sehe ich ihre enttäuschten Gesichter vor mir und im Kanon höre ich sie wie kleine Roboter sagen: “D a n k e M a m i, d a s i s t w u n d e r w u n d e r s c h ö n.” Dabei sind sie seltsam farblos und manchmal rinnt ihnen leise eine Träne über das kleine Kindergesicht.

Im Laufe ihres Lebens hat jedes Kind eine ganz eigene Taktik herausgearbeitet, wie es mit meinen enttäuschenden Geschenken umgeht. Kind 1.0 ist dazu übergegangen mir Wochen vor den entsprechenden Schenkanlässen seine Wünsche in Konversationen geschickt nebensächlich einzubauen. “So ein Google Play Store Gutschein, das ist schon eine Sache über die sich eigentlich alle Jugendlichen freuen. Man bekommt die Gutscheine dafür heutzutage sogar im Supermarkt. Wusstest du das? Unglaublich oder?”
Ich nehme mir dann immer vor ganz brav in einen Laden zu gehen, einen entsprechenden Gutschein zu kaufen, aber dann geht es irgendwie mit mir durch und ich sehe ein TOTAL witziges T-shirt und naja, dann ist das Kind wieder nur so semibegeistert.
Kind 2.0 packt mein Geschenk immer als letztes aus. Dann sagt es sowas wie: “Oh! Ich habe SO viele Geschenke bekommen. Ich möchte, dass andere Kinder auch Geschenke haben. Deswegen möchte ich eines meiner Geschenke spenden. Ich wähle dieses hier (deutet auf meins).”
Ich meine, was soll ich da sagen? Rumschreien “JA GEHTS NOCH? DAS IST DOCH MEIN GESCHENK?! DAS KANNST DU DOCH NICHT SPENDEN!!!”
Kind 3.0 hat die Angelegenheit sehr pragmatisch geregelt. Entweder es fällt schon beim Auspacken auf mein Geschenk und zerstört es dabei oder es fährt zu einem späteren Zeitpunkt einmal beherzt mit dem Bobbycar drüber, hält an und entsorgt die Einzelteile pflichtbewusst im Müll.

Ich weiß einfach nicht warum das mit mir und den Geschenken so ist. Ich bin sonst ein ganz kreativer Mensch mit viel Feingefühl für die psychologische Charakterstruktur anderer.

Ich habe eine Freundin, die macht unglaubliche Geschenke. Wenn diese Geschenke ausgepackt werden, dann raunen alle “Ahhh!” und “Ohhhh” und “Wo hast du das denn nun wieder ergattert?”. Alle, die nicht Geburtstag haben, sind ein wenig neidisch und das nächste Mal ist meine Freundin garantiert zur Geburtstagsfeier eingeladen. ALLE wollen ihre Geschenke. Wenn sie sagt, wo sie das gekauft hat oder wie sie das gebastelt hat, dann zücken alle ihre Handys, tippen die wichtigsten Informationen in die Notizen oder machen gleich Videoaufnahmen.

Ich habe mich immer gefragt wie dieses Gefühl ist, wenn man etwas schenkt, was jemand anderen eine Freude macht und was soll ich sagen? Heute ist es mir gelungen. Ich habe Kind 3.0 ein Geschenk gemacht, das ihm gefallen hat. Zusammengerechnet mussten Patenkind und Geschwisterkinder beinahe drei Jahrzehnte dafür leiden. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich es nochmal schaffen kann! Ich bin übersprühend vor Motivation! Zuversichtlich! Geschenkenthusiastisch gar.

Ach und wen es interessiert was ich geschenkt habe: Ich habe ein grünes T-Shirt mit einem aufgebügelten Fuchs geschenkt. Kind 3.0 ist nämlich der größte Füchse Berlin Handball Fan dieser Erde. Dieses Fantum überschattet all seine Urteilsfähigkeit. Alles was grün ist oder was einen Fuchs aufgedruckt hat, ist gut! Ich vermute, es hätte sich über einen mit Gras verzierten, in den Sand gemalten Fuchs gefreut.
Aber egal. Ich war sowas von glücklich, als das Kind das Geschenk aufriss. Erst sah es aus wie immer. Die Augen weiteten sich, die Unterlippe zitterte, das Kind entfaltete das T-Shirt. “Was ist das?”
“Ein T-Shirt mit einem Fuchs.”, sagte Kind 2.0 mitfühlend und Kind 1.0 stand bereit ein weinendes Geschwisterkind in die Arme zu nehmen.
“Ein Fuchs? EIN FUCHS? E I N F U C H S????”
Kind 3.0 juchzte und jubelte. Es rannte über die Wiese und kam wie einer dieser Fußballer auf den Knien rutschend wieder zum Stehen! “EIN FUCHS! JAAAA! JAAAHAAAAA!”
Es war außer sich vor Glück. Die Geschwister sprachlos. Und ich schwebe seitdem im Himmel der Menschen, die Geschenke machen können über die andere sich freuen.

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Ein Rant zum Begriff “Maternal Gatekeeping”

https://twitter.com/katjaberlin/status/434323239632785408

Tweet nachträglich ergänzt. Weil er so wunderbar ist.

Neulich habe ich einen tollen, für mich neuen Ausdruck gelesen: Maternal Gatekeeping

Wer den Begriff nicht kennt: Es geht hierbei um die Unterstellung, dass viele Mütter das Thema Kinder und Erziehung so sehr an sich reißen, dass für die Väter gar kein Platz mehr ist, um ihren Part zu erfüllen (z.B. “Väter helfen zu Hause oft auch deshalb zu wenig mit, weil die Mütter ihren Kompetenzvorsprung ausspielen. „Maternal Gatekeeping“ nennen Soziologen dieses Phänomen, und unsere Autorin gibt zu: Da ist durchaus was dran.“.

Ich hab im Anschluss noch die Kommentare auf facebook dazu gelesen und schätze, danach war mein Blutdruck irgendwo in dem Bereich, in dem Comicfiguren Dampf aus den Ohren kommt.

Wenn ich mich so aufrege, ist das meist ein sicheres Indiz dass das vielleicht irgendwas mit mir und meinem Leben zu tun haben könnte. Also habe ich versucht mich zu fragen: Bin ich am Ende einer dieser Gatekeeping Mothers?

Ich gebe zu, als die Kinder jeweils frisch geboren waren, da dachte ich wirklich, ich sei für die Babys wichtiger als der Vater. Ich hatte große Probleme sie aus meinen Armen zu geben. Ich denke viel lag das auch daran, dass ich gestillt habe und zwar nach Bedarf und ich war in Elternzeit, einmal ein Jahr und ein anderes Mal etwas länger. Also einfach verfügbarer.

Sprich, ich habe nicht gearbeitet und habe es als meinen Job angesehen, mich um die Kinder, die Familie, den Haushalt zu kümmern. Irgendwann dachte ich vermutlich, dass ich einiges besser wüsste oder könnte. Meiner Meinung nach hat das aber tatsächlich was mit der Menge der Zeit zu tun, die man mit den Kindern verbringt und natürlich ist es auch einfach eine Sache der Übung. Das hat für mich nichts wertendes. Wenn ich nie Löcher in die Wand bohre und ein anderer das schon seit Jahren macht, ist es relativ wahrscheinlich, dass der andere die Löcher präziser bohrt, dass er weiß wie groß sie sein müssen und welchen Dübel man mit welcher Schraube verwendet. So ist das bei den Kinderthemen auch. Zweihundert Mal Windeln gewechselt und Kind an und ausgezogen, das ist was anderes als wenn man das zehn Mal gemacht hat.

Die Kinder kamen in den Kindergarten und ich ging wieder arbeiten. Teilzeit. Teilzeit deswegen, weil es meiner Meinung nach nicht möglich ist, all die Termine und ToDos zu erledigen, die man mit Kindern so auf der Agenda hat. Elternabende, Vorsorgetermine, normale Arzttermine – ja selbst schnöde Spielplatzverabredungen sind nicht möglich, wenn ich von 8 bis 17 Uhr arbeite (8 Std plus Mittagspause) und je 40 Minuten Arbeitsweg habe.

Mit dem Wiedereintritt in den Beruf hätte ich mir die Familienarbeit gerne geteilt. Meine Idealvorstellung (sofern man sich das finanziell leisten kann) wäre: Vater und Mutter arbeiten Teilzeit und zwar zeitversetzt. Jeder macht alles. Man wechselt sich beim Holen und Bringen ab. Man teilt sich die Kranken und Schließtage. Geht abwechselnd zum Elternabend, abwechselnd zu den Entwicklungsgesprächen, zu den Vorsorgeterminen. Einmal kauft der eine Partner mit den Kindern Schuhe oder Regenhosen – mal der andere.

Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umschaue finde ich dieses Modell genau zwei Mal. Zwei Mal von gefühlten fünfzig.

Sind das – bin ich – sind wir alle Gatekeeping Mothers?

Nein? Ja?

In der facebook Diskussion schrieb eine Dame: “Man muss die Männer eben rechtzeitig einbinden! Man kan nicht hinterher jammern, wenn sie sich nicht interessieren und nicht mitmachen.”

Leider bekomme ich da schon ein leichtes Würgegefühl. Die Mutter muss den Vater einbinden? Warum? Ist das auch ein Kind? Sind Männer/Väter nicht zufällig auch Erwachsene? Könnte es nicht so sein, dass die sich gemeinsam mit der Mutter für Kinder entschieden haben? Düfte man da nicht ein natürliches Interesse am eigenen Kind voraussetzen?

Ich habe noch kopfschüttelnd weitere Kommentare und Artikel in der Richtung gelesen. Ich werde das nie verstehen. Ich pauschalisiere jetzt einfach mal ganz platt: Warum fühlen sich so viele Männer nicht berufen die gleiche Verantwortung für ihre Familie, für ihre Kinder zu übernehmen? Warum gehen sie auf ihre Gatekeeping Wifes nicht zu und sagen: Moment mal, liebe Frau! Ich will jetzt auch mal Windeln wechseln? Ich möchte heute auch mal füttern! Ich WILL aber Wäsche waschen! Sorry, aber ICH habe mich schon auf der Liste im Kindergarten zum Frühjahrsputz eingetragen!

Immer sind die Frauen schuld. Immer. Selbst wenn es um mangelnde Beteiligung der Männer geht. Da sind es nicht die Männer oder Väter, nein! Da sind es die Gatekeeping Mothers. Wenn die nämlich nicht so gierig nach vollgekackten Windeln, stundenlangem Warten beim Notarzt und nach Küche putzen wären, ja dann, dann würden die Papas sich auch beteiligen. So ist das nämlich!

Übrigens, Studien zeigen, dass Gatekeeping Mothers Männer auch wieder miteinbeziehen können. Wenn sie das sensibel tun und ausreichend motivieren und loben, dann gibt es da noch eine Chance: […] encouragement had a more powerful effect on fathers than criticism. “Mothers can close the gate, but they can also open the gate,”

Erstaunlich wie viel Macht wir Frauen so haben. Jedenfalls in Sachen Familienarbeit.

Was Melanie von glücklich scheitern unter den oben verlinkten Nido-Artikel geschrieben hat, ist so wahr: ich wunder mich immer wieder, dass männer sich in familiendingen das ruder aus der hand nehmen lassen. und das, glaub ich auch, oft ganz gerne. schließlich sind sie sonst in sachen durchsetzungsvermögen ja nicht zu knapp ausgestattet…

Ich kann da nur den Kopf schütteln und wenn ich solche Urteile des Bundesgerichtshof lese, dann kann ich gar nicht mehr aufhören damit: Frauen können neben einer Vollzeittätigkeit noch Kinder betreuen, Männer nicht.

“Offenbar sind Frauen nach Ansicht des BGH einfach belastbarer. Noch wahrscheinlicher ist jedoch, dass der BGH bei seiner Entscheidung veraltete Leitbilder zur Berufstätigkeit von Männern und Frauen im Kopf hatte: Männer können sich neben ihrer Vollzeittätigkeit nicht noch um Kinder kümmern, weil sie verantwortungsvolle Jobs haben, in denen sie Überstunden, Dienstreisen und wichtige Besprechungen zu kinderbetreuungsunfreundlichen Zeiten wahrnehmen müssen, schon  weil sie als Familienernährer unter dem Druck stehen, Karriere machen zu müssen. Und Frauen haben Vollzeitstellen von acht bis sechzehn Uhr, weil sie in Jobs arbeiten, in denen sie zwar nicht viel verdienen, aber wo sie pünktlich Schluss machen können, weil sie putzen oder im Callcenter arbeiten.”

Der Artikel ist von 2011. Aber ich glaube das ist völlig egal. Er spiegelt nämlich lediglich das wieder, was in der Gesellschaft eine weit verbreitete Haltung ist.

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