Singen in der Tonlage einer Hundepfeife

Über die vergeblichen Bemühungen meine Kinder zur Musikalität zu erziehen.

Folgt man der Logik der TeilnehmerInnen der ersten Auswahlrunde bei „Deutschland sucht den Superstar“ und ähnlichen Casting-Formaten, hätte ich eigentlich eine Karriere als Sängerin anstreben müssen.  Jedenfalls eine der Art, bei der Dieter Bohlen nachfragt, ob man nicht schon mal jemanden vorgesungen habe und ob der einem nicht gesagt hätte, wie grauenhaft man klinge. Kind 1.0 hat mein Singtalent in jungen Jahren, weitaus sensibler als es Dieter Bohlen je vermag, ganz gut zusammengefasst mit: „Weißt Du, es wäre mir lieber wenn Du zum Einschlafen nicht mehr selbst singen würdest. Vielleicht versuchen wir es mal mit einer CD?“.

Dennoch werde ich nicht müde mit meinen Kindern zu singen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Singen sehr wichtig für die Menschwerdung ist. Jedoch komme ich im Alltag sehr selten dazu und wie gesagt, meine eigene Musikalität lässt rational gesehen zu wünschen übrig.

Ich kam folglich schon mehrere Male auf die Idee das Thema Musik outzusourcen und mich an einen Fremdanbieter für Kindertralala zu wenden. Kompetenzen über die man selbst nicht verfügt, muss man im Zweifelsfall dazukaufen.

Nach dem zehnten Versuch letzte Woche, werde ich doch auf den vor Jahren von Kind 1.0 gegebenen Rat zurückgreifen und die musikalische Erziehung über das CD-Abspielgerät abdecken.

Da packte ich nämlich Kind 2.0 und 3.0 und meldete uns zu einer Probestunde bei einem Kurs mit dem schönen Namen Hausmusik an. Hausmusik, das klang irgendwie entfernt nach MTV Unplugged, nach Moderne und nach einem lockeren Rahmen. Was wir jedoch vorfanden, war das übliche Modell Kindermusikkurs: Eine Frau, die ausschließlich in Kopfstimme Lieder vorsingt, die man gut und gerne drei Oktaven tiefer singen könnte (jedenfalls wenn das Ziel ist, das nicht nur Hundepfeifen mitsingen können), militärische Regelungen wie sich die Kinder zu bewegen haben (und v.a. wie nicht!) und die immer gleichen Lieder. Ja kennt denn der Volksmund pro Saison nur drei Lieder? Himmelherrgott gibt es denn keine zeitgemäßen Lieder? Kann man nicht mal ein bißchen Reinald Grebe singen? Oder Wir sind Helden oder ein Paar peinliche Zeilen Mia trällern? Warum ist noch nie ein musikalisch talentierter Mensch auf die Idee gekommen nicht das 0815-Kindermusikprogramm abzuspulen?

Kind 2.0 reagierte auf den grausigen Musikkurs mit apathischem Hin- und Hergeschaukle und Kind 3.0 grölte sechzig Minuten durchgehend: ISCH SINGE NISCH! ISCH SIIIINGE NISCH!!!

Als die Kursleiterin mich am Ende des Kurses fragte, ob wir nun den Vertrag unterschreiben wollen und ich noch nach diplomatisch ausweichenden Worten suchte, kam mir Kind 2.0 zuvor und antwortete: „Weißt Du, das hat keinen Spaß gemacht. Ich singe lieber weiter beim Capoeira. Da haben wir eine Berimbau und ein Pandeiro und mein Lehrer kann echt gut singen.“

Ich bin ein Lesefreund

Das Internet ist voller Lesesüchtigen. Trotzdem verlose ich im Rahmen des Welttag des Buches einige Exemplare „Die Vermessung der Welt“.

Heute, am 23. April, ist Welttag des Buches. In diesem Rahmen konnte man sich bewerben Lesefreund zu werden und eines seiner eigenen Lieblingsbücher in 30facher Ausgabe zum Weiterverschenken gewinnen. Verschenkt werden sollen sie an „gerade die, die wenig, selten oder gar nicht lesen“.

Weil ich zu meiner großen Freude gewonnen habe, nehme ich an, das damit unter anderem Menschen im Internet gemeint sind. Diese digitalen Banausen, die Print nicht mehr würdigen und Teil der berüchtigten Alles-für-Lau-Kultur sind, wie aktuell geführte Debatten zum Urheberrecht nahe legen. Jetzt ist das Internet in meiner Wahrnehmung aber voll von Lesefreunden. Eigentlich ist das Internet ein einziges Sammelsurium an Lesesüchtigen. Menschen, die nicht nur Abends oder auf dem Weg zur Arbeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln lesen sondern wann immer es geht. Morgens beim Aufstehen, beim Frühstück, auf dem Weg in die Arbeit, in der Mittagspause, nach der Arbeit, am Abend, am Wochenende, bei Familienfesten und notfalls auch am Klo.

Deswegen ist das Internet ein ganz schlechter Ort Menschen zu finden, die wenig oder fast gar nicht lesen. Ich habe also lieber im echten Leben nach diesen Menschen gesucht, die Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann immer noch nicht gelesen haben, obwohl es schon 2005 herausgekommen ist und millionenfach verkauft zu den wichtigsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur gehört.

Die Vermessung der Welt habe ich die ersten zwei Tage nach der Geburt von Kind 3.0 gelesen. Kind 3.0 auf der einen Seite des Stillkissens, das Buch auf der anderen. Ich las es quasi auf Ex – auch in der Hoffnung dass Kind 3.0 so zu einem schrägen, allwissenden Mathematikprofessor wird, weil es quasi die Grundlagen dazu mit der Milch aufsaugt (und wenn das nicht, dann wenigstens zu einem Bestsellerautor).

Ich mochte v.a. die Charakterzeichnung der Hauptfiguren und irgendwann ist mir aufgegangen, dass Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt wohl die ersten portraitierenswerten Nerds waren, wie sie in den erfolgreichen und modernen Nerd-Serien wie The IT Crowd oder The Bing Bang Theory dargestellt werden. (Mit dem kleinen Unterschied, dass es statt des klassischen Stupid Girls unter den Antagonisten einfach gar keine Frau gab, wenn ich mich recht erinnere).

Mir gefiel unter anderem das Tempo der Erzählung. Es folgt der Art wie man Achtzehnhundertirgendwas reiste. Unglaublich langsam und zum Teil sehr anstrengend. Genau das aber gibt dem Leser die Gelegenheit die Hauptcharaktere kennzulernen und in deren Wahrnehmungs- und Denkmuster einzutauchen. Ich habe im Anschluss an das Buch angefangen über Gauß zu lesen, weil mich interessiert hat, wie viel Fiktion dem Buchcharakter angedichtet wurde. Sehr sympathisch erschien mir seine ihm oft unterstellte Arroganz, wenn er nach Erfindung bestimmter Apparaturen behauptete, er habe das schon Jahre zuvor erfunden, jedoch wegen Irrelevanz nicht veröffentlicht. Tatsächlich geben seine Tagebücher Hinweise darauf, dass Gauß damit nicht angab, sondern er vieles wirklich schon erfunden hatte, bevor ein anderer es erfand bzw. öffentlich präsentierte.

Wie dem auch sei, ich liebe dieses Buch sehr, allem voran weil es zum größten Teil in indirekter Rede geschrieben ist und mir so wirklich ermöglicht hat Teil der Geschichte und nicht nur Danabenstehende zu sein.

Natürlich möchte ich dem Internet, an dem mir viel liegt, ebenfalls einige Exemplare zukommen lassen. Deswegen verschenke ich die letzten zehn Bücher hier. Wer Interesse hat, in den Kommentaren melden. Damit ich Kontakt wegen der Postadresse aufnehmen kann, bitte Emailadresse hinterlassen. Ich schicke das Buch per Buchsendung oder (da hätte ich Euch besonders lieb), drücke es Euch auf der re:publica (zu der ja das komplette Internet geht) in die Hand. Sollte es mehr Interessenten als Bücher geben, wähle ich per Los aus. Es werden alle Interessenten bis einschließlich Freitag, den 27.4.2012 um 24h für die Verlosung berücksichtigt. Bestechungen aller Art werden gerne angehört und auf Attraktivität geprüft.

Die Gewinner heißen:

Andy, Ole, Timo, regenrot, Tula Scribachina, Marcel, Jane, Phiala, Claudia und Sarion. Ich schicke Euch eine Mail. Fröhliches Lesen!

rp12, die Frauen und meine unausgegorene Haltung zum Thema Feminismus

Meine Berührungsängste zu Frauenthemen und wieso Journelle und ich „trotzdem“ was zu diesem Thema auf der re:publica machen.

Ähnlich wie beim Festival des nacherzählten Films, habe ich mir nach jedem republica-Besuch vorgenommen das nächste Mal unbedingt mitzumachen (und es dann doch nie getan). Parallel dazu schien das Thema „Wir armen Frauen in der digitalen Welt“ in mir zu wachsen.

Wobei ich es nach wie vor nicht geschafft habe, das Thema Frauen für mich zu einem Ergebnis zu bringen, das ich als abgeschlossen und durchdacht bezeichnen würde. Ich selbst habe mich nie benachteiligt gefühlt. Weder im Internet noch außerhalb des Internets. Wenn ich mich im Leben überhaupt wegen einer Sache persönlich benachteiligt gefühlt habe, dann vielleicht nach Abschluss meines Studiums, weil mir da beim Bewerben immer wieder ein mitleidiges „Oh, Sie sind Geisteswissenschaftlerin, tja…“ begegnete.

Andererseits hauen mich die ganzen Hater-Kommentare in feministisch (angehauchten) Blogs immer wieder um und natürlich gibt es in meinem persönlichen Umfeld immer wieder diese Geschichten, das Frauen mit dem Entschluss ein Kind zu bekommen eigentlich ihre Karriere beenden, weil sie hinterher nur noch Briefmarken kleben dürfen oder ganz aus ihrem Job rausgemobbt werden (z.B. weil keine Teilzeitbeschäftigungen angeboten werden). Es ist also nicht so, dass ich das Gefühl habe, dass Feminismus kein Thema mehr wäre. Doch genau da tritt dann das Paradoxon ein, dass ich mich von manchen Feministinnen, ihrem Auftreten, ihren Thesen oder ihren öffentlichen Auftritten stark abgeschreckt fühle und auf gar keinen Fall in eine Schublade mit ihnen gesteckt werden möchte. Dann aber wieder befürchte, in vielen Sachen nicht kritisch genug zu sein und auch einer Gleichberechtigungsillusion zu erliegen. Was mir spätestens dann auffällt, wenn unser fußballbegeistertes Mädchen nicht in einem Fußballverein aufgenommen wird, weil sie ein Mädchen ist – obwohl sich der Verein explizit an Kinder und nicht an Jungs richtet.

Unbeantwortet blieb meine Mail, die ich jetzt doch noch mal hier veröffentliche, weil mich die Sache, nachdem sie mir wieder eingefallen ist, doch unendlich aufregt:

Lieber FC Berlin,

ich schreibe Ihnen, weil ich verärgert bin. In unserer Kita hing wochenlang ein Plakat ihres Vereins, das „sportbegeisterte Kinder und deren Eltern“ einlud eine Probestunde in ihrem Fußballverein zu machen.
Nachdem wir unsere Tochter in die Liste eingetragen hatten, stand ein Vermerk neben ihrem Namen, der lautete: Sorry, keine Mädchen.
Nachdem ich nun auch Ihre Website angeschaut habe, auf der Sie auch ständig von „Kindern“ und nicht etwa von „Jungen“ sprechen, muss ich mich schon fragen: Sind Mädchen keine Kinder?
Gerade im Jahr der Fußball-WM der Frauen ärgert es mich sehr, wenn Mädchen ausgegrenzt werden. Ich kann es verstehen, wenn im Schulalter die Gruppen nach Jungs und Mädchen aufgeteilt werden – aber warum das im Kindergartenalter so sein soll? Um Kraft oder Motorik kann es in dem Alter noch nicht gehen. Auch ist es überhaupt nicht nötig eine Trainerin zu haben. Für mich sind die angeführten Argumente „nicht genug Mädchen für eine eigene Gruppe“ und „keine weibliche Trainerin“ keine Gründe. In anderen Vereinen werden die Kinder bis Eintritt ins Schulalter auch gemeinsam trainiert.
Jedenfalls finde ich, Sie sollten Ihre Texte ändern und deutlich vermerken: Nur Jungs
Fußball macht JUNGS fröhlich, gesund und erfolgreich. JUNGS, die einen Mannschaftssport betreiben, lernen, sich in eine Gruppe einzufügen, aber auch, sich durchzusetzen. […] etc.

So ist es wenigstens für alle transparent, dass Mädchen in ihrem Verein nicht gewünscht sind. Denn als nichts anderes kann ich die Verweigerung ansehen, dass unsere Tochter nicht mitmachen durfte. Für Sie nochmal zum Nachlesen: „Mädchen dürfen beim Fußball bis einschließlich D-Jugend, mit Sondergenehmigung bis einschließlich C-Jugend, in Jungenmannschaften mitspielen.

Hups. Jetzt bin ich vom Thema abgekommen. Jedenfalls bin ich trotz meiner jährlichen Begeisterung für die republica ein großer Drückeberger, menschenscheu und publikumsängstlich, weswegen ich schlussendlich nie etwas gemacht habe, außer einmal spontan und unvorbereitet in das Panel „Warum Babykotze genauso relevant wie das iPhone ist“ zu hüpfen.

Mir wurde dann klar, dass ich nie irgendwas machen würde, wenn ich es alleine planen würde und um mich selbst zu zwingen, suchte ich nach einer Frau, mit der ich ein fröhliches Frauenthema angehen könnte. Und da schickte mir der Himmel das Internet Journelle. Vor Jahren hatte ich sie flüchtig auf einer Lesung kennen gelernt. Es war November und alle froren und kamen in fellgepolsterten Winterstiefeln, nur Journelle saß in silberglänzenden, OFFENEN, hochhackigen Schuhen da und lächelte entspannt. Das hat ihr bei mir eine Menge Respekt eingebracht. Ich weiß gar nicht mehr genau wie, aber wir hatten immer öfter Kontakt und besuchten uns eines Tages sogar mit Kind und Kegel und jetzt weiß ich, dass es noch viele hundert weitere Gründe gibt, Journelle toll zu finden. Allen voran ihren robusten und unerschrockenen Humor.

Jedenfalls ergab sich, dass wir dieses Jahr zusammen etwas zur re:prublica machen, das ich hiermit dringend bewerben möchte: Speednetworking

Wir stellen uns die Veranstaltung so vor, wie man das aus Filmen beim Speeddating kennt. Je zehn Frauen (und ggf. Männer) sitzen sich gegenüber. Nach einem bestimmten Schema stellt man sich seinem Gegenüber vor und rutscht dann nach drei Minuten weiter. Wir sammeln alle Daten und machen daraus Followerlisten, Google+Circle und Blogrolls und hoffen, dass daraus nachhaltig neue Verbindungen entstehen.

Leider konnte uns unsere zuständige re:publica-Ansprechpartnerin noch keine Vorstellung zu den Räumlichkeiten oder zum konkreten Ort geben. Es soll im Open Space stattfinden – was auch immer das sein mag. Ich denke, wir entdecken es am ersten re:publica Tag. Rechnet also mit Hintergrundgeräuschen, schlechter Akustik und ggf. auch nicht vermeidbaren Durchgangsverkehr – aber freut euch im Gegenzug auf interessante Gesprächspartnerinnen, neue Vernetzungsmöglichkeiten und v.a. Spaß.

Ach und es hat nicht jemand zufällig eine ca. einen Kubikmeter große unglaublich laute Uhr, auf die man oben alle drei Minuten einschlagen kann, um die nächste Runde einzuläuten, die er uns zur Verfügung stellen möchte?

 

Wo sind die Neologismen wenn man sie braucht?

Beim Internetings fehlen mir die Worte.

Neulich, als ich über Internetsucht erzählen sollte, habe ich mir fast einen Knoten in die Zunge gemacht, weil ich keine adäquaten Worte hatte. Die Sprache hat sich bei mir zumindest den Gegebenheiten noch nicht angepasst. Die meisten Formulierungen rund ums Internet klingen furchtbar, weil sie einfach nicht mehr den Kern der Sache treffen.

Ich gehe jetzt ins Internet. Zeit im Internet verbringen. Ich gehe jetzt online. Leute, die viel Zeit im Internet verbringen. Leute, die das Internet verwenden. Leute, die das Internet benutzen. Die Netzgemeinde? Die digitale Gesellschaft? Die Digital Natives?

Fast alle sprachliche Formulierungen teilen die Vorstellung, dass es eine „reale Welt“ und eine „Internetwelt“ gibt, dass es „echte“ Menschen/soziale Beziehungen gibt und „virtuelle“ Menschen/soziale Beziehungen und sie werten dabei. Das Echte ist nämlich gut und das Virtuelle irgendwie zweitrangig.

Pjotr Czerski hat das  zugrunde liegende Denkproblem vor längerem mit „Wir, die Netz-Kinder“ wesentlich blumiger und treffender dargestellt. Allerdings ist es jetzt an der Zeit neue Worte zu finden für dieses Internetdings. Nur welche?

 

Lieblingstweets 03/12

Lieblingstweets im März 2012

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Abschied von Größe 36

Tschö 36.

Bis ich 28 war, habe ich problemlos in eine 36 gepasst. Seitdem nehme ich zu. Von meiner Kleidung trennen wollte ich mich nie. Aber jetzt habe ich es endlich gemacht. Ich trenne mich von ihnen, denn realistisch gesehen, werde ich da nie wieder rein passen. Hoffe ich jedenfalls, denn sehr schlank war ich bislang nur, wenn ich unglücklich war.

Das Erstaunliche ist, als ich noch eine 36 trug, fand ich mich nie ausreichend dünn. V.a. nicht nachdem ich von Franken nach Berlin gezogen bin. Da kam ich in einen Freundeskreis, in dem die „schönsten“ Mädchen gerade mal eine 34 trugen und von der Figur her aussahen wie 13jährige Jungs. (Ungefähr so wie die derzeitigen H&M-Models.) Mir hat das nicht gefallen, aber es wäre gelogen, zu behaupten, dass mich das nicht beeinflusst hätte.

Genauso wie die ganzen Klappergestelle, die man bei Greys Anatomy & Co. sieht. Doch jetzt, da ich Ü30 bin, werden meine italienischen Gene aktiv und ich würde denen gerne was ordentliches kochen. Dennoch. An jeder Straßenecke schreien einen die Plakate an. Dünn ist schön. Dünner ist schöner. Diese Botschaften finden irgendwie ihren Weg in mein Unterbewusstsein und auch in mein passives Schönheitsideal.

So fiel es mir bislang wirklich schwer, mich von all den Kleidungsstücken zu trennen, die Größe 36 haben. Ich trage jetzt eine 40 und da ich nicht der Diät-Typ bin, werde ich nie wieder eine 36 haben. Will und brauche ich auch gar nicht und meinen Kindern möchte ich ohnehin ein gutes Vorbild sein. Essen was einem schmeckt und bewegen, weil es Spaß macht und nicht weil man sich überzählige Kalorien abtrainieren will. Ich fände es grauenhaft, wenn meine Kinder das Wort „Diät“ oder „Abnehmen“ in den Mund nähmen. Jedenfalls weiß ich jetzt, dass ich den Krempel wirklich nicht mehr brauche und deswegen kann ich Platz schaffen.

Deswegen macht es mir wirklich nichts mehr aus, wenn ich im schicken Berlin-Mitte zwischen all den Mädchen in Größe 34 mit Haardutt sitze und die Bedienung meine Freundin und mich nach dem Genuss der Hauptspeise fragt, ob wir wirklich JEDE ein eigenes Schokotörtchen essen wollen.

Dazu auch lesen: Verdorben bis ins Schokotörtchen, Polemik zur Nacht und Problemzonen? Anke Gröner mochte ihre Beine nicht

P.S. Und ich will jetzt kein Gemosere hören, dass Größe XY ohnehin nicht „fett“ ist. Denn das ist es ja genau. Wenn man die Zeitungen anschaut, ist man eigentlich immer fett – es sei denn man ist Victoria Beckham. Wobei es bestimmt irgendeine geile Steigerung von Size Zero gibt…

Erziehen heißt Dranbleiben

Erziehungstipps von der Expertin. Heute, wie man Kinder zum Händewaschen motiviert.

Bevor ich Kinder hatte, war ich der festen Überzeugung, dass es Mittel und Wege gäbe, sie zu erziehen. Etwas mehr als zehn Jahre später weiß ich: das ist totaler Quatsch.
Nehmen wir das Beispiel Hygieneerziehung und hier die vergleichsweise kleine Aufgabe: Hände waschen.
Als ich Kind 1.0 kennen lernte, dachte ich, es genüge ein gutes Vorbild zu sein. Vor dem Essen rief ich voller Elan: Hände waaaschen! Sprang auf und wusch mir die Hände. Kind 1.0 schaute nicht mal in meine Richtung. Kann ja nicht alles sofort klappen, beruhigte ich mich und wiederholte mein Ritual täglich mehrere Male, vierzehn Tage lang.
42 Versuche später, variierte ich mein Vorgehen: Hääände waaaschen! Wer kooommt mit?
Keine Reaktion von Kind 1.0.
Weitere 50 Male später: Komm, Kind 1.0 wir gehen Hände waschen.
Murren.
431 Male später war immer noch keine Eigenmotivation zu erkennen.
(Kind 1.0 war beinahe drei Jahre alt, als ich es kennen lernte muss ich dazu sagen. Nicht dass jemand denkt, ich hätte von einem Säugling verlangt Hände zu waschen.)
Gut, dachte ich. Dann die Sache mit der Vernunft.
Schau Kind 1.0 Hände waschen ist wichtig, weil [kindgerechter Vortrag über die Verbreitung von Krankheitserregern, die Errungenschaften des Alexander Flemings und über die Berechtigung des Robert-Koch Instituts].
Keine Reaktion. Auch mehrmaliges an die Vernunft appellieren blieb erfolglos.
Ich entwickelte als findige Psychologin ein Bonussystem. Selbständiges Händewaschen vor dem Essen = 2 Punkte; selbständiges Händewaschen nach dem Toilettengang = 3 Punkte. Bereites Händewaschen nach Aufforderung = 1 Punkt. Alle 10 Punkte = 1 Eis.
Ein Jahr später hatte das Kind noch kein Eis zusammen.
OK, OK, OK! In der Zwischenzeit las ich Jesper Juuls „Das kompetente Kind“ und lernte, Kinder wollen kooperieren. Das bestehende Bonussystem war somit tödlich für die Motivation. Die Sache musste herum gedreht werden. Man unterstellt dem Kind Gutes und zieht Punkte für den unwahrscheinlichen Fall, dass das Kind doch nicht kooperieren möchte, Punkte ab.
Jede Woche erhielt das Kind 100 Punkte, die es in der darauf folgenden Woche einlösen könnte. Vergessenes Händewaschen = -2 Punkte. Händewaschen nach Aufforderung verweigern= -1 Punkt.
Am Ende der Woche hatte das Kind -345 Punkte.
Gut, gut. Schulz von Thun also. Ich betonte bei unserer Kommunikation nicht mehr die Sachebene (Bakterien, Hygiene) und nicht die Apellebene (Tu es doch endlich!!!) sondern versteifte mich auf die emotionale Ebene (Mami wäre wirklich sehr glücklich, wenn Du die ba-ba Hände waschen würdest!).
Auch das prallte an Kind 1.0 ab.
So vergingen die Jahre.
– Hast Du Hände gewaschen?
– Ja!
– Wie kannst Du das ohne Wasser? Ich habe das Waschbecken kontrolliert.
– grummelmurmel

– Hände gewaschen?
– Vergessen!
– HÄNDEWASCHEN!
– ____

Ich versuchte alles. Ich hab Kind 1.0 sogar zum Einschlafen 365 Tage lang hintereinander, das Video der Kampagne „Wir gegen Viren“ gezeigt.
Erfolglos.
Kein Betteln, kein Flehen, kein Erklären, kein Bitten. Nichts half. NICHTS. Kind 1.0 wusch sich grundsätzlich nie die Hände. Niemals.
Ich war so verzweifelt.
Es half kein Schreien, kein Drohen, kein Weinen, kein Aufdembodenwälzen, kein Kopfaufdentischschlagen (meinen!), keine Bestechungsversuche.
Kind 1.0 war handwaschresistent.
2009 als die Schweinegrippe grassierte hat es drei Mal Hände gewaschen, glaube ich. Das wars aber schon.
Jetzt ist das Kind bald ein Teenager und ich hatte schon jede Hoffnung aufgegeben. Nur der abendliche Konsum der altgriechischen Heldensagen hielt in mir die Hoffnung wach, dass ich eines Tages einen Angriffspunkt in Sachen Erziehung finden würde. Und tatsächlich. Auch unser Archilleus war verletzlich. Er musste nur zu einem Jüngling heranreifen, damit sich mir seine Schwäche offenbarte.
Die Schwäche hieß Mädchen. Kind 1.0 hasst Mädchen. Sogar die Farbe rosa, die er mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert, empfindet es als bedrohlich. Wenn es zu lange etwas rosafarbenes betrachten musste, sucht es einen blauen Gegenstand und lädt sich an ihm wieder auf.
Just als ich diese Erkenntnis hatte, zog gegenüber ein leicht pubertierendes Mädchen ein. Sie schminkte sich schon und sie liebte Rosa. Ein Geschenk des Himmels. Sie wirkte auf mich wie eine von Gott höchst persönlich gesandter rosafarbener Bote der frohen Botschaft, wenn sie vom Flurlicht angestrahlt in unserem Wohnungsdurchgang stand und große rosafarbene Kaugummiblasen blies während sie sich ihre rosaglitzernden Sneaker abtrat.
Ich hörte sie durch die geschlossene Wohnungstür kichern und wenn morgens durch den Spion lugte, sah ich oft wie sie sich pinkglänzenden Lippgloss auftrug bevor sie zur Schule ging.
Dieses Mädchen war das Beste, das mir erziehungstechnisch je passiert ist. Ich traf mit ihr eine zugegebenermaßen nicht ganz billige Vereinbarung.
Das nächste Mal als Kind 1.0 verweigerte die Hände zu waschen, zog ich meinen Joker: Wenn Du nicht die Hände wäschst, hole ich das Nachbarsmädchen und es umarmt Dich.
Ungläubiges Gelächter.
Ich ging rüber und klingelte. Das Mädchen kam raus, trug sich lächelnd den Lippgloss auf und sagte: Kind 1.0, ich möchte Dich umarmen.
Kind 1.0 wechselte die Gesichtsfarbe.
Das Mädchen presste Ober- und Unterlippe aufeinander, um den Gloss besser zu verteilen. Vielleicht will ich Dich auch küssen.
Kind 1.0 begann zu zittern.

Seit diesem Tag haben wir kein Problem* mehr.

*Mit dem Hände waschen. Siehe auch „Kleidung zum Teil täglich wechseln

Ich habe nichts gegen Kinder, nur bitte nicht hier

Ich meine, irgendwo mal gelesen zu haben, dass die Bahn ihre Kleinkinderabteile abschaffen möchte. Eine intensive dreiminütige Recherche hat nur einen Artikel von 2003 dazu hervor gebracht. Da ich zumindest letztes Jahr einmal mit den Kindern Kleinkindabteil gefahren bin, weiß ich, dass es die im Moment noch gibt.

Sei es drum. Als ich also hörte, dass die Bahn ihre Kleinkindabteile abschafft, war ich entsetzt. Was soll das? Reisen im Kleinkindabteil ist super. Die Kinder können sich bewegen, spielen, plärren, ich kann stillen, wir können alles vollbröseln und Windeln wechseln ist auch kein Problem. Es gibt ohnehin viel zu wenig Plätze und dann sollen diese wenigen Plätze noch abgeschafft werden? Ja sind die denn verrückt?

Dann hat das Ganze in mir gearbeitet und ich habe meine Meinung inzwischen komplett geändert und ich fordere: Ja! Schafft die Kleinkindabteile ab! Schafft sie ab! Ich will keine Extrawürste für Familien mit Kindern mehr. Ich will, dass die Gesellschaft Kinder akzeptieren lernt. Dass die Menschen lernen aufeinander Rücksicht zu nehmen. Dass es akzeptiert wird, dass Kinder ein bißchen lauter sind als Erwachsene. Dass sie vielleicht mal auf den Sitzen stehen und andere angrinsen oder unqualifizierte Fragen der Art „Was machst Du da?“ stellen. Ich WILL, dass Menschen einen nicht böse und genervt anschauen, weil ein Baby schreit. Dass sie einem nicht das Gefühl geben, dass man die Sache nicht im Griff hat oder dass das Baby nicht gut erzogen ist (oder ähnlich absurde Ansichten, die man durchaus mitgeteilt bekommt, wenn ein der Sprache nicht mächtiges Wesen sich nicht anders als mit Schreien zu artikulieren weiß).

Ja und jetzt bin ich richtig in Fahrt und denke an diesen unsäglichen Artikel in der TAZ, der über die Prenzlauer Berg Mütter herzieht, weil sie es wagen in Cafés zu gehen und dann auch noch dort stillen. Auch habe ich den Artikel von Lars Reinecke, der sich darüber empört, dass am Familientag keine Kinder unter acht mit zur CeBIT dürfen, gelesen.

Was das alles miteinander zu tun hat? Es geht um Familienfreundlichkeit. Lars Reinecke schreibt (offenbar sehr wütend, wie man an der Wortwahl erkennen kann):

Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Am Arsch.

»Ja, in Dänemark und Schweden, da sind die Verhältnisse ja auch ganz anders, da sind die Leute ja auch viel kinderfreundlicher, so allgemein.«

Ja, verdammt, dann seid es hier doch einfach auch, ihr Arschlöcher! Vielleicht ändern sich dann hier auch die Verhältnisse.

Ich verstehe seinen Ärger, auch wenn ich die Vergleiche im Artikel und auch den Adressaten der Verärgerung (das Personal vor Ort) für inadäquat halte, aber ich verstehe es und ich sage: Mehr davon! Vor allem seitens der Väter. Wir wollen Gleichbereichtigung – auch in der Familie. D.h. dass es eine Durchlässigkeit in der Gesellschaft geben muss. Es muss eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie geben, das hilft den Frauen und das hilft den Männern ihre neue (und oft geforderte) Rolle als echte Familienväter wahrzunehmen.

Ich möchte einfach Toleranz und ich möchte nicht dass Kinder ausgeschlossen werden. Klar sind Eltern-Kind-Cafés schön. Aber wäre es nicht viel schöner, wenn man mit Kindern einfach in jedes x-beliebige Café oder Restaurant gehen könnte?

Das Thema lässt sich unendlich ausweiten und wie seltsam es ist, Kinder in eigene Abteile zu schließen, schwant einen, wenn man andere Abteile eröffnet. Behindertenabteile (ist doch toll!), Altenabteile (super!), Frauenabteile (grandios!), Abteile für Ausländer (Applaus!), …

Das Zauberwort ist gegenseitge Rücksicht. Meine Kinder müssen (sofern sie alt genug sind, das zu verstehen) ja nicht im Zug rumjohlen und schreien. Sie müssen nicht mit Essen werfen oder andere Fahrgäste bewusst belästigen. Aber warum sollen sie nicht im Gang laufen dürfen? Warum sollen sie nicht in normaler Zimmerlautstärke sprechen dürfen?

Ich bin neulich in einem Aufzug von einem alten Mann angesprochen worden, weil ich mich zu laut und unangemessen (Fachterminologien und Akronyme!) mit meinem Mann unterhalten habe. Da ist mir der Kragen geplatzt. Ich darf im Aufzug nicht sprechen? Nein, ich könne ja außerhalb des Aufzugs sprechen, wo er das nicht hören muss. Er möchte seine Ruhe wenn er Aufzug fährt. Alles klar…

Ganz ehrlich. Sollen doch diese Leute zuhause bleiben und alle anderen sollen raus und lernen, dass es Unterschiedlichkeiten gibt. In Lautstärke, in Temperament, in Gewohnheiten… Isolation der einzelnen, vermeintlich störenden Gruppen bringt doch nur das Gegenteil: Vorurteile verschärfen sich mangels Erfahrung miteinander und die Ansichten verhärten sich, weil alle nur noch dünnhäutiger werden.

Also: Kinder am Familientag auf die CeBIT und dann lieber das Personal schulen und an den Stellen eingreifen lassen und mit Argumenten ausstatten, an denen Kinder auf Unverständnis bei anderen Messebesuchern stoßen.