Mentalhygienische Infantilitätsphantasien

Die Kindheit hat unendlich viele Vorzüge. Da sei nur die absolute Sorglosigkeit genannt. Keine Zukunftsängste, keine Geldsorgen, kein Beziehungsstress – nur harmlose Fragen und dank Mami und Papi auf alles eine Antwort.
Es gibt nicht mal Zeit. Sie ist einfach da und vergeht. Man weiß gestern nicht von heute oder morgen zu unterscheiden. Pflichten gibt es wenige, Rechte dagegen viele und man ahnt nicht dass dieses Verhältnis eines Tages unwiderruflich kippt.
Der Alltag ist mit Wundern gespickt. Es gibt ständig Neues zu entdecken und man wird sogar für das Erzeugen von Körpergeräuschen gelobt.

Ist das nicht himmlisch?

Was ich jedoch am meisten neide, sind die sozial akzeptierten Gefühlausbrüche. Sei der Ärger auch noch so klein, er wird nicht runtergeschluckt. Man ist frei von Lügen und es gibt keinen Platz für schakalische Diplomatie. Wenn die Enttäuschung kommt, sprudeln die Tränen, bilden kleine Bäche, die über das Gesicht rinnen. Der Rotz läuft salzig in den Mund, der weit offen steht und meistens akustisch den Missmut mit einem herzlichen Rääähhhbääähhh unterstützt. Von einer Sekunde auf die andere. Eben noch gelacht, dann wurde das durch die Goldwaage austarierte Gemütsgleichgewicht aus der Balance gebracht und man kann sich seelenwund die Augen rot flennen. In langweiligen, nicht enden wollenden Sitzungen wünsche ich mir oft, wir wären alle noch so ungefiltert wie Kinder.
Der Leiter moderiert die Arbeitsgruppe an: Ja, der Herr Schmidt, der stellt uns heute die aktuellen Verkaufszahlen vor. Da wird uns alle kennen, würde ich vorschlagen, wir beginnen gleich. Herr Schmidt …
Herr Schmidt: Will nich.
Leiter: Herr Schmidt!
Herr Schmidt: Wihillabbanich!
Leiter: Wenn sie jetzt nicht die Verkaufszahlen vorstellen, dann, dann ähhh …
Herr Schmidt: Ja?
Leiter: … gibt es keinen Nachtisch in der Mittagspause!
Herr Schmidt bricht in Tränen aus: Aaaabber ich, ich wääähhhhh […]
Frau Paul tausch im Hintergrund einen besonders schönen Popel mit Herrn Kraus.
Leiter: FRAU PAUL!
Frau Paul: Ja, aber der Herr Kraus, der hat die besten Popel!
Leiter: Ich will aber nicht, dass sie hier Popel tauschen!
Herr Kraus: Bist ja nur neidisch! Hähä!
Leiter bewahrt Fassung: Herr Schmidt, wären wir dann so weit mit den Verkaufszahlen?
Herr Schmidt wischt sich die Nase am Anzugärmel ab und mustert verträumt die Rotzspur. Sein Gesicht erstrahlt: Frau Paul, willst Du mal meinen sehen? Der ist viel besser als der vom Kraus!
Leiter: Herr Schmidt, die Verkaufszahlen!
Frau Seidel bricht ebenfalls lautstark in Tränen aus.
Leiter: Frau Seidel?
Frau Seidel, schluchzend: Mir is aber sooo laaangweilig!
Leiter: Nicht weinen, der Schmidt, der fängt gleich an, nich Herr Schmidt?
Das Gesicht von Herr Schmidt versteinert. Die Augen werden groß und größer. Herr Schmidt krakelt los: Ich hab mich eingepulllläääärt!
Leiter: Die Sitzung ist geschlossen.

Verglichen mit den üblichen Sitzungen wären solche Sitzungen freilich nicht effektiver, aufgrund der Kürze aber wesentlich billiger. Rechnen Sie mal. Wenn Paul, Schmidt, Seidel und Kraus 4.000 € brutto im Monat verdienen, so kostet eine Arbeitsstunde 25 €. Die vom Leiter 60 €. Wenn die Arbeitsgruppenzeit sich von vier Stunden auf zwanzig Minuten reduziert, kostet eine Sitzung nur noch 53,30 €. Das macht für das Unternehmen allein in dieser Abteilung bei durchschnittlich vier Arbeitssitzungen pro Monat eine Ersparnis von rund 2.436,70 €! Und für die Mentalhygiene wäre es ohnehin viel besser.

Wege in die Jugendkriminalität

Einen Albtraum im wachen Zustand gehabt. Der Auftrag lautete Kind um 18.00 Uhr von Power-Ranger-Party abholen. Abholadresse bei stadtplandienst.de nachgeschaut, pünktlich um 17.30 Uhr Büro verlassen. Ankunft 17.50 Uhr Straußberger Platz. Vergeblich Hausnummer 234 gesucht.
Freund mit Internetanschluss angerufen und nach Adresse gefragt. Erfahren, dass sein Stadtplan sagt, dass Adresse am anderen Ende der Straße zu finden ist.

Panikanfall bekommen. Visionen von weinendem Kind gehabt. Jugendkriminalitätslaufbahn unabwendbar vorherbestimmt gesehen. Kind als Halbwüchsiger beim Gutachter, der entscheiden muss, ob nach Erwachsenen- oder Jugendrecht bestraft wird, nachdem Kind Banküberfall oder ähnliches begangen hat.

Geistig dem Gespräch gelauscht:

– Nun jugendlicher Straffälliger, was kannst du mir über deine Kindheit sagen?

(Lippe von jugendlich straffällig Gewordenem zittert)

– Junge, Du kannst mir vertrauen, sprich es einfach aus.

– Es, es, es ….. (jugendlicher Straftäter bricht in Tränen aus…)

– Ja gut, lass es raus. Lass es alles raus!

– Es, es, es war so SCHRECKLICH damals!

(Therapeut setzt sich mitfühlend näher an Jugendlichen und legt Hand auf seine Schulter)

– Die Freundin meines Vaters sollte mich von einer Power-Ranger-Party abholen, aber SIE KAM NICHT

Ich schwitze, das arme Kind. Alle anderen sind bestimmt schon abgeholt worden. Nur das Kind meines Freundes sitzt einsam mit einem Geburstatgshütchen vor der Haustür und weint. Ich laufe los. Nur 180 Hausnummern, das muss doch in ein Paar Minuten zu schaffen sein!

Leider habe ich hohe Schuhe an.

Leider ist die Karl-Marx-Allee unfassbar groß und lang.

Ich laufe also und laufe und laufe. Ganz, ganz langsam. Wie in diesen Albträumen, in denen man sich unglaublich anstrengt aber nicht weiter kommt. Zehn Minuten laufen = fünf Hausnummern voran kommen.

Ich blicke den Fahrradfahren sehnsüchtig hinterher. Spiele mit dem Gedanken einen von ihnen anzuhalten und zu bitten, mich mitzunehmen. Entschließe mich dann doch für die Variante dem nächsten einfach in den Weg zu springen. Glück gehabt! Es ist ein junger, der durch das erzwungene Bremsmanöver gleich vom Fahrrad fällt. Er hat ein BMX-Rad. Kein Problem. Ich reiße mir die enge Anzughose vom Leib. Stecke meine teuren italienischen Schuhe in die Handtasche und rase los.

18.20 Uhr

Ich komme total verschwitzt in der 17. Etage eines Hochhauses an. Das Kind steht apathisch im Wohnungsflur. Sieben Power-Ranger rennen auf mich zu und werfen mich um. Die Eltern des Ober-Power-Rangers lächeln mich freundlich an.

Na, vielleicht ein Bier?, und deuten dabei in die Küche, wo mich grinsend und rauchend die Väter der verbleibenden sechs Power-Ranger mustern. Kind sagt zum Glück: Ich will nach Hause.

Zehn Jahre später vorm Jugendrichter. Achtzehnjähriger bricht in Tränen aus:

– Ja und da war diese Verrückte, die sprang einfach so auf den Fahrradweg und hat mir mein Fahrrad weggenommen. Das Fahrrad auf das ich vier Jahre gespart habe und … und … wäähhhhh hhhäää hhääää …

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Kryptografie für den Hausgebrauch

Erfreut stelle ich fest, dass es Menschen mit recht ähnlichen Problemen gibt.
Seit neustem muss ich, während ich telefoniere, schnell und viel mitschreiben. Ich kann wahnsinnig schnell schreiben. Eine DinA4 Seite pro Minute bekomme ich problemlos hin.
Nach dem Telefonat schaue ich entgeistert auf meinen Zettel und kann, wenn ich Glück habe, ca. 15% entziffern. Aus diesen 15% lassen sich allerdings nur in den seltensten Fällen alle wichtigen Informationen ziehen.
Ich spielte also kurz mit dem Gedanken eine Sekretärin einzustellen, die des Steno mächtig ist. Ein Unterfangen, welches nicht mit Erfolg gekrönt war. Es gibt einfach keine Menschen mehr, die Steno können. Dabei ist das eine überaus nützliche Fähigkeit.
Natürlich habe ich nicht aufgegeben und mir den Arbeitsmarkt weiter angesehen und nach Alternativen gesucht. Und siehe da: wo ein Wille, da auch ein Weg.
Seit gestern arbeitet ein Kryptograf für mich.
Er ist sehr glücklich, dass er endlich wieder einen Job hat. Ich meine, immerhin hat er einen Master-Abschluss in Informatik sowie einen Bachelor in Physik. Nach seinem Studium hat er sich doch seinem Hobby dem Alphabetum Kaldeorum zugewandt und hat am Lehrstuhl für Klassische Archäologie in Bremen promoviert (Die Arbeit „Zur Interpretation der Obeloi im Lichte sanskritschen Kultur“ wurde ein bahnbrechender Erfolg).
Folgend hat er einige Jahre am DAI Athen gearbeitet von wo er mehrere wichtige Arbeiten zum Thema Kryptografie veröffentlicht hat (u.a. „Applied Cryptography – a Transfer from the Ancient World to Modernity“). Jetzt steht er vor einer seiner größten Herausforderungen.
Er bekommt Abends den Stapel Blätter, den ich tagsüber bekritzelt habe und dann kann er zeigen was ein Meister der Dechiffrierkunst tatsächlich kann.
Wenn er seinen Job das erste halbe Jahr ordentlich macht, werde ich ihm vermutlich auch ein Gehalt zahlen. Jetzt macht er das erst mal als unbezahltes Praktikum.

Warum niemand die GEZ lieb hat

Die GEZ ist schon eine wundersame Organisation. Sie schafft, was für andere unmöglich ist.
Sie greift auf Daten des Einwohnermeldeamtes zu und verwertet diese weiter. Das ist bemerkenswert, denn offensichtlich gibt es dementgegen keinerlei Verbindungen zwischen Einwohnermeldeamt und Finanzamt, was ich sehr begrüßen würde.
Als braver Bürger meldet man sich nach dem Umzug natürlich um und schon zwei Wochen später bekommt man Post von der GEZ.
„Hallo, wollen Sie nicht ihre tollen Rundfunkempfangsgeräte anmelden? Wenn ja, kreuzen Sie ja an, wenn nein, kreuzen Sie trotzdem ja an. Wenn noch jemand mit eigenem Einkommen bei Ihnen wohnt, tragen Sie seinen Namen und die Namen seiner Rundfunkempfangsgeräte ein. Wenn Ihr Kind aus ehelichen oder nicht ehelichen Gemeinschaften stammt und eigenes Taschengeld bekommt, tragen Sie hier den Namen ein. Wenn einer aus ihrer ehelichen oder nicht ehelichen Gemeinschaft ein oder mehrere Autos hat, tragen Sie hier die Namen ein.“

Das macht mich echt wütend. Ich hab nicht mal nen Fernseher, auch kein Auto oder sonst was, seit Jahren. Die sollen mich in Ruhe lassen! Von mir aus eine Kopfpauschale von 5 € pro Einwohner abziehen. Mir egal. Dann ist das nicht so aber witzig teuer.

Das einzige was mir bei Gedanken an diese Unverschämtheit wieder Ausgeglichenheit verschafft, sind die Gedanken an die Prügel, die der GEZ-Yo-Man-Obercool-Junge aus dem Kinowerbespot bezieht, wenn er bei den anderen krassen Hip-Hoppern den Ghettoblaster anzeigt.

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