Begriffe, die Gefühle machen

Working Mom
War hier eine Working Mom am Werk? Bezahlt oder unbezahlt?

Es gibt manche Begriffe, die erzeugen in mir eine Art starken Widerwillen. „Working Mom“ [1] gehört für mich dazu. Ich lese ihn immer wieder in Profilen von Frauen zur Selbstbeschreibung.

Es ist schwer für mich auf den Punkt zu erläutern, welches Problem ich mit dem Begriff habe. In aller Linie ist es wohl die Konnotation, dass eine „Working Mom“ irgendwie was betonenswertes ggü.  Der „Ohne weiteren Zusatz Mom“ ist.

Eine Mom, die workt scheint begrifflich was anderes zu sein als eine Mom.

Und das ist einfach totaler Unsinn. Die Nur-Mütter arbeiten eben auch. Nur bekommen sie kein Geld (und keine gesellschaftliche Anerkennung dafür) und können nie Urlaub einreichen.[2]

Warum müssen sich also Mütter, die bezahlt arbeiten gehen, gegen Mütter, die aus welchen Gründen auch immer, nicht arbeiten gehen, abgrenzen?

Dazu muss ich sagen, persönlich finde ich das Arbeitengehen und finanzielle Unabhängigkeit, eine ziemlich gute Sache. Auf der anderen Seite möchte ich Familienarbeit aber nicht abwerten. Ganz und gar nicht. Ich habe einige Freundinnen und Freunde, die sagen, dass sie großartige Mütter hatten oder haben, die in ihrer Kindheit präsent waren und immer alles geregelt haben.

Als Berufstätige merke ich außerdem an vielen Arbeitstagen, dass es mir überhaupt gar nicht möglich wäre zu arbeiten, wenn auf der anderen Seite nicht mein Partner die Familienarbeit übernehmen würde. Wie absurd wäre es also Familienarbeit als berufstätige Frau abzuwerten?

Gefühlt versuchen also Frauen, die arbeiten und sich als „Working Mom“ bezeichnen ihr eigenes Muttersein aufzuwerten und geben damit ironischerweise zu, dass sie das Muttersein ohne Zusätze minderwertig finden.

Zusätzlich hat der Begriff von Seite der Arbeit (wenn ich ihn als Arbeitgeber höre) immer so ein seltsame „Arbeit ist zweitranig für mich“-Botschaft, denn offenbar muss man betonen, dass man nicht nur Job XY hat, sondern eben auch Mutter ist.

Das wiederum führt mich zu dem Gedanken, dass ich tatsächlich erst 2x „Working Dad“ gelesen habe. Und bei näherem Nachdenken, finde ich es sogar gut, wenn berufstätige Männer sich als „Working Dad“ bezeichnen.

Sie drehen nämlich die ganze Botschaft um und signalisieren, dass sie nicht bereit sind den alten Rollenklischees zu folgen und nur für die Arbeit zu leben und sich dann abfeiern zu lassen, wenn sie abends mal eine Geschichte vorlesen.

Das fand ich in meinem Empfinden ganz spannend.

Ähnlich unterschiedlich bewerte ich übrigens Eltern, die im Job ständig über ihre Kinder sprechen oder die lang und breit erzählen, wann und wie oft ihre Kinder krank sind oder die deutlich machen: Da kann ich nicht, da hole ich die Kinder ab, da kann ich nicht, da ist Kindergartenfest.

(Ich weiß, ich begebe mich gerade auf dünnes Eis.)

Wenn Männer das tun (in meinem Umfeld sehr oft Führungskräfte), möchte ich rufen „Yes!“ und freue mich, dass die Aussage „Da hole ich mein Kind ab, meeten um 16 Uhr ist nicht.“ Ziemlich sicher allen Frauen in der Runde ebenfalls zu Gute kommt.

Die Kinder durch Fotos auf dem Schreibtisch oder Desktop etc. deutlich sichtbar zu machen, finde ich ebenfalls ein geeignetes Mittel, anderen auf den Schirm zu holen: Da gibt es noch andere Verpflichtungen.

Auf der anderen Seite (und ja, ich schäme mich dafür und ich fühle mich u.a. unsolidarisch) nerven mich Mütter zunehmend, die eben zu jedem Anlass ihr Handy zücken und Kinderfotos zeigen oder oft ausfallen, weil sie sich um die Kinder kümmern. (Ich merke dann immer wieder, dass ich mir denke: Wenn da zwei berufstätige Menschen Kinder haben, warum kann dann eigentlich nie der Vater mal kinderfrei nehmen? Wahrscheinlich komme ich jetzt in die Hölle.)

Denn ich kenne auf der anderen Seite eine Menge Frauen mit mehreren Kindern, die einfach top Arbeitskräfte sind und denen man das Muttersein nicht anmerkt. (Auch traurig, dass ich das Gefühl habe, dass man jemanden das Muttersein im Idealfall im Arbeitskontext nicht unbedingt anmerken soll).

Ja, ja. Ich merke es selbst. Double Standards. Die aber von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Stellungen kommen, die Frauen und Männer derzeit haben.

Bis die Gleichberechtigung und Gleichverteilung erreicht ist, wäre es also ideal, wenn Frauen sich den „Working Mom“ Schuh nicht mehr anziehen und an die Männer weitergeben, die gerne „Working Dads“ sein können.

Das wäre gutes Teamwork um ein gemeinsames Ziel zu erreichen: Beides sein zu können. Eltern und ArbeitnehmerIn.


[1] vgl. auch Powerfrau oder Mompreneur und bitte auch mal das Wort „Familienvater“ auf der Zunge zergehen lassen.

[2] Und pscht! Geheimnis: Ich finde sowohl Job als auch das Muttersein gelegentlich stressig, aber den Job finde ich anders stressig und man kann oft auch mal drei Minuten durchatmen, während man als Mutter nicht mal aufs Klo kann, ohne dass jemand ruft.

Einen lesenswerten Artikel hat Teresa Bücker schon 2015 in der Edition F geschrieben: „Jede Mutter ist eine Working Mom“.


Also erzählt mir mal. Wie denkt ihr über diesen Begriff und wie geht es euch im Beruf mit Müttern und Vätern, die ihre Kinder sehr sichtbar machen? Ich lasse mich auch gerne eines besseren belehren und lerne was dazu.

Podcastsüchtig?

Ich glaube, Malik hat mich angesteckt. Mir macht das Podcasten mehr und mehr Spaß. Am liebsten natürlich mit Frau Kirsche, Marcus Richter und Malik Aziz in der Weisheit, dem am unregelmäßigsten erscheinende Podcast der Welt mit Glitzerukulele und den besten Fans.

In der Weisheit halten wir uns streng an 60 Minuten Sendezeit. Ich hab es jetzt aber mal kühn mit über 90 Minuten probiert und zwar bei Daddies in Distress, was mir sehr Spaß gemacht hat.

Wir reden über mein Buch, die Eltern-Online-Community, die Frage warum ich lange Zeit die Bezeichnung „Mama-Blog“ als Abwertung empfunden habe, über Kinder und deren Mediennutzung und Ratgeber-Literatur.

Irgendein Witz mit „Mommys in Eustress“

Entspannt oder leichtsinnig

Überwachung
Für jedes Kind eine Überwachungskamera!

Letzte Woche beschäftigte sich die sehr hörenswerte Sendung Breitband u.a. mit dem Thema „Das überwachte Kind„. Einige Tage später las ich aufgrund des Blogbeitrags von Heiko Bielinski von der Schutzranzen-App. Ab und an werde ich auch von irgendwelchen Kinderüberwachungs-GPS-Tracking-Anbietern gefragt, ob ich nicht mal einen Produkttest machen möchte. Die Varianten sind vielfältig. Von der einfachen Ortung, über die Festlegung erlaubter Aufenthaltsbereiche inkl. eines Alarms sofern diese verlassen werden bishin zur Möglichkeit das Mikrofon des Kinderhandys anzuzapfen.

Ich muss ja öfter in mich gehen, ob ich einen Test machen will oder nicht. Bei Anfragen dieser Art ist meine Haltung jedoch eindeutig: Nein, ich möchte einen solchen Test nicht machen, denn ich bin gegen die Überwachung von Kindern.

Natürlich habe ich mit meinen Kindern schon Situationen erlebt, in denen ich gerne auf einen Knopf hätte drücken wollen, der mir sagt: Da ist das Kind, alles in Ordnung.

Erst neulich war eines der Kinder sage und schreibe drei Stunden später Zuhause als verabredet. Nach 30 Minuten wurde ich nervös. Nach einer Stunde habe ich andere Eltern angerufen, dann die Schule und dann den letzten Aufenthaltsort (die Kinder hatten eine Exkursion gemacht). Ich war kurz davor die Polizei zu alarmieren, als das Kind sorglos mit drei Freundinnen durch die Tür schritt: „Achso. Ich wusste nicht, dass Du wartest. Wir waren noch unterwegs.“

Ich hab mich bemüht mit ruhiger Stimme zu sagen, dass ich in großer Sorge war, worauf die Freundinnen ihre Handys zückten (natürlich hatten alle Kinder Handys, natürlich hatte ich diverse Nummern angerufen, natürlich war keines der Kinder rangegangen, ja, ja diese Jugend. Von wegen schaut immer aufs Telefon!) und sagten: „Apropos. Wir rufen mal kurz zu Hause an.“

Wie gesagt, ähnliche Situationen gab es vorher in Varianten aller Art. Dennoch würde ich mein Kind nie mit einem GPS-Tracker ausstatten.

Natürlich wäre so ein Ding im absoluten Worst Case [1] eine Hilfe – aber die Wahrscheinlichkeit, dass selbiger eintritt ist, so hoffe ich, so verschwindend gering, dass ich diese nicht gegen das Recht auf Privatsphäre [2], die das Kind eben auch hat, eintauschen würde.

Ich bin ja selten gegen Technik, aber an dieser Stelle kommt der Kulturpessimist in mir hervor.

Nicht nur in Bezug darauf welche tatsächlichen Auswirkungen eine entsprechende Überwachung haben könnte (die aktuelle Staffel Black Mirror – Arkangel illustriert das ganz gut), sondern auch, weil ich glaube, dass die Kinder eine Reihe von Kompetenzen nicht erwerben, wenn sie sich auf GPS-Ortung verlassen.

Wir üben z.B. Orientierung. Bewusst wahrnehmen, wo man aussteigt, sich umschauen, welche Orientierungspunkte es gibt und sich Marker aussuchen. Hier geradeaus, da kommt man an einem Hochhaus vorbei, hier bei der S-Bahn-Brücke links abbiegen etc.. Auch mal umdrehen und die Gegend vom Rückweg her anschauen. Sich merken, welche U-Bahn-Stationen in der Nähe sind. Auf Schilder achten.

Telefonnummern auswendig lernen. Uhrzeit lesen lernen und Zeit im Blick behalten. Besprechen, wie man im Notfall welche Leute anspricht. Besprechen, wie man reagiert, wenn andere einen ansprechen. Immer einen Notgroschen dabei haben.

Ganz am Ende geht es für mich außerdem um die Vertrauensbeziehung. Ich möchte gerne, dass meine Kinder sich frei bewegen können, dass sie mir aber offen und ehrlich sagen, wo sie hingehen wollen. Für mich ist es gar nicht schlimm, wenn man mal was falsch macht, eine fragwürdige Entscheidung trifft oder sich ausprobiert. Mir ist es aber sehr, sehr wichtig, dass man ehrlich ist.

Das spielt für mich alles in das Thema Kinderüberwachung rein.

Es sind also diese beiden wesentlichen Aspekte für mich: Das Kind aufklären, es kompetent machen, ihm möglichst viel Situationen und deren Lösung schildern oder Konsequenzen bestimmter Verhaltensweisen erläutern und auf der anderen Seite schnöde: Vertrauen schenken und hoffen, dass dieses nicht missbraucht wird.

(Und am Ende hoffe ich v.a. dass ich entspannt bin und nicht leichtsinnig.)

P.S. Kleiner Exkurs: Das gilt übrigens auch in Bezug auf die Online-Welt. Ich bin immer völlig entgeistert, wenn ich höre mit welcher Selbstverständlichkeit z.B. Browserverläufe bei Kindern kontrolliert werden. Auch hier setze ich auf eine Mischung aus Aufklärung und Vertrauen.

P.P.S. Die Schutzranzen-App finde ich nicht nur doof, sondern sogar gefährlich, weil sie die Verantwortung verschiebt. Es gibt schließlich Ampeln und Autofahrer haben Augen. Das ist völlig ausreichend. Lieber die Ampeln mit einer Art CAR-B-Gone (analog zum TV-B-Gone) ausstatten, die sicherstellt, dass Autos nicht fahren können, solange die Fußgängerampel grün ist. Dann müssen sie eben geduldig sein.

[1] Der Breitband-Beitrag spricht von in den letzten 10 Jahren konstant gebliebenen 2.000 Kindesentziehungen pro Jahr in Deutschland, wovon aber ein Großteil durch das eigene Umfeld erfolgt.

[2] 16% aller Teenager werden in den USA per GPS überwacht


Ergänzung zum Schutzranzen: „Ich warne mit Nachdruck davor, sich trügerischen Sicherheiten im Tausch von Daten hinzugeben. Wenn Kinder allein im Straßenverkehr unterwegs sind, bleibt immer ein Restrisiko. Aufgabe der Eltern ist aber nicht, stets zu wissen, wo ihr Kind ist, sondern es fit für den Straßenverkehr zu machen. Dazu gehört, den Schulweg gemeinsam abzugehen, kritische Punkte zu erörtern und Regeln zu vermitteln. Auch in der Schule werden solche Basisregeln vermittelt.“

Zitat Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE)

Nominierung „Goldene Blogger 2017“

Neulich hat jemand den denkwürdigen Satz gesagt: „Was ist ein Preis wert, wenn man ihn nicht essen kann?“ und hat im Grunde natürlich recht – denn essen ist immer eine gute Sache.

Tatsächlich sind physisch vorhandene Preise überhaupt eine gute Sache. Ich habe in der Vergangenheit ein paar virtuelle Preise gewonnen und mich riesig gefreut. Die prototypische Reaktion der Kinder: *gähn*

Dann 2015 habe ich das erste Mal den Goldenen Blogger in kann-man-ins-Regal-stellen gewonnen und alle so: „WOOOOOOHOOO! Darf ich mal anfassen! KRASS!!!1!“ (Ja, es wurden sogar Selfies vor meinem Regel gemacht und der Besuch gab vor, selbst Preisträger zu sein!)

Dieses Jahr wurde ich bei den Goldenen Bloggern in der Kategorie „Blogtext des Jahres“ mit dem Text „Im Gegensatz zu meinem Körper dürfen meine Worte Gewicht haben“ nominiert. Der oder dem Nominierenden ganz herzlichen Dank dafür!

Die Verleihung findet kommenden Montag, am 29.1. ab 19 Uhr statt. Entschieden wird per Jury, Online-Voting oder Publikums-Voting (welche Kategorie wie gewählt wird, wird erst noch bekannt gegeben).

Wer mich unterstützen möchte, kann z.B. auf Twitter dem Hashtag #goldeneBlogger folgen und meinen Text dann wählen, wenn meine Kategorie dran ist.

Da ich, obwohl ich schon als Tellerwäscherin gearbeitet habe, immer noch nicht Millionärin bin, freue ich mich über essbare und nicht essbare Preise aller Art. Platz im Regal hätte ich noch.

 

[Anzeige] Let’s talk – Nutzung digitaler Medien nach Alter

Digitale Medien
Pixelkult @Pixabay

Gemeinsam mit SCHAU HIN! habe ich eine kleine Serie zum Thema Kinder und digitale Medien gestartet.

Im Zentrum meiner Serie sollen die Chancen, die (neue) Medien mit sich bringen, stehen und ich will beschreiben, wie wir als Familie im Alltag damit umgehen und gerne auch von Euch hören, wie ihr den Alltag mit Kindern und digitalen Medien gestaltet.

Risiken und Gefahren werden durch Kulturpessimisten aller Ausrichtungen zu genüge beklagt. Viele Eltern reagieren mit Unsicherheit und statt sich mit den einzelnen Themen auseinanderzusetzen, wird schnell mal ein Verbot verhängt.

Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass Verbote in Sachen Medienkonsum nichts bringen. Deswegen versuche ich mit meinen Kindern im Gespräch zu bleiben und Lösungen zu erarbeiten, die für uns beide alle passen. Das ist auch der Grund warum ich die Serie Let’s talk nenne.

Im zehnten Teil geht es um: Altersgerechte Mediennutzung

Theorie und Praxis

Wenn man ein bisschen googelt, stößt man schnell auf unterschiedlichste Studien, die v.a. im Kleinkindalter vom Gebrauch sämtlicher digitaler Medien abraten.

Beim ersten Kind mag völlige Enthaltsamkeit theoretisch noch umsetzbar sein. Das gilt zumindest sofern man die eigenen Geräte in Anwesenheit des Kindes nicht benutzt. Schaut man selbst ständig ins Telefon oder Tablet und tippelt rum, hält das Kleinkind das besagte schwarze Dings für eine höchst interessante Sache und möchte natürlich mitmachen.

Dem selben Phänomen steht man gegenüber, wenn es ältere Geschwisterkinder im Haushalt gibt.

Sobald die fernsehen dürfen oder mit irgendwelchen Apps spielen, ist es völlig utopisch das jüngere Geschwisterkind von den entsprechenden Geräten fernzuhalten.

Wenn man nachmittags alleine mit den Kindern ist, geht eben nicht beides: das eine Kind beim Medienkonsum begleiten und gleichzeitig das andere vom Medienkonsum fernhalten.

0 bis 2 Jahre

Tatsächlich denke sogar ich, dass man die ersten beiden Lebensjahre im Grunde gar nichts mit digitalen Medien machen muss. Dem Kind fehlt nichts und es verpasst auch nichts. Der Rest der Welt ist so interessant, dass es sich erstmal daran probieren darf. Das wortwörtliche Begreifen hat Vorrang.

Ausnahme, wie weiter oben beschrieben – ältere Geschwisterkinder – dann machen die Kleinsten in der Regel, was die größeren machen: begleitet die Medienwelt erleben.

3 bis 6 Jahre

Die U9 Studie des „Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet“ fasst es ganz gut zusammen: „Die Frage nach dem Ob ist in der Praxis abgehakt und realitätsfremd. Kinder bewegen sich bereits autark in der digitalen Welt. Rund 1,2 Millionen 3- bis 8-Jährige sind regelmäßig online. Kinder, die noch nicht lesen und schreiben können, erkennen entsprechende Symbole, die ihnen den Aufruf von Webangeboten ermöglichen.“

In konkreten Zahlen: Von den 6-Jährigen geht fast ein Drittel ins Internet, und bei den 3-Jährigen ist es schon jedes zehnte Kind.

Ein erfreuliches Ergebnis der oben zitierten Studie: Ob Kinder Zugang zu digitalen Medien haben oder nicht, ist […] weitgehend unabhängig vom Einkommen der Eltern.

Das halte ich deswegen für wichtig, weil der Zugang zu digitalen Medien eine zentrale Rolle beim Kompetenzaufbau spielt.

Mein Tipp für die Altersgruppe 3 bis 6 würde dennoch lauten: gelegentlich und wohldosiert sowie nach Möglichkeit begleitet.

Meiner Erfahrung nach brauchen die Kinder in dieser Altersstufe auch noch gar nicht so viel Abwechslung. Hundert mal das selbe Conni-Hörspiel hintereinander, dutzende Male die selbe Folge Biene Maja oder nur die eine lustige App – das reicht in der Regel völlig. Wir sind (zu meinem persönlichen Leid) mit drei DVDs durch diese Jahre gekommen.

Kinder in diesem Alter leiten aus dem Aufbau eines stabilen Erwartungshorizontes Kompetenzempfinden ab. Wenn sie genau vorhersagen können, was als nächstes passiert, hat das einen positiven Effekt auf ihr Selbstbewußtsein.

Nicht umsonst sind so furchtbar eintönige Kinderheldinnen wie Conni so weit verbreitet. Egal welche Folge, Conni erlebt irgendwas und wird dann Erste, Beste und Beliebteste. Das weiß ein vierjähriges Kind schon am Anfang der Geschichte und freut sich auf genau diesen Ausgang.

Altersangaben für Apps sowie für Computerspiele und Filme bieten auf jeden Fall eine gute Orientierung. In einigen Plattformen (z.B. Netflix und Deezer) kann man die Inhalte ab 16 aus der Suche des Kinderaccounts ausschließen. Ähnliche Filtermechanismen gibt es auf allen möglichen Betriebssystemen bzw. App-Stores. Davon machen wir zum Teil Gebrauch, so stoßen die Kinder in dem Alter nicht arglos auf völlig unangemessene Inhalte.

Was man dem Kind am Ende zumuten kann und möchte, sollte man als Erwachsene dennoch durch Selbsttest prüfen. Meine Kinder sind z.B. was Filme mit echten Menschen angeht, sehr sensibel. Abgesehen von etalblierten Formaten wie z.B. „Sendung mit der Maus“ schauen sie tatsächlich kaum etwas ohne einen Erwachsenen.

digitale Medien
SchoolPRPro @Pixabay

7 bis 10 Jahre

Mit steigender Lese- und Schreibkompetenz sinkt der elterliche Einfluss – so jedenfalls meine Erfahrung. V.a. dann wenn Kinder bereits eigene Endgeräte nutzen.

In der Übergangsphase finde ich es gut, wenn Kinder ihre Endgeräte nicht alleine in ihrem Zimmer, sondern in meiner Anwesenheit nutzen. So muss ich nicht die ganze Zeit parallel auf den Bildschirm schauen, bekomme aber die Emotionen der Kinder mit und sie haben mich als Ansprechpartnerin parat.

Die Spiele, die die Kinder regelmäßig spielen wollen, lasse ich mir ausführlich zeigen. Die Kinder berichten mit großem Enthusiasmus davon. Sie haben auch Spaß daran, den Eltern etwas zu zeigen. Meiner Wahrnehmung nach nutzen sehr wenige Eltern diese Kommunikationsmöglichkeit.

Mein Kind 2.0 spielt gerne Spiele, die ich aufgrund der In-App-Käufe und diverser anderer Spielmechanismen (es muss nach Zeit xy geerntet werden) nicht gerade toll finde. Dennoch kann es mir seine Begeisterung ausreichend darlegen und auch dem Drang widerstehen sich bestimmte Dinge dazuzukaufen. Also höre ich lieber zu, erkläre auch meine Bedenken, werte aber das Spiel nicht grundsätzlich als doof, hohl oder Schwachsinn ab. Entsprechende Bewertungen höre ich wirklich oft auf Elternabenden zum Thema Mediennutzung. Wenn man mal nachfragt, ob die Eltern entsprechende Spiele selbst auch nur 10 Minuten mal gespielt haben oder ob sie mit ihren Kindern über deren Beweggründe geredet haben, kommt oft nur ein Abwinken, es sei allgemein bekannt, dass die App/das Spiel XY doof sei. Die Kinder spielen diese Sachen dann heimlich. Bei anderen Freunden oder nach Unterrichtsschluss oder sie gehen irgendwohin, wo sie WLAN haben können und es kuschelig ist – z.B. in die nächste Bibliothek – und spielen da weiter. Das einzige was man durch solche Abwertungen und Verbote erreicht, ist meiner Meinung nach eine schrittweise Entfremdung vom Kind. Ich hoffe, ich kann noch lange der Versuchung widerstehen, meine eigenen Empfindungen und Einschätzungen als die einzig gültigen zuzulassen.

11 bis 13 Jahre

Spätestens jetzt zeigt sich, ob man zu den Kindern eine vertrauensvolle Beziehung bezogen auf den Medienkonsum aufgebaut hat oder ob sich die Kinder langsam entziehen und man sowieso nicht mehr mitbekommt was die Kinder eigentlich im Netz machen.

Wie in vergangenen Artikeln beschrieben halte ich nichts von Verboten und unbeweglichen Regeln was den Medienkonsum angeht. Wir setzen uns lieber zusammen und besprechen, wann der richtige Zeitpunkt ist z.B. Computerspiele zu spielen, Serien zu streamen oder sich im Klassenchat Sprachnachrichten hin und herzuschicken. Ob es dann dreißig Minuten oder vier Stunden am Tag sind, ergibt sich aus dem Kontext.

Was die Plattformen angeht: Oft verlangen die AGB ein Mindestalter von 13, um überhaupt einen eigenen Account einzurichten.

Es sollten bis zu diesem Alter schon wesentliche Themen diskutiert sein: Wie schütze ich meine Privatsphäre? Was ist Cyber-Mobbing? Wo findet man ggf. Hilfe? Wie gehe ich mit Fotomaterial um? Was sind sichere Passwörter?

Gut ist es auch, wenn man mit den Kindern einen Weg gefunden hat, das Interesse an digitalen Medien vom ausschließlichen Konsum Richtung kreative Nutzung im Sinne von selbst Inhalte produzieren lenken konnte.

Älter als 13 Jahre

digitale Medien
natureaddict @Pixabay

Auch hier lohnt es sich mal Studienergebnisse anzuschauen. Die U25 Studie des „Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet“ z.B. liefert ganz interessante Einsichten:

  • 98 Prozent der 14- bis 24-Jährigen nutzen das Internet.
  • Es wird kaum noch zwischen On- und Offline-Zeiten getrennt. Das Smartphone ist der Begleiter für alle Lebenslagen.
  • Internet-Nutzung wird mit zunehmendem Alter zum integralen Bestandteil des Alltags. Für Kinder heißt das vor allem Spielen. Der Fokus verschiebt sich allmählich hin zur Dauerkommunikation über Online-Communitys und Messaging-Dienste. Für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist die Kommunikation mit Freunden die wichtigste Facette der Internet-Nutzung geworden.
  • Die Bedeutung von Facebook-Freunden wird offensichtlich meist falsch dargestellt. Laut unserer Studie unterscheiden die Befragten sehr deutlich zwischen Online-Freunden, persönlichen Bekannten und echten engen Freunden.

Auch gibt die Studie meinen Eindruck in Sachen Medienkompetenz der Eltern in Bezug auf Glaubwürdigkeit wieder:

„Eltern scheinen in einer, zum Teil dauerhaften, Alarmbereitschaft mit Blick auf die Internet-Nutzung ihrer Kinder zu sein – häufig jedoch ohne zu wissen, was genau zu tun wäre. Diese Unsicherheit nehmen letztlich auch die oft schon größeren Kinder wahr: Eltern können oft nur schwer vermitteln, warum sie beständig zur Vorsicht im Umgang mit dem Internet mahnen. Solange die Kinder noch klein sind, akzeptieren sie bis zu einem gewissen Alter die gesetzten Regeln, auch wenn sie nicht nachvollziehen können, warum bestimmte Dinge verboten und andere erlaubt sind. Spätestens ab 14 Jahren betonen die Jugendlichen jedoch, dass ihnen die pauschalen Warnungen der Eltern nicht viel bedeuten und sie sich als deutlich überlegen hinsichtlich ihrer Internet-Kompetenz fühlen.“

Umso wichtiger finde ich, dass man über alle Altersstufen hinweg gemeinsam mit den Kindern die digitalen Welten erkundet. Das hilft am Ende auch den Erwachsenen entsprechende Medienkompetenz aufzubauen und dann auch im zunehmenden Alter der Kinder weiterhin als kompetenter Ansprechpartner wahrgenommen zu werden.


Wie alt sind eure Kinder und was nutzt ihr? Habt ihr bestimmte Tipps bezogen auf das Alter der Kinder? Wie geht ihr mit dem Thema Geschwisterkinder um?

Kommentiert einfach hier, teilt eure Medienmomente auf Instagram, bloggt selbst darüber, twittert oder schreibt darüber auf Facebook. Wenn ihr euren Beiträge mit dem Hashtag #medienmomente markiert, können sie später eingesammelt und geteilt werden.

Weiterführende Links

Weitere Themen der Serie

Teil 1 von Let’s talk: Nicht wie lange sondern was
Teil 2 von Let’s talk: Messenger
Teil 3 von Let’s talk: Computerspiele
Teil 4 von Let’s talk: YouTube
Teil 5 von Let’s talk: Fernsehen und Streaming-Dienste
Teil 6 von Let’s talk: Hörwelten
Teil 7 von Let’s talk: Augmented Reality und Virtual Reality
Teil 8 von Let’s talk: Programmierbares Spielzeug zu Weihnachten?
Teil 9 von Let’s talk: Mitbestimmung beim Medienkonsum

Baden

Ich beim Baden.

Oft habe ich schreckliche Badesehnsucht. Das ist, mag man denken, da ich eine Badewanne besitze, vielleicht gar nicht so ein großes Problem. Ist es aber doch. Ich hasse es nämlich nass zu sein.

Ich warte deswegen schon seit Jahrzehnten auf die Zukunft in der man in Ermangelung von Wasser endlich Schall- oder meinetwegen auch Sandduschen kann, denn auch das tägliche Duschen ist mir eigentlich zu wider. V.a. morgens. Aufstehen und nass werden. Wer will denn sowas? Abends finde ich es noch halbwegs erträglich. Nasswerden und dann in ein warmes Bett – OK – aber morgens nass in die kalte Welt? Nein.

Am Wochenende packt mich dann plötzlich Badesehnsucht. Ich denke dann: „Nanu? Was ist los mit mir? Baden hat doch ziemlich viel mit Wasser zu tun!“ Dann gehe ich in mich, denn ich kenne den Ablauf des Badens an einem kinderfreien Tag ganz genau:

Ich gehe ins Badezimmer und heize. Dann lasse ich das Wasser ein. Sodann verspüre ich das Bedürfnis einen Badezusatz beizumischen. Da habe ich die Wahl zwischen „stinkt ekelerregend nach irgendeiner künstlichen Blüte“ (da ich kein Insekt bin, spricht mich das geruchlich nicht an) oder „riecht nach Medizinprodukt“. Meistens entscheide ich mich für letzteres. Riecht nach Medizinprodukt gibt es wiederum in drei Varianten:

Variante 1) Schaumbad. Die Beigabe des Badezusatzes produziert drei Kubikmeter Schaum. Schaum, den man hinterher sogar abduschen muss – was erneuten Wasserkontakt nach sich zieht.
Variante 2) Ölbad. Das bedeutet man hat nach einem zwanzig minütigen Bad so etwas wie ölige Höhenlinien an seinem Körper: zwei um die Knie und eine um den Oberkörper.
Variante 3) Salzkristalle. Die schüttet man in die Badewanne, aber egal wie man rührt, sie lösen sich nicht vollständig auf, man muss sich also auf mittelgroße Salzkristalle setzen, die einen die volle Länge des Bades piksen.

Alles sehr unbefriedigend, aber einfach ins Wasser legen, das geht nicht, das ist irgendwie unzivilisiert. Also entscheide ich mich durchpermutiert für eine der Varianten und gleite in das meist viel zu heiße Wasser.

Zwanzig bis dreißig Minuten soll man baden. Verständlich, die 150 Liter Wasser, die man da gerade eingefüllt hat, sollen sich schließlich lohnen. Bei einem Preis von 0,5 Cent pro Liter (Abwassergebühr und Steuern inklusive!) plus Energiekosten für die Erwärmung ist man schnell bei verschwenderischen 1,50 Euro (so viel wie 30 mal Toilette spülen oder 6.818 Eiswürfel!) pro Wanne. Da sitze ich meine Zeit ab. Obwohl es eben sehr heiß ist am Anfang. Dann fange ich an im Wasser zu schwitzen, was mir ganz und gar nicht gefällt. Die Haare werden strähnig, der Kopf rot, Schweiß rinnt mir in die Augen, das brennt, ich versuche mir mit Wasser die Augen auszuspülen, das brennt noch mehr, schließlich ist da irgendein Badezusatz im Wasser, den man nicht in die Augen reiben soll.

So laufen die ersten fünf Minuten ab. Ab Minute sechs langweile ich mich. Ich meine, ich habe schließlich seit fünf Minuten nichts gemacht (also außer mir brennende Seife in die Auge zu reiben). FÜNF MINUTEN!

Was man da alles hätte machen können! Völlig verschwendete Zeit. Ich ärgere mich also, dass ich wieder vergessen habe die Bluetooth-Lautsprecher aufzuladen, denn dann hätte ich wenigstens Podcasts hören können. Wobei – die Podcasts, die ich regelmäßig höre, habe ich meistens auf dem Weg zur Arbeit und zurück schon lange aufgebraucht. Hätte ich also die Lautsprecher aufgeladen (oder die Powerbank, um die Lautsprecher aufzuladen), dann könnte ich mir von der Sprachausgabe Blogtexte vorlesen lassen.

Das mache ich manchmal. Allerdings hat das den seltsamen Effekt, dass mir die Verfasserinnen und Verfasser von Texten, an denen eigentlich nichts zu bemängeln ist, sehr unsympathisch erscheinen. Schließlich liest die Sprachausgabe sehr monoton und emotionslos, was eben zu den meisten Texten ganz und gar nicht passt. Also lasse ich das auch lieber und langweile mich weiter.

Immerhin schon sieben Minuten vergangen. Den Rest der Zeit kann ich der Frage auf den Grund gehen, wieso sich das Badebedürfnis überhaupt regelmäßig regt.

Ich glaube, es hat irgendwas mit dem Wunsch nach ultimativer Entspannung zu tun. Theoretisch kann sich schließlich der Körper in der Wärme und der Geist im Nichtstun entspannen. Theoretisch. Praktisch kann ich mich seit 12 Jahren nicht mehr entspannen. Da habe ich nämlich aufgehört zu rauchen. Die zehn Jahre davor habe ich mir hart antrainiert beim Rauchen zu entspannen. Das hat hervorragend geklappt. Leider hat sich da ein stabiles Engramm in meinem Gehirn gebildet, das offenbar nie wieder überschrieben werden kann. Also funkt nur entkoppelt das Bedürfnis: „Hallo! Du könntest mal wieder entspannen!“ und findet keine Erfüllung. Nie mehr.

Stattdessen bin ich nur nass und mir ist zu heiß und ich frage mich wie viel Kilo Kirschkerne man brauchte um eine Badewanne damit zu füllen und wie ich es schaffen könnte, all diese Kirschkerne gleichzeitig zu erwärmen, so dass es angenehm sein könnte in ihnen zu baden.

Ich muss einfach eine Lösung finden. Effizient funktionierende Schallduschen werden erst 2270 erfunden. Selbst Astronauten begnügen sich derzeit mit Wasser. Vielleicht fange ich auch einfach wieder das Rauchen an, dann muss ich nicht baden wollen.

Putz doch mal

So sieht es auf meinen Arbeitsflächen nie aus! Ich hasse Krümel auf Arbeitsflächen!

Die Mär der unterschiedlichen Sauberkeitsstandards ist vielleicht gar keine Mär, habe ich mir neulich beim Nichtputzen überlegt. Für meinen Teil ertrage ich z.B. Krümel und anderen groben Dreck auf dem Boden außergewöhnlich gut. Ich laufe meist ohne Hausschuhe durch die Wohnung und kann ihn deswegen ganz gut fühlen. Schnell hat man sich Maiswaffelreste oder eine vom Wind verwehte Knoblauchschale eingetreten. An pedantischen Tagen pule ich sie von der Fußsohle und werfe sie in den Müll. An entspannten Tagen schnipse sich sie einfach in die Weiten des Raumes, in dem ich mich gerade befinde.

Eine Freundin von mir, deren Wohnung ich jetzt auch nicht für instagramtauglich halten würde, kann Krümel nicht ertragen. Nach jedem Essen kommt sie mit einem besenartigen Gebilde, das vorne eine Art Schwamm angeschnallt hat und fegt. Aus den Fenstern kann man kaum schauen, die Kacheln im Bad haben bei genauem Hinsehen kleine Kalk-Stalaktiten. Auf dem Boden kann man jedoch zweifelsohne Operationen durchführen.

So scheint jede/r Dreck zu haben, der entweder wahnsinnig oder überhaupt nicht stört. Für meinen Teil liebe ich blitzeblanke Arbeitsflächen (weswegen ich sehr gerne von dort auf den Boden fege). Das finde ich sehr hygienisch.

Manchmal wenn ich sinnierend in meiner Küche sitze und Kaffee trinke schaue ich auf den Dreck und denke: „Wie glücklich ich mich schätzen kann, dass mein Partner diesen Dreck so gut ignorieren kann.“ Hui! Da erschrecke ich mich vor meinen Gedanken selbst. Denn eigentlich sagt das gar nicht mein Kopf sondern die Stimme meiner Mutter, die lobt, dass mein Partner so tolerant mit meiner Unordentlichkeit umgeht.

Tatsächlich glaube ich, dass es meinem Partner herzlich egal ist, wie es bei mir aussieht. Ich traue ihm sogar zu, dass er, sofern er sich gestört fühlte, selbst einen Staubsauger in die Hand nehmen könnte.

Um ehrlich zu sein, ich meine, ich habe noch nie einen Mann in meinem Freundeskreis getroffen, der viel Wert auf Sauberkeit gelegt hätte – im Sinne von – es soll sauber sein, aber dafür ist die Frau zuständig. Ich habe in meiner Kindheit und Jugend oft davon gehört, dass Haushalt und Sauberkeit meine Aufgabe sein würde, aber als ich dann mit 17 ausgezogen bin, ist mir kein Mann begegnet, der verlangt hätte, ich solle doch bitte mal putzen.

(Vielleicht hatte ich einfach Glück weil sie allesamt schlampiger waren als ich)

Ich muss dazu sagen, seit die Kinder geboren sind, ist es schon immer einigermaßen ordentlich bei mir. Früher war das anders. Ein Ex-Freund hat sich bei einer meiner Freundinnen im Smalltalk mal erkundigt, ob bei mir das Geschirr immer noch in der Spüle schimmele.

Tut es seit Jahren nicht mehr. Ich war mir des Problems durchaus bewußt und habe damals einfach mein Geschirr reduziert. Wer nur ein Glas hat, muss das Glas spülen bevor er es (wieder) benutzen kann. Klug bin ich ja!

Heute ist alles ordentlich, alles hat seinen Platz, die Arbeitsflächen sind poliert, die Kacheln glänzen, durch die Fenster fällt ausreichend Licht. Lediglich der Boden weist eine leichte Dauerverkrümmelung auf, wird aber ebenfalls regelmäßig gesaugt und dann meine Damen und Herren, sauge ich sogar die Fußleisten, Steckdosen und Lichtschalter ab!

Und doch spüre ich immer wieder dieses Gefühl der Dankbarkeit, dass der Partner nicht schimpft. Wie stark die Erziehung doch in die Seele eingewachsen ist.

Der Alltag, das Lesen und der Tod

PublicCo @Pixabay

Der Alltag fließt dahin und lässt mir kaum Schreibzeit. Voller Ver- und Bewunderung stelle ich dann fest, dass andere Blogs stetig und immer hochwertige Texte produzieren (so z.B. Herr Buddenbohm) und frage mich: „Wie machen die das? Wie???“

Ich hingegen sitze abends, nachdem die Kinder ins Bett gebracht sind, sehr schlapp auf meinem Sofa und scrolle mich durch die Scheinwelten von Instagram. Einen seltsamen Reiz üben die aufgeräumten, weißen Wohnungen auf mich aus. Wenn ich dann auf „Erkunden“ klicke, führt mich der Algorithmus in eine Welt voller Widersprüche. Er zeigt mir auf der einen Seite unfassbare Tortengebilde mit zentimeterhohen Frosting-Schichten, zarte Steaks und saisonale Fressgelage und auf der anderen Seite präsentiert er mir Frauen Kleidungsgröße 36, die dank diverser Kohlenhydratverzichtspraktiken gestützt durch viermal die Woche Sport endlich Size Zero tragen können. Vorher – Nachher.

Ermattet lege ich dann irgendwann mein Handy zur Seite und versuche ein Buch zu lesen, doch nach fünf Seiten fallen mir die Augen zu.

Ein Buchlesedisziplinierungscamp wäre nötig. Zehn Seiten! Weiter! Fünfzehn! Ein Drill-Instructor müsste neben mir stehen und mich jedes Mal, wenn die Augenlider schwer werden, an den Schultern packen und rütteln: EIN WACHER GEIST BRAUCHT HOCHWERTIGEN INPUT! NOCH ZEHN ZEILEN MEHR!!

Wenn er „Input“ schreit, spuckt er ein bißchen. Ich erschrecke und lese um mein Leben. Ein Jahr später merke ich, wie ich mit Leichtigkeit auch abends um 23 Uhr noch fünfzig Seiten weglese, wie ich mich an jeden Protagonisten erinnere und weiß, in welchem Verhältnis er zu wem steht. Ein Game-of-Thrones-House of irgendwas-Organigram zeichne ich fehlerlos aus dem Kopf. Die besonders geistreichen Passagen der besten Bücher kann ich auswendig zitieren. Im Schlaf und auch während jedes Business-Meetings. Es wird anerkennend genickt. Die Cammarata, das ist doch die, die abends noch Bücher liest!

Doch leider steht da kein Sergeant und macht mich klug und so schlafe ich eben ein und träume seltsame Dinge.

Neulich zum Beispiel, dass der Boden meiner Wohnung porös wird und in großen Stücken abbricht. Ich kann in die Wohnung unter mir schauen, ich sehe altmodische Perserteppiche in dunkelrot mit goldenen Ornamenten. „Ach,“ denke ich „nicht so schlimm, so ein löchriger Boden, hat noch niemanden umgebracht und wenn dann falle ich maximal 2,50 aufs Sofa der Nachbarn.“

Just in diesem Moment bricht ein weiteres Stück Boden unter mir weg. Das Haus hat an dieser Stelle einen Vorsprung. Ich sehe die letzten Steine in die Tiefe stürzen. Ich befinde mich mindestens im achten Stock.

Morgens wache ich auf und wundere mich: Welche Gefahr nehme ich auf die leichte Schulter? Vor was will mein Unterbewußtes warnen?

Nach dem ersten Kaffee ist mir das schon wieder egal. Ich habe eine ausgeprägte Ader entwickelt Schlechtes zu ignorieren. In jedem Schlechten ist etwas Gutes zu finden und wenn man trainiert, werden die schlechten Dinge im Leben retrospektiv größtenteils unsichtbar und man erinnert sich lediglich an ein erfülltes Leben.

Anscheinend pflege nicht nur ich diese Praktik. Von „Gratidtude Lists“ lese ich in einem Blogbeitrag von Judith Holofernes.

In ihrem Beitrag schreibt sie über ihr Krankheitsjahr und das, was sie daraus mitgenommen hat. Der Beitrag hat mich sehr berührt, denn meine (in der Zwischenzeit ausgeheilte) Herzkrankheit und der Tod nahstehender Menschen haben mein Leben in den letzten Jahren sehr gerade gerückt und helfen mir sowohl beim Loslassen von Last und beim Festhalten und Pflegen bereichernder Beziehungen.

Ähnlich berühren mich die Newsletter von Sue Reindke. Ich lese sie nie zwischendurch sondern hebe sie mir immer für einen Moment auf, in dem mein Kopf aufnahmefähig ist. Wie einen besonderen Nachtisch.

Im letzten schreibt sie über Krisenkommunikation – die Art und Weise wie man z.B. als Ersthelferin nach einem Unfall mit den Verletzten spricht. Man weiß gar nicht, wie man all den mutigen Menschen, die anderen in schweren Situationen beistehen, danken soll.

In meinem Leben gibt es eine Frau, die vor langer Zeit einem meiner Kinder vermutlich das Leben gerettet hat, zumindest hat sie es vor Schlimmen bewahrt, doch ich konnte ihr nie danken, denn sie hat das Kind an die Polizei übergeben, ohne dass diese ihre Daten aufgenommen haben und erst dann wurde ich alarmiert.

Oft denke ich an diese Frau und bin so unendlich dankbar, dass sie aufmerksam war und aktiv wurde und hoffe auf viele, viele Menschen, die Mitmenschen in Not unterstützen und nicht wegsehen und sie über schwere Wegstrecken begleiten.

Es gibt so viele von ihnen und ich bin ihnen unbekannterweise dankbar. So wie z.B. Lucky Hundertmark, der ich auf Twitter folge, ohne sie persönlich zu kennen.

Der Tod ist auch so ein Thema, das mich begleitet. Ich frage mich immer wie viel leichter der Tod würde, wenn man über ihn sprechen könnte, wenn er Teil des Lebens wäre und kein Tabu.

MikesPhotos @Pixabay

Gerne habe ich deswegen Daddy in Distress Podcast Folge 19 über den Tod gehört und bin den ganzen Links gefolgt und habe dort weitergehört und gelesen. Viele interessante Artikel und Podcasts (wie z.B. den endlich-Podcast  oder The End) lassen sich außerdem über den Twitteraccount Thanatos Bestattungen entdecken.

Den Tod nicht wegzudrücken, ihn im Gegenteil sogar eng bei sich behalten, das macht das Leben manchmal sogar einfacher.